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Flederwischs Heirat

Gyp: Flederwischs Heirat - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorSibylle de Mirabeau
titleFlederwischs Heirat
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1896
translatorEmmy Becher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140811
projectid892c851f
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Sechstes Kapitel.

Man saß schon bei Tisch, als die Marquise ins Speisezimmer trat. Auf sie zu warten, hatte man längst aufgegeben, denn es war ihr nicht gegeben, die Zeit einzuhalten. Besorgungen, Besuche, unrichtig gehende Uhren, im Notfall sogar Unglücksfälle des Wagens mußten stets zur Entschuldigung herhalten. Sobald sie sich gesetzt hatte, richtete sie in auffallend freundlichem Ton an Corysa die Frage, wie sie mit dem Pater Ragon zufrieden gewesen sei.

»So leidlich!« gab der Flederwisch gelassen zurück, fügte aber nach einiger Ueberlegung hinzu: »Ob er mit mir zufrieden war, ist eine andre Frage!«

»Was hast Du ihm denn gesagt?« fragte die Mutter, durch diese Bemerkung beunruhigt.

»Ach, wir sind vom Hundertsten ins Tausendste gekommen.«

»Ich werde ihn morgen aufsuchen,« erklärte die Marquise minder huldvoll, »und mir erzählen lassen, was vorgefallen ist.«

»Das kann ich dir ebensogut sagen,« versetzte Corysa mit Seelenruhe. »Vorgefallen ist überhaupt nichts.«

»Das sollte mich wundern!«

»Weshalb denn?«

»Weil du etwas verlegen aussiehst.«

»Ich? Fällt mir gar nicht ein! Warum sollte ich in Verlegenheit sein?«

»Das weiß ich natürlich nicht –«

»Und ich ebensowenig! Man hat gewünscht, daß ich mit dem Pater Ragon spreche, ich bin hingegangen, wir haben miteinander gesprochen – das ist die ganze Geschichte!«

»Und – es hat sich nichts Unangenehmes ereignet?«

»Keine Rede! Der Mann ist ja so wohlerzogen, viel zu sehr. Bei mir hapert's ja wohl daran, aber schließlich kann ich mich auch benehmen. Ich glaube, daß ihm alles mißfallen hat, was ich sagte, und was er sagte, hat mich nicht überzeugt, aber abgesehen davon –«

Der Diener war eben hinausgegangen, und die Marquise nützte seine Abwesenheit, um hastig zu fragen: »Du bist also immer noch nicht entschlossen, die Werbung des Herzogs anzunehmen?«

»Ich bin entschlossen, sie abzulehnen. Heute abend will ich ihm Bescheid sagen,« setzte sie, zu dem Grafen Mark gewendet, hinzu, »er kommt doch heute?«

»Nein!« rief die Mutter verzweifelnd. »Heute abend wirst du ihm noch nicht Bescheid geben. Es ist ja geradezu Wahnsinn, so unüberlegt zu handeln!«

»Aber ich habe mir's überlegt! Seit gestern abend hab' ich nicht andres gethan, als ›überlegen‹ – der Kopf brummt mir davon.«

»Du wirst mit der entscheidenden Antwort noch warten –«

»Worauf? Nein, nein, ich will den Aermsten nicht länger zappeln lassen, er schwebt schon viel zu lange in Ungewißheit.«

»Ich verbiete dir, heute mit ihm zu sprechen!« rief die Marquise befehlend, indem sie vom Tisch aufstand.

Statt ins Wohnzimmer zu gehen, trat der Flederwisch auf den Flur und wollte die Treppe hinaufeilen, als ihre Mutter sie anrief.

»Wohin gehst du?«

»In mein Zimmer.«

»Nein, du bleibst hier.«

Mit rotem Kopf gab die Kleine unumwunden zurück: »Wie du willst! Aber wenn ich hier bleibe, werde ich mit Aubières sprechen, wie es meine Pflicht ist, und werde ihm sagen, daß ich fest entschlossen bin, nie seine Frau zu werden – niemals!«

»Sie sind verrückt!«

»Das sagten Sie mir, solang ich zurückdenken kann.«

»Er ist's!« rief die Marquise theatralisch, als in diesem Augenblick die Klingel gezogen wurde.

