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Flederwischs Heirat

Gyp: Flederwischs Heirat - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorSibylle de Mirabeau
titleFlederwischs Heirat
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1896
translatorEmmy Becher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140811
projectid892c851f
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Viertes Kapitel.

»Hast du den Flederwisch heute schon gesehen?« fragte der Marquis seine Frau, als sie am nächsten Morgen vor dem Frühstück in die Bücherei trat, wo er mit seinem Bruder plauderte.

»Nein – und du?«

»Ich bin ihr gegen neun Uhr in der Benediktinerstraße begegnet,« berichtete Mark. »Sie lief was das Zeug hielt, daß der alte Johann ihr kaum folgen konnte.«

»Wie?« rief die Marquise, schon in Zorn geratend. »Sie ist ausgegangen? Ohne Erlaubnis?«

»Wahrscheinlich zur Messe,« meinte der Marquis beschwichtigend.

»Zur Messe! Sie geht ja nie zur Messe außer am Sonntag.«

»Da kommt sie eben nach Hause,« verkündete Mark vom Fenster her, »sie ist schon im Hof, und zwar mit Luce.«

»Luce« war die Baronin Givry, eine Cousine des Marquis. Sie erschien sofort in der Bücherei, und hinter ihr der Flederwisch mit gleichgelassenem Selbstbewußtsein, das Näschen witternd in die Luft gestreckt.

Ohne die junge Frau auch nur zu begrüßen, trat die Marquise ihrer Tochter in drohender Haltung entgegen und fragte in ihren schrillsten Kopftönen, bei denen Corysa immer die Augen zudrücken mußte: »Wo kommst du her?«

»Von der St. Marcianskirche.«

»Wie? Du, die nie zur Messe geht?«

»Ich war auch nicht in der Messe.«

»Was hattest du dann dort zu suchen?«

»Den Abbé Châtel hab' ich besucht.«

»Weshalb?«

»Weil ich ihm etwas zu sagen hatte.«

»Ach so!« rief die Marquise sichtlich beunruhigt. »Und was hat er dir zur Antwort gegeben?«

»Eh' ich sagen kann, was er mir geantwortet hat, müßte ich doch erst erzählen, was ich ihn gefragt habe! Die Geschichte würde aber zu lang,« warf sie lachend hin.

»Ihr habt euch also an Abbé Châtels Beichtstuhl getroffen?« fragte der Marquis seine Cousine.

»Nein,« erwiderte Frau von Givry in einiger Verlegenheit, »der Abbé ist nicht mehr mein Beichtvater.«

»Was der Tausend!« rief Bray höchlich verwundert. »Du hast ja früher keinen Finger gerührt, ohne vorher bei ihm anzufragen, wie du ihn rühren sollest! Sein Name schwebte beständig auf deinen Lippen – nebenbei bemerkt, es war etwas langweilig. Was in aller Welt ist da vorgefallen?«

Luce von Givry, eine kräftige, starkknochige junge Frau von achtundzwanzig Jahren, mit braunem Haar und auffallend wenig Anmut, war in Pont-sur-Sarthe sprichwörtlich für ihre engherzige, regelrechte, pedantische Frömmigkeit. Duldsam war sie zwar dabei, insofern sie sich nie darum bekümmerte, was Andersdenkende und Anderslebende thun oder lassen mochten. Etwas ruhelos, stand sie an der Spitze aller Wohlthätigkeitsunternehmungen und liebte dabei auch die Gesellschaft leidenschaftlich, ein Gefühl, das ihr nach Onkel Marks Ausspruch mit dem schwärzesten Undank gelohnt wurde. Nicht, daß sie unliebenswürdig oder unbedeutend gewesen wäre, aber sie mißfiel durch gewisse Abgeschmacktheiten und namentlich durch den gänzlichen Mangel von jugendlichem Reiz. Die Frauen fühlten sich durch ihre strenge, lautere Tugend beengt, die Männer entbehrten die Anmut allzusehr und wirklich geschätzt wurde Luce nur von den Ihrigen, die ihre kindliche Güte kannten.

