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Flederwischs Heirat

Gyp: Flederwischs Heirat - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorSibylle de Mirabeau
titleFlederwischs Heirat
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1896
translatorEmmy Becher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140811
projectid892c851f
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Drittes Kapitel.

Als sie den hell erleuchteten Empfangsraum betrat, zögerte Corysa ein wenig und musterte mit jenem allen Kurzsichtigen eigenen Einkneifen der Augen den Kreis der Gäste, unsicher, wem ihre erste Begrüßung zu gelten habe. Dann schritt sie auf eine schweigsame alte Dame mit feinen Zügen zu und machte ihr eine Verbeugung, die im Vergleich zu ihren gewohnten Manieren wirklich ehrfurchtsvoll zu nennen war.

Die Gräfin Jarville erfreute sich ihrer Hochachtung, und zwar aus verschiedenen Gründen. Sie fand sie trotz des bescheidenen Auftretens durchaus vornehm und hielt sie für ebenso klug als gut. Außerdem hatte die Marquise eine große Abneigung gegen die alte Frau, die eine entfernte Verwandte ihres Mannes war und in ihren abgetragenen Kleidern, in denen sie ganz den Eindruck eines verblaßten Bildes machte, ihren Salon förmlich verdüsterte. Grund genug, um sie in Corysas Augen zu erhöhen.

»Corysande,« bemerkte die Marquise scharf, »begrüße doch Frau von Bassigny!«

Frau von Bassigny war jene Oberstin, die dem Flederwisch den ganzen Soldatenstand verleidet hatte, eine reiche, eitle Person, die den in bescheidenen Verhältnissen lebenden Offiziersfrauen des Regiments allerlei Aerger und Demütigungen bereitete und den Junggesellen, die ihren Empfangstag vernachlässigten, dienstliche Ungelegenheiten zuzog.

Auf die Bemerkung der Mutter gab das junge Mädchen mit beinah ungezogener Gleichgültigkeit zurück: »Alsbald ... wenn ich erst die Gräfin begrüßt habe.«

Die Marquise warf ihr einen Wutblick zu, während die ehrlichen blauen Augen des Herzogs von Aubières Bewunderung und Beifall ausdrückten. Auch ihm war die Frau seines Kameraden von den Husaren in der Seele zuwider, und es entzückte ihn, daß Corysa sich ihr gegenüber so wenig verbindlich zeigte.

Anfangs hatte ihn Frau von Bassigny mit Liebenswürdigkeiten überhäuft, denn sie wünschte diesen Träger eines großen Namens und hochgebildeten Junggesellen an ihr Haus zu fesseln. Das vornehmste und beliebteste Haus in Pont-sur-Sarthe zu führen, war das Ziel ihres brennenden Ehrgeizes, und sie hatte sofort begriffen, daß nur Aubières' Anwesenheit ihren Gesellschaften diesen Rang sichern könnte. Ein Herzog hat fast in allen Kreisen etwas zu bedeuten, in einer kleinen Garnisonsstadt aber ist er ein großes Licht.

»Wahrscheinlich ein unterm ersten Kaiserreich verliehener Titel,« hatte es anfangs geheißen, und der Träger war mit Neugierde betrachtet worden. Als aber der alte Herr von Blamont aus dem Adelsalmanach nachgewiesen hatte, daß dieser Titel bis vor die Revision von 1667 zurückreichte, war diese Neugierde zur Verehrung geworden. Da er trotz seines bescheidenen Vermögens standesgemäß auftrat, gute Pferde hielt, die er vorzüglich ritt, einen eleganten Phaethon lenkte und in dem neuen Stadtviertel beim Bahnhof ein kleines Haus allein bewohnte, das, wie man sich erzählte, Kunstwerke und Raritäten enthalte, so wurde er die Zielscheibe der Liebesmühen aller Mütter und Witwen der Gesellschaft und aller Damen der Halbwelt von Pont-sur-Sarthe.

Trotz der überschwenglichen Aufnahme, die er bei dem Oberst von Bassigny und seiner Frau gefunden hatte, war Aubières steif und zurückhaltend geblieben und hatte sich auf die unumgänglichste Höflichkeit beschränkt, der Marquise dagegen war das Vergnügen zu teil geworden, den Herzog ihren Gästen vorführen zu können.

Er war nämlich eng befreundet mit ihrem Schwager, dem Vicomte von Bray, der ihn gerne eingeführt hatte, weil in diesem Fall kein Nasenrümpfen der Hausfrau zu befürchten war.