»Um so besser!« stieß der Flederwisch mit einem Seufzer heraus. »Ich mag diesen Mühlstein nicht länger am Hals hängen haben.«

Ohne alle Befangenheit dem Eintretenden entgegengehend, sagte sie einfach: »Herr Oberst, ich möchte Sie sprechen – wollen Sie mit mir in den Garten gehen, wie gestern abend – aber ohne mich zu küssen!« setzte sie auf der Terrasse leise und lächelnd hinzu.

Gehorsam folgte er ihr mit bewegtem Herzen. Trotz seiner Verliebtheit sah er klar und ahnte, was sie ihm sagen würde. Ehe sie noch zu sprechen anfing, fragte er in dem gepreßten Ton, der ihr so weh that: »Sie wollen mir sagen, daß Sie mich nicht haben mögen, nicht wahr?«

»Ja,« stammelte der Flederwisch, selbst zu Tode betrübt über das Herzeleid, das er verursachen mußte, »ich habe seit gestern abend über vieles, über sehr vieles nachgedacht und eingesehen, daß ich Sie nicht heiraten kann. Aber wissen Sie, ich habe Sie trotzdem lieb, von Herzen lieb habe ich Sie, und es thut mir bitter weh, Ihnen solche Dinge sagen zu müssen, aber es ist doch besser, ich sag's jetzt, als später, nicht wahr?«

Er gab ihr keine Antwort, und es war so dunkel, daß sie nicht in sein Gesicht sehen konnte, aber sie fühlte, wie unglücklich er war.

»Ich bitte Sie herzlich,« begann sie, ihm sanft die Hand auf den Arm legend, »machen Sie sich keinen Kummer darüber! Erstens bin ich's ja gar nicht wert, gar nicht ... ich bin jähzornig, ungebildet, unwissend, ich habe, wie meine Mutter sagt, alle Erbfehler der Avesnes! Und dann könnt' ich auch nie eine Oberstenfrau werden – noch überhaupt eine große Dame! Ich werde es nie verstehen, zu plaudern, Gäste zu empfangen, Leuten, die mir unausstehlich sind, ein freundliches Gesicht zu zeigen oder Schafsköpfen weiszumachen, ich fände sie geistreich – ich bin gar keine Frau – ich bin eine Wilde, die nur dazu paßt, allein unter Blumen und Tieren zu leben –«

Mit einemmal rief sie voll Besorgnis in verändertem Ton: »Tiere – ja wo ist denn der Gribouille? Ich hab' ihn seit dem Frühstück nicht gesehen – wenn sie ihn mir hätten entlaufen lassen!«

Damit lief sie quer über den Rasenplatz nach den Stallungen, um gleich darauf in ebenso eiligem Lauf mit Gribouille zurückzukehren, der fortwährend an ihr hinaufsprang.

»Entschuldigen Sie!« rief sie keuchend. »Verzeihen Sie, daß ich Sie so allein gelassen habe! Es kam eine solche Angst über mich um den Hund – aber einerlei – ich hätte nicht mitten in solch ernsthaftem Gespräch davonlaufen sollen – da sehen Sie nun wieder, wie ich bin!«

Da der Herzog wieder keine Antwort gab, fragte sie, das Dunkel mit ängstlichem Blick durchspähend: »Sind Sie eigentlich noch da?«

»Ja,« gab ihr eine belegte Stimme zurück, »ich bin noch hier.«

Er hatte sich seitwärts von der Allee auf eine Art von Erdwall gesetzt, und als Corysa jetzt näher trat, hörte sie ihn leise schluchzen.

Furchtbar erschüttert rief die Kleine: »Wie? Sie weinen?«

Daß dieser hünenhafte Mann, der ihr doch schon recht alt vorkam, weinen könnte, war ihr nie in den Sinn gekommen, und in tiefster Bestürzung setzte sie sich neben ihn.