»Sag' nocheinmal, was du eben meinem Bruder vorgeflunkert hast!« verlangte Mark, den Ungläubigen spielend.

Gehorsam wiederholte Frau von Givry: »Der Abbé ist nicht mehr mein Beichtvater.«

»Ihr habt euch entzweit?«

»Entzweit nicht, aber er wollte es nicht mehr sein.«

»Seit wann denn?« fragte der Flederwisch gleichfalls verwundert.

»Seit meinem Ball – jenem Ball, den ich während der Rennen gab.«

»Was ging denn ihn dein Ball an?« bemerkte Mark. »So dumm wird er doch nicht sein, sich in derlei Dinge zu mischen?«

»O nein, das hat er nicht gethan, mein armer Abbé!« versicherte Luce eifrig. »Ich war schuld daran – ich ging am Tag vorher zu ihm und bat ihn um die Erlaubnis, diesen Ball zu geben.«

»Und?«

»Und er sagte mir darauf: ›Mein Kind, das zu beurteilen, ist nicht meines Amtes.‹«

»Ein ganz verständiger Mann!«

»Ich drang in ihn, aber er wollte nicht drauf eingehen. ›Mich, als Priester,‹ hat er gesagt, ›dürfen Sie nicht um die Erlaubnis angehen, in Ihrem Haus Lustbarkeiten zu veranstalten, die unsre Kirche nicht gutheißt.‹ ›Aber mein Mann wünscht, daß wir einen Ball geben!‹ ›Dann geben Sie Ihren Ball – sagen Sie mir nachher davon, und wir werden uns verständigen.‹ ›Aber ohne Ihre Zustimmung mag ich keinen Ball geben.‹ ›Wirklich, mein Kind, Sie bringen mich da in eine geradezu peinliche Lage!‹«

»Darin hatte der Biedermann vollkommen recht,« bemerkte Mark lachend.

»Ein versumpfter alter Trotzkopf ist er!« erklärte die Marquise, die unter den Priestern nur die Jesuiten gelten ließ.

Corysa, die keinen Angriff auf den alten Geistlichen ertrug, weil sie mit warmer Liebe an ihm hing, rief heftig: »Ein Trotzkopf! Der Abbé! Nimmermehr! Aber es ist doch wahrlich nicht seines Amtes, die Leute in Pont-sur-Sarthe noch zum Herumhüpfen anzuhalten. Nur eins ist mir dunkel, Luce – du gehst doch immerzu auf Bälle, es ist sogar deine Hauptbeschäftigung, deshalb dachte ich mir, du hättest die Erlaubnis dazu?«

»Das hab' ich ja gerade dem Abbé gesagt: ›Sie erlauben mir doch sonst auf Bälle zu gehen?‹ – ›Mein Kind,‹ erwiderte er mir darauf, ›das steht in keinem Zusammenhang – ein Ball ist ein Ort, wo man der Verlockung zur Sünde mehr ausgesetzt ist als an andern Orten.‹«

»Ach!« machte der Flederwisch nachdenklich.

»›Wenn Sie also einen Ball geben,‹ fuhr er fort, ›so erleichtern Sie andern die Gelegenheit zur Sünde und tragen in gewissem Sinn die Verantwortung dafür, während ich Sie für Ihre Person ganz wohl ermächtigen kann, Bälle zu besuchen, weil ich sehr genau weiß, daß Sie weder selbst sündigen, noch andre dazu reizen werden.‹ Du findest das komisch?« wandte sie sich an Mark, der sich vor Lachen krümmte. »Mir war's gar nicht komisch, mich hat es aufs äußerste erschreckt! Alle Einladungen waren verschickt, in zwei Tagen sollte der Ball sein, und als ich nach Hause kam, erklärte ich meiner Mutter und meinem Mann, wir müßten den Ball absagen, weil mir der Abbé Châtel die Erlaubnis dazu verweigert hätte.«

»Die werden lange Gesichter gemacht haben!« rief Corysa lachend.

