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Flederwischs Heirat

Gyp: Flederwischs Heirat - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorSibylle de Mirabeau
titleFlederwischs Heirat
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1896
translatorEmmy Becher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140811
projectid892c851f
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Zweites Kapitel.

Der Flederwisch war in Sätzen in sein Zimmer gerast, hatte den Hut verkehrt auf die blonde Mähne gestülpt, war dann wie die Kugel aus dem Rohr ins Anrichtezimmer geflogen und hatte sich des alten Johann bemächtigt, der gerade dabei war, seine derben Hände mühsam in die weißen Zwirnhandschuhe hineinzuzwängen.

»Mach schnell! Fertig! Du mußt mich zur Tante Mathilde begleiten.«

»Aber, gnädige Komteß – nein, so was! Heut haben wir ja Gäste und ich muß an die Hausthüre – jeden Augenblick kann jemand kommen ...«

»Ist mir schnuppe! Du hast Zeit genug und wirst im Nu wieder da sein ... Wir gehen im Sturmschritt.«

»So, so! Im Sturmschritt, bei der Hitze, das wird ja nett,« brummte der alte Kutscher, indem er mit gespreizten Fingern vollends in die Handschuhe hineinfuhr, was aber Mühe und Zeit kostete. Corysa zerrte ungeduldig an seinem Arm.

»So mach doch!«

Alle zehn Finger steif ausgestreckt, starrte er sie erschrocken an.

»Komteßchen! Sie haben also gar nicht die Erlaubnis?«

»Doch – ich hab' sie, ohne sie zu haben – nur vorwärts!«

»Ich nehme Gift drauf, daß es nicht wahr ist ...«

»Doch, ich habe Erlaubnis – vom Papa.«

»Das kommt auf eins heraus! Was der Herr Marquis erlaubt und was er befiehlt, ist in den Wind gesprochen.«

Als sie durchs Speisezimmer gingen, blieb Corysa überrascht stehen und überflog die Zahl der Gedecke.

»Was? Eine ganze Gesellschaft! Ich dachte, nur der Herzog von Aubières käme – nun, wohin gehst du denn?«

»Meine Mütze hol' ich in der Sattelkammer – ich komme gleich nach.«

Corysa hatte den Hof schon flüchtigen Fußes durcheilt, als ihr der Alte nachkam und nun in wohlgemessenem Abstand hinter ihr die Straße betrat. Mit einem Mal drehte sie sich um und fragte ihn: »Du kennst doch den Herzog von Aubières – wie findest du ihn?«

»Ich? Ich meine, einen besseren Oberst könnte man sich gar nicht denken.«

»Hm! Schön und gut, mein armer Johann, aber – ich soll ihn nämlich heiraten!«

»Oho!« entfuhr es dem alten Kutscher vor Verblüffung, über die Corysa hellauf lachen mußte. »Das kann nicht Ihr Ernst sein! Er könnte ja dem Alter nach Ihr Vater ...«

»Einerlei, man will es haben – die Frau Marquise will es haben.«

»Ach so! Ja, ja, einen vornehmen alten Namen hat er, der Herr Herzog.«

Der Alte kannte seine Gebieterin.

»So geh doch neben mir!« befahl Corysa ungeduldig. »Ich bekomme ja einen steifen Hals, wenn ich mich immer nach dir umdrehen muß.«

»Darf ich nicht, Komteßchen! ›Fünf Schritt hinter der Komteß gehen, wenn man sie auf der Straße begleitet,‹ so haben's die Frau Marquise strengstens befohlen.«

»Das gilt für die andern, aber nicht für dich! Sollen wir zwei steif miteinander thun? Bist du denn nicht zur Hälfte meine Kinderfrau gewesen? Ach, da sind wir ja schon!«

Johann richtete den Blick auf das stattliche alte Haus mit seinen Granitquadern, und brummte mit einem tiefen Seufzer vor sich hin: »Das kann man sagen, ein gutes Haus, wo's einem wohl drin ist, und eine gute Herrschaft! Nicht, daß ich was gesagt haben möchte gegen den Herrn Marquis, nein, nein, eine gute Seele, wie's nur eine gibt, nur daß es nicht oft nach seinem Kopfe geht! Bei Herrn und Frau von Launay, da war's freilich anders, da that jedes was es wollte, nur daß eins immer wollte, was dem andern auch nach dem Sinn war –«

