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Flederwischs Heirat

Gyp: Flederwischs Heirat - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorSibylle de Mirabeau
titleFlederwischs Heirat
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1896
translatorEmmy Becher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140811
projectid892c851f
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Erstes Kapitel.

»Eine Offiziersfrau – danke! Nettes Handwerk, das! Da möcht' ich ungefähr ebensogern Droschkengaul werden!«

Die Marquise von Bray zuckte die Achseln.

»Wenn ich dir sage, um was für einen Offizier sich's handelt ...«

»Und wenn's dieser Herr von Trêne wäre, für dessen Schick alle Welt schwärmt, so hält' ich doch keine Lust ...«

»Du hättest keine Lust? Wirklich und wahrhaftig nicht? Du hast aber keineswegs das Recht, so wählerisch zu sein ...«

»›... denn dein Vater hat dir nichts als Schulden hinterlassen und du hast keinen roten Heller‹ – den Satz hast du mir so oft wiederholt, daß ich ihn am Schnürchen aufsagen kann.«

»Nun, und?«

»Nun, und wenn ich auch keinen roten Heller habe, werde ich doch nicht jemand heiraten, den ich nicht gern habe.«

»Um so weniger,« schaltet der Marquis zaghaft ein, »als du zwar nicht reich bist, aber immerhin eine Mitgift hast.«

»Eine Mitgift?« wiederholte das junge Mädchen erstaunt. »Woher denn? Es müßte denn sein, du schenktest sie mir ...«

Die zärtlichen blaßgrauen jungen Augen, die hinter auffallend langen und dichten Wimpern verborgen waren, hefteten sich mit inniger Liebe auf den Stiefvater.

»Wie überflüssig, ihr mitzuteilen, was sie gar nicht zu wissen braucht!« warf die Marquise aufs höchste gereizt in scharfem Tone hin. »Nur um sie noch wählerischer und anspruchsvoller zu machen.«

»Wieso bin ich denn wählerisch?« rief Corysa entrüstet. »Was mach' ich denn für Ansprüche? Ich bin vor drei Monaten sechzehn Jahre alt geworden, und meines Wissens hat mich noch kein Mensch zu heiraten begehrt.«

»Doch! Du hast einen Freier und willst ihn abweisen, ohne auch nur seinen Namen zu kennen.«

»Weil ich keinen Offizier heiraten mag – niemals! Ich sehe ja hier, was für ein Leben die Offiziersfrauen führen – es sind ihrer genug vorhanden in den vier Regimentern – und um keinen Preis der Welt möchte ich in ihrer Haut stecken! Dazu taug' ich nun einmal nicht; ich bin nicht höflich genug dafür. Ich weiß ganz genau, daß wenn der Oberst meines Mannes eine Frau hätte, wie zum Beispiel die Oberstin Bassigny, ich ihr keinen Besuch machen würde, daß nichts mich dahin brächte, ihr einen Besuch zu machen, nichts!«

Um sich nach einem Verbündeten umzusehen, wandte sie sich einer dunklen Ecke des Zimmers zu und fragte: »Gibst du mir nicht recht, Onkel Mark?«

Ohne diesem Onkel Zeit zu einer Meinungsäußerung zu gönnen, erklärte die Marquise: »Dein Onkel hat mit dieser Frage gar nichts zu thun! Willst du mich gütigst einen Augenblick anhören oder nicht? Wer dir die Ehre erweist,« fuhr sie feierlich fort, »um deine Hand zu werben, ist der Herzog von Aubières.«

Sie machte eine Pause, um die Ueberraschung gehörig wirken zu lassen, und in der That zeigte Corysas rundes Kindergesichtchen die äußerste Verblüffung. Die Bestürzung für freudige Zustimmung nehmend, fragte die Marquise mit triumphierender Miene: »Nun denn, mein Kind, was sagst du dazu?«

»Nun denn,« versetzte die Kleine, herzhaft auflachend, »ich sage, daß ich einfach – baff bin!«

Und ohne sich um die Gewitterwolke auf der mütterlichen Stirn zu kümmern, setzte sie ganz gelassen hinzu: »Ja, ja – vierzig Jahre muß er mindestens alt sein, dieser Herzog von Aubières, sonst wäre er auch gar nicht Oberst; jedenfalls ist er eher häßlich als schön, und ich höre ihn fortwährend einen armen Schlucker nennen –«

Die Marquise musterte ihre Tochter mit einem verächtlichen Blick.

