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Flederwischs Heirat

Gyp: Flederwischs Heirat - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorSibylle de Mirabeau
titleFlederwischs Heirat
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1896
translatorEmmy Becher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140811
projectid892c851f
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Fünftes Kapitel.

Als der Flederwisch im Jesuiteninstitut anlangte, war es beinah drei Uhr. Der Himmel hatte sich umzogen; die Luft war drückend schwül, ein Gewitter unausbleiblich.

»Bleib du nur im Garten,« sagte sie zu dem alten Johann, der hinter ihr ins Sprechzimmer getreten war und sich voll Unbehagen darin umsah. »Dort ist's unterhaltender für dich.«

»Und wenn's regnet?« fragte er zögernd.

»Wenn's regnet, gehst du eben ins Haus. Warum schleichst du denn so? Hast du Angst, in ein Versenkloch zu stürzen?«

»Angst hab' ich nicht, aber wohl ist mir's hier auch nicht, Komteß. Ich meine immer, die Wände hätten Ohren, und da läuft mir's kalt über den Rücken, und dann das verflucht glatte Parkett –«

»So recht! Fluche du nur – das wird einen netten Eindruck machen in diesem Haus.«

»Ich glitsche eben aus, das ist's! So – jetzt steh' ich wenigstens auf dem Teppich.«

»Den du, scheint's, beim Schlittern mitnimmst! Mach nur, daß du hinaus kommst – du richtest sonst noch Unheil an!«

Nachdem sie den alten Diener, der auf dem spiegelblank gewichsten Fußboden sein Gleichgewicht kaum bewahren konnte und dessen Füße sich in die kleinen herumgestreuten Teppichvierecke verwickelten, zur Thür hinausgeschoben hatte, hielt Corysa in dem großen Sprechzimmer, das sie heute zum erstenmal sah, Umschau. Von dem neuen, glänzenden Heim, das sich die Jesuiten in Pont-sur-Sarthe erbaut hatten, war ihr bis jetzt nur die Kapelle bekannt, wohin sie, obwohl widerstrebend, die Mutter hie und da zu einem modischen »Salve« begleitet hatte. Die Marquise war der Ansicht, daß sich mit den Jesuiten nicht nur gut verkehren lasse, sondern daß es auch gut sei, bei ihnen gesehen zu werden. Die ganze vornehme Welt, einschließlich der jungen Lebemänner, fand sich bei diesen Mariengesängen zusammen, der Sängerchor bestand aus Herren und Damen der besten Gesellschaft, und die Galerie dieser Kapelle hatte Verlobungen wie Liebschaften in großer Zahl entstehen sehen.

Anfangs hatte sich Corysa dagegen gesträubt, zu diesen Gottesdiensten, die aller religiösen Weihe entbehrten, mitgeschleppt zu werden, nach und nach aber hatte es ihr Spaß gemacht, die sich vor ihren Augen anspinnenden Ränke und Umtriebe zu beobachten. Sie war dadurch in alle klösterlichen und weltlichen Eifersüchteleien eingeweiht worden, sie wußte ganz genau Bescheid, wie neidisch die übrigen auf den oder jenen Geistlichen waren, der sich besonderen »Zulaufs« erfreute, und sie wußte auch, daß besonders hübsche oder vornehme bußfertige Sünderinnen zu jeder Stunde am Beichtstuhl Gehör fanden, während unscheinbarere Büßerinnen die vorschriftsmäßige Zeit abwarten mußten.

Auf den Pater Ragon wartend, den die Gunst der Mode vor allen andern beglückte und der daher auch gehörig auf sich warten lassen konnte, verglich sie im Geist diese lachende Heimstätte, deren nach englischen Mustern behagliche und bequeme Einrichtung von einem höchst liebenswürdigen und milden Ernst durchsichtig genug verhüllt war, im Geist mit dem trübseligen, finsteren Haus, worin die drei Geistlichen des Doms sich behelfen mußten. Ihr schlichter Kinderverstand sagte ihr, daß, wenn die große Welt von Pont-sur -Sarthe den Weg hierher bequemer finde, die Armen und Bedrückten gewiß häufiger und lieber dort einkehrten. Es machte ihr ganz den Eindruck, als ob die großen Summen, die aus Erbschaften, Schenkungen und Sammlungen hierher strömten, auch hier hängen blieben, während die armseligen, mühsam aufgebrachten Almosen jenes bescheidene graue Häuschen nur flüchtig durcheilten.