Der Gedanke, daß jemand um sie und durch sie Schmerz erleide, war Corysa verhaßt; tausendmal lieber hätte sie selbst das Bitterste erduldet, und sie sagte sich sofort: »Mein Gott – ich werde ihm alles gestehen, was mir im Kopf herumgeht, und wenn er mich hernach doch haben will, werd' ich ihn eben heiraten!«

»Hören Sie mich an,« begann sie mit ihrer klangvollen Stimme, die für den Herzog zu ihren besonderen Reizen zählte, »hören Sie mir aufmerksam zu und verstehen Sie mich recht – wenn Sie können – ich werde mir ja alle Mühe geben, mich Ihnen verständlich zu machen – vielleicht wird's aber doch nichts helfen, denn leicht ist es nicht zu sagen. Wenn es heller Tage wäre statt finstrer Nacht, wenn ich Ihr Gesicht sehen könnte, und Sie das meinige, dann würd' ich's überhaupt nicht herausbringen, nimmermehr! Aber bitte, bitte – weinen Sie nur nicht so – das ist mir gräßlich!«

Da er stillschweigend zu weinen fortfuhr, sprang sie auf und sank dann plötzlich vor ihm auf die Kniee.

»Wenn ich Sie drum bitte?«

Sie schlang beide Arme um den Hals des gepeinigten Mannes, berührte mit ihren Lippen seine thränenfeuchte Wange und wiederholte in rührend flehendem Ton: »Wenn ich Sie drum bitte? Ich sag' Ihnen, daß ich alles thun werde, was Sie haben wollen – alles –«

Uneingedenk der Erlebnisse vom vorigen Abend schmiegte sie sich mit inniger Zärtlichkeit an ihn, bis er sie barsch von sich wegstieß.

»Nein – nein – lassen Sie mich – gehen Sie!«

Verblüfft erhob sich der Flederwisch.

»Ach, ich begreif' es wohl – Sie machen mir's heute, wie ich's Ihnen gestern abend gemacht habe,« flüsterte sie traurig.

Eingeschüchtert setzte sie sich wieder neben ihn, ohne mit ihrer Auseinandersetzung zu beginnen.

»Nein, glauben Sie das nicht, meine süße, kleine Corysa,« brachte er, noch immer bebend, mühsam heraus. »Es ist nur – Sie können das nicht verstehen – ich bin nervös, unglücklich – ich weiß nicht mehr, was ich rede und was ich thue – ich hatte einen so schönen Traum geträumt und bin so jäh erwacht –«

»An dem Traum, wovon Sie sprechen,« fragte sie besorgt, »bin ich nicht schuldig, nicht wahr? Das heißt, ich habe doch nichts gethan, um Sie glauben zu machen, daß ich Sie heiraten möchte? Ich hab' mich noch nie benommen, als ob ich von Ihnen anders geliebt sein wollte, als man ein dummes, kleines Mädel liebt, nicht wahr?«

»Gewiß nicht!«

»Ach, das thut mir wohl! Nämlich, wenn ich das gethan hätte – unbewußt, natürlich! – wär' ich rein in Verzweiflung, denn ich finde es einfach abscheulich, grundschlecht find' ich's, Leuten, aus denen man sich gar nichts macht, Blicke zuzuwerfen und derlei Zeug zu thun, damit sie sich einbilden, sie gefielen uns oder man wünschte ihnen zu gefallen! Alle Tage muß ich's mit ansehen,« fuhr sie nach kurzem Schweigen fort, »daß Frauen sich so falsch benehmen, aber ich werd's nie thun – nie!«

»Sie sagten vorhin,« bemerkte der Herzog etwas gefaßter, »daß Sie mir erklären wollten, weshalb Sie nicht meine Frau werden können.«

»Ja, ja ... aber ich bin bange, wie ich es angreifen soll! Sehen Sie, ich hab' ja vom Leben eigentlich nur so eine blasse Ahnung, und die ist nicht weit her – ich weiß blutwenig davon, aber schließlich hört man doch allerlei, die Leute reden und tuscheln, und wenn bei uns ein Ball gegeben wird, seh' ich allerlei – kleine Liebeleien, allerlei Sachen, die nicht recht sind. Ich denke dabei nicht an die jungen Mädchen – junge Mädchen können ja thun, was sie wollen, das ist kein Unrecht – nicht wahr – denn sie sind ja nicht verheiratet? Ich meine die Frauen – es gibt welche, die ihre Männer hintergehen – und – seinen Mann hintergehen – ich weiß nicht genau, was man darunter versteht, aber ich denke mir, daß es schlecht ist.«