»Das geht doch ein wenig zu weit! Geld will sie auch noch!«

Corysa schüttelte das blonde Köpfchen.

»Ganz und gar nicht! Was mach' ich mir aus Geld? Das heißt, ich brauche kein Geld, außer wenn ich Herzog, oder vielmehr Herzogin sein soll. Ein großer Titel und ein kleines Vermögen, das macht sich lächerlich. Ich sage ja nicht, daß, wenn ich mit solch einem Titel auf die Welt gekommen wäre, ich ihn im Keller verscharren würde, weil ich nicht reich wäre – nein! Er wäre mir ja hinderlich, dieser Titel, er würde mich ärgern, aber führen würde ich ihn trotzdem, denn es wäre ja nicht meine Schuld – überdies ist's auch gar nicht der Herzogstitel, was mich abhält, den Oberst zu nehmen.«

»Sein Beruf also?«

»Hauptsächlich der Mensch.«

»Aber du hast schon mindestens hundertmal ausgesprochen, der Herzog von Aubières sei reizend und du mögest ihn sehr gerne leiden.«

»Thu' ich auch! Sehr gern hab' ich ihn, aber nicht zum Heiraten! Erstens einmal halt' ich ihn für einen alten Herrn, und dann – wenn ich mir vorstelle, daß ich mein Leben lang mit ihm zusammen sein müßte – ich kann mir nicht denken, daß mir das Spaß machen würde.«

Die Marquise schleuderte ihrem Gatten einen vernichtenden Blick zu, während sie die Bemerkung hinwarf: »Man heiratet doch nicht, weil es einem Spaß macht.«

»Doch! Ich zum Beispiel, ich würde nur aus diesem Grund heiraten!«

»Das Kind ist toll! Ich halte es für angemessen, mich zurückzuziehen!«

Damit erhob sie sich und stelzte mit einer Haltung, die sie für vornehm hielt, die aber ungemein komisch wirkte, in feierlichem Theaterschritt zum Zimmer hinaus.

Als die Thür schmetternd hinter der Abrauschenden ins Schloß gefallen war, begann der Marquis in sanftem Ton: »Du thust unrecht, meine kleine Corysa, dich ...«

Corysa, die der geräuschvolle Abgang der Mutter vollständig kalt gelassen hatte, schnellte pfeilschnell aus dem tiefen Lehnstuhl auf, worin sie sich wie ein Kätzchen aufgerollt hatte.

»Weshalb nennst du mich Corysa? Warum sagst du nicht wie sonst Flederwisch? Du bist mir also auch böse?«

»Böse bin ich dir gar nicht, aber –«

»Doch, du bist mir böse; ich seh' es wohl! Und was wolltest du mir denn sagen, als ich dir ins Wort fiel?«

»Nichts, gar nichts – ich weiß es nicht mehr.«

»Aber ich weiß es, ich! ›Du thust unrecht‹ – fing's an – wieso thue ich unrecht?«

»Deiner Mutter in dieser Weise zu widersprechen, ist unrecht.«

»Wie kannst du das behaupten? Soll ich nach ihrem Belieben über mich verfügen lassen, ohne mich zu wehren?«

»Das sag' ich ja nicht!«

»Ja, was sagst du denn?«

»Ich sage, daß – ohne – ohne ...«

»Siehst du – es bleibt dir im Hals stecken!«

»Aber –«

»Es bleibt dir im Hals stecken, darüber ist gar kein Zweifel, und ich wette, daß dir alle Auseinandersetzungen nichts helfen. Entweder laß ich nicht über mich verfügen und widerspreche, oder ich widerspreche nicht und gehorche wie ein Lamm.«

»Du könntest gegebenen Falls schon Einsprache erheben, aber nicht in diesem Ton und namentlich nicht in dieser Ausdrucksweise, die deiner Mutter so sehr zuwider ist.«

»Ja ich weiß, die Mama schwärmt für edlen Stil.«

Was sonst von Zärtlichkeit und unendlicher Herzensgüte in den Augen dieses Kindes schimmerte, war erloschen, als sie mit harter Stimme hinzusetzte: »Sie ist ja auch so edel, so vornehm!«

»Du bereitest mir viel Kummer, großen Kummer,« bemerkte Bray mutlos.