»Es reut dicht wohl, daß du nicht dort geblieben bist?«

»Reut mich nicht, denn ich hab' ja nur gekündigt, um bei Ihnen sein zu können, und bei Ihnen bleibe ich auch. Aber wenn Sie heiraten, den Herrn Herzog von Aubières oder sonst wen – dann, dann werd' ich wohl am längsten da gewesen sein – nämlich von wegen der Frau Marquise.«

Da Corysa keine Antwort gab, setzte er rasch hinzu: »Eine Sünd' und Schande ist's, wenn ich mich bei Ihnen über sie beklage! Erstens einmal ist's halt doch immer Ihre Mama, und dann sind Sie noch übler dran als ich. Wenn mir's nicht paßt, kann ich ja gehen – Sie nicht.«

Nach einer Pause hob der wackere Alte, seinen Gedanken weiterspinnend, wieder an: »Meinen Sie, daß sie mich wieder nehmen thäten, der Herr und die Frau von Launay? Sie wissen's ja gut, daß ich nur meinem Komteßchen zulieb gegangen bin, und sie haben mir's selbst gesagt, seit ich fort sei, werden die Gäule bei weitem nicht mehr so gut behandelt –«

»Aber du weißt doch, daß du immer bei mir bleiben mußt, mein alter Hans – wenn ich gehe, nehm' ich dich mit!«

Sie hatte den schweren Thürklopfer gerührt und stand jetzt unter dem weiten Bogen der Einfahrt.

»Wahrhaftig? Sie würden solch einen alten Kerl noch in Ihren Dienst nehmen? Einen Kutscher ohne Schick, mit dem kein Staat zu machen ist?«

»Gerade wie du bist, gefällst du mir, wenn's auch richtig ist, daß du keine Schönheit bist!«

Flederwischs Erscheinen im Speisezimmer, wo Onkel und Tante sich eben zu Tisch gesetzt hatten, verursachte einen wahren Aufruhr. Die Tante, wie der Onkel fuhren mit einem Freudenschrei von ihren Stühlen auf, und auch der alte Bediente gestattete sich ein vergnügliches Grunzen, denn in dem alten Haus, wo sie ihre erste Kindheit verlebt hatte und wohin sie so gern zurückkehrte, so oft sie daheim entwischen konnte, wurde dieser kleine Flederwisch einfach vergöttert.

Zehn Jahre war sie alt gewesen, als die Mutter sie bei ihrer zweiten Heirat dem alten Paar weggenommen hatte, das allmählich auf den Glauben gekommen war, sie gehöre ihnen. Es hatte ihnen fast das Herz gebrochen, und Corysa war nicht minder unglücklich gewesen und bange vor der Zukunft.

Solange sie denken konnte, hatte die Mutter sie gescholten und geschüttelt; solange sie denken konnte, hatten Onkel und Tante zärtlich für sie gesorgt und sie mit Liebe umgeben.

Hatte sich aber die Gräfin Avesnes zeitweise in Pont-sur-Sarthe aufgehalten, so war Corysa, ein von Natur heiteres, aber durch trübe Erfahrungen bedrücktes Kind, in beständiger Unruhe gewesen, denn ihr kleines Herzchen war dann zwischen Schmeicheleien und Kränkungen hin und her gezerrt worden.

Schon in der Zeit, als sie, noch ein ganz kleines Dingelchen, auf ihrem hohen Kinderstuhl zwischen den beiden Alten, die das Lockenköpfchen nie aus den Augen ließen, gesessen und die geharnischten und steif eingeschnürten Vorfahren der Avesnes an den Wänden angestarrt hatte, waren in diesem Kind allerlei Gedanken aufgestiegen.

Sie hatte sich überlegt, daß Leben und Lachen sehr angenehme Dinge seien, daß es köstlich sei, auf dem dicken Teppich im Empfangszimmer herumzukollern oder im Sommer auf dem Rasen des Hausgartens, der eigentlich feucht und düster war, für sie aber der Inbegriff von Sonnenschein und Lust. Sie war sich bewußt geworden, wie lustig es doch sei, mit den Hunden, Pferden, Vögeln, Blumen und Puppen zu schwatzen, daß aber all diese Freuden nicht dauern würden. Eines Tages, vielleicht morgen schon, konnte es geschehen, daß gegen Abend die Thorflügel der großen Einfahrt sich öffnen, eine schwerfällige, ihr wohlbekannte Kutsche hereinrollen und der Onkel sich etwas mühsam herabbeugen, sie küssen und in gepreßtem Ton sagen würde: »Mein kleiner Flederwisch! Deine liebe Mutter ist angekommen – du mußt ihr mit Claudine entgegengehen.«

Vorbereitet wurde sie längst nicht mehr aus dieses Ereignis, denn Onkel und Tante hatten beobachtet, daß ihr Schlaf und Appetit vergingen, wenn die Rückkehr der Mutter bevorstand. Auch stellten sich dann häufig Thränen ein, obwohl sie im letzten Augenblick immer gefaßt war und mutig in den sauren Apfel biß.