Der Flederwisch hatte einen angeborenen Haß gegen Leute, die Geld aufspeichern. Das Wort Ersparnisse, dem in der Kleinstadt stets eine ehrfürchtige Betonung verliehen wird, schien ihr einen widerlichen, hassenswerten Beigeschmack zu haben, und sie sagte sich, daß man in diesem Prachtbau sehr viel »zurücklegen« und dafür möglichste Sparsamkeit an den Armen üben werde. Mit großen Schritten auf und ab gehend, gewahrte sie die verräterischen Guckfensterchen in den hell gemalten Wänden, die ihr den Eindruck von Bankschaltern machten, während einzelne Jesuiten, die von Zeit zu Zeit mit vorsichtig gleitenden Schritten den langen Saal durcheilten, ihrer Ansicht nach mehr wie Bankbeamte, als wie Priester aussahen. In diesem Kloster war alles weltlich, nichts gemahnte sie an Göttliches.

»Nun hab' ich's aber satt!« sagte Corysa nach einiger Zeit ungeduldig vor sich hin. »Eine Ewigkeit bleib' ich hier nicht stehen – es wird demnächst vier Uhr sein, und da muß ich in meine Vorlesung!«

Sie trat ans Fenster, das auf den großen Garten ging, und erblickte ihren Johann, der auf einer Bank friedlich eingeschlummert war. Anfangs hatte er sich stramm hingesetzt, wie sich's für einen richtigen Kutscher ziemt, aber die Gewitterluft war betäubend, und allmählich war ihm der Kopf auf die Brust gesunken, seine Beine hatten sich lang ausgestreckt, der Körper hing schlaff vornüber. Die Priester, die auf dem Weg zur Kapelle an ihm vorüberkamen, sahen sich überrascht nach ihm um und auf den vergeistigten Gesichtern zeigte sich gelindes Entsetzen. Der Alte hing allerdings wie ein Betrunkener da, und die stumme Entrüstung der Vorübergehenden ergötzte seine Herrin derart, daß sie alle Ungeduld vergaß und eifrig ihre Beobachtungen anstellte, bis eine gleichzeitig trockene und süßliche Stimme sie anrief.

»Sie hier, mein Kind? Jetzt kann ich Sie leider nicht empfangen –«

»Ach!« sagte der Flederwisch. »Hat meine Mutter mich denn nicht angemeldet?«

Freundlich und sichtbar erleichtert setzte sie, nach der Thür schreitend, hinzu: »Wenn es Ihnen nicht paßt, so gehe ich eben.«

»Ich kann Sie hier nicht empfangen,« erklärte der Pater, sie gleichwohl durch eine Handbewegung zurückhaltend.

»Verzeihen Sie die Störung – meine Mutter –«

»Jawohl – die Frau Marquise empfange ich ja zuweilen im Sprechzimmer, aber diese Ausnahme, die ich nur unter Schwierigkeiten machen kann, läßt sich nicht auf andre ausdehnen.«

Da die Kleine keine Antwort gab, setzte er mit seiner kühlen, klaren Stimme hinzu: »Die Frau Marquise sagte mir, Sie wollten mich über eine sehr ernste Frage zu Rat ziehen, mein Kind?«

»Ich wolle das? Das heißt, sie will, daß ich –«

»Gut, gut, ich bin bereit, Ihnen im Beichtstuhl Gehör zu schenken.«

»Ich will aber gar nicht beichten!« wandte Corysa ein.

»Das gilt mir gleich! Meine Beichtkinder warten schon auf mich, ich darf mich nicht verspäten!«

Wie ein Schreckgespenst stand die abermalige Wartezeit vor Corysa, die Wartezeit in dieser unheimlich neuen Kapelle, wo die grell funkelnden Vergoldungen und das spitze Grün der Ornamente ordentlich knallten, wo das Auge keinen stillen Ruhepunkt fand, wo Flüstern und Seiderascheln jede Sammlung, jedes Gebet unmöglich machten. In der Angst, die ihr diese Vorstellung erregte, verfiel sie auf einen Gedanken, wodurch sie sich möglicherweise davon loskaufen konnte.