»Mein Gott! Und ich möchte dir ja nur Freude machen, denn dich hab' ich lieb – dich!«

»Auch ich habe dich lieb, mein Kind!«

»Warum willst du mich denn dann fortschicken, mich verheiraten gegen meinen Willen?«

»Das will ich wahrhaftig nicht –«

»Doch! Das willst du! Und ich bin doch erst sechzehn Jahre und drei Monate alt! Bitte, bitte, verschone mich damit, laß mich bei dir weiterleben, noch –« sie unterbrach sich, um ihre Finger abzuzählen – »noch fünf Jahre – nicht einmal ganze fünf Jahre lang – drei Monate weniger! Dann werd' ich gehen, das versprech' ich dir – ich gebe dir mein Wort darauf.«

Die sanften, hellen Augen trübten sich, und Thränen, dick wie kleine Glaskugelchen, rollten, ohne ihre Form einzubüßen, über die frischen jungen Wangen.

Corysande von Avesnes, Corysa oder für den Hausbrauch »Flederwisch« genannt, war ein schlankes, kräftiges Mädchen, weit mehr Kind als junge Dame. Ihre Glieder hatten noch die Eckigkeit und die Mißverhältnisse der kindlichen Gestalt, ihre Haut die Durchsichtigkeit der ganz Kleinen – jene Haut, unter der man rote Schimmer kreisen sieht. Ihre leichten, huschenden Bewegungen, die ihr den Spitznamen Flederwisch eingetragen hatten, waren harmonisch trotz mancher Ungelenkigkeit, die an das Gebaren eines großen jungen Hundes gemahnte, gingen aber wie ihre wenig angemessene Ausdrucksweise der Mutter auf die Nerven.

Sehr eingenommen von der eigenen Persönlichkeit, betrachtete die Marquise von Bray die Menschen, mit denen sie in geselligem Verkehr stehen mußte, fast ausnahmslos als Wesen untergeordneter, nichtiger Art, denen sie eine hohe Ehre erwies, indem sie zu ihnen herniederstieg. Die schlichten, guten Naturen, die ihre nächste Umgebung bildeten, hatte sie ihr Leben lang mißachtet und gequält. Der erste darunter war Corysas Vater gewesen, der Graf von Avesnes, der klug genug gewesen war, nach zwei Jahren des Zusammenlebens mit ihr das Zeitliche zu segnen, und sich auch während dieser Frist erlaubt hatte, außerhalb des Hauses Annehmlichkeiten zu suchen, die ihm dieses nicht bot. Seine vermögenslose Witwe hatte sich dann mit ihrem Kind bei einem Onkel und einer Tante niedergelassen, die das kleine Mädchen vergötterten und bis zur zweiten Verheiratung der Mutter seine Erzieher waren. Die Gräfin Avesnes war bei Onkel und Tante von Launay nur hin und wieder als Zugvogel eingekehrt. Sie hatte ihr Leben auf Reisen, in Paris oder bei Freunden verbracht, da sie sich, wie sie sagte, nicht an die Kleinstädterei gewöhnen konnte. Bei einem ihrer vorübergehenden Besuche in Pont-sur-Sarthe hatte sie indes den Marquis von Bray kennen gelernt und Eindruck auf ihn gemacht. Er war wohlhabend und äußerst liebenswürdig: sie stand an der Schwelle des reiferen Alters und sah voraus, daß ihre wesentlich in Farben und Jugendreiz bestehende Schönheit eines Tages urplötzlich verfliegen werde. Statt also dem Marquis zu werden, was sie recht vielen andern gewesen war, lenkte sie seinen Sinn geschickt und sachte auf die Ehe hin. Da sie anderwärts nicht mehr zu glänzen vermochte, beschied sie sich, die Beherrscherin von Pont-sur-Sarthe zu werden, verschwor sich aber hoch und teuer, daß sie Bray nur aus selbstloser Mutterliebe erhöre, um die Zukunft ihrer Tochter zu sichern.

