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Flederwischs Heirat

Gyp: Flederwischs Heirat - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
authorSibylle de Mirabeau
titleFlederwischs Heirat
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1896
translatorEmmy Becher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140811
projectid892c851f
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Siebentes Kapitel.

Am andern Morgen lag der Flederwisch lang ausgestreckt im Gras und vertrieb sich die Zeit bis zum Beginn einer Unterrichtsstunde in Gribouilles Gesellschaft, als Onkel Mark plötzlich im Garten erschien und herantretend in verdrießlichem Ton hinwarf: »Aubières ist abgereist.«

»Abgereist?« rief sie, pfeilschnell aufspringend. »Wohin?«

»Nach Paris. Er will sich ein wenig aufrütteln lassen, der arme Junge – es thut ihm not.«

»Ach! Wie du mich erschreckt hast! Ich dachte schon, er sei für immer abgereist.«

»Und das thäte dir leid?«

»Das will ich meinen.«

»Aubières' Schmerz geht mir sehr nahe, aber nun, da alles abgethan ist, kann ich dir wohl sagen, daß ich dir Recht gebe, Flederwisch.«

»Das freut mich! Und der Papa?«

»Ist auch meiner Ansicht.«

»Dann ist ja alles gut! Reitest du jetzt aus?«

»Nein, ich habe Briefe zu schreiben. Ja so, Flederwisch, ich hab' dir noch nicht mitgeteilt, daß die Tante Crisville gestorben ist.«

»So?« machte sie gleichgültig. »Meine Tante ist's ja nicht, und gekannt hab' ich sie auch nicht. Du übrigens auch nicht; sie lebte ja immer im Süden.«

»Oft habe ich sie nicht gesehen, aber sie war meine Patin und ich erfahre eben, daß Sie mich zum Erben eingesetzt hat,« bemerkte er gelassen.

»Zum Erben?« rief Corysa verwundert. »Ja, das ist doch die Tante, die so furchtbar reich ist, daß man sie immer die Tante Carabas nannte?«

»Sie war ›furchtbar‹ reich, die arme Frau!«

Mit einemmal hing der Flederwisch am Hals des Onkels, während Gribouille ihm teilnehmend zwischen den Beinen durchfuhr.

»O wie freu' ich mich! Wie freu' ich mich, daß du erbst! Es paßt so gut für dich, ungeheuer viel Geld zu haben!«

»So laß mich doch los – du erdrosselst mich ja!« rief der Vicomte barsch. »Wie oft hab' ich dir nicht gesagt, daß sich ein solches Benehmen nicht mehr für dich schickt! Du bist kein kleines Kind mehr!«

»Verzeih! Das vergess' ich immer wieder! Und was wirst du denn mit dem vielen Geld anstellen? Was wirst du zuerst thun?«

»Zuerst werde ich reisen.«

»Ach!« murmelte sie in tiefster Seele erschrocken. »Fort gehen willst du? Du auch?«

Und ihr Köpfchen auf seine Schulter legend, begann sie leise zu weinen.

»Dummes Kind! Was hast du denn?« fragte er ärgerlich.

»Verzeih!« stammelte sie unter Schluchzen. »Siehst du, ich weiß selbst nicht, was ich habe, ich bin nur so weinerlich! »Aubières ist fort, der mich so lieb hatte, und nun gehst du auch« – der Thränenstrom wurde reißend – »und du weißt ja, daß es von Leuten, die mich lieb haben, nicht gerade wimmelt.«

»Aber ich verschwinde ja nicht auf Nimmerwiedersehen, du dummer Flederwisch! Nicht einmal die Welt umsegeln will ich, Frankreich genügt mir – ich leide ja am Spleen.«

»Warum sagst du Spleen, statt Heimweh? 's ist doch keine Schande, das Kind beim Namen zu nennen – Englisch kann ich nicht ausstehen!«

»Ein gutes Zeichen, Flederwisch, die Natur siegt. Schimpfe du nur nach Herzenslust, aber lache dazu, das ist alles, was ich verlange.«

»Jetzt kannst du dich in die Politik stürzen! Dieses Mal wird das Milchsuppengesicht nicht mehr siegen! So zur rechten Zeit ist einem noch nie ein Vermögen vom Himmel gefallen – vier Wochen vor den Wahlen! Noch Zeit genug, den Jesuitenzögling zu stürzen, der die Arbeiter anschwindelt, die vornehmen Leute anlügt, immerfort lügt! Ja, du wirst ihn klein kriegen, den saubern Herrn – das freut mich diebisch!«

»Aus Teilnahme für mich, oder aus Haß gegen den Gegner?« fragte Mark lachend.

