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Flederwischs Heirat

Gyp: Flederwischs Heirat - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorSibylle de Mirabeau
titleFlederwischs Heirat
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1896
translatorEmmy Becher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140811
projectid892c851f
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Achtes Kapitel.

»Du weißt natürlich nichts davon,« sagte Corysa zu dem nach vierzehntägiger Abwesenheit zurückgekehrten Onkel Mark, »wie alle Welt über dich herfällt? Dein Aufruf an die Wähler hat ganz Pont-sur-Sarthe durcheinander gebracht – man wird dir nette Gesichter schneiden, darauf kannst du Gift nehmen!«

»Ist mir im höchsten Grade gleichgültig!«

»Das weiß ich, aber für mich ist's kein Spaß, dich den ganzen Tag herunterreißen zu hören – mir macht's übel.«

»Wer thut's denn – alle Welt?«

»All die alten Schafsköpfe, die zu meiner Mutter Haustieren gehören! Weshalb ich sie alt nenne, weiß ich eigentlich nicht, denn sind auch junge darunter, aber die sind um kein Haar besser. Und meine Mutter! Vorgestern ist sie heimgekommen ›in allen Zuständen‹, weil sie deinen Aufruf gelesen hatte, der an den Straßenecken angeschlagen wurde.«

»Was hat sie denn gesagt?«

»Dem Papa hat sie den Kopf gewaschen, aber wie!«

»Der arme Peter!« warf der Vicomte lachend hin.

»Wie schlecht von dir, darüber noch zu lachen. Er ist so gut.«

»Das ist's ja eben, viel zu gut! Ich an seiner Stelle –«

»Und ich erst – Sapperlot! Das beweist eben, daß er viel, viel besser ist, als wir zwei!« setzte der Flederwisch nach einiger Ueberlegung hinzu.

»Sag' einmal, Kleine, da werde ich ja jetzt ein recht gemütliches Familienleben zu genießen haben?«

»Wieso?«

»Du sagst doch, deine Mutter sei rasend über mich? Sie wird mich also behandeln wie einen Kuli?«

»Keine Rede!«

»Aber natürlich! Sie hat schon bisher ihren Gefühlen für mich wenig Zwang auferlegt, jetzt kommt noch diese Wahl dazu –«

»Dein Mammon aber auch!«

»Wie meinst du das?«

»Ganz einfach – deine Wahl ärgert sie, aber dein Mammon entzückt sie, das hebt sich auf. Du weißt doch, daß sie das Geld verehrt?«

»Oh!«

»Da braucht's gar kein ›Oh!‹ – so ist's eben!«

Nach kurzem Schweigen fragte Corysa: »Sind deine Geschäfte abgewickelt?«

»So ziemlich.«

»Und du bist wirklich reich?«

»Ja, mein Kind, sehr reich.«

»Um so besser! Dieser Bernay macht sich nämlich sehr mausig, und man muß sich vor ihm in acht nehmen, zumal da Charlié durchfallen wird.«

»Was weißt denn du davon?«

»Man hat mir's gesagt.«

»Darf ich fragen, wer?«

»Die Arbeiter vom Eisenwerk.«

»Also mit denen gehst du um?« rief Mark lachend. »Der arme Aubières hat wirklich recht, wenn er dich ein wunderliches gutes Kerlchen nennt!«

»Hast du ihn gesprochen?«

»Ja.«

»Kommt er bald zurück?«

»Zu den Rennen wird er kommen.«

Es läutete zum Frühstück, und die Marquise kam wie ein Windstoß hereingerauscht. Mit einem Lächeln, das ihren Mund von einem Ohr zum andern zog, eilte sie auf den Vicomte zu.

»Mein teurer Mark! In diesem Augenblick erfahre ich erst, daß Sie zurück sind« – Zeit zur Erwiderung gönnte sie ihm nicht. – »Ich bin glückselig darüber! Sie machen sich keinen Begriff davon, wie sehr Sie uns fehlen, nicht wahr, Flederwisch?«

Niemals begegnete die Marquise ihrem Schwager mit Herzlichkeit und nie gebrauchte sie Corysas Spitznamen, außer wenn es galt, nagelneuen Bekannten den Eindruck einer zärtlichen Mutter zu machen. Mark sah sie daher ganz verblüfft an, senkte aber sofort den Blick, weil er den Flederwisch im Rücken der Mutter wie einen Kobold in sich hineinlachen sah.