Während die hübschesten Frauen – die Marquise Bray mit eingerechnet, deren Reize auch im herbstlichen Niedergang noch nennenswert waren – ihm um die Wette den Hof machten, hatte der Herzog von Anfang an nur Augen für das ungelenke, schlanke, halbwüchsige Mädchen gehabt, das halb Straßenjunge, halb Träumerin, unbefangen und zutraulich mit ihm verkehrte, während es den modischen Jünglingen der Gesellschaft keinerlei Beachtung schenkte. Wie viel Herzeleid auf dem jungen Geschöpf lastete, fühlte er teils selbst heraus, teils erfuhr er es durch seinen Freund Mark, und ganz sachte und unbewußt war in dem dreiundvierzigjährigen Mann eine tiefe Neigung zu dem fünfzehnjährigen Kind erwacht, das ihn mit seinen blanken Zähnchen so harmlos anlachte.

Als Aubières zuerst dahinter gekommen war, was in seinem allzujungen Herzen vorging, hatte er sich gesagt: »Du bist ein Narr!«

Allmählich aber hatte er sich tiefer in Träume und Gedanken eingesponnen und sich dann gefragt: »Weshalb denn nicht?«

Am heutigen Abend befand er sich in einem Zustand banger Beklommenheit und suchte in Corysas Augen zu lesen, welchen Eindruck seine Werbung hervorgebracht habe, die ihm nun selbst lächerlich und anmaßend erschien, denn der Aermste war ferne von Selbstüberschätzung.

Allein dieser kleine Flederwisch wich seinem Blick aufs eigensinnigste aus. Nachdem sie der Frau von Bassigny ihre Verbeugung gemacht hatte, plauderte sie jetzt mit einem magern, engbrüstigen jungen Menschen, dessen zurückspringende Stirne und gemeines Kinn nicht sonderlich anziehend waren, dem Vicomte von Barfleur, Sprößling einer der ältesten Familien des Landes und Löwe von Pont-sur-Sarthe. Das Gespräch konnte, Corysas zerstreutem, gelangweiltem Ausdruck nach, keineswegs fesselnd sein, und doch faßte Aubières, der sich ihr nicht nähern konnte, einen heftigen Widerwillen gegen die Jammergestalt, die für die ihr zu teil werdende Auszeichnung sicher nicht verantwortlich war.

Mit einem Mal rief Corysas Cousine Genoveva von Lüssy, ein großes, hübsches Mädchen: »Flederwisch! Weshalb warst du denn nicht in der Vorlesung?«

»Wie?« fragte die Marquise bestürzt. »Sie war nicht in der Vorlesung?«

Corysa war dunkelrot geworden. Den kleinen Barfleur seinem Schicksal überlassend, trat sie auf die Mutter zu.

»Nein«, stammelte sie, »nein, ich war nicht dort – ich bin im Garten geblieben,« und mit einem hilfsbedürftigen Blick auf den Stiefvater setzte sie erklärend hinzu: »Es war so wunderschön, so herrlich!«

»Und wohin sind Sie gegangen?« fragte die Mutter.

Bis zu Corysas fünftem Jahr hatten Mutter und Kind einander mit »Sie« angeredet. Die Marquise hatte es so gewünscht, weil, wie sie sagte, das Du zwischen Eltern und Kindern von der Revolution herstamme, nicht vornehm sei und die Standesunterschiede verwische. Eines schönen Tags aber hatte sie, von einer Reise zurückkehrend, die Erklärung abgegeben, »das Wörtchen Du« sei inniger, drücke mehr Vertrauen aus und sei in den tonangebenden Familien von Paris eingeführt. Von nun an mußte Corysa sie du nennen, woran sie sich gar nicht gewöhnen konnte, denn ihr wäre die förmlichste und frostigste Anrede für diese Mutter am passendsten erschienen. So oft aber die Marquise heftig wurde, verfiel sie wieder in das veraltete »Sie« und Corysa griff dann mit Vergnügen zu der durch »Ueberlieferung geheiligten« Form zurück.