»Aus beiden Gründen! Und die Armen? Jetzt, denk' ich mir, wirst du im Großen wohlthätig sein und Almosen geben – riesig. Du hast's ja schon im Uebermaß gethan, als du noch nicht reich warst.«

»Woher weißt du denn das?«

»Als ob ich deine Armen nicht kennte! Wenn ich sie besuche, reden sie die ganze Zeit von dir, und deshalb geh' ich ja im Grund hin, denn sonst wär's eigentlich gescheiter, wenn ich mir Arme aussuchte, die dich nicht haben!«

»Wie kommt es aber, daß sie dir von mir, und mir nie von dir erzählen?«

»Weil ich's ihnen verbiete! Ich sage den Leuten einfach: ›Wenn er wüßte, daß ich euch besuche, daß er Gefahr liefe, mich zu treffen, so würdet ihr ihn nie mehr zu sehen bekommen, denn er hat's gerade so heimlich mit dem Schenken, wie andre mit dem Stehlen.‹ Ist's nicht so?«

»Was du für ein närrischer, kleiner Kerl bist! Wenn deine Mutter –«

»Hallo! Uebrigens – weiß sie's schon?«

»Was?«

»Daß du erbst?«

»Ja.«

Der Flederwisch lachte hellauf.

»Was die für ein Gesicht geschnitten haben mag! Sie hat zwar immer dergleichen gethan, als ob sie haarklein wüßte, daß die Tante Carabas all ihr Geld frommen Stiftungen hinterlasse, dabei hat sie aber im stillen doch gehofft, mein Papa und du, ihr werdet die Erben sein. Nun ist's nur zur Hälfte wahr geworden, da wird sie sich grün und gelb ärgern!«

Alsbald wieder zurückkommend auf die Frage, die ihr am meisten am Herzen lag, setzte sie traurig hinzu: »Willst du jetzt gleich abreisen?«

»Nur auf ein paar Tage, um das Geschäftliche zu erledigen, dann komm' ich wieder.«

»Ja, komm nur bald, es ist höchste Zeit für die Wahlen! Himmel, wie ich für dich wühlen werde! Der alte Johann wird sich die krummen Beine ablaufen müssen.«

Der Vicomte lachte, und Corysa rief eifrig: »Du machst dich wohl über mich lustig? Oho! Ob ich wühlen kann! Ich bin beliebt beim Volk, mehr als du dir vorstellst! – Wie ich mich übrigens freue auf die Gesichter der Leute, die dich nicht schmecken können, und das sind gar viele!«

»Wahrhaftig? Viele?«

»In Pont-sur-Sarthe, ja – in Paris, da weiß ich's nicht, aber hier seh' ich, was vorgeht.«

»Und was siehst du denn?«

»Daß dich, mit Ausnahme von ein paar Freunden, alle Welt unausstehlich findet.«

»Und ich habe ›der Welt‹ doch nichts zu leid gethan!«

»O doch, du thust ihr sehr viel zu leid! Du lebst allein für dich, das verzeiht man in Pont-sur-Sarthe niemand; anderswo übrigens auch nicht.«

»Aber, ich lebe doch nicht als Einsiedler –«

»Doch! Du machst keine Besuche, gehst nicht auf Bälle, nicht in den Klub, nicht zu Gartenfesten, erscheinst am Donnerstag nicht bei Frau von Bassigny, kurz, du zeigst dich nirgends, wo man sich mopst! Du hast ja natürlich ganz recht, nur darfst du dir nicht einbilden, daß man sich damit bei dem dummen Herdenvieh beliebt mache.«