»Haben Sie meinen Mann schon gesehen?« fragte die Marquise.

»Ja – bei meiner Ankunft.«

»Hat er Ihnen schon mitgeteilt,« fragte sie lächelnd, »welch entsetzliche Wirkung ihr Aufruf an die Wähler hervorgebracht hat?«

»Keine Silbe!«

»Wirklich, mein armer Mark, Sie haben keine Ahnung, wie viel Staub Sie aufgewirbelt haben und welch unangenehmes Gerede sich an Ihren Namen knüpft.«

»Da Sie diesen Namen auch führen, bitte ich Sie dafür um Verzeihung.«

»Pah! Krieg ist Krieg! Ich habe mich jetzt drein gefunden. Im ersten Augenblick, das gesteh' ich Ihnen ehrlich, war ich bestürzt, furchtbar bestürzt.«

Ihr Mann trat eben ein und wurde sofort als Zeuge aufgerufen, indem sie sagte: »Nicht wahr, Peter? Ich bin jetzt ganz darüber hinaus, mich wegen des Skandals aufzuregen, den Marks politische Lehrsätze verursacht haben? Hab' ich mich nicht tapfer auf seine Seite geschlagen?«

»Wenigstens sagtest du mir's,« versetzte Bray zweifelnd.

»Corysa,« bemerkte die Marquise, als man sich am Frühstückstisch niedergelassen hatte, »ich weiß nicht mehr recht, ob ich dir schon gesagt habe, daß wir am Sonnabend bei den Barfleurs zu Tisch sein werden?«

»Nein, du sagst mir's ja nie, wann ihr auswärts speist.«

»Du bist auch eingeladen.«

»Sehr gleichgültig, da ich ja doch nicht hingehe.«

»Und weshalb solltest du nicht hingehen?« fragte die Marquise mit einer gewissen Unsicherheit.

»Mein Gott, es ist doch eine abgemachte Sache, daß ich erst in dem Winter nach meinem achtzehnten Geburtstag, also in zwei Jahren, in die Gesellschaft eingeführt werden soll!«

»Ein Familiendiner nennt man nicht Gesellschaft.«

»Aber ich nenn' es so! Man muß sich putzen, angaffen lassen, mopsen, folglich ist's eine Gesellschaft.«

»Ich habe aber für dich zugesagt.«

»Das hättest du nicht thun sollen, denn du hast mir feierlich versprochen, daß ich bis zu meinem achtzehnten Jahre nur in unserm eigenen Haus diese Plage aushalten müsse. Ueberdies seh' ich auch gar nicht ein, weshalb ich zu den Barfleurs eher gehen sollte, als zu Frau von Bassigny, die mich auf heute abend auch eingeladen hat – persönlich, im Jesuitengarten,« setzte sie lachend hinzu. »Du, Onkel Mark! Dich hat sie auch eingeladen, ›obwohl sie auf diese Ehre nicht zu hoffen wage‹, wie sie sich ausdrückte.«

»Ein Beweis, daß sie ihre lichten Momente hat! Ich würde auch sonst nicht zu ihr gehen, jetzt aber schützt mich die Trauer vor derlei Zumutungen.«

Der Flederwisch schielte lachend nach dem Kleid der Marquise, ein Lila, das man ebensogut Rosa nennen konnte.

»Ach, eine dreimonatliche Trauer, wovon schon vierzehn Tage verflossen sind,« bemerkte die Marquise leichthin. »Da möchte ich Sie aber doch fragen, lieber Mark – es ist Ihnen doch nicht peinlich, daß wir am Sonntag der Rennen einen Ball geben?«

»Gewiß nicht, vorausgesetzt, daß ich nicht zu erscheinen brauche!«

»In Ihrer Abwesenheit würde für uns ein Vorwurf liegen.«

»Ich weiß nicht, was darin liegen und hineingelegt werden kann, aber ich fände es herz- und geschmacklos, an einem Ball teilzunehmen vier Wochen nach dem Tod einer Tante, deren Erbe ich bin.«