Lange vorher schon malte sie sich aus, wie sie dem Onkel gehorchen wolle, wie sie mit einem Zipfel von Claudines Schürze im Händchen trockenen Auges die Treppe hinuntergehen und allerhöchstens ein Mäulchen ziehen würde, was dann die gute Seele von einer Bretagnerin zu tröstendem Zuspruch bewegen würde.

»Nur nicht bange sein, mein armer Flederwisch,« würde sie mit ihrer tiefen Stimme sagen. »Vernünftig sein heißt's jetzt.«

Und dann glaubte sie schon ihr eigenes Stimmchen zu hören, das der treuen Wärterin erschrocken zuflüsterte: »Gib nur acht, daß du mich nicht ›du‹ nennst! Sag' doch ja ›gnädige Komteß‹; du weißt ja, daß sie's haben will. O bitte, bitte, nimm dich in acht!«

Die Scheltworte, die auf Corysa herabregneten, schmerzten sie sicherlich, aber sie thaten ihr lange nicht so weh, als die Vorwürfe, die den andern galten.

Wenn sie ihre Tante Mathilde leise weinend in ihrem Zimmer sitzen oder einen fortgejagten Bedienten mit bleichem Gesicht seinen Koffer hinausschaffen sah, das erschütterte ihr kleines Herzchen derart, daß sie die ganze Nacht mit weitgeöffneten Augen und zitternder Kinnlade in ihrem Bettchen lag.

Und all diese Dinge stellte das Herannahen der großen Kutsche in sichere Aussicht. Selbst mitten im Spiel glaubte das Kind oft ihr Gerumpel zu hören, und der Berg von aufgeschichteten Gepäckstücken drängte sich manchmal in die Bilder ein, die sie am liebsten betrachtete, den Wasserspiegel, die Glut im Kamin, ein Blumenbeet.

Jahrelang hatte der Flederwisch so dahingelebt, lachend, und doch innerlich bedrückt, unfähig, in den friedlichen acht bis zehn Monaten, des Jahres den Eindruck jener bösen Wochen ganz von sich abzuschütteln, im voraus schon den gelenkigen, kräftigen Körper zusammenduckend, um irgend einem entsetzlichen Stoß auszuweichen.

Daß ihre Mutter sich wieder verheiraten wollte, wäre ihr an sich gänzlich gleichgültig gewesen, aber es wurde ihr zum Entsetzen, als sie erfuhr, daß sie deshalb das alte Haus verlassen müsse, wo sie aufgewachsen war, die guten Verwandten, die sie erzogen hatten. Den Marquis von Bray kannte sie vom Sehen, denn er ritt öfters mit seinem Bruder Mark am Haus vorüber. Bisher hatte sie ihn sehr bewundert, als er aber ihre Mutter heiraten wollte, folgerte sie daraus, er müsse ihr gleichen, und glaubte ihr letztes Stündchen gekommen.

Voll Selbstbeherrschung, wenn sie es für nötig hielt, hütete sie sich wohl, ihre Befürchtungen laut werden zu lassen, und begnügte sich mit stummem Widerstand. Als die Gräfin Avesnes ihr mit den schönsten Redensarten auseinandersetzte, daß sie diesen Entschluß nur aus Mutterliebe und zum Vorteil ihres Kindes gefaßt habe, erwiderte sie kein Wort, und als der Marquis den alten Launays einen Besuch machte und Corysa kennen lernen wollte, war sie nirgends zu finden. Sie hatte sich in einem Winkel des Gartens ins dichteste Gebüsch verkrochen.

Bleich, mit aufeinandergepreßten Lippen und hartem Blick wohnte sie der Trauung im Dom bei, wobei sie unklar empfand, daß die feierliche Handlung die letzte Erinnerung an den Papa auslösche, den sie nicht gekannt, der sie aber vielleicht lieb gehabt hätte. So hatte die Kleine verzweifelnd und voll Bitterkeit im Herzen das neue Heim betreten.