»Wie ich Ihnen schon sagte,« erwiderte sie, »bin ich im Garten geblieben.«

»Unbeschäftigt?«

»Nein –«

»Was haben Sie denn getrieben?«

»Ich habe mir die Blumen angesehen.«

»Wie ich mir's dachte!« rief die Marquise und fragte dann mit wichtiger Miene, als ob sie die Studien ihrer Tochter genau beaufsichtigen und ihr womöglich das Versäumte durch eigenen Unterricht zu ersetzen gewohnt wäre: »Wovon hat denn die heutige Vorlesung gehandelt, liebe Genoveva?«

»Die Vorlesung?« wiederholte das junge Mädchen, offenbar ihre Erinnerungen mühselig zusammenklaubend. »Von – von der Fortpflanzung –« man lauschte mit atemlosen Staunen – »von der Fortpflanzung der Phanerogamen.«

Der Onkel Mark zuckte die Achseln und murmelte halblaut: »Der Flederwisch thut wohl daran, die Blumen im eigenen Garten zu studieren!«

Die Marquise, der weder die Phanerogamen, noch andre Pflanzen vorgestellt waren, und die keine Silbe von diesem Thema verstanden hatte, sagte trotzdem in lehrhaftem Ton, aber wieder zum »Du« zurückkehrend: »Hast du dir's gemerkt, Corysa?«

Die Kleine zog es vor zu schweigen, und Fräulein von Lüssy fuhr, zu ihr gewendet fort: »Am Dienstag haben wir eine Vorlesung über den Britannikus.«

»Da komm' ich!« rief Corysa. »Ich hab' den Racine so gern!«

Der kleine Barfleur war sich bewußt, daß ein Weltmann sich an jedem Gespräch, wovon es auch handle, zu beteiligen habe. Er fragte demnach, so einerlei es ihm auch war, aufs verbindlichste: »Und weshalb lieben Sie Racine so sehr, Komteß?«

»Ich weiß es nicht,« gab der Flederwisch ebenso teilnahmslos zurück, erklärte aber nach kurzer Ueberlegung: »Wahrscheinlich deshalb, weil man mir eintrichtern wollte, Corneille stehe höher.«

Ihr Onkel Mark lachte hellauf über diese Begründung.

»Man könnte wirklich meinen,« herrschte ihn die Schwägerin wütend an, »Sie hätten es darauf abgesehen, das Mädchen immer noch abgeschmackter und unleidlicher zu machen!«

»Ich?« stotterte Mark, förmlich vor den Kopf geschlagen.

»Ja Sie, der Sie über alle Dummheiten die sie sagt, lachen, und sie noch als Witze zu bewundern scheinen!«

Schon drang ihre Stimme schrill durch den Raum und sie war im schönsten Zug, ihrem Herzen Luft zu machen, als Corysa außer sich, so vor aller Welt gezaust zu werden, mit funkelnden Augen und zitternden Nasenflügeln die Worte hinwarf: »Wie wär's, wenn man sich wieder unterhielte wie vorher, statt sich mit mir zu beschäftigen?«

Ohne die Wirkung ihres weisen Vorschlags abzuwarten, entschlüpfte sie durch eine der offenstehenden Thüren, die auf die Terrasse und in den Garten führten. Dort harrte ihrer schon ihr liebster Kamerad, eine riesige, stämmige Dogge, mit wilder Miene und sanfter Gemütsart, ihr Freund Gribouille.

Die Nacht war hell, obwohl der Mond nicht schien; eine jener Nächte voll Blumenduft und Feuchtigkeit, wie Corysa sie besonders liebte. In Gribouilles Begleitung entfernte sie sich weiter vom Haus; der starke Duft der weißen Begonien lockte sie, und als sie nun vor dem langgestreckten Beet stand, das silbern aus dem dunkeln Rasen hervorleuchtete, da beugte sie sich mit weitgeöffneten Nüstern durstig hinab und würde sich am liebsten in den Blumen gewälzt haben, wenn sie nicht gedacht hätte: »Es könnte ihnen weh thun!«

Denn der Flederwisch war überzeugt, daß alle Blumen Gefühl hätten und berührte sie daher immer mit unendlicher Zartheit und rührender Vorsicht.

Gribouille brummte, denn es nahte sich ein Schritt, und Corysa wußte sofort, daß es Aubières sein mußte. Den hellen Fleck, den das Kleid des jungen Mädchens im Dunkel bildete, unsicher erkennend, fragte er: »Sind Sie es, Komteß?«

»Ja, ich bin's –«

»Erlauben Sie mir – ein paar Worte?« fragte er zögernd mit bebender Stimme.

»Gewiß –«

»Hat man Ihnen – hat man – wissen Sie ...«

Seine Verlegenheit rührte ihr Herz, und sie kam ihm zu Hilfe.

»Ja – ich weiß, daß Sie heute um mich angehalten haben –«

»Und?« flüsterte er mit zugeschnürter Kehle.