»Ganz gewiß ist es schlecht!«

»So, und nun sehen Sie – wenn ich Sie heiratete, würde ich Sie hintergehen, davon bin ich ganz überzeugt.«

»Aber –« dem Herzog versagten Sprache und Atem – »wie kommen Sie zu dieser Ueberzeugung?«

»Ich weiß es eben gewiß, so gewiß, als man zukünftige Dinge überhaupt wissen kann! Sehen Sie, bis jetzt hab' ich noch niemand kennen gelernt, von dem ich mir gesagt hätte: »Den würd' ich nehmen!«

»Nun – und?«

»Ja, wenn wir nun aber verheiratet wären und ich jemand kennen lernte, von dem ich mir sagen müßte: ›Den hätte ich gern genommen!‹ Das wäre doch furchtbar. Denken Sie sich's nur aus! Dieser Schlag!«

Trotz allen Herzeleids hätte der Herzog beinahe gelacht, allein er erwiderte ernsthaft: »Diese Möglichkeit ist bei vielen Frauen thatsächlich eingetreten.«

»Und dann?«

»Dann haben sie ihre Gedanken und Gefühle im Zügel gehalten, sich nicht mit dem Neugefundenen beschäftigt, sondern sich fest auf ihren Gatten gestützt. Ist dieser Gatte gut, was ich sein werde –«

»O, darüber habe ich keinen Zweifel!« rief Corysa aus vollem Herzen. »Aber meinen Sie denn, es genüge, ein guter Gatte zu sein? Das nützt gar nichts, wenn man nicht auch eine gute Frau hat –«

»Und weshalb sollten Sie nicht eine gute, tapfere, ehrliche kleine Frau werden?«

»Ich könnte es werden, falls ich nicht –«

»Falls Sie nicht?«

»Jenen Herrn kennen lerne! Vielleicht finde ich ihn nie im Leben, aber daß Sie es nicht sind, steht fest.«

Aubières machte eine hastige Bewegung, und sie setzte eifrig hinzu: »Ich hab' Sie ja sehr, sehr lieb, wie ich Ihnen schon gesagt habe! Aber ich glaube, daß ich Sie auch nicht ein bißchen auf die Art liebe, wie man seinen Mann lieben muß – und ich bin ganz überzeugt, daß, wenn ich je einen andern träfe, den ich auf diese Art lieben könnte, ich meine Gedanken nicht im Zügel halten und meinem Herzen folgen würde! Sehen Sie, das ist's! Vielleicht ist's unpassend, oder gar wie meine Mutter sagt, ›schamlos‹, von solchen Dingen zu sprechen. Ich meine aber, es wäre noch viel unpassender, Sie zu heiraten, ohne Ihnen reinen Wein eingeschenkt zu haben. Wenn Sie mich immer noch haben wollen, nachdem Sie wissen, was mich abhält, ja zu sagen, dann sind Sie wenigstens gewarnt, dann können Sie mir nichts vorwerfen! Nichts vorwerfen, ist natürlich nur so eine Redensart, denn im Grund – darüber bin ich mir ganz klar – wird es Ihnen doch weh thun – aber ich darf mir dann doch sagen, daß ich mich nicht verstellt, Ihnen nichts vorgeheuchelt habe – begreifen Sie das?«

»Ich begreife,« erwiderte Aubières weich und innig, »wie unglücklich Sie als meine Frau sein würden und wie maßlos ich darunter leiden würde, Sie unglücklich zu sehen. Ich muß entsagen, verzichten auf das Glück, das seit einem halben Jahr all mein Sehnen und Denken und Träumen erfüllt hat. Sie haben mir aufs zartfühlendste und doch anschaulichste klar gemacht, daß ich ein alter Narr war.«

»Sie sind mir böse?« fragte Corysa erschrocken. »Ganz gewiß sind Sie mir böse!«

»Nein, mein Kind – ich gebe Ihnen mein Wort, daß –« Weiter kann der arme Mann nicht, denn die Kehle war ihm zugeschnürt. Er wollte aufstehen, fühlte aber, daß er immer tiefer in die Erde einsank.