Der Marquis gewann sie auf der Stelle lieb, aber wohl ahnend, was in dem jungen Gemüt vorging, wollte er die Annäherung nicht verfrüht herbeiführen; die Unverträglichkeit seiner Frau sollte sie jedoch beschleunigen.

Ganz verstört von Lärm und Zank, Thränen und hochstelzigen Reden der Marquise suchten diese beiden sonnigen und harmlosen Naturen unwillkürlich Schirm und Schutz bei einander; die Gelegenheiten, sich zu sehen, wurden unbewußt vermehrt, und der Flederwisch fand bald nur noch in Gegenwart des Vaters etwas von der alten fröhlichen Unbefangenheit.

Die Kleine hatte immer ihren Stolz darein gesetzt, niemand merken zu lassen, wie sie sich vor der Mutter fürchtete. Gab es eine Scene, so reckte sie sich hoch auf, heuchelte eine Ruhe, die höchst aufreizend wirkte, und streckte ihr Näschen vornehm in die Luft, während ihr doch die Kniee wankten und sie ihre Zähne klappern fühlte.

Eines Abends verriet sie jedoch ihre Schwäche. Im Flur des oberen Stockwerks von der Mutter mit bösen Worten verfolgt, schwang sie sich aufs Treppengeländer, glitt pfeilschnell hinab und stürzte in die Bibliothek, wo sie sich atemlos, an allen Gliedern zitternd, hinter der Thür versteckte und auf die Schritte der Verfolgerin lauschte.

Mark von Bray, der im Haus seines Bruders wohnte, saß fern von der Lampe rauchend in einem Lehnstuhl. Sie hatte sich allein geglaubt, nun wurde sie sanft beim Namen gerufen.

»Ach,« sagte sie ärgerlich. »Sie sind da?«

»Leider ja, meine Gnädige!« versetzte er neckend. »Ich bin nun einmal da – störte ich Sie etwa?«

Der Flederwisch liebte die Wahrheit und erwiderte, auf ihn zugehend: »Ja! Sie haben gesehen, daß ich mich fürchte, und das ist mir unangenehm.«

Er lachte, sah das Kind aber gütig und liebevoll an.

»Du bist mir ein netter Flederwisch! Ja, wenn du dich vor Gespenstern oder vor einem Kanonenschuß fürchtetest, dann müßte ich dir sagen, daß Furcht für einen Abkömmling der tapferen Avesnes schmählich sei, aber vor deiner Mutter? Wenn du wüßtest, welche Angst ich alter Knabe vor der habe, würdest du dich nicht mehr schämen!«

»Ach! Sie auch?« flüsterte Corysa zutraulicher. »Ihnen hätt' ich's nicht angesehen!«

»Ja, wenn sie da ist, laß ich mir's auch nicht anmerken, denn sie würde sich diebisch drüber freuen, aber wenn ich allein bin, da zittre ich wie Espenlaub. Erst heute beim Frühstück, als sie den unseligen Joseph abkanzelte, ist mir's so gegangen! Ich wollte nichts sagen, mich nicht einmischen, und dabei ist mir vor lauter Angst eine Pflaume im Hals stecken geblieben. Du hast's ja gesehen, wie ich hinausstürzte, um in der Halle wenigstens in Ruhe ersticken zu können.«

In ernstem Ton setzte er dann hinzu: »Höre mal, Flederwisch, du solltest meinem Bruder dein kleines Herz ausschütten.«

»Meinen Sie?« fragte Corysa.

»Ja, du solltest ihm offen sagen, was dich bekümmert und ängstigt.«

»Was vermag er denn?« meinte die Kleine wieder mutlos.

»Nun, nun, schließlich ist er doch der Herr im Hause!«

Corysa riß die Augen weit auf.

»Er? Das ist ja gar nicht möglich!«

»Ja, ja, man merkt freilich nicht viel davon, das gebe ich zu,« versetzte Mark lachend. »Ihm graut vor Streit und Zänkereien, drum gibt er lieber nach, solange die Sache nur seine Person betrifft, handelt sich's aber um andre –«

»Dann?«

»Dann ist es etwas andres, besonders wenn es sich um dich handelt! Schon im Andenken an deinen Vater, dessen Freund er war, und auch um deinetwillen, denn er hat dich lieb –«

Die Kleine horchte auf.