»Und da dieser Grund zur Enthaltsamkeit für uns nicht vorliegt,« entgegnete die Dame des Hauses spitzig, »und ich Corysas halber besonderen Wert auf diesen Ball lege –«

»Meinethalben!« rief der Flederwisch. »Meinethalben, der Gesellschaften ein Greuel sind! Einen Ball für mich, die ich nicht einmal ordentlich tanzen kann – Gott steh' uns bei!«

»Gerade das ist ja der Zweck, dir gesellschaftliche Sicherheit und Lust dazu beizubringen –«

»Auf den Leim kriecht kein Mensch, das sage ich dir!« erklärte die Rebellin. »Dieser Schwindel – ein Ball für mich! Die Leute wissen recht gut, daß ich nicht mitzähle und daß, was im Hause geschieht, nicht mir gilt.«

»Du bist ein undankbares, freches Geschöpf!« rief die Marquise mit einer schrillen Stimme, die ihre Brauen in zitternde Bewegung versetzte.

»Ich? Ganz und gar nicht!« versicherte der Kobold friedlich. »Aber ich sehe nicht ein, weshalb man dem Onkel Mark und der ganzen Welt Sand in die Augen streuen soll und nicht einfach die Wahrheit sagen –«

»Und diese Wahrheit wäre?«

»Daß man einen Ball gibt, bei dem die Eingeborenen Maul und Nase aufsperren sollen, weil ihnen ein Prinz vorgeführt wird.«

»Ein Prinz?« fragte der Vicomte verwundert.

»Ach so! Du weißt's ja noch gar nicht, du Fremdling!« jubelte der Flederwisch. »Seit vollen acht Tagen weilt ein Prinz in unsern Mauern. Ein leibhaftiger, nicht aus Pappe! Ein Prinz, der zur Regierung kommen wird, falls man den Herrn Papa nicht vorher absetzt.«

»Und er nennt sich?«

»Auf Reisen: ›Graf Axen‹.«

»Richtig! Und was führt diesen Grafen Axen hierher?«

Die Marquise wollte darüber Auskunft geben, aber der Flederwisch kam ihr zuvor.

»Das weiß man nicht so recht! Es heißt, er wolle den Manövern beiwohnen oder sich im Französischen üben, das er übrigens besser spricht, als alle Eingeborenen.«

Um seine Teilnahme zu bezeigen, fragte der Vicomte: »Und was ist's für eine Persönlichkeit, dieser Prinz?«

»Eine entzückende!« rief die Marquise mit Feuer.

»Geschmackssache!« äußerte sich Corysa ebenso eifrig. »Drei Käse hoch und pechschwarz – Carnot ist semmelblond dagegen. Aber man nennt ihn Durchlaucht, und deshalb ist er natürlich entzückend!«

»Man gibt ihm einfach den Titel, der ihm zukommt,« bemerkte Bray, immer bemüht, drohende Gewitter abzulenken.

»Natürlich,« sagte Corysa. »Ich thu's ja auch, wenn ich mit ihm spreche, nur daß ich mich nicht so beseligt fühle, wie manche Leute. Kriecherei ist nun einmal nicht mein Fall,« setzte sie mit einem Seitenblick auf die Mutter hinzu.

Von den zahlreichen »Schwächen« der Marquise war für Corysa keine verletzender, als ihr Hochmut gegen Geringere und ihre Unterwürfigkeit vor den Großen. Sehr häufig, wenn sie einen Dienstboten oder Handwerker mit ihrer von der Tochter stets angezweifelten geistigen Ueberlegenheit zermalmt zu haben wähnte, pflegte die Marquise ein Klagelied über die Dummheit der Leute anzustimmen, die sie mit einem der Sarah Bernhard abgelauschten verächtlichen Zucken der Mundwinkel als »Mietlinge« bezeichnete.

»Wenn er die Geistesanlagen besäße, die du verlangst,« konnte dann der Flederwisch, zwischen Aerger und Lachlust schwankend, hinwerfen, »wäre er wahrscheinlich Botschafter statt Schuster.«

Corysa fand es selbstverständlich, daß man Fürstlichkeiten, wenn man sie zufällig traf, die schuldige Ehrfurcht erweise, aber daß man ihnen nachlief, war ihr unbegreiflich. Zwang war ihr zuwider, deshalb liebte sie die Einsamkeit oder Verkehr mit ihresgleichen. Zudem fand sie die Form des Verkehrs mit Fürsten sehr lästig, weil diese heutzutage selbst ihre Würde vergessen zu haben scheinen und man sie durch den Zopf der Anrede gewaltsam daran mahnen muß.