»Allerdings. Ich bin ein Bär und das ist unrecht.«

»Weshalb? Was scherst du dich um das Volk? Ueberdies kannst du von nun an thun, was du magst, man wird doch für dich schwärmen und dich heiraten wollen, erst recht! Du – es ist doch kein Geheimnis?«

»Was?«

»Deine Erbschaft.«

»Nein. Austrommeln lass' ich's nicht, aber ebensowenig braucht es verschwiegen zu werden – die Leute sollen's nur wissen.«

»So, so!« sagte der Flederwisch überrascht. »Sag einmal, weshalb willst du's denn bekannt werden lassen? Es ist dir doch sonst so gleichgültig, welchen Eindruck du machst?«

»Das ist ganz einfach, mein Kind. Wenn ich jetzt Geld für die Wahl ausgebe, so könnte man annehmen, ich würde von irgend einem Wahlausschuß unterstützt, und die Gepflogenheit, mit Geld aus andrer Leute Taschen Politik zu treiben, ekelt mich an; ich finde sie einfach gemein und schmutzig.«

»Ich weiß zwar nicht, wer dich unterstützen sollte, da du mit deinen eigenen Ideen auftrittst, ohne dich an irgend eine Partei anzulehnen?«

»Einerlei, sagen würde man's doch!«

»Was schadet's!« rief Corysa mit verdächtig blitzenden Augen. »Jedenfalls werde ich heute vormittag noch Schabernack treiben – wieviel Uhr ist's denn?«

»Ein Viertel vor neun Uhr,« sagte Mark, auf die Uhr sehend.

»Dann muß ich mich tummeln. – Johann! Johann!« tutete sie aus Leibeskräften.

Der alte Kutscher erschien unter der Stallthür, denn er hielt sich, wenn die junge Herrin seiner nicht bedurfte, gewohnheitsmäßig im Stall auf.

»Zieh dich an, aber schleunig – in zehn Minuten muß ich auf dem Girondistenplatz sein!«

Einer Jungfer, die eben vom Wirtschaftsgebäude nach dem Vorderhaus ging, rief Corysa zu: »Ist die Frau Marquise ausgegangen?«

»Nein, gnädige Komteß.«

»Dann stimmt's!« lachte die Kleine in sich hinein und verschwand, dem Onkel noch eine Kußhand zuwerfend.

Eine Viertelstunde darauf zog Corysa die Klingel am Jesuitenkloster.

»Um diese Zeit liest doch der Pater Ragon die Messe?« fragte sie den Pförtner.

»Ja, aber sie wird gleich zu Ende sein; es ist fast neun Uhr.«

Statt in die Kapelle zu treten, blieb der Flederwisch im Garten. In der blaß rosa Batistbluse, das lustige Gesichtchen unter einem großen Florentiner Strohhut versteckt, tänzelte das geschmeidige Figürchen auf und ab, den Eingang der Kapelle scharf bewachend.

»Erst geht er in die Sakristei, aber dann muß er hier vorüberkommen. Verfehlen will ich ihn nicht – 's ist ja gar kein andrer Ausgang da. Zunächst werden die Weihkesselfrösche heraushüpfen, und da kann ich meine Neuigkeit anbringen – das gibt einen Hauptspaß!«

Der weihevollen Stätte uneingedenk, machte sie ein paar Tanzschritte, die den Pförtner in große Bestürzung versetzten. Sogar der alte Johann, der doch an Flederwischs Anwandlungen gewohnt sein mußte, begriff nicht recht, was diese Lustigkeit zu bedeuten hätte, und fragte ganz beunruhigt: »Ja, was ist denn heute wieder los, Komteßchen?«

»Das sollst du auf dem Heimweg erfahren,« versetzte sie, lachend auf einem Bein herumwirbelnd. »Einstweilen kannst du wieder auf deiner gestrigen Bank ein Schläfchen halten, aber, wenn ich bitten darf, setze dich etwas graziöser hin!«

Der mit dumpfem Laut zuschlagende Kapellenthürflügel rief Corysa auf ihren Wachposten, und sie sah gerade, wie der kleine Barfleur die Messe verließ. Sein gesuchter Gigerlanzug hob die armselige Gestalt nicht sonderlich, und der Flederwisch empfand beinah Mitleid für den Knirps. Häßlich war er nicht gerade, und trotz der lächerlichen Zierbengelei sah er vornehm aus. Die Kleine ging ihm entgegen, um ihn unbefangen zu begrüßen, da er aber wahrnahm, daß sie allein war, hielt er es für passender, mit einer steifen Verbeugung an ihr vorüberzugehen. Er schien übrigens gleichfalls den Schluß der Messe abwarten zu wollen, denn er blieb etwa fünfzig Schritte von Corysa entfernt stehen.