»Schön!« sagte sie. »Ich werde also in der Kapelle warten. Es ist dort gar nicht langweilig – die frommen Damen sprechen so laut!«

Offenbar lockte es den Pater Ragon nicht, die vertraulichen Herzensergüsse seiner frommen Schäfchen den spöttischen Ohren dieses Flederwischs preiszugeben, die jene Büßerinnen Weihkesselfrösche nannte, denn er bemerkte, ihre Worte überhörend: »Nun, da Ihnen so viel daran zu liegen scheint, bin ich bereit, Ihnen hier meinen Rat zu erteilen.«

Im dumpfen, erloschenen Ton des Beichtstuhls setzte er hinzu: »Ich bin ganz Ohr, meine Tochter – was haben Sie mir zu sagen?«

»Ich?« rief der Flederwisch. »Gar nichts! Ich dachte, Sie hätten mir etwas zu sagen.«

Mehr zur Verteidigung als zum Angriff gerüstet, mußte sich der Pater erst sammeln, ehe er anhob: »Ihre Frau Mutter hat mir gesagt, daß der Herzog von Aubières um Ihre Hand wirbt und daß Sie diesen Antrag – ich will nicht sagen, mit Widerwillen –«

»O sagen Sie's nur ruhig!«

Der Jesuitenpriester hatte bisher, wenn Corysa mit ihrer Mutter gekommen war, nur ein paar Worte der Bewillkommnung an sie gerichtet und einsilbige Antworten oder einen stummen Gruß von ihr erhalten. Die Unbefangenheit, womit sie ihn ansprach und woran er bei seiner Herde nicht gewöhnt war, verblüffte ihn einigermaßen, und er schwieg.

»Nun, und weiter?« fragte Corysa.

»Nun –« der Pater hüstelte; dieses Frag- und Antwortspiel war zu befremdlich – »dieser Antrag, der für jedes junge Mädchen ehrenvoll wäre, bedeutet für Sie ein unverhofftes Glück. Sie haben kein Vermögen –«

»Das weiß ich auswendig!«

»Ohne sehr reich zu sein, will der Herzog das seinige mit Ihnen teilen, und seine Werbung ist ein schöner Beweis, daß keine Berechnung ihn leitet.«

»Das weiß ich auch, ich bin dem Herzog auch sehr dankbar und habe ihn sehr gern –«

»Sie haben ihn gern?«

»Von Herzen! Jedenfalls am liebsten von all den Herren, die ins Haus kommen!«

»Dann ist es mir völlig unverständlich –«

»Unverständlich! Und ist doch mit Fausthandschuhen zu greifen! Ich habe den Herzog gern, wie ich die Frau von Jarville gern habe oder den Abbé Châtel – zum Kuckuck, jemand gern haben heißt doch nicht ihn heiraten wollen!«

»Mein Kind, ich sehe wohl, daß Sie das Wesen der Ehe nicht kennen –«

»Das stimmt! Wenn ich's aber auch nicht kenne, so mache ich mir doch einen Begriff davon, wie man sich eben von allen Dingen seine Begriffe macht, nicht wahr? Nun denn, ich möchte, wenn ich heirate, den, der mein Gatte sein soll, auf andre Weise gern haben, als den Herzog und den Abbé Châtel – da sitzt der Haken!«

»Ja, ja, mein Kind, Sie sind wie alle jungen Mädchen ein wenig schwärmerisch und romantisch –«

»Ich!« rief der Flederwisch entrüstet. »Schwärmerisch?«

Trotzdem stimmte diese Bemerkung sie etwas nachdenklich, und sie setzte nach kurzer Ueberlegung einlenkend hinzu: »Kann sein, daß man mich so nennen kann, wenn sich's um Blumen oder um einen Bach oder den Himmel handelt, denn allerdings – für mein Leben gern leg' ich mich ins Gras und träume so für mich hin – ja, das wird man so nennen können! Sagen wir also, daß ich schwärmen kann für Blumen und Sonnenschein, allenfalls auch noch für Tiere, aber für Menschen – prosit Mahlzeit! Fällt mir gar nicht ein!«

Des Flederwischs Ausdrucksweise verblüffte den Priester, und er fragte mit einem verbindlichen Lächeln der sehnigen, schmalen Lippen sehr von oben herab: »Wer hat eigentlich Ihre Erziehung geleitet, mein liebes Kind?«