Seit der Graf Axen in Pont-sur-Sarthe verweilte, schwamm die Marquise in Wonne, weil sie zuerst das Glück gehabt hatte, »Seine Durchlaucht« bei sich zu sehen. Aubières, der vor einigen Jahren militärischer Attaché in dem kleinen Ländchen gewesen war, hatte dessen Erbprinzen an Bray empfohlen. Die Marquise, die sich früher in Paris die Beine abgelaufen hatte, um sich an irgend eine vielumschwärmte Hoheit heranzudrängen und von ihr sehr wenig beachtet zu werden, die nun in Pont-sur-Sarthe den Hofton, worin sie sich Meisterin glaubte, ganz brachliegen lassen mußte, war in den siebenten Himmel versetzt worden, als sie den an ihren Mann gerichteten Brief erbrach, worin die Ankunft des Erbprinzen vom Herzog angemeldet wurde.

In diesem Fall mußten die vornehmsten Häuser in Pont-sur-Sarthe weit hinter ihr zurückbleiben, denn Graf Axen kannte nur die vier Generale, den Präfekten und den Bürgermeister, und die Marquise gab sogar ihrer Busenfreundin, der Frau von Bassigny, die nach einer Vorstellung schmachtete, erbarmungslos zu verstehen, daß es ihr zwar sehr peinlich sei, ihre Freunde nicht mit Seiner Durchlaucht bekannt machen zu können, daß aber Seine Durchlaucht keinerlei Beziehungen anzuknüpfen wünsche.

In Pont-sur-Sarthe gab es nämlich reiche und auch etliche sehr hübsche Frauen. War das Prinzchen einmal eingeführt, so konnte es leicht geschehen, daß er dem Hause Bray ungetreu würde, und sie wollte den seltenen Vogel doch für sich allein behalten. Schließlich kam aber von seiner Seite der Anstoß, diese Zurückhaltung aufzugeben.

»Wenn es Ihnen möglich ist,« hatte er eines Abends zu Bray gesagt, »so bitte ich Sie, mir eine Einladung zu dem Ball in Schloß Barfleur zu verschaffen.«

»Ein Ball?« hatte die Hausfrau erregt gerufen. »Was für ein Ball?«

»Ich hörte heute im Kasino davon – es ist noch nicht ganz sicher, aber er wird wohl am Sonntag der Rennen stattfinden.«

»Auf diesen Tag können die Barfleurs unmöglich einladen,« hatte sie mit Ungestüm erklärt, »denn da geben wir ja selbst einen Ball!«

Kein Mensch hatte je von diesem Plan gehört; Corysa und ihr Vater hatten sich in sprachlosem Staunen angesehen, aber ohne sich durch ihre Gegenwart stören zu lassen, hatte die Marquise siegesgewiß hinzugesetzt: »Nicht wahr, lieber Mann, wir haben längst diesen Tag bestimmt, und niemand darf ihn uns streitig machen?«

Am folgenden Morgen waren dann die Einladungen verschickt worden. Sollte ihr der ausschließliche Anspruch auf die Durchlaucht auch damit verloren gehen, so wollte sie es wenigstens sein, die ihn der Gesellschaft vorführte und damit beweisen, daß er »zuerst« bei ihr verkehrt habe.

* * *

»Wenn Corysa am Sonnabend nicht bei den Barfleurs speisen will, muß man abschreiben,« bemerkte der Marquis schüchtern.

»Sie wird hingehen,« erklärte die Gattin scharf.