»Der lauert der Frau Delorme auf!« fuhr es dem Flederwisch durch den Sinn, denn sie hatte längst entdeckt, daß diese bildhübsche Notarsfrau eine Schwäche für den kleinen Mann hatte.

Richtig erschien sie auch alsbald, und Barfleur trat mit äußerst überraschter Miene, als ob diese Begegnung höchst unerwartet wäre, grüßend auf sie zu.

»Die Messe ist noch nicht aus – die beiden wollten allein sein!« dachte Corysa, dem Paare nachsehend.

Die hübsche Frau mußte ihre schmiegsame Gestalt herabbeugen, um dem kleinen Mann, der ihr nur bis zur Schulter reichte, andächtig Gehör zu schenken.

»Wie komisch!« überlegte der Flederwisch. »Der Notar sieht zehnmal besser aus! Was ihr nur an dem Menschen gefällt? Er ist nicht geistreich, nicht hübsch, nicht gut, es kann also nur der Reiz des adligen Namens sein! Aha, jetzt geht sie allein weiter! Wahrscheinlich treffen sie sich nachher ›zufällig‹ im Park. Es ist doch was Angenehmes, hübsch zu sein!« dachte sie, der schön gewachsenen Frau nachsehend. »Hübsch sein möchte ich wohl auch.«

Die Marquise hatte ihr so oft gesagt, wie häßlich, eckig und ungelenk sie sei, daß Corysa fest daran glaubte.

Da störte Stimmengeflüster ihre Betrachtungen. Frau von Bassigny trat mit einigen zu ihrem ständigen Hofstaat gehörenden Frauen aus der Kapelle.

»Aha! Jetzt kann ich meine Süßigkeiten anbringen!«

Langsam, mit gesenktem Köpfchen, scheinbar ganz versunken in den Anblick eines runden Kieselsteins, den sie mit der Fußspitze vor sich herrollte, schritt Corysa den Samen entgegen.

»Ach, da ist ja die Komtesse Flederwisch!« rief Frau von Bassigny. »Wie befinden Sie sich denn, mein lieber Flederwisch?«

»Ganz wohl, gnädige Frau,« gab Corysa zur Antwort.

Es entging ihr nicht, daß sie von allen Seiten mit gespannter Aufmerksamkeit betrachtet wurde. Die Geschichte von der Werbung und der Abreise des Herzogs, den man heute in aller Frühe in Civil mit einem Koffer zur Bahn hatte fahren sehen, war längst ruchbar geworden, und das junge Mädchen bildete den Gegenstand der allgemeinen Neugierde. Frau von Bassigny selbst hatte auf dem Weg zur Messe die Nachricht brühwarm verbreitet und ihr Befremden darüber geäußert, daß ein Mädchen, »so arm wie eine Kirchenmaus«, den Antrag eines Herzogs mit fünfundzwanzigtausend Franken Jahreseinkommen ablehne. Man war neidisch auf die arme Kleine und verargte ihr sowohl den Freier, als den Korb, den sie ihm gegeben hatte.

Während der Flederwisch noch überlegte, wie sie ihre Neuigkeit beiläufig und arglos vom Stapel lassen könnte, fuhr Frau von Bassigny verbindlich fort: »Es ist mir doppelt lieb, Sie zu treffen, Komtesse, da ich Sie nun bitten kann, Ihrer Frau Mutter eine Einladung auszurichten, die ich auf dem Heimweg mündlich bestellen wollte. Ich möchte den Marquis und Ihre Frau Mama, und auch Sie, Komtesse, auf Donnerstag in vierzehn Tagen zu Tisch bitten. Daß uns der Vicomte auch die Ehre schenken werde, wage ich nicht zu hoffen –«

Da hatte der Flederwisch ja, was er brauchte!