Von da an begann für den unglückseligen Ehemann das entsetzliche Dasein, bestehend aus Streit, trotzigem Schweigen, Scenen und Versöhnungen, wie es sein Vorgänger geführt und Onkel und Tante Launay es ertragen hatten aus Furcht, von ihrem geliebten Flederwisch getrennt zu werden, dem sie jedes Opfer willig gebracht hätten.

Am erfindungsreichsten in Quälereien war die Marquise der eigenen Tochter gegenüber. Das ganze Wesen dieses Kindes verstieß gegen ihre Anschauungen, die nach der einen Seite unerlaubt frei, nach vielen andern hin über die Maßen engherzig waren. Vernarrt in Adelsstolz – auch Geldstolz, seit sie etwas besaß – überdies eine Verehrerin von Prunk und Pomp, konnte sie der kleinen Corysa ihre vollendete Einfachheit und Festigkeit nicht verzeihen, schon deshalb nicht, weil sie beide Eigenschaften überhaupt nicht verstand. Da sie, bei Licht besehen, gar keine ausgesprochene Eigenart aufweisen konnte, hatte sich die Marquise eine solche nach verschiedenen, recht alltäglichen Vorbildern zurechtgestutzt; sie hatte im Theater Sprechen, in Romanen Fühlen gelernt, und da ihr im Grunde Feinfühligkeit und vornehme Gesinnung gänzlich abgingen, wendete sie Halbverstandenes am unrechten Ort an und erreichte, wenn sie zum Beispiel Tragik »markieren« wollte, Wirkungen von erschütternder Komik, die beim »Flederwisch« wahre Lachkrämpfe hervorrufen konnten.

Nichts weniger als vornehm in Aussehen und Haltung, ließ die Marquise nicht ab, ihrer Tochter Vorwürfe darüber zu machen, daß sie nicht einmal »das einzige Erbteil« der Avesnes, die Blaublütigkeit, besitze.

Als der Stiefvater Corysa, die niemals weinte, in Thränen schwimmen sah, geriet er außer sich und hatte nur den einen Wunsch, das arme Kind zu trösten.

»Aber, mein lieber kleiner Flederwisch, so sei doch vernünftig – wir werden die Geschichte schon ins Lot bringen.«

»Sie wird ins Lot kommen, indem ich den Herzog heirate, nicht wahr?« entgegnete sie, in tiefster Entmutigung ihr Struwelköpfchen schüttelnd. »Ach Gott! Ich wollte es ja euch zuliebe auch gerne thun, wenn ich nicht deutlich fühlte, daß ich damit eine schlechte Handlung beginge und ihn unglücklich machen würde – vom Fleck weg würd' ich ihn zum Mann nehmen, nur damit ihr von mir befreit seid –«

»Wie häßlich, mir so etwas zu sagen!«

»Dir sag' ich's auch gar nicht, das weißt du wohl.«

»Deine Mutter hat ebensowenig den Wunsch, sich von dir zu trennen.«

»Mach' mir doch nichts weis! Sie hat ja gar nichts andres im Kopf und vergeht fast vor Angst, ich könnte sitzen bleiben oder vollends eine schlechte Partie machen. Nicht, daß ihr so viel daran läge, daß ich glücklich werde – mein Glück ist ihr Nebensache, aber ihre Eitelkeit, um die handelt sich's. Sie möchte die Genugthuung haben, von der oder jener Familie beneidet zu werden, sie möchte, daß ganz Pont-sur-Sarthe auf dem Kopf stünde und ihre Freunde saure Gesichter machten, das ist's!«