»Das kannst du dir denken! Meine Mutter sagte, es sei verrückt gewesen, dem Abbé überhaupt davon zu erzählen, und Hubert, der war rein wütend. ›Gut, es sei!‹ donnerte er mich an. ›Wir geben keinen Ball, aber da wir jetzt nicht mehr in Trauer sind, können wir auch keine Einladung annehmen, ohne sie zu erwidern, und werden also nicht mehr in Gesellschaft gehen – versteh mich wohl, in keine einzige! Mir nur sehr angenehm, denn mir ist's eine Plage, aber wie wirst du's aushalten?‹ Ich war am Rand der Verzweiflung, da hat sich unser himmlischer Vater meiner erbarmt und mir den Gedanken eingegeben, den guten Pater Ragon aufzusuchen –«

»Darauf läuft's hinaus!« bemerkte Corysa, ein Gesicht schneidend.

»Und der Pater Ragon war nun ganz reizend gegen mich! Als ich ihm meinen Fall vorgetragen hatte, sagte er: ›Wie sagt denn das Evangelium, mein Kind? Das Weib soll unterthan sein dem Manne. Ihr Herr Gemahl wünscht, daß Sie einen Ball geben, also ist es ohne Zweifel auch Gottes Wille.‹«

»Die Idee, unsern lieben Herrgott in solche Geschichten zu verwickeln!« wandte der Flederwisch entrüstet ein. »Ist es nicht abgeschmackt, ihm derlei Dinge auf den Rücken zu laden?«

»Ich war entzückt,« fuhr Frau von Givry fort, »ging sofort zum Abbé Châtel und berichtete ihm alles getreulich. ›Sie sind also sehr befriedigt vom Pater Ragon, mein Kind?‹ fragte er mich. Aus Furcht, ihn zu verletzen, hielt ich mit meinem Entzücken über den Pater hinterm Berg und erwiderte nichts, als ein bescheidenes: ›O ja,‹ worauf er dann eindringlich zu mir sagte: ›Dann bitte ich Sie herzlich, in Zukunft ihm Ihr Vertrauen zu schenken! Mich schmerzt das gar nicht, im Gegenteil – ich habe mich nie so im Beichtstuhl gemopst, als wenn Sie da waren.‹ Gemopst sagte er – könnt ihr's glauben?«

»Das muß er von mir gelernt haben, dieser arme Abbé!« rief Corysa lachend. »Er ist so herzensgut und so drollig!«

»Weißt du, Luce,« bemerkte Mark, »des öfteren solltest du diese Geschichte nicht erzählen.«

»Warum?« fragte die junge Frau harmlos.

»Weil – weil – du dich dadurch lächerlich machen könntest – dich und auch den Abbé,« setzte er hinzu, wohl wissend, daß die Rücksicht auf den einstigen Beichtvater bei Frau von Givry schwerer ins Gewicht fallen würde, als die auf die eigene Würde.

»Der Abbé Châtel stammt aus dem Volke!« rief die Marquise. »Er versteht uns nicht, ihm fehlen Zartgefühl und Verständnis für gesellschaftliche Verhältnisse, weshalb ihn natürlich meine Tochter zu ihrem Beichtvater erkoren hat.«

»Der Abbé Châtel ist gar nicht mein Beichtvater, wenigstens jetzt nicht mehr,« wandte der Flederwisch ein.

»Darf ich bitten, seit wann er's nicht mehr ist?«

»Seit drei oder vier Jahren – seit man sich nicht mehr mit mir beschäftigt und ich mit dem alten Johann allein ausgehe, ungefähr seit meiner ersten Kommunion.«

»Ach!« stieß die Marquise heraus, die einigermaßen bestürzt war, so wenig vom Thun und Lassen ihrer Tochter unterrichtet zu sein. »Und trotzdem steckst du unaufhörlich bei ihm? Was treibst du denn dort, wenn er nicht dein Beichtvater ist?«

»Er ist mein Vertrauter! Ich habe ihn sehr gern und halte ihn für ehrlich und zuverlässig, deshalb erzähle ich ihm, was mich berührt – soweit ich's erzählen kann.«

»So, so – und bei wem gehst du zur Beichte?« fragte die Marquise gereizt.