»Ja, sehr lieb hat er dich,« betonte Mark, »und ich, ich habe dich auch lieb, du kleiner Flederwisch! Wir haben's dir nur noch nie gesagt, weil man einem Igel, der sich immer aufrollt und seine Stacheln zeigt, nicht leicht nahe kommt.«

In diesem Augenblick war der Marquis eingetreten, und sein Bruder hatte ihm entgegengerufen: »Gut, daß du kommst, Peter! Sag einmal diesem Flederwisch, daß wir beide es gut mit ihm meinen – es kommt mir vor, als ob sie's heute glauben würde.«

Von diesem Tag an war in dem verschlossenen Kinderherzen eine große Liebe erblüht und hatte ihr Leben bereichert.

* * *

»Wie kommt's, daß du uns heute die Ehre schenkst?« fragte der Onkel Albert ganz entzückt. »Ich glaubte, ihr hättet Gäste zu Tisch?«

Corysa schnitt ein Gesicht und zwinkerte listig mit den Augen.

»Den Herzog von Aubières – hm?« fragte sie. »An meiner Stelle würdest du ihn wohl heiraten, sag einmal?«

»Aber Flederwisch!« mahnte die Tante erschrocken mit einem Blick auf den Diener, der ein drittes Gedeck auflegte.

»Pah – was schadet's? Um vier Uhr scheint er seinen Antrag gemacht zu haben, um fünf Uhr hat man mir's mitgeteilt, also wird ein Teil der Stadt es heute noch erfahren, und dem andern wird's meine Mutter morgen verkündigen, denn es klingt ja großartig. Ihr habt's also auch schon gewußt, daß er mich heiraten will?«

»Wir wissen's von deiner Mutter, die uns die Nachricht selbst brachte und uns auf heute abend zu Tisch bitten wollte,« erwiderte Herr von Launay.

»Ach so! Ich begreife! Man will ihn den Verwandten vorstellen und mir ein Ja abzwingen.«

»Vorzustellen braucht man ihn uns wenigstens nicht,« machte die Tante dagegen geltend. »Wir kennen ihn, seit er hier in Garnison steht, und das ist lange her.«

»Gerade ein Jahr! Als der Onkel Mark ihn zum erstenmal bei uns einführte, saß ich bei Tisch neben ihm, und zwar noch im kurzen Rock. Den ganzen Abend unterhielt er mich von den Schnitzeljagden und Rennen. Herrgott, hab' ich mich gemopst!«

»Flederwisch!« bemerkte die Tante vorwurfsvoll. »Immer wieder ein häßliches Wort, gewöhne dir's doch ab.«

»Wieso denn?« fragte Corysa verwundert. »Nennst du etwa ›mopsen‹ ein häßliches Wort? Weil du immer so ›gewählt‹ sprichst!«

»Du dürftest es schon etwas mehr thun. Deine Mutter hat ganz recht – du bewegst dich wie ein Junge und sprichst wie die Straßenkinder.«

»Das waren auch die einzigen, die mir Spaß machten, als ich selbst noch klein war. An mir lag's nicht, wenn ich mit meinen Cousinen von Lüssy nie etwas anzufangen wußte, und ebensowenig mit den kleinen »Generalsfräulein«, wie Claudine immer sagte, die in seidenen Fähnchen, mit gebrannten Locken zu mir in den Garten kamen. Wie ich mir auch den Kopf zerbrechen mochte, mir fiel nichts ein, und ich stand mit baumelnden Armen vor ihnen und lachte ihnen ins Gesicht. Sie sprachen, wie man mich auch sprechen gelehrt hatte, und doch verstand ich sie nicht! Schön lange Sätze mit welcher, welche, welches – zu drollig! Kommt mir immer vor, wie wenn man Komödie spielte – begreifst du das nicht, Onkel?«

»Doch, doch, ich begreif's, aber schwatze nicht so viel und iß dein Suppenfleisch, eh' es kalt wird!«

»Es schmeckt mir trotzdem! Suppenfleisch gehört auch zu den guten Dingen, die wir zu Hause nie kriegen.«

»Deine Mutter liebt es, glaube ich, nicht?«

»Ach! Essen mag sie's schon, aber es darf nicht auf den Tisch kommen, weil es ›volkstümlich‹ ist – alles, was Volk heißt, ist verpönt, sei's ein Gericht oder ein Wort –«

»Wissen wir – aber so iß doch.«

»Indessen habt ihr mir immer noch keinen Rat gegeben.«

»Worüber?«

»Nun, wegen Aubières, mein' ich!«

»In diesem Fall kannst du dir nur bei dir selbst Rats erholen,« versetzte der Onkel. »Deiner Mutter sagt der Herzog zu, nun fragt sich's, ob er auch dir gefällt.«