»Es thut mir weh, dich in dieser Weise über deine Mutter sprechen zu hören –«

»Ich kann's nicht ändern! Was ich denke, muß heraus!«

»Das ist's ja eben – du solltest nicht so denken.«

»Wie soll ich's angreifen, anders zu denken? Wie soll ich mir einbilden, sie hätte mich lieb? Hat sie sich, ehe du ins Haus kamst, je um mich gekümmert, außer um mich zu zanken oder die zu zanken, die mich ihrer Ansicht nach verwöhnt haben? Hätte ich ohne den Onkel und die Tante Launay, und später dich, je erfahren, was es heißt, geliebt und verhätschelt zu werden? Geküßt wurde ich allerdings – zweimal im Jahr, wenn sie abreiste und von der Reise zurückkam. Unter der Hausthür ging es vor sich, wo ich mich an die Röcke meiner Wärterin hing, seelenvergnügt, wenn sie ging, zitternd, wenn sie ankam. Ach, war das eine Zärtlichkeit! ›Meine Corysande! Mein heißgeliebtes Kind!‹ Man hätte denken können, wir führten ein Rührstück auf und man hätte mich aus dem Burgverließ befreit! Wie sie mich in die Höhe hob und an ihr Mieder preßte, daß mir schier der Atem ausging! Alles zur Erbauung der Dienstboten und des Kutschers, der ihr Gepäck auf- oder ablud! Aber sie sind nie drauf hereingefallen, sie kannten sie zu genau, trotzdem sie ihnen regelmäßig aufgespielt wurde.«

Die Kleine war über ihrer Erzählung wieder fröhlich geworden und schloß in gutmütigem Ton: »An der Natürlichkeit hat's ihr ja immer gefehlt, das weißt du wohl!«

»Du übertreibst gewisse kleine Schwächen.«

»Ich übertreibe! Wie kannst du nur so etwas behaupten, du, der nie Komödie spielt, nie ans Effektmachen denkt!«

»Du gefällst dir darin, deiner Mama unnötige Schwierigkeiten zu bereiten.«

»Deiner ›Mama‹ – nimm dich in acht – wenn sie dich hörte!«

Bray warf unwillkürlich einen beunruhigten Blick nach der Thür, und der Flederwisch rief hellauf lachend: »Du fürchtest dich wohl sehr? Wie konntest du auch vergessen, daß ›Mama‹ gerade gut genug für das Volk ist, ein Wort, das man Gevatter Schneider und Handschuhmacher überlassen muß, während die ›Geborenen‹ sich anders ausdrücken.«

»Wenn sie nun einmal die kleine Schwäche hat, an solchen Aeußerlichkeiten zu hängen, weshalb kannst du nicht Rücksicht darauf nehmen?«

»Ich nehme ja alle Rücksichten der Welt! Wenn ich mit ihr spreche, so sag' ich's nicht, ich vermeide sie anzureden, aber wenn ich von ihr spreche, sag' ich armslang: › Mutter!‹ Den ganzen Mund nehm' ich voll, aber das Herz bleibt leer dabei. Glaub' mir nur, meine Schuld ist's nicht! Namentlich nicht, seit du meines armen Vaters Stelle einnimmst. Du warst so gut gegen den wilden, häßlichen Unhold, der nichts von dir wissen wollte! Sobald ich dich dann kannte, hab' ich dich so lieb gewonnen, daß ich dir zuliebe gern ein Herz gefaßt hätte zu deiner Frau. Probiert hab' ich's, aber prosit Mahlzeit – es ging nicht!«

»Was du da sagst, ist ganz ungeheuerlich!«

»Weshalb? Ich hänge an ihr, wie sich's gebührt; es thäte mir sehr leid, wenn ihr ein Unglück zustieße, und ich wünsche ihr alles Gute, aber ich atme freier, wenn ich sie nicht sehe – das ist nun einmal so und nicht zu ändern.«

Die bestürzte und bekümmerte Miene des Stiefvaters wahrnehmend, setzte sie rasch hinzu: »Was ich dir jetzt gesagt habe, sag' ich niemand als dir!«

»Das möchte ich mir ausbitten!« stammelte der arme Mann.

»Da hast du auch ganz recht, nur zur dir hab' ich Vertrauen.«

Dabei warf sie über ihre Schulter hinweg einen Blick auf den Vicomte von Bray, der sich schweigend in einem Schaukelstuhl wiegte.