»Ich könnte nicht hingehen, auch wenn ich Lust hätte,« setzte die Kleine unbeirrt auseinander, »denn ich habe kein Kleid.«

»Kein Kleid? Was soll das heißen? Dein Pompadourkleid?«

»Vor zwei Jahren hab' ich ein sogenanntes Gesellschaftskleid bekommen. Wollmusselin mit versetzten Blumen, was du mein Pompadourkleid zu nennen beliebst –«

»Nun, und?«

»Seit zwei Jahren bin ich um zwei Kopflängen gewachsen, das Kleid aber leider nicht, weshalb mir's nur noch knapp übers Knie reicht und ich folglich keins habe.«

»Man wird den Saum herunterlassen!«

»Das hat man längst gethan und auch schon zweimal angesetzt.«

»Das ist doch unglaublich – nie hast du etwas anzuziehen!«

»Ich habe vier Kleider.«

»Das genügt nicht!«

»Zum Kuckuck! Mit hundert Franken monatlich soll ich meinen ganzen Anzug, einschließlich Wäsche, Stiefel, Hüte, Handschuhe und Reitkleider bestreiten, und da wundert man sich noch, wenn ich keine Auswahl von Kleidern habe!«

»Laß dir machen, was du brauchst,« legte sich Bray ins Mittel, »und bringe mir die Rechnung.«

»Danke schön, Papa! Dann lasse ich mir ein einfaches weißes Kleidchen für den Prinzenball machen.«

»Ich verbitte mir, daß du von ›Prinzenball‹ redest,« kreischte die Marquise, um dann ruhiger hinzuzusetzen: »Es ist also abgemacht – du gehst zu den Barfleurs?«

»Nein, fällt mir gar nicht ein,« beteuerte der Flederwisch.

»In diesem Fall,« erklärte die Mutter nach einiger Ueberlegung, »wirst du deinen Spazierritt nach dem Schloß Barfleur machen und selbst absagen. Du kannst ja behaupten, ich hätte nicht gewußt, daß du bei deiner Tante Launay erwartet werdest.«

»Gut, ich werde eine Geschichte zusammenlügen, die dann die ganze Familie, dich und die Tante Mathilde und den Onkel Albert hintereinander bringt,« erklärte sie aufstehend. »Du erlaubst mir doch, jetzt zu gehen? Ich muß mich umkleiden, und wenn ich rechtzeitig zu meiner Vorlesung von Barfleur zurück sein soll, muß ich mich sputen.«

»Ja, ich gestatte dir, heute zuerst vom Tisch aufzustehen,« versetzte die Mutter hoheitsvoll, »bitte dich aber, zu beachten, daß diese Ausnahme keineswegs zur Regel werden darf –«

»Mir ist's einerlei, ob ich bis zum Schluß dasitze, oder nicht!« entgegnete Corysa störrisch. »Mir kommt's nicht drauf an, ob ich die Barfleurs sehe, oder ob ich meine Vorlesung schwänze! Ueberhaupt ist's weit einfacher, ich bleibe da, und man schickt den Johann mit einem Brief hin. Im Grund weiß ich auch gar nicht, weshalb ich selbst hinaus soll!«

Sie setzte sich plötzlich wieder an ihren Platz.

»Du gehst!« befahl die Marquise mit wachsender Gereiztheit.

»Nein, ich bleibe lieber da! Es muß irgend etwas dahinterstecken, daß ich selbst einen Botengang machen soll – zu diesen Barfleurs!« warf der Flederwisch mit Nachdruck hin.

»Keineswegs,« versicherte die Mutter, tief errötend.

Wiederum bemüht, den Frieden zu wahren, bat Bray: »Natürlich gehst du, Flederwisch – deine Mama will es haben –«

Ein kleiner warnender Stoß unterm Tisch kam zu spät. Er hatte sich des Majestätsverbrechens schuldig gemacht, seine Gemahlin Corysas »Mama« zu nennen, was jedesmal eine Explosion hervorrief.

»In der That,« herrschte sie ihn an, »ich muß dich bitten –«

»Hm, hm, hm,« summte der Flederwisch.

»Gehen Sie! Führen Sie sofort meinen Befehl aus!« ertönte es jetzt aus Mamas Munde. »Haben Sie mich verstanden?«

»Ja,« versicherte der Flederwisch, die Serviette mit auffallender Pünktlichkeit zusammenfaltend.

Im Hinausgehen zischte sie zwischen den spitzen, zornig zusammengebissenen Mausezähnchen hervor: »Ach, mein Gott! Wenn doch dieser Herzog nicht gar so alt wäre!«

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