»Bei niemand oder bei aller Welt, wie du's haben willst! Ich gehe bald dahin, bald dorthin, in den Dom, die neue Kapelle, die Liebfrauen-, die Sankt Marcianskirche, kurz der Reihe nach in alle Pfarrsprengel, und da in jedem mindestens drei Geistliche sind, habe ich die Auswahl! Da ich ungefähr sechsmal im Jahr zur Beichte gehe, kann ich lang' so fortmachen, und wenn ich mich durch alle Pfarrer durchgebeichtet habe, wieder von vorn anfangen.«

»Dieses Kind ist verrückt, rein von Sinnen!« rief die Marquise mit schmerzlichen Klagelauten. »Da irrt sie hin und her, statt sich der Führung eines klugen Beraters anzuvertrauen.«

»Die Führung eines Beraters, ja, das ist des Pudels Kern, und das ist's, was ich eben nicht will,« erklärte der Flederwisch. »Ich thue, was ich für meine Pflicht halte, aber ich thue es nach meinem Sinn. Daß wir beichten, ist uns vorgeschrieben, aber nirgends wird von uns verlangt, daß wir einen Priester, der uns kennt, den wir auch außerhalb der Kirche treffen, in unser Leben einweihen, mit unsern Gefühlen und unsern Fehlern vertraut machen! Für mich gibt's nichts Abscheulicheres, als weltliche und göttliche Beziehungen durcheinandermengen wie einen italienischen Salat – ich finde das widerlich, ekelhaft!«

»Wie abgeschmackt!« schnitt ihr die Marquise das Wort ab. »Von diesem Standpunkt aus könnte man einen Arzt nicht zweimal beraten und müßte ihm überall aus dem Wege gehen!«

»Das ist etwas anderes –«

»Im Gegenteil, genau dasselbe! Dem einen zeigt man seine Seele, dem andern den Leib – was noch schlimmer ist!«

»Meinst du? Nun, ich muß sagen, daß ich für meine Person, wenn's drauf und dran käme, eins oder das andre zeigen zu müssen, noch lieber den Körper zeigte, als die Seele.«

»Schweig!« rief die Marquise mit einer von der Bühne entlehnten drohenden Armbewegung. »Schweigen Sie! Was für ein entsetzliches Geschöpf, ein Mädchen ohne Schamhaftigkeit!«

»Das heißt, ich verstehe eben etwas andres unter Scha – nein, es ist komisch, aber ich kann mich nie entschließen, dieses Wort zu gebrauchen – das kommt nun mir häßlich vor – ich verstehe also wahrscheinlich etwas andres unter Sittsamkeit –«

»Schweigen Sie! Ich beschwöre Sie, zu schweigen!«

Da diese Beschwörung auf Onkel Marks verräterisch ehrlichem Gesicht ein spöttisches Lächeln hervorgerufen hatte, ergoß die Marquise die Schale ihres Zornes nun über sein Haupt.

»Ach! Lachen Sie nur, das kleidet Sie ja vortrefflich! Sie, der Sie zum guten Teil für Corysandes Benehmen und Ton verantwortlich sind!«

Mark zog es in solchen Fällen vor, zu schweigen, was aber nie beschwichtigend, sondern aufreizend wirkte.

»Jawohl, mögen Sie es auch leugnen, ich weiß, daß Sie die Ursache der Störrigkeit dieses Kindes sind, das von Natur schlecht angelegt, trotzdem –«

»Ich will euch nicht länger vom Frühstück abhalten,« erklärte Frau von Givry, die sich zurückziehen wollte, ehe das Gewitter vollends zum Ausbruch käme. Zitternd vor der Marquise, die sie gar nicht anzureden wagte, sagte sie schüchtern zu Corysa: »Es thut mir so leid, den Abbé Châtel aufs Tapet gebracht und dir dadurch Unannehmlichkeiten zugezogen zu haben.«

»Pah!« versetzte der Flederwisch ungezogen, »die sind bei uns an der Tagesordnung, auch wenn niemand Veranlassung dazu gibt – du brauchst dir keine Vorwürfe zu machen!«

Sie wollte hinter ihrer Cousine entschlüpfen, aber die gellende Stimme der Mutter rief sie zurück.