»Zum Onkel Mark hab' ich auch Vertrauen!« erklärte sie. »Warum redest du denn gar nicht, Onkel?«

Dieser Onkel, eine schlanke, vornehme Gestalt, versetzte in etwas singendem Ton: »Einmal, weil mir nichts einfällt, und überdies, weil deine Mutter mich schweigen hieß. Folglich –«

»Das weiß ich ja! Aber seit sie fort ist?«

»Seither hast du einigermaßen richtige Ansichten geäußert, mein armer Flederwisch, weil es aber unpassend wäre, dir beizustimmen, schweig' ich.«

»Du bist auch gut!«

»Ganz vortrefflich, aber laß mich in Frieden, alter Kindskopf!« rief er, rasch aufspringend, um sich von Corysa zu befreien, die ihm wie ein kleines Kind auf die Kniee geklettert war.

»Weshalb stößt du mich denn weg?« fragte sie verdutzt.

»Weil du zu alt bist für solche Kindereien! Ein erwachsenes Mädchen – was sind denn das für Manieren?«

»Manieren? Kann ich jetzt etwa nicht mehr auf meines Onkels Knie reiten? Ja, wenn du nicht mein Onkel wärest – dann!« Sie setzte es mit drolliger Zurückhaltung hinzu.

»Das ist's ja,« gab Mark verdrießlich zurück. »Ich bin eben nicht dein Onkel.«

»O, wie häßlich, wie bös, mir das zu sagen!« seufzte die Kleine voller Herzeleid, indem sie sich mit ihren geschmeidigen Bewegungen wieder wie ein Kätzchen auf dem Sofa zusammenrollte und das Näschen schluchzend in die Kissen vergrub.

»Was soll denn das?« rief der Onkel verzweifelt. »Sie, die sonst nie weinerlich ist, fängt heute alle fünf Minuten zu schluchzen an, das ist ja nicht zum Aushalten!«

»Hab' ein wenig Geduld mit ihr!« beschwichtigte ihn der Bruder. »Diese Heiratsgeschichte ist dem Kind auf die Nerven gegangen.«

»Was ich sehr begreiflich finde!«

»Gib acht, daß sie dich nicht hört, sie wäre im stand, dem armen Aubières wirklich einen Korb zu geben.«

»Und warum auch nicht? Du wirst doch diese Ungeheuerlichkeit nicht geschehen lassen?«

»Ihre Mutter hängt an dem Gedanken.«

»Dann ist sie verrückt! Aubières ist fünfundzwanzig Jahre älter als der Flederwisch!«

»Ich hab' ein Vögelchen pfeifen hören, die kleine Liron schwärme für dich. Ist sie nicht auch zwanzig Jahre jünger als du?«

»Angenommen, es sei so, wird sie morgen auch noch für mich schwärmen?«

»Und das Beispiel unsrer Mutter? Sie war fünfundzwanzig Jahre jünger als unser Vater und hat ihn leidenschaftlich geliebt ihr Leben lang.«

»Beispiele, die man zum Glück nur in seiner eigenen Familie aufgabelt. Mittlerweile weint sich dieser arme Flederwisch die Augen aus!«

Er trat zum Sofa, strich über den rosigen Nacken, der von Schluchzen zitterte, und sagte liebevoll: »Verzeih mir's, mein kleiner Flederwisch, wenn ich dir weh gethan habe!«

Das verweinte Gesichtchen blickte zu ihm auf.

»Warum warst du so boshaft? Wie hast du behaupten können, du seiest nicht mein Onkel?«

»Weil ich's nicht bin, obwohl ich dich gerade so lieb habe, als ob ich's wäre! Ich bin der Bruder des zweiten Mannes deiner Mutter, also nicht mit dir verwandt, nicht die Spur – ich könnte dich heiraten, wenn ich nicht im Alter meines Freundes Aubières stünde, dem du einen Korb geben willst.«

»Du? Du so alt wie der Herzog,« sagte die Kleine verdutzt, um lachend hinzuzusetzen: »dann bist du eben weniger ›zusammengefallen‹, wie man hier sagt! Neulich hab' ich nämlich auf der Straße mit einem Biedermann geschwatzt, der diesen Ausdruck gebrauchte, um mir zu sagen, seine Frau, sei elend.«

»Auf der Straße hast du mit einem Mann geschwatzt?« fragte Bray besorgt. »Was war's denn für ein Biedermann?«

»Ich hab' ihn getroffen, als ich mit dem alten Johann aus der Vorlesung nach Hause ging; er muß Straßenkehrer oder Lumpensammler sein – so etwas Derartiges.«

»Wenn deine Mutter dich gesehen hätte!«

»Würde sie Zeter geschrieen haben, sie hat's aber nicht gesehen, und das war gut.«

»Nun denn, Onkel oder nicht,« fuhr sie mit einer plötzlichen Wendung nach Mark fort, »jedenfalls kannst du mir einen Rat geben, denn ich nenne dich seit fünf Jahren Onkel und glaube, daß du's bist – soll ich Aubières heiraten oder nicht?«

»Das ist für mich schwierig zu sagen, Kind.«

»Was thätest du, wenn du an meiner Stelle wärst?«

»An deiner Stelle – du liebe Zeit – da würd' ich mich prüfen –«

»Das will ich ja gerade!«

»Eh' ich nein sagte, würde ich ein paarmal mit ihm zusammen sein, mich besinnen ...«

»Ach, du meinst, ich käme auf andre Gedanken, wenn ich ihn öfters sähe? Da glaube ich gerade das Gegenteil –«

»Aubières ist ein Mann von Geist, ein gebildeter, guter Mann, der bei näherer Bekanntschaft sicherlich nur gewinnen kann. Reich ist er ja nicht, aber er hat immerhin Vermögen, sein Name gehört der Geschichte an –«

»Donnerwetter! Als ob ich das nicht wüßte! Man hat mir's genügend eingebläut und diesen Namen gehörig spielen lassen. Aber siehst du wohl, der Name, den ich führe, gehört auch der Geschichte an, und nach Dingen, die man selbst hat, gelüstet's einen viel weniger, als nach solchen, die man nicht hat –«

»Wonach gelüstet's dich denn eigentlich?«

»Nach viel Liebe,« versetzte sie nach kurzem Nachdenken mit Entschiedenheit, »oder, wenn die nicht zu erreichen ist, nach viel, sehr viel Geld! Dann würde es in Pont-sur-Sarthe keinen einzigen Armen mehr geben, das solltest du schon sehen – und Bilder würde ich mir kaufen und schöne Pferde halten, und jeden Abend sollte in meinem Haus musiziert werden, und mopsen würde man sich nicht bei mir, das sag' ich dir.«

»Mopsen! Wenn das nun wieder deine Mutter hörte!«

»Sie hört's ja nicht!«

In diesem Augenblick erschien ein Diener mit der Meldung, daß die Frau Marquise die beiden Herren vor Tisch zu sprechen wünsche und das gnädige Fräulein bitten lasse, Toilette zu machen.

»Toilette machen!« rief der Flederwisch verwundert. »Also erwarten wir Gäste?« Lachend sah sie Vater und Onkel an. »Jedenfalls ist der Herzog eingeladen, und ihr beide sollt noch gedrillt werden! Sie wird euch eintrichtern, wie ihr ihn dazu bringen könnt, sich von seiner besten Seite zu zeigen – also vorwärts marsch! Ich fahre in meinen alten rosa Frack, der zwar lange nicht so hübsch ist, als dieses Fähnchen, überdies schmutzig, aber Gesellschaftskleid heißt.«

Sie sah den beiden Männern nach, wobei ihr schon wieder dicke Thränen in die Augen traten.

»Ist das nicht Pech,« sagte sie halblaut, »daß gerade die beiden Einzigen, die mich lieb haben, nicht mit mir verwandt sind?«

Ihr Stiefvater drehte sich unter der Thüre um, weil er ihr Selbstgespräch gehört hatte, und sie setzte rasch hinzu: »›Die beiden Einzigen‹, das hätt' ich nicht sagen sollen! Ich hab' ja noch den Onkel Albert und die Tanten die haben mich sehr lieb, und die sind auch mit mir verwandt.«

Mit einem Mal fuhr ihr ein Gedanke durch den Sinn, und pfeilschnell unterm Arm ihres Vaters, der die Thürklinke noch festhielt, durchschlüpfend, rief sie ihm lachend zu: »Da fällt mir eben ein, ich werde heut bei ihnen zu Tisch erwartet!« Und mit feierlicher Betonung fuhr sie fort: »Du bist wohl so freundlich, es ›meiner Mutter‹ zu sagen, falls sie's vergessen hätte.«

Damit huschte sie die Treppe hinauf.

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