Den Spott absichtlich überhörend, versetzte sie ruhig: »Jetzt beschäftigen sich mein Papa und mein Onkel damit, früher thaten's Onkel und Tante Launay.«

»Launay?« wiederholte der Priester, sein Gedächtnis anstrengend, der Flederwisch aber rief übermütig: »Ach, geben Sie sich keine Mühe! Sie kennen die lieben Leutchen nicht! Die kommen nicht zu Ihnen, ach nein, das sind altväterische Menschen, die keine Rolle spielen wollen und ruhig in ihre Pfarrkirche gehen. Aber – entschuldigen Sie – als ich Sie unterbrach, wollten Sie mir nicht gerade auseinandersetzen, daß ich schwärmerisch sei?«

»Ich meinte damit, daß Sie, wie mehr oder minder alle jungen Mädchen, von einem Ideal träumen, von einem selbstgeschaffenen Ideal, das man natürlich nie in der Wirklichkeit findet.«

»Ein Ideal? Nein, so was habe ich nicht!«

»Um so besser, denn dann können Sie frei und ungehindert mit klarem Blick ins Auge fassen, welch glänzende Zukunft sich Ihnen durch die Werbung des Herzogs eröffnet.«

»Wo denn? Eine nette Zukunft für mich, der's immer davor gegraust hat, einen Offizier zu heiraten! Mir ist ja das Militär ein Greuel, das heißt die Offiziere sind mir ein Greuel, nicht die Soldaten. Die armen Tröpfe können ja nichts dafür, daß sie in der bunten Jacke stecken, die hab' ich schon aus Mitleid so gern, daß ich bei der Hitze nicht an ihnen vorübergehen kann, ohne daß ich sie am liebsten alle miteinander einlüde, um sie durch einen frischen Trunk zu erquicken.«

Dem Pater Ragon begann dieser Flederwisch unheimlich zu werden, und er gab der Marquise, die ihm des öfteren geklagt hatte, daß ihre Tochter gar nicht »wie andre Leute« sei, in Gedanken vollkommen recht. Seine kühle weltmännische Haltung noch stärker hervorkehrend, bemerkte er: »Mein Kind, Sie drücken sich höchst eigentümlich aus.«

Ohne alle Empfindlichkeit die Berechtigung des Vorwurfs anerkennend, entschuldigte sich Corysa.

»Freilich, ich weiß es wohl! Das ist ganz richtig, aber ich kann's nicht ändern! Das liegt so in meiner Natur – bitte, verzeihen Sie mir! Sogar den Abbé Châtel entsetzt es hie und da, wie muß es vollends Ihnen spanisch vorkommen, denn Sie sind ja« – sie sah ihn prüfend an – »ein Weltmann, und ich – ich bin das nicht!«

»Nun gut, mein Kind,« versetzte der Jesuit, wider Willen lachend, »sind Sie also geneigt, meinen Rat zu befolgen und diesen Antrag nicht unüberlegt von der Hand zu weisen?«

»Das Ueberlegen hilft bei mir gar nichts! Erstens werde ich immer schläfrig, wenn ich mir etwas überlegen will, und ferner werde ich, je länger ich mir's überlege, um so sicherer nein sagen! Nutzen kommt also gar keiner heraus dabei, und was Ihren Rat betrifft – ist's Ihnen recht, wenn ich frisch von der Leber weg rede?«

»Gewiß – sprechen Sie offen!«

»Ich seh' eigentlich nicht ein, weshalb ich gerade Ihren Rat befolgen sollte? Sie kennen mich kaum, haben mich nur ein paarmal gesehen, und mein ganzes Wesen muß Ihnen unausstehlich sein –« der Priester bedeutete ihr durch eine Gebärde, daß sie sich darin täusche – »doch, doch! Darüber bin ich mir vollkommen klar!« rief sie lebhaft. »Gefallen kann ich Ihnen nicht, und Sie haben auf der weiten Welt keine Veranlassung, Anteil an mir zu nehmen, folglich pfeifen Sie ganz einfach nach, was meine Mutter Ihnen vorgegeigt hat –«