»Bleiben Sie! Ich habe mit Ihnen zu reden!«

Wortlos setzte sich der Flederwisch.

»Nun, mein Fräulein, was für eine Antwort können wir dem Herzog von Aubières erteilen?«

»Gar keine – ich werde ihm selbst antworten,« warf die Kleine gelassen hin.

»Als Mutter habe ich vielleicht doch das Recht, zu erfahren, wie diese Antwort lauten wird?«

»Sehr wohl! Ich kann mich nicht entschließen, den Herzog zu heiraten. Es thut mir furchtbar leid, denn ich habe ihn sehr gern –«

»Der helle Wahnsinn! Kein zweites Mal wird sich eine solche Partie, eine solche Stellung bieten –«

»Ich kann nur wiederholen, daß ich ein Unrecht beginge, wenn ich widerstrebend seine Frau würde. Ueberlegt habe ich mir's reiflich, und mein Entschluß steht felsenfest.«

»Diesen Entschluß wird Ihnen der Abbé eingeblasen haben?«

»Eingeblasen hat er mir nichts, aber recht hat er mir gegeben, nachdem ich ihm gesagt hatte, wie mir's ums Herz ist. Auch dann hat er mir noch zugeredet, meinen Entschluß nicht zu übereilen, bis ich ihm schließlich auch noch erzählte –«

Die Marquise war in Nachdenken versunken und hörte nicht mehr, was ihre Tochter sprach.

»Corysande!« rief sie dann, plötzlich andre Saiten aufziehend. »Mein geliebtes Kind, meine einzige Freude im Leben! Nur für dich hab' ich gelebt! Seit du geboren bist, hat all mein Denken und Sinnen dir allein gegolten –«

So vertraut Corysa mit den gefühlvollen Anwandlungen ihrer Mutter auch war, die Selbstgewißheit, womit diese solche Phrasen vom Stapel ließ, überraschte sie immer aufs neue und hatte etwas unwiderstehlich Komisches für sie. Offenen Mundes, mit funkelnden Augen hörte sie ihr zu, und die Schläfen entlang bebten schon die leisen Anzeichen eines Lachkrampfes. Aengstlich vermied sie es, dem Blick ihres verblüfften Stiefvaters oder den Schelmenaugen des Onkels zu begegnen, weil es sonst um ihre Fassung geschehen gewesen wäre.

»Ich weiß aber, mit welchem Undank du meine Liebe von jeher gelohnt hast,« fuhr die zärtliche Mutter fort, »und werde keinen weiteren Versuch machen, dein Gemüt umzuwandeln. Nicht aus Liebe zu mir, sondern nur um deines eigenen Vorteils willen solltest du diesen Entschluß wohl überlegen, ihn nicht leicht nehmen –«

»Leicht nehme ich ihn gewiß nicht,« versicherte der Flederwisch, der wieder ganz ernst geworden war.

»Aber du hast ihn gefaßt, ohne dich mit irgend jemand zu beraten –«

»Doch, ich habe um Rat gebeten. Aber alle sagen mir, daß ich in diesem Fall nur mein eigenes Herz um Rat fragen dürfe!«

»Ein letztes Mal beschwöre ich dich,« flehte die Marquise mit gefalteten Händen, »warte noch, ehe du dich unwiderruflich aussprichst, besprich dich mit erleuchteten Geistern, zum Beispiel« – sie warf den Namen gleichgültig, wie aufs Geratewohl hin – »dem Pater Ragon.«

»Hollahopp! Da hätten wir's!« rief Corysa, halb erheitert, halb gereizt, »du denkst wohl, er werde auch solche spitzfindige Gründe dafür auftreiben, wie für Luces Ball?«