»Mein Onkel geht allerdings wenig aus,« erwiderte sie, die Oberstin scharf ins Auge fassend, »und außerdem wird er an diesem Donnerstag schwerlich hier sein. Er verreist nämlich –«

»Wohl mit dem Herzog von Aubières?« fragte die stattliche Dame boshaft.

»Nein, ganz allein,« gab der Flederwisch harmlos zurück. »Meine Tante Crisville ist nämlich gestorben.«

»Ach – wohl in Pau?« rief Frau von Bassigny leichthin und wandte sich dann zu einer von ihren Hofdamen. »Sie sagten doch neulich, Sie würden gerne ein Schloß kaufen? Crisville wird sicher zu haben sein, denn für ein Waisen- oder Krankenhaus liegt es etwas zu hoch am Berge!«

»Ich glaube nicht, daß mein Onkel Crisville verkaufen wird,« bemerkte Corysa, höchlich erfreut über die Entdeckung, daß ganz Pont-sur-Sarthe steif und fest an die frommen Stiftungen der Tante Crisville glaubte. »Im Gegenteil, er wird das Schloß wahrscheinlich bewohnen – er ist nämlich der Erbe,« setzte sie gelassen hinzu.

»Der Vicomte! Mark ...« stammelte die Dame betroffen. »Der alleinige Erbe? Ja – Ihre Tante hinterläßt ja wohl fünf bis sechs Millionen –«

»Meine Tante ist es nicht – sie hinterläßt aber weit mehr!« versicherte der Flederwisch, der übrigens vom Betrag der Erbschaft seine blasse Ahnung hatte.

»Noch mehr?« stieß Frau von Bassigny verblüfft und geärgert heraus.

Jetzt strömte es in hellen Scharen aus der Kapelle, und die Oberstin verabschiedete sich mit einem Kopfnicken von Corysa, um selbst die erste zu sein, die solch fabelhafte Kunde weiter verbreitete. Lächelnd beobachtete Corysa, wie man sie allgemein mit finsterer Miene aufnahm, mit einem Mal aber stürzte sie selbst auf den Ausgang der Kapelle zu, denn der Pater Ragon war mit seinen feierlich schwebenden Schritten herausgetreten.

»Gestatten Sie mir ein paar Worte?« fragte sie artig.

Der Jesuit überflog mit raschem Blick die ebenfalls seiner harrenden Gruppen, und die Kleine setzte, seine Besorgnis beschwichtigend, eifrig hinzu: »Ich werde Sie gewiß nicht lange aufhalten! Gestern hab' ich viel zu lange geschwatzt –«

»O nein, mein Kind, Sie haben mich im Gegenteil sehr gefesselt und in Erstaunen gesetzt.«

»Sehr freundlich, aber ich bin mir bewußt, daß ich unrecht that, von meinem Onkel und seiner Politik zu reden, und ich möchte Sie bitten, meiner Mutter, die heute zu Ihnen kommen wird, nichts davon zu erzählen!«

»Mein Kind,« warf der Priester trocken und ungeduldig hin, »Sie messen Ihren Aeußerungen zu viel Wichtigkeit bei!«

»Gar nicht, aber ich hab' Ihnen gesagt oder zu verstehen gegeben, daß mein Onkel dieses Mal nicht gegen Herrn von Bernay auftreten werde, weil er kein Geld dazu habe –«

»Gewiß – und nun?«

»Nun wird er's gerade thun, weil er Geld hat!«

»Ach!« kam es gereizt über die Lippen des Jesuiten, der seine sonstige Vorsicht und Zurückhaltung so weit vergaß, um hastig zu fragen: »Woher hat er's denn?«

»Er ist der alleinige Erbe seiner Tante Crisville, die gestern starb,« erwiderte der Flederwisch.