»Ich spreche nur aus persönlicher Ueberzeugung.«

»Kann sein, aber diese Ueberzeugung ist entstanden, als meine Mutter Ihnen auseinandersetzte, ich werde bei meiner Armut schwerlich eine gute Partie machen, und diese wäre das größte Glück für mich. Weil ich nicht reich bin, raten Sie mir also, einen Mann zu heiraten, den ich nicht lieben kann, wenigstens nicht so lieben, wie ich den lieben möchte, mit dem ich mein ganzes Leben zubringen soll.«

»Mein Kind, Sie sind in einem großen Irrtum befangen! Weil der Herzog von Aubières ein Edelmann von Geburt und Gesinnung, ein guter Mensch ist, deshalb rate ich Ihnen, ihn zu heiraten, und ich würde Ihnen denselben Rat geben, wenn Sie Millionen hätten.«

»Schnickschnack! Wenn ich Millionen hätte, würden Sie mich gar nicht dazu drängen, den Herzog zu heiraten, sondern würden mich im Gegenteil aufsparen –«

Sie stockte, und der Pater fragte: »Wieso würde ich Sie aufsparen?«

»Für irgend einen früheren Zögling, der in der Patsche säße – gespielt hätte oder so etwas, für den würden Sie mich aufsparen! Das hab' ich so häufig mit angesehen, seit ich überhaupt etwas vom Leben verstehen lernte, daß ich mich oft im stillen glücklich pries, kein Geld zu haben. Oho, dagegen läßt sich nichts sagen – Sie greifen den Ihrigen unter die Arme, Sie lassen keinen im Stich!«

Etwas erschrocken über die eigenen Worte, sah der Flederwisch beinah schüchtern zu dem Priester auf. Allein dessen vornehmes, ernsthaftes Gesicht war jetzt eher von einem Strahl des Wohlwollens erhellt.

»Nach dem Eindruck zu urteilen, den ich von Ihnen empfangen habe, muß Ihnen besonders hoch stehen, wer andre nicht im Stich läßt, Sie müssen die Hilfsbereitschaft lieben?«

»Am einzelnen, ja, an Genossenschaften, nein.«

Der Pater verstummte und sah das junge Mädchen erstaunt an. Seit er in Pont-sur-Sarthe war, begegnete ihm in diesem jungenhaften, halbflüggen Mädchen das erste denkende Wesen, und als sie nun, sein Schweigen als Verabschiedung deutend, aufstehen wollte, fragte er rasch: »Sie müssen viel gelesen haben?«

»O nein, gar nicht viel.«

»Dann haben Sie sich viel Gedanken gemacht über ernsthafte Dinge?«

»Manchmal – zu Pferd – ja, wenn ich reite, denk' ich mitunter nach, denn dann kann ich ja nicht einschlafen. Es kommt ganz unwillkürlich, daß ich mir Gedanken mache.«

»Und das Ergebnis dieser Gedanken fiel nicht zu gunsten unsres Ordens aus?«

»Nein, das heißt – sehen Sie, er macht mir eben gar nicht den Eindruck eines Ordens, wenigstens keines frommen. Die Dominikaner, Kapuziner, Maristen und wie sie alle heißen, die kommen mir wie Mönche vor, denn die predigen, die beschäftigen sich mit dem lieben Gott, die bekümmern sich nur um das, was ich unter religiösen Dingen verstehe, während die Jesuiten – das kommt mir immer vor wie irgend eine Geschäftsfirma. Sie kümmern sich um Politik, um Heiraten, eigentlich um alles – darum sind sie mir unheimlich, obwohl ich doch, weiß Gott, keine Bangebüchse bin.«

»Ich kann Ihnen die Versicherung geben, daß all unsre Arbeit dem Wohl und Heil der Menschheit gilt, mein Kind.«

»Ihrem Wohl – o ja! Dem irdischen Wohl, davon bin ich überzeugt! Dem ewigen Heil dagegen – ich glaube nicht, daß Sie sich viel darum scheren! Und die Menschheit? Darunter verstehen Sie, gerade wie meine Mutter, die Vornehmen und die Reichen, wir kennen das!«

»Sie hegen offenbar starke Vorurteile gegen uns, mein Kind, aber mit Unrecht.«

»O, ich habe gegen die Jesuiten kein größeres Vorurteil als gegen die Freimaurer,« entgegnete Corysa artig, oder gegen die Polytechniker, die ihre Verbindungen durchs ganze Leben fortsetzen. Mir sind alle die Leute zuwider, die sich zusammenrotten, um über den einzelnen herzufallen –«