»Willst du, daß ich dich auf meinen Knieen anflehe?«

»Danke, nein, das würde mir gar kein Vergnügen machen. Mein Gott, was liegt denn schließlich daran? Wenn dir ein Gefallen damit geschieht, geh' ich auch zum Pater Ragon, mir ist's schnuppe! Nur ob er's zwischen mir und dem Herzog so leicht zum Klappen bringt, wie zwischen dem lieben Gott und Luce, das bezweifle ich.«

»Du gelobst mir, ihn heute noch aufzusuchen?«

»Ich gelobe es – meinetwegen!«

»Und auf seinen Rat zu hören?«

»Anhören werd' ich ihn, ob befolgen, weiß ich noch nicht.«

»Was hast du ihm denn gestern abend gesagt?«

»Wem?«

»Dem Herzog von Aubières.«

»Die Wahrheit – daß ich ihn gern habe, aber nicht zum Heiraten, daß ich mir's aber noch überlegen wolle.«

»Und er? Was hat er dir gesagt?«

»Er hat mich geküßt, und das war mir widerwärtig.«

»Weil es der erste Kuß war! Es hat dich eingeschüchtert ...«

»Eingeschüchtert? Mich? Keine Rede! Es war mir einfach gräßlich, aber eingeschüchtert hat mich's so wenig, daß ich ihm gleich gesagt habe, wie unausstehlich mir das Küssen sei!«

»Der arme Teufel!« brummte Mark lachend in sich hinein.

In diesem Augenblick meldete ein Diener, das Frühstück sei aufgetragen.

Während Corysa nach der Mahlzeit den Kaffee eingoß, verließ die Marquise rasch das Zimmer.

»Aha!« rief der Flederwisch, ihr Entschlüpfen gewahrend. »Jetzt wird dem Pater Ragon eingetrichtert, was er mir sagen soll! Höchst überflüssig! Erstens ist mir dieser ganze Pater ein Greuel, mit seinem pfiffigen Gesicht und dem verschmitzten Lächeln – immer so mit heruntergezogenen Lippen wie eine alte Schachtel, die ihre schwarzen Zähne nicht sehen lassen will –«

Wie gewöhnlich begütigend, wandte der Marquis ein: »Man darf einen Menschen nicht so ohne allen Grund verabscheuen!«

»Aber ich habe ja meine guten Gründe!«

»Und diese wären?«

»Daß ich ihn nicht achten kann!«

Onkel und Vater brachen in ein helles Gelächter aus. Die Art, wie dieser Flederwisch einem bedeutenden, außerordentlich einflußreichen Mann, der halb Pont-sur-Sarthe am Gängelband lenkte, ihre Achtung verweigerte, wirkte äußerst drollig.

»Ihr macht euch über mich lustig!« rief die Kleine errötend. »›Achten‹ ist freilich altmodisch, lächerlich, – aber ich finde kein andres Wort, um meine Gedanken auszudrücken, und –«

»Kein Mensch macht sich über dich lustig, mein kleiner Flederwisch!« versicherte der Onkel Mark. »Sei nur ruhig! Und da wir jetzt so hübsch unter uns sind, könntest du uns wohl zum besten geben, was dir der Abbé eigentlich vorgeschwatzt hat – meinst du nicht?«

»Vorgeschwatzt hab' ich eigentlich ihm –«

»Nun, was denn?«

»Ja, ich hab' ihm eben die Geschichte von gestern abend erzählt.«

»Von dem Heiratsantrag?«

»Nein – von dem Kuß, den mir der Herzog gegeben hat.«

»Ach so! Schön, schön! Ich wußte nicht, daß du darin eine ›Geschichte‹ erblickst.«

»Für mich eine sehr wichtige; denn gerade als er's that, war ich beinah geneigt, ja zu sagen, es fehlte kaum noch das Tüpfelchen auf dem I, und pardauz – der Wind schlug um.«

»Aber warum denn?«

»Weil mir's einfach gräßlich war, und da ich vermute, daß eine Frau sich küssen lassen muß, so oft ihr Mann Lust dazu hat, kann ich mich nicht mehr entschließen, die Seinige zu werden. Diese Aussicht – nein – es geht nicht!«

»Und das hast du dem Abbé auseinandergesetzt?« fragte Mark, höchlich belustigt.