Mit offenem Mund starrte sie der wie vom Blitz getroffene Priester an. Die alte Frau war sein Beichtkind gewesen, bis ihre Gesundheit den ständigen Aufenthalt im Süden erfordert hatte, und er erinnerte sich deutlich, ihr alle Einzelheiten eines Testamentes vorgeschrieben zu haben, wobei die Jesuiten nicht zu kurz gekommen wären. Nun war diese Alte außerhalb des Bereichs seiner Macht gestorben, hatte all seine Bemühungen zunichte gemacht und hinterließ ihren Reichtum einem ohnehin schon wohlhabenden, ehrlichen Sozialisten, einem gefährlichen Menschen, dem sie damit die Waffen in die Hand gab, alles zu bekämpfen, was sie hätte stützen und heilig halten sollen! Mehr mit sich selbst, als mit dem Flederwisch sprechend, der ihn mit übermütig zwinkernden Augen verschlang, sagte er: »Es muß ein ungeheures Vermögen sein?«

»Ungeheuer!« stimmte die Kleine im süßesten Ton bei.

»Wohl die halbe Provinz an Grundbesitz?«

»Mindestens die halbe Provinz,« flötete das Echo.

Dem Pater fuhr es durch den Sinn, daß dieser Backfisch sich über ihn lustig mache, aber sein prüfender Blick fand ein harmlos lächelndes, beinah dummliches Kindergesichtchen, das andächtig zu ihm aufsah. Sofort überlegte er sich, daß dieser Flederwisch, den bisher niemand beachtet hatte, möglicherweise eine Erbin werden könnte, denn es war bekannt, daß der Vicomte die Stieftochter seines Bruders lieb hatte, wie ein eigenes Kind.

»Ich bin wirklich glücklich,« begann daher der Pater mit väterlichem Wohlwollen, »hocherfreut über das Glück, das Gott Ihnen beschert hat. Gestern haben Sie in einem Uebermaß von Zartgefühl, in allzu ängstlicher Gewissenssorge, keine musterhafte Gattin werden zu können, den Herzog von Aubières abgewiesen, der Ihnen, als einer Vermögenslosen, seine Hand bot. Heute belohnt der Herr Ihren ernsten Sinn, indem er Sie in die Lage versetzt, hinfort eine Wahl nach Ihrem Herzen zu treffen!«

»Ich?« sagte der Flederwisch, ohne gleich zu begreifen, wo der Priester hinaus wollte. »Weil mein Onkel seine Tante beerbt, sollte ich –«

»Es ist doch sonnenklar,« erläuterte der Pater mehr sich selbst als der Kleinen, »daß der Vicomte einem Kind, das ihm fast wie ein eigenes ans Herz gewachsen ist, eine Mitgift geben wird. Um so mehr, als er Junggeselle ist und keine nahen Verwandten hat.«

»Jetzt geht mir ein Licht auf!« rief sie lachend. »Man denkt, ich sei im Handumdrehen eine ›Partie‹ geworden! Schon vorhin hab' ich mir sagen müssen, daß ich durch Aubières' Werbung in den Augen der Leute gestiegen sei, denn man beachtet mich, man sieht mich neugierig an, und jetzt vollends!«

Während sie sprach, tauschte der Priester mit Barfleur, der wartend unter einem Baum stand, freundliche Grüße aus.

»Dort steht Hugo von Barfleur,« bemerkte er hinüberdeutend. »Ein einstiger Schüler unsres Hauses.«

»Ich kenne ihn,« bemerkte sie kühl.

»Einer unsrer Getreuen! Jeden Tag kommt er zur heiligen Messe; eine schöne, edle Seele, die nur Gott Wohlgefälliges thut.«

»Das weiß ich denn doch nicht!« platzte der Flederwisch heraus. »Meinen Sie, es gefalle dem lieben Gott besonders wohl, wenn er und Frau Delorme sich gerade hier ein Stelldichein geben?«

Der Jesuit machte eine Gebärde entrüsteten Widerspruchs. Er war übrigens wirklich überrascht, denn er hatte bisher nichts davon bemerkt, fand aber, daß die unpassende Bemerkung des jungen Mädchens ein merkwürdiges Streiflicht auf verschiedene von ihm bisher kaum beachtete Einzelheiten warf.