Gribouille, der seine Bewegungen wahrnahm und daraus den Schluß zog, daß man jetzt einen Spaziergang machen werde, sprang mit wildem Freudengebell um ihn her. Der Herzog wollte sich auf die Hand stützen, um sich leichter aufrichten zu können, aber diese fand keinen Widerstand in der lockern Erde, worin er sich immer tiefer eingrub.

»Ich weiß nicht, wo ich mich befinde,« sagte er endlich zu Corysa, die wartend in der Allee stand. »Es scheint mir, daß ich in einer Art von Höhle sitze und um so tiefer hinabsinke, je mehr ich mich herausarbeiten will.«

Sie trat auf ihn zu und streckte ihm beide Hände hin, mit deren Hilfe er sich rasch emporschnellte, dabei fühlte sie aber ebenfalls, daß der Boden auch unter ihr wich.

»Was ist denn das?« murmelte sie, die Stelle betrachtend, wo Aubières gesessen hatte.

»Ach, der Blumenkirchhof ist's!« rief sie, sich aufrichtend mit Lachen. »Sie saßen darauf, und weil heute früh erst Begräbnis war, ist's noch so weich!«

»Der Blumenkirchhof?« wiederholte er fragend.

»Ja, aber bitte, bitte, sprechen Sie nicht davon, man würde mich auslachen – ich weiß ja, daß es eine Dummheit ist, aber ich habe die Blumen so lieb, ich kann's nicht mitansehen, daß sie nach ihrem Tod in den Schmutz geworfen werden.«

Von frühester Kindheit an unterhielt dieser Flederwisch einen »Kirchhof«, um verwelkte Blumen zu begraben! Es war ihr ganz unmöglich, sie im Kehricht oder Straßenstaub liegen zu sehen; die Vorstellung, daß eine Blume zertreten, weggekehrt, mit Schmutz in Berührung kommen, am Kleidersaum fortgeschleppt werden könnte, war ihr unerträglich. Den Winter über verbrannte sie die Blumenleichen im Kamin ihres Stübchens, wo sie immer einen großen Scheiterhaufen in Brand steckte, damit sie in Flammen aufgingen. Im Sommer ließ sich die Feuerbestattung nicht ins Werk setzen, darum begrub sie die Blumen in einem entlegenen Winkel des Gartens, aber in großer Heimlichkeit aus Furcht vor dem Zank der Mutter und den Neckereien des Onkels.

»Nicht wahr, Sie sagen im Haus nichts davon?« bat sie noch einmal angstvoll. »Außer Gribouille weiß niemand davon, gar niemand, und wenn man mich auslachte, käme ich außer mir! Sonst kann ich Neckereien ganz gut ertragen, aber in dem Fall ginge es nicht, weil ich im Grund selbst weiß, daß es lächerlich ist!«

»Sie können sich darauf verlassen, Komteß, daß ich den Blumenkirchhof mit keiner Silbe verraten werde!« versicherte der Herzog, um dann wehmütig hinzuzusetzen: »Diese arme kleine Grabstätte, in der ich heute abend auch begraben wurde, so wenig ich mit einer Blume gemein habe!«

»Nein, das leid' ich nicht!« rief Corysa. »Nun denken Sie schon wieder an all die Geschichten!«

»Nur ruhig, mein Kind – aber bitte, lassen Sie mich durch das kleine Thörchen hinaus! Ich möchte nicht ins Haus gehen – mit meinen geschwollenen Augen. Ihren Onkel werde ich morgen früh aufsuchen.«

»Sie haben ihn wohl sehr lieb, den Onkel Mark?«

»Sehr. Bin sein Kamerad aus Kinderzeiten.«

»Ist er im selben Alter?«

»Drei Jahre jünger als ich.«

»Das kommt auf eins heraus!«

»Ja, gewiß ... Sie haben recht.«

Aber als er jetzt Corysas weiches und doch festes Händchen zum letztenmal küßte, dachte Aubières bei sich: »Und doch ist's nicht dasselbe! O nein – drei Jahre weniger.«

Ins Wohnzimmer zurückgekehrt, betrachtete der Flederwisch den Onkel, der lesend bei der Lampe saß, wie eine ganz neue, nie gesehene Erscheinung. Statt auf die besorgten Fragen nach dem Herzog Auskunft zu geben, überlegte sie, daß dieser Onkel nicht um drei, sondern um zehn Jahre jünger aussehe als Aubières.

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