»Versteht sich!«

»Wie hast du denn das angefangen?«

»›Der Herzog von Aubières will mich heiraten,‹ sagte ich. ›Und zu Hause will man, daß ich ihn nehme –‹«

»Erlaube,« schaltete der Marquis ein, »ich habe dich nie –«

»Ach was, daß du's nicht bist, weiß er wohl! Wenn ich sage ›man‹, so weiß er schon, wen ich meine. Ich fragte ihn also, wozu er mir rate, und er gab mir zur Antwort: ›Mein Kind, da deine Eltern diese Heirat wünschen, so fragt es sich nur noch, was dein eigener Kopf und dein eigenes Herz dazu sagen – diese beiden werden viel bessere Ratgeber sein, als ich.‹ – ›Mein Kopf,‹ sagte ich dann ›der ist unbedingt dafür, und mein Herz beinah – aber da sitzt der Haken! Der Herzog hat mich nämlich gestern abend im Garten unter den Bäumen geküßt –‹ nun wollte ich ihm beschreiben, wie mir's dabei zu Mute gewesen ist, er aber ließ mich gar nicht weiterreden und sagte einfach: ›Das genügt! Das genügt, mein Kind! Mehr brauch' ich nicht zu wissen!‹ Ja, warum lachst du denn so unbändig, Onkel Mark?«

»O Flederwisch! Du bist zu köstlich! Diese Gespräche mit dem alten, armen Abbé! So recht der Mann für solche Dinge!«

»Gewiß ist er das – dazu ist er ja da! Und mir kam's darauf an, ihm deutlich auseinanderzusetzen, in was für einen wunderlichen Zustand ich in jenem Augenblick gekommen bin.«

»Ach, darauf kam dir's an!«

»Ja, ich sagte ihm, daß ich so was noch nie empfunden hätte, nicht einmal am Neujahrstag, wo ich doch genug ekelhafte Leute küssen müsse!«

»Aber, Kind, Kind, wie kommst du dazu, dem Abbé Châtel zu sagen, du müßtest am Neujahrstag ekelhafte Leute küssen?« fragte ihr Vater in gelindem Entsetzen.

»Weil's so ist! Da kommt zuerst die Frau von Clairville, die mich immer durch ihren nassen Schleier küßt, und dann der Vetter Balue! Meinst du etwa, es sei appetitlich, den Vetter Balue zu küssen? Einen nassen Schleier hat er freilich nicht, dafür küßt er naß – das kommt auf eins heraus! Und doch – trotz alledem – ist mir's, glaube ich, noch lieber, als was der Herzog gestern abend –«

»Der Unsinn ist nicht dein Ernst!«

»Nicht mein Ernst? O, wenn du glaubst, daß mir's um faule Witze zu thun ist, da brennst du dich, mein Lieber! Uebrigens – wieviel Uhr ist's denn?«

»Zwei Uhr.«

»Schon! Da muß ich machen, daß ich fortkomme – ich habe ja versprochen, zum Pater Ragon zu gehen.«

»Das eilt noch nicht; soviel ich weiß, ist er erst von vier Uhr an im Beichtstuhl.«

»Fällt mir nicht ein, zur Beichte zu gehen! Ich suche ihn im Sprechzimmer auf. Am Beichtstuhl könnt' ich lange warten – um vier Uhr da wimmelt's von Weihkesselfröschen – prr!«

Schlitternd glitt sie aus der Bücherei, und bald darauf hörte man ihre helle Stimme nach dem alten Johann rufen.

»Ob dieser Flederwisch nun den Aubières oder einen andern heiratet,« bemerkte Mark wehmütig, »fehlen wird's uns an allen Ecken und Enden, wenn er nicht mehr da ist.«

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