»Abgesehen davon, daß eine derartige Bemerkung aus dem Mund eines jungen Mädchens verletzend ist,« entgegnete er in einschmeichelndem Ton, »fehlt es Ihnen sehr am richtigen Scharfblick, mein Kind. Hugo von Barfleur kann mit der von Ihnen bezeichneten Dame keine Beziehungen haben, einmal weil seine Grundsätze ihn vor derartiger Verirrung sichern, und zweitens weil sein Herz anderweitig gefesselt ist.«

»So!« meinte Corysa zerstreut und gleichgültig.

»Ja! Des armen Jungen Herz ist gefesselt! Er liebt ein junges Mädchen, das ihn indes wenig zu beachten scheint.«

»Ein junges Mädchen?« wiederholte Corysa, in Gedanken die jungen Mädchen ihres Kreises musternd. »Ich kann mir wirklich nicht denken, wer es sein sollte.«

Dann kam ihr plötzlich die Erleuchtung und sie rief, in schallendes Gelächter ausbrechend: »Mich etwa? Nein, das ist wirklich zu köstlich!« Mit wahrer Bewunderung den Jesuiten betrachtend, setzte sie hinzu: »Das muß man Ihnen lassen – Sie wissen die Gelegenheit am Schopf zu fassen!«

Mit lächelnden Lippen aber hartem Blick sah er auf sie nieder.

»Entschuldigen Sie mein Gelächter, aber das ist ja zum Kugeln!« sagte sie etwas gefaßter. »Auf die Art käme das Geld, das Ihrem Bernay schaden wird, wenigstens dem kleinen Barfleur zu gute und bliebe also in der Familie! O, wie schlau!«

»Komtesse Avesnes,« erklärte der Pater in schneidendem Ton, »Ihre Mutter hat mehr als recht, wenn sie von Ihnen als einem ungeratenen Kind spricht.«

»Sie hat ein Recht, es zu denken, kein Recht, es auszusprechen,« wandte Corysa mit Sanftmut ein.

* * *

Als sie das Jesuitenkloster verlassen hatte, stürmte Corysa im Laufschritt durch die Straßen, so daß der alte Johann mit seinen alten Beinen mühsam hinter ihr herkeuchte. Sie brannte darauf, dem Abbé Châtel, der sich wirklich mit ihr freuen würde, die große Neuigkeit mitzuteilen. An der Ecke des Rathausplatzes hielt eine Blumenhändlerin feil; Corysa nahm ihr einen Strauß Rosen ab und langte atemlos am Pfarrhaus an.

Wenn die Behausung der Domgeistlichen bescheiden zu nennen war, so war die des Pfarrers von Sankt Marcian geradezu jämmerlich, ein an die alte Basilika gelehntes elendes Häuschen in einer trübseligen, schmutzigen Gasse. An der linken Seite befand sich ein winziges Gärtchen, das keineswegs den Vorstellungen von einem Pfarrgarten entsprach, das der Abbé als leidenschaftlicher Blumenfreund aber trotz der schlechten Lage und Erde in ein blühendes, duftendes Fleckchen verwandelt hatte.

Die Magd war auf den Markt gegangen, und der Abbé selbst öffnete die Hausthür, in der einen Hand ein altes Einmachglas, das jetzt als Kleistertopf diente, in der andern einen ruppigen Pinsel, der schon gehörig Haare gelassen hatte.

»Verzeihen Sie, daß ich Sie so empfange,« sagte er, »aber ich war eben dran, die Tapeten in meiner Wohnstube frisch anzukleben.«

Damit zeigte er auf die dünne, durch die Feuchtigkeit locker gewordene Wandbekleidung, die kläglich in Fetzen herabhing. Sechs Strohsessel, ein beinah durchgesessener Lehnstuhl, eine schöne, seltene Standuhr aus wurmstichigem Holz und eine Alabasterstatuette der heiligen Jungfrau bildeten die ganze Einrichtung.