»Und – nun Sie können sich ja denken, daß ich gar nicht darauf gefaßt war, daß – daß ich Mund und Nase aufgesperrt habe vor Erstaunen, und zwar ordentlich –«

»Weshalb? Hatten Sie denn keine Ahnung davon, daß ich Sie seit langer, langer Zeit lieb habe?«

»Nein, das hab' ich nie geahnt,« erwiderte sie ehrlich.

»Und doch ist dem so! Ich liebe Sie, seit ich Sie kenne.«

»Das wundert mich aber, denn als Sie mich zum erstenmal sahen, hab' ich Ihnen doch ganz gewiß keinen angenehmen Eindruck machen können, ganz im Gegenteil!«

»Als ich Sie zum erstenmal sah?«

»Ja, bei Tisch. Ich saß neben Ihnen und muß Ihnen strohdumm vorgekommen sein. Freilich haben Sie mich auch nicht übel angeödet mit ihren Sportgeschichten und all dem Kram!«

»Aber ...« stammelte der Unglückliche höchlich bestürzt, »ich wußte nicht recht, was ich mit Ihnen sprechen sollte, und ich –«

»Ach, ich bin Ihnen noch herzlich dankbar, daß Sie wenigstens nicht vom Dienst sprachen – das hätte mir gerade noch gefehlt!«

»Wie Sie sich über mich lustig machen! Sie finden mich demnach langweilig, abgeschmackt?«

»Ach nein, ganz und gar nicht!« widersprach der Flederwisch mit Ueberzeugung. »Fällt mir gar nicht ein! Ich hab' Sie sogar sehr gern, ich freue mich immer, wenn ich Sie sehe –«

»Nun denn?« stieß er freudiger Hoffnung voll heraus.

»Ja – wenn ich Sie sehe – so zufällig – aber wenn ich Sie immer, immer – die ganze Zeit sehen sollte, dann –«

»Also, Sie wollen mich nicht haben?«

Corysa fühlte sich versucht, diese bündige Frage mit einem bündigen Nein zu beantworten. »Dann wäre die Sache wenigstens abgemacht!« dachte sie, aber in der erstickten Stimme, die jene Frage gestellt hatte, lag solche Herzensangst, die hohe Gestalt beugte sich mit einem solchen Ausdruck des Flehens zu ihr herab, daß ihr der Mut fehlte, dem Freund, der sie so innig zu lieben schien, derart weh zu thun.

»Das möchte ich noch nicht sagen,« erwiderte sie sanft. »Ich bin Ihnen ja so dankbar, daß Sie mich lieb haben, es thut mir so wohl, aber ich bin noch ein rechter Backfisch! An so ernsthafte Sachen hab' ich noch gar nicht gedacht – lassen Sie mir ein wenig Zeit, verlangen Sie nicht, daß ich jetzt ja oder nein sage, denn sonst –«

»Ich werde geduldig auf Ihren Entschluß warten, aber vergönnen Sie mir, daß ich mich etwas eingehender ausspreche.«

Da Corysa die Richtung nach dem Haus einschlagen wollte, zog er ihren Arm durch den seinigen und nötigte sie auf diese Weise, wieder umzukehren.

»Ich bitte, schenken Sie mir noch ein paar Minuten, Ihre Frau Mutter selbst hat mich ermächtigt, Sie hier aufzusuchen.«

»Dacht' ich mir's doch!« rief der Flederwisch entschieden.

»Ich komme Ihnen alt vor,« begann die klangvolle Stimme von neuem in echtem Herzenston, »trotzdem habe ich Ihnen ein junges Herz zu bieten, ein Herz, das sich noch nie verschenkt hat.«

»Oho!« rief Corysa verblüfft. »Sie wollen doch nicht so alt geworden sein, ohne jemand geliebt zu haben? Nur immer ehrlich!«

»Geliebt, was ich unter Lieben verstehe – habe ich nie!« versetzte er mit tiefem Ernst.

»Ja, was verstehen Sie denn unter Lieben?«

»Daß man sein ganzes Ich, sein ganzes Leben hingibt.«

»Ja, versteht man das nicht immer darunter?«

»Immer – nun ja – das heißt – es kommt eben darauf an –« stotterte Aubières in einiger Verlegenheit.