»Ein Gefühl, das weit führen kann!«

»Sehr weit! Schon wenn ich als kleines Kind mit meiner Wärterin Besorgungen machte und die kleinen Geschäftsleute in den engen Gäßchen klagen, beinah schluchzen hörte darüber, daß die großen Läden in der Benediktinerstraße und am Carnotplatz ihnen alle Kundschaft wegschnappten – wenn ich dann eins dieser Lädchen nach dem andern eingehen sah, wenn ich hörte, daß der oder jener im Gant sei, dann tobte ich förmlich, kann ich Ihnen sagen, gegen diese großen Geschäfte, die all die kleinen verschlingen. Oft und viel hab' ich in meinem Nachtgebet den lieben Gott angefleht, er möchte über Nacht all die großen Läden einstürzen, verbrennen lassen –«

»Das war ein abscheulicher Wunsch, mein Kind!«

»Möglich! Ich will nicht behaupten, daß es schön von mir gewesen sei aber sehnlich gewünscht hab' ich's. Dem Onkel Albert und der Tante Mathilde hab' ich natürlich davon nichts gesagt – bei ihnen hätt's nicht gezündet! Ueberhaupt hatte ich damals niemand, dem ich mein Herz hätte ausschütten können –«

»Und jetzt haben Sie hoffentlich auch niemand, der in dieser Richtung mit ihnen fühlte?«

»O doch! Jetzt kann ich dem Abbé Châtel und meinem Onkel Mark all meine Gedanken anvertrauen.«

»Richtig!« versetzte der Pater mit sauer-süßem Lächeln. »Der Vicomte von Bray ist ja Sozialist, oder wenigstens als solcher bei den letzten Wahlen aufgetreten.«

»Nein,« entgegnete der Flederwisch gereizt, denn ihren Onkel durfte man nicht ungestraft antasten. »Das ist eine Begriffsverwechslung. Der Vicomte, der allerdings das ist, was Sie einen Sozialisten nennen, hat davon bei der Wahl nicht Gebrauch gemacht, er ist ohne Parteifirma aufgetreten.«

»Und ist durchgefallen.«

»Ja,« warf der Flederwisch wütend hin, »weil das Gewähltwerden zu viel Geld kostet –« Mark Bray hatte nämlich einem von den Jesuiten unterstützten Gegner weichen müssen.

Ohne das Zeichen dazu von ihm abzuwarten, erhob sie sich und sagte zu dem Priester, der ganz Ohr und Auge für dieses seltsame Exemplar einer neuzeitlichen, ihm noch unbekannten Gattung war: »Länger darf ich Sie aber nicht aufhalten! Sie waren ja in größter Eile, und all die Damen in der Kapelle werden vor Sehnsucht vergehen.«

Der Pater erhob sich ebenfalls, und als Corysa ihm beim Hinausgehen den Vortritt lassen wollte, bemerkte er mit seinem verbindlichsten Lächeln: »Nein, Komteß! Sie sind kein kleines Mädchen mehr und werden vielleicht demnächst Frau Herzogin sein!«

»Das sollte mich wunder nehmen!« rief der Flederwisch, die blonde Mähne schüttelnd, die in losen Wellen bis auf die Hüften herabfiel.

»Ich bemerke, daß niemand in der Pförtnerei ist – Sie sind doch nicht allein hierher gekommen?« fragte der Geistliche besorgt.

»O nein! Ich werde gar nicht amerikanisch erzogen und habe auf Schritt und Tritt mein Kindermädchen bei mir!« rief sie und setzte, auf den alten Johann deutend, der nächstens im Schlaf von seiner Bank herabgleiten mußte, hinzu: »Sehr dekorativ ist es gerade nicht, mein Kindermädchen!«

Als sie das Gitterthor hinter sich hatte, warf sie noch einen Blick auf die Turmuhr an der Kapelle, um dann hellauf zu lachen.

»Halb sechs Uhr!« sagte sie vor sich hin. »Dieses Mal hab' ich ihnen ein Schnippchen geschlagen, diesen Weihkesselfröschen!«

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