»Ich hab' Ihnen Rosen mitgebracht für Ihre Mutter Gottes,« sagte der Flederwisch, die Blumen in eine Vase steckend, die zu Füßen der Figur auf einem kleinen Sockel an der Wand stand. »Geben Sie ihnen nur gleich Wasser.«

»Gewiß – nachher –«

»O nein, auf der Stelle! Das wäre ja barbarisch, die armen Rosen bei dieser Hitze verschmachten zu lassen, und was meinen Sie, daß die heilige Jungfrau dazu sagen würde, wenn die armen Blumen um ihretwillen leiden müßten!«

»Sie haben recht,« sagte der Alte, folgsam ins Gärtchen eilend, wo er das Gefäß an einem Wasserhahnen füllte.

»Schick ist er nicht und vornehm auch nicht,« dachte Corysa, ihm vom Fenster aus zusehend. »Sein gutes, rotes Gesicht sieht unter den weißen Haaren hervor, wie eine Tomate aus Watte! Mir gefällt er aber doch, denn dafür ist seine Seele schön, und er will nicht die Beschützer der Armen zu Fall bringen, er will nicht dummen Schlingeln, die ihr Geld verjubelt haben, mit reichen Frauen aufhelfen, er weiß nichts von Klatsch und Liebschaften und Winkelzügen, er denkt an den lieben Gott und sorgt für die Armen.«

Als der Abbé wieder eintrat, die Vase in der Hand, deren überfließendes Wasser an seiner alten Soutane herunterrieselte, rief sie ihm entgegen: »Ich bin seelenvergnügt Herr Abbé!«

»Wahrhaftig?« sagte er ebenfalls voll Freude. »Heute ist's also anders als gestern früh?«

Er hatte die Rosen ergriffen und ordnete sie mit seinen derben Händen so ungeschickt, aber auch so vorsichtig als möglich in die Vase, dann setzte er sich Corysa gegenüber.

»Herr Abbé; – seit heute früh ist mein Onkel Mark steinreich!«

»Und wie geht das zu, mein Kind?«

»Nun, einen Postwagen hat er nicht ausgeraubt, das können Sie sich ja denken, aber seine Tante Crisville hat er beerbt.«

»Ist sie denn gestorben?«

»Versteht sich!«

»Ach, die arme Dame, die so mildthätig, so barmherzig war!«

»Das wird der Onkel Mark auch sein! Sie werden schon sehen, was da für Ihre Armen abfällt!«

»Gott erfülle Ihre Hoffnungen, mein Kind.«

»Sie zweifeln doch nicht daran?« fragte sie beinahe beleidigt.

»Nicht gerade das – nein, nein – nur – es wäre ja am Ende ganz natürlich, daß der Vicomte sich weniger mit guten Werken befaßte, als seine Tante. Er ist jung, er –«

»Jung?« kreischte der Flederwisch förmlich, »jung – der Onkel Mark?«

»Jedenfalls nicht alt.«

»Ich sage ja auch nicht, daß er am Zusammenbrechen sei, aber jung? Jung ist er doch nicht, denn Aubières, der nur um drei Jahre älter ist, der – der ist doch gewiß alt!«

»Und wie steht's mit ihm, mein Kind?«

»Gut!« – Corysa seufzte erleichtert auf. – »Er ist heute früh abgereist.«

»Abgereist?«

»Nicht auf ewig – er wird schon wiederkommen! Was liegt daran? Wenn ich übrigens gewußt hätte, wie kühl Sie meine Nachricht aufnehmen, hätt' ich meinen alten Johann bei dieser Bombenhitze nicht hierher gehetzt, sondern hätt's ruhig abgewartet, bis Sie die Geschichte von den Spatzen vom Dach hätten pfeifen hören!«

»Aber, mein Kindchen, Sie thun mir unrecht! Ich freue mich ja, freue mich aufrichtig über das Glück, das Ihrem Onkel zugefallen, wie über die Freude, die es Ihnen bereitet.«

»So ist's recht! – Aber nun muß ich machen, daß ich heimkomme. Es schlägt schon zwölf.«

Während der Flederwisch in der Glut der Mittagsstunde langsam nach Hause schlenderte, legte der Abbé die letzte Hand an den Rosenschmuck zu Füßen der heiligen Jungfrau und murmelte dabei in sich hinein: »Mein Gott, wache du über diesem Kind, das dir sein Herz ergeben hat – mein Gott, schenke du ihm Glück!«

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