»Sehen Sie,« erklärte Corysa rundweg, »ich will Ihnen ganz offen sagen, daß ich Ihnen das nicht glaube, nicht glauben kann –«

»Und weshalb nicht?«

»Ja, das ist nun eine heikle Geschichte! Aber heraus damit! Also, im Frühjahr, da bin ich mit Onkel Mark im Park von Crisville geritten, und da hab' ich Sie gesehen – ganz von ferne – mit einer Dame. Erkannt hab' ich Sie auf der Stelle, niemand in ganz Pont-sur-Sarthe ist ja so groß, als Sie – und Sie gingen zu Fuß, hinter Ihnen her aber fuhr eine Droschke, eine von den kleinen, elenden Droschken, wie sie am Bahnhof stehen. Die Dame aber, die war eine von denen, die man nie erwähnt. Niemand spricht von ihnen, höchstens meine Mutter und die Frau von Bassigny, die nennen sie dann immer: »diese Personen«, und auf der Straße machen sie einen weiten Bogen, um nicht an den Kleidern dieser Damen zu streifen, gerade als ob man sich dran verbrennen könnte – verzeihen Sie, wenn ich so etwas sage von jemand, den Sie lieben –«

»Ich!« rief der Herzog halb belustigt, halb verzweifelt.

»Oder den Sie geliebt haben,« verbesserte sich dieser unerbittliche Flederwisch. »Und da hab' ich zu meinem Onkel gesagt: ›Schau, schau, der Herzog mit der Dame, von der man nicht sprechen darf!‹ Ja so, das hab' ich ja vergessen – Sie müssen wissen, daß Genovevas Bruder Paul, der Jurist ist, auch wegen dieser Dame Dummheiten gemacht hat, und zwar gerade als man ihn verloben wollte, und Ihres Generals Tochter, Georgine Guibray, hat meiner Cousine im Park einmal eine Dame gezeigt und ihr gesagt: ›Siehst du, der zuliebe macht dein Bruder solchen Unsinn!‹ Und dann hat Genoveva sie mir auch gezeigt, und ich habe den Papa beim Frühstück gefragt, wer sie eigentlich sei. Hat's da ein Donnerwetter gesetzt! Aufgesprungen ist meine Mutter und hat mich, die Serviette schwingend, als ›schamloses Mädchen‹ verflucht! Und ich, ich war so grün, daß ich gar nicht begreifen konnte, was ich angestellt hatte! Nach dem Frühstück nahm mich dann der Papa ins Rauchzimmer mit und sagte mir, daß ich nie von derartigem sprechen dürfe, am wenigsten vor meiner Mutter, daß die ›Halbwelt‹ für uns nicht vorhanden sein solle und daß sie eine Gesellschaft für sich bilde. Als ich abends zu Bett ging, fing meine Mutter noch einmal von vorne an – Sapperment, solch eine Brause ist mir noch selten über den Rücken gelaufen! Aber ich langweile Sie wohl, indem ich Ihnen das alles erzähle?«

»O nein, ich möchte Ihnen nur erklären –«

»Warten Sie, bis ich fertig bin! Also: ›Schau, schau, der Herzog mit der Dame, von der man nicht spricht!‹ Hab' ich zum Onkel Mark gesagt, und er darauf: ›Du weißt nicht, was du redest! Du bist kurzsichtig wie ein Maulwurf und kannst auf diese Entfernung keinen Menschen erkennen.‹ Dann schlag' ich vor, im Trab näher zu reiten, er aber will nicht, und beim ersten Seitenweg – hast du nicht gesehen! – drängt er mein Pferd hinein, damit ich den Mittelweg nicht mehr übersähe. Das war damals alles –«

»Ich werde Ihnen –«

»O, ich bin noch nicht fertig! Etwa vier Wochen später seh' ich Sie wieder mit der nämlichen Dame, fast auf dem nämlichen Fleck. Dieses Mal war der alte Johann mein Begleiter und ich sage mir also: ›Die müssen in der Nähe betrachtet werden!‹ Denn ich bin nicht so furchtsam wie meine Mutter und die Frau von Bassigny und hab' keine Angst anzubrennen. Also Trab! Da fängt der Johann an: ›Gnädige Komteß – der Weg wird hier höllisch schmutzig – die Gäule könnten stecken bleiben – ich meine, wir sollten umkehren.‹ Sie können sich denken, daß ich nicht auf ihn hörte, aber in diesem Augenblick steigen Sie, mir nichts dir nichts, in die alte Droschke, und diese rasselt in der Richtung nach Crisville davon. Ich natürlich: ›Johann, ich will sehen, wo die hinfahren!‹ er aber: ›Komteß, so was darf man nicht thun!‹«

»Und dann?«

»Dann ritt ich doch nach, verlor den Wagen aber bei einer Kreuzung aus den Augen, entdeckte ihn indes später doch wieder! Vor dem Wirtshaus in Crisville stand die elende Mähre und fraß, Sie aber waren im ersten Stock – mit der Dame. Und da hab' ich mir gedacht –«

»Sie dachten?«

»Wenn der Herzog sich im Wald und in Dorfschenken herumtreibt mit einer Frau, mit der er sich öffentlich nicht zeigen kann, so muß ihm furchtbar viel daran liegen, mit ihr zusammen zu sein, und wenn ihm so viel daran liegt, so liebt er sie, gerade wie Paul von Lüssy sie geliebt hat – ja noch viel mehr! Denn um sich der Gefahr auszusetzen – er – als Oberst, als ernsthafter, älterer Mann –«

Des Herzogs Arm zuckte ein wenig.

»Ja wohl – im Vergleich mit Paul, der damals erst zweiundzwanzig Jahre alt war, sind Sie doch ein älterer Mann, nicht wahr? Nun also, wenn ein solcher thut, was man schon bei diesem Windbeutel eine Dummheit nannte, so muß –«

»So muß er sich in Pont-sur-Sarthe gründlich gelangweilt und Zerstreuung gesucht haben – wo sie eben zu finden war. Ich kann Ihnen nicht näher erklären, was Ihnen zu verstehen nicht frommte, aber wie viel Sie auch von meinem thörichten Treiben gesehen oder gehört haben mögen, ich darf Ihnen mit gutem Gewissen sagen, daß ich nicht unwürdig bin, Sie zu lieben und Ihr Gatte zu werden. Bis zu der Zeit, wo ich Sie kennen lernte, habe ich nie daran gedacht, meinen Namen und mein Herz einer Frau zu schenken, und trotz meines ›hohen Alters‹ ist die Liebe, die ich Ihnen darbringe, sehr jung und rein.« Den schmächtigen Arm, der in dem seinigen ruhte, leicht an sich pressend, flüsterte er ihr ins Ohr: »Geben Sie mir ein wenig Hoffnung – ich bitte Sie!«

»Wenn ich nicht auf der Stelle ja sage,« erwiderte Corysa offenherzig, »so liegt es daran, weil ich nur einen Mann heiraten will, den ich liebe oder von dem ich doch spüre, daß ich ihn lieber haben könnte als alle andern. Die Gesellschaft ist mir ein Greuel, den Leuten schön thun und Kratzfüße machen kann ich nicht. Bis jetzt habe ich noch niemand wirklich lieb gehabt, als den Onkel und die Tante Launay, meinen Papa, den Onkel Mark, den alten Johann, meine Wärterin, Gribouille und die Blumen, und meinen Mann will ich sehr lieb haben, sehr treulich lieben, wenn ich auch noch nicht recht weiß, was das für eine Art von Liebe ist.«

Aubières war stehen geblieben, ergriff beide Hände des jungen Mädchens und preßte seine Lippen darauf.

»Ich wäre namenlos unglücklich, wenn ich auf Sie verzichten müßte –«

Sanft zog er sie an sich, und sie ließ ihn gewähren; diese bebende Stimme ging ihr zu Herzen.

»Flederwisch!« flüsterte er. »Mein kleiner Flederwisch!«

Traumverloren lehnte sie das Köpfchen an seine Schulter, im stillen überlegend, ob es ihr denn nicht möglich sein würde, den Mann lieb zu gewinnen, der sie so lieb hatte und der solch ein guter Mensch war.

Erregt von der Berührung des schlanken jugendlichen Körpers, der sich so vertrauensvoll anschmiegte, berauscht von dem betäubenden Blumenduft, durch die Dunkelheit ermutigt, verlor Aubières plötzlich den Kopf. Das junge Kind leidenschaftlich an sich reißend, bedeckte er ihre Stirne und ihr Haar mit glühenden Küssen.

Heftig, fast mit Grauen und Widerwillen, riß sich die Kleine los, und als der Herzog, trostlos über den sofort erkannten Mißgriff, verzweiflungsvoll ausrief: »Verzeihen Sie! Ich habe Sie so lieb!« gab sie ihm, schon von ihrem Schrecken erholt, dessen wahre Ursache sie in ihrer Unschuld nicht erkannte, zur Antwort: »Ich bitte Sie auch um Verzeihung! Aber sehen Sie, ich kann nun einmal das Küssen nicht leiden.«

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