»Gefallen? O ja – er gefällt mir – gefiel mir bisher, nur daß ich nie an so etwas gedacht habe und zum Kuckuck, wenn ich ihn unter dem Gesichtspunkt betrachte –«

»Du mußt ihn öfter sehen,« fiel ihr die Tante ins Wort, »das macht sich ja leicht, da er im Haus deiner Eltern verkehrt; du mußt ihn studieren, und dann –«

»Was werde ich dann beginnen?«

»Nun, dann wird dir klar werden, was für eine Antwort du ihm geben sollst.«

»Und ich werde ihm zur Antwort geben: ›Pascholl!‹«

»Pascholl?«

Der Flederwisch lachte aus vollem Hals.

»Wie possierlich das klingt, wenn du Pascholl sagst, Tante Mathilde! Du betonst es ganz sinnwidrig.«

»Sinnwidrig?«

»Natürlich – Pascholl heißt doch: ›scher dich zum Kuckuck!‹ oder so was Derartiges, drum muß man's viel schneidiger aussprechen, begreifst du nicht?«

»Du wirst mir wohl nicht zutrauen, daß ich in meinem Alter noch das Wort Pascholl studiere!«

»Du könntest's ganz gut, denn du zierst dich sonst ganz und gar nicht und gebrauchst manchmal Ausdrücke, die sich mit ›Mopsen‹ messen können!«

»Das ist eine große Untugend von mir.«

»Larifari! Gerade dann hab' ich dich am liebsten! Und – halt! Das ist auch an Aubières sehr nett, er geht nie auf Stelzen! Ich bin überzeugt, er stößt sich nicht an meinen Ausdrücken, sonst würde er mich ja gar nicht heiraten wollen!«

»Und was ist deines Vaters und deines Onkels Ansicht über diese Werbung?« fragte Herr von Launay.

»Der Papa läßt sie nicht so recht heraus – er begnügt sich, das Lob des Herzogs zu singen, und der Onkel Mark, der sagt, ich solle mich prüfen, aber als sie dann glaubten, ich höre sie nicht, weil ich weinend auf dem Sofa lag –«

»Du hast geweint?« fragten Onkel und Tante aus einem Munde.

»Wenn ihr glaubt, daß mir die Geschichte Spaß mache, brennt ihr euch! Uebrigens hab' ich auch gar nicht darüber geweint, sondern – nun, das ist ja einerlei – kurz, sie glaubten also, ich höre sie nicht, und da haben sie lauter Ehepaare hergezählt, die trotz großen Altersunterschieds glückselig seien.«

»Haben sie uns auch genannt?«

»Nein, wieso?«

»Nun denn, mein lieber Flederwisch, ich bin gestern einundachtzig Jahre alt geworden, und deine Tante ist erst sechzig –«

»Ach! Und ihr kommt mir, wie ihr seid, gerade recht vor,« versicherte Corysa, die sich an des Onkels Arm hing, um ins Wohnzimmer zu gehen.

»Auf halb neun Uhr hab' ich den Wagen bestellt,« bemerkte Frau von Launay, »da will ich mich jetzt fertig machen.«

»Den Wagen?« sagte Corysa verwundert. »Bei dem Wetter? Die paar hundert Schritte? Der Gedanke ist nicht in deinem Kopf gewachsen, Tante!« setzte sie, plötzlich erleuchtet, hinzu.

»Allerdings – deine Mutter hat –«

»Dir befohlen im Wagen zu kommen, weil du schöne Pferde hast, die beim Aufbruch alle Welt bewundern wird. Die sollen dem Herzog in die Augen stechen!«

Während die Launays sich zum Ausgehen fertig machten, setzte sich Corysa in einen alten Polsterstuhl und sah sich mit zärtlichen Blicken in dem behaglichen Raum um, wo sie so oft und viel als Kind gespielt hatte. Jedes Stück im Zimmer war ihr ein lieber Freund; von dem Empiresofa mit den Messingsphinxen als Armlehnen bis zu der alten Standuhr mit ihren Adlern und den langweiligen und doch so reizenden Porzellanurnen, und als sie abgerufen wurde, konnte sie aus vollem Herzen sagen: »Ach Tante! Wie wohl es einem hier ist!«

Zu Hause angelangt, lief sie rasch die Treppe hinauf und rief ihnen nur noch zu: »Sagt, daß ich bald komme! Umkleiden muß ich mich wenigstens! Wenn ich so hereinkäme, das setzte was ab! Ich werde in meinem alten rosa Fähnchen strahlen!«

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