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Flederwischs Heirat

Gyp: Flederwischs Heirat - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorSibylle de Mirabeau
titleFlederwischs Heirat
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1896
translatorEmmy Becher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140811
projectid892c851f
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Vierzehntes Kapitel.

»Wo ist denn Onkel Mark hingekommen?« fragte der Flederwisch, ein paar Minuten vor Ankunft der Gäste in den Empfangssaal tretend. »Ich hab' ihn gesucht wie eine Stecknadel – er ist nirgends!«

»Du weißt doch, daß er heute abend unsichtbar bleiben will,« sagte der Marquis. »Was willst du denn von ihm?«

»Mein Kleid möchte ich ihm zeigen. Er hat mich nur bei Tag, bei der Anprobe drin gesehen, und bei Licht bin ich viel hübscher –«

»Er wird dich ein andres Mal bewundern – heute abend geht man ihm ohnehin besser aus dem Weg. Alle Welt scheint Nerven zu haben, heute,« setzte der Marquis lächelnd hinzu.

»Ja, bei Tisch ist mir's auch ausgefallen, wie verstimmt er war,« bemerkte der Flederwisch. »Weißt du nicht, was er hat?«

»Einen schlechten Charakter,« erwiderte die Marquise an Stelle ihres Mannes.

»Oho,« rief der Flederwisch gekränkt. »Er und schlecht! Ich will ihn doch noch einmal suchen –«

»Nein, du bleibst,« befahl die Marquise streng. »Die Gäste werden gleich kommen –«

Das fröhliche Kindergesicht verdüsterte sich.

»Freilich, 's ist ja schon zehn Uhr! Wer wohl zuerst kommt? Gewiß die Unausstehlichsten! Hast du nicht gesehen – da sind sie ja, die Bassignys.«

Es war in der That die Oberstin, stark geschnürt, in einem silbergrauen Atlaskleid, und hinter ihr der Gatte, ebenfalls eingezwängt in eine zu eng geworbene Uniform, die unterm Kragen von Schulter zu Schulter eine Falte warf. Frau von Bassigny ärgerte sich, die erste zu sein, ein Vergehen gegen ihre Begriffe von Vornehmheit, wofür der Gatte scharf zur Verantwortung gezogen würde.

Ob ihre politischen Streitigkeiten ihr neulich nicht den Schlaf geraubt hätten, fragte sie dann den Flederwisch in spitzigem Ton. Die Kleine versicherte darauf, einen so gesunden Schlaf zu haben, daß selbst die unausstehlichsten Menschen sie nicht darin stören könnten – zum Glück würde das etwas bedenklich werdende Gespräch durch andre Gäste unterbrochen.

Der kleine Barfleur erschien, etwas bänglich ans Schürzenband der Mutter angeklammert und sichtlich beunruhigt über die Folgen seiner Liebeserklärung. Er mußte sich selbst eingestehen, daß er etwas zu leidenschaftlich gespielt und die richtige Tonart verfehlt habe.

Der vollkommen gleichgültige Empfang, der ihm von seiten des offenbar gedächtnisschwachen Flederwischs zu teil wurde, stellte indes sein Selbstvertrauen alsbald wieder her, und nach links und rechts grüßend und schwatzend, hüpfte der kleine Mann in den Räumen umher und schien sie mit seiner winzigen, insektenhaften Persönlichkeit ausfüllen zu wollen.

Die Ankunft des Grafen Axen wirkte auf ihn wie eine kalte Brause. Anfangs betrachtete er ihn mit einer gewissen Anwandlung von Respekt, die durch das Bewußtsein der Nähe eines echten Prinzen hervorgerufen wurde, bald aber sah er in ihm nicht mehr den Thronerben von Gottes Gnaden, sondern den »Nebenbuhler«.

Die Ankunft dieses Prinzen, der zwar jünger als er und kaum hübscher war, verminderte sein eigenes Ansehen beträchtlich.

Sobald das Orchester das Vorspiel anstimmte, wollte der Dreikäsehoch auf die Tochter des Hauses zustürzen, aber als er in ihre Nähe gelangte, flog sie schon mit dem Grafen Axen davon, und er mußte mit tiefer Entmutigung zugeben, daß der Prinz Dreischrittwalzer tanzte, wie man es nur in Wien erlernt.

Nicht nur, daß sein Rang, die Neugierde und die Gesetze der Etikette diesem Prinzen für heute abend die erste Rolle zusicherten, er hatte auch persönlichen, wohlverdienten Erfolg, und darüber konnte sich der kleine Barfleur nicht beruhigen.

Er flog der Frau von Liron entgegen, die strahlend und rosig mit Mann und Schwager hereinkam, und bat flehentlich um diesen Walzer. Aber die schöne Frau brannte darauf, sich dem Prinzen im günstigsten Licht zu zeigen, und da ein kleiner Tänzer die Frauen unvorteilhaft tailliert, versetzte sie höchst ungnädig: »So lassen Sie mich doch erst zu Atem kommen! Ich bin ja noch nicht einmal recht da!«

»Ihr Brummbär von Bruder zeigt sich also wirklich nicht?« fragte sie den Hausherrn.

»Die Thatsache steht fest!«

»Und er wird auch später nicht erscheinen?«

»Auch später nicht – er bleibt unsichtbar.«

»Da oben ist er?« fragte sie zur Decke aufblickend. »Ueber all diesem Getöse?«

»Natürlich.«

»Was geht's die an, wo Onkel Mark ist?« dachte der Flederwisch, die von Diamanten strahlende rosige Frau betrachtend.

Für den Flederwisch war an dieser süßen, rundlichen Puppe mit den alltäglichen Zügen und den frechen Augen keine Spur von Reiz zu entdecken, es entging ihr aber nicht, daß sie allgemeines Entzücken erregte, und sie zwang sich mit beinah körperlicher Anstrengung, wenigstens zu begreifen, worauf diese Bewunderung beruhe.

»Es scheint – sie muß wirklich hübsch sein!« sagte sie sich.

»Worüber denken Sie nach, Komteß Flederwisch?« fragte Aubières, an sie herantretend. »Sie stehen da wie ein kleiner Verschwörer.«

»Ich?« versetzte sie errötend. »Ich glaube, ich dachte an gar nichts.«

»So so? Dabei sehen Sie so versunken, man möchte sagen düster drein, wenn das Wort auf ein Sonnenkind überhaupt anwendbar wäre!«

Sie stammelte verwirrt eine ausweichende, unklare Antwort, und er fragte nun liebevoll: »Haben Sie ein Herzeleid, Flederwisch? Geht irgend etwas nicht nach ihrem Köpfchen?«

»Ach nein! Ich wüßte nicht, um was ich mich grämen sollte!«

Da dieses Verhör ihr, sie wußte selbst nicht warum, sehr peinlich war, fragte sie ablenkend: »Onkel Marks Wahl ist doch gesichert, nicht wahr?«

»Ich glaube es, ihm selbst scheint aber blutwenig daran zu liegen. Heute früh, als ich ihn besuchte, war gar nicht von der Wahl die Rede – er scheint völlig vergessen zu haben, daß sie am nächsten Sonntag stattfindet. Uebrigens sieht er auch aus, als ob er irgend eine Anfechtung hätte – gerade wie Sie!«

»Ach!« rief die Kleine besorgt und im stillen überlegend, ob der Onkel am Ende wegen der Frau von Liron Kummer habe.

Aubières beobachtete Corysas ins Leere starrenden Blick und den leisen Schmerzenszug um die festgeschlossenen Lippen.

»Schon wieder in den Wolken, Flederwisch? Die Gedanken schweifen in die blaue Ferne?«

»Ach, so blau ist sie nicht!« entfuhr es ihr halb unbewußt.

Sie hatten sich im Gespräch den weit geöffneten Balkonthüren genähert und traten nun auf die Terrasse. Es war eine gewitterschwüle Nacht.

»Es ist ja zum Ersticken hier!« bemerkte der Flederwisch im Hinaustreten, ihre schweren Haare schüttelnd.

»Der Tausend!« rief Aubières, in die Höhe blickend. »Da schreitet er wie ein Löwe im Käfig in seinem Zimmer auf und ab, dieser Onkel Mark, und denkt nicht daran, daß wir ihn von unten sehen!«

Der Flederwisch sah auch hinauf. Die dunkle Gestalt hob sich deutlich vom Fenster des hell beleuchteten Zimmers ab.

»Wahrhaftig! Da ist er!«

Frau von Liron trat eben am Arm des Hausherrn heraus und entdeckte sofort das Schattenspiel.

»Der Unsichtbare!« rief sie ausgelassen. »Wie wär's, wenn wir zu ihm hinaufgingen? Der Schabernack sollte ihm angethan werden! Was meinen Sie?«

»Ich weiß nicht recht –« begann der Marquis verlegen.

»Doch, doch! Thun wir's! Das wird köstlich, wenn wir in Prozession in die Einsiedlerklause wallfahren! Schließen Sie sich an, Oberst?« fragte sie Aubières.

»Nein, gnädige Frau! Mein Freund Mark würde mich an die Luft setzen!«

»Und mich?« fragte die schöne Frau schelmisch. »Glauben Sie, daß er auch mir die Thüre weisen würde?«

Ohne eine Antwort abzuwarten, sagte sie eifrig: »Wenn ich mich ganz leise die Treppe von der Bücherei hinaufschliche? Das wäre doch ein köstlicher Spaß, nicht?«

»Köstlich!« rief der Flederwisch im ungezogensten Ton.

»Führen Sie mich hinauf, Marquis!«

»Gnädige Frau – meine Pflichten als Hausherr –« stotterte Bray, dem die ihm zugemutete Rolle widerstrebte, »aber Aubières wird Sie mit Vergnügen begleiten –«

»Bis an die Treppe,« sagte der Oberst lächelnd, indem er ihr den Arm bot.

Den Flederwisch ließ man allein zurück, aber sofort war der schöne Trêne in seiner eleganten Husarenuniform an ihrer Seite.

»Endlich kann ich Sie begrüßen, Komteß!«

Der Flederwisch hätte am liebsten den beiden nacheilen mögen und ärgerte sich über dieses Hemmnis.

»Sie haben mich ja schon begrüßt,« warf sie trocken hin.

Da sie etwas laut gesprochen hatte, erschien die dunkle Gestalt, die eine Weile im Hintergrund verschwunden gewesen war, und trat auf den Balkon, um dort regungslos stehen zu bleiben.

»Ich habe Sie begrüßt, ja, aber nur flüchtig, und ich hatte dabei keine Gelegenheit, meine Bewunderung über Ihr reizendes Kleid zu äußern –«

Da Corysa stumm blieb, fuhr er in einem geheimnisvollen, bedeutsam klingenden Flüsterton fort: »Ich frage mich übrigens, ist es das Kleid, was mir so reizend erscheint? Ich möchte Ihnen keine fade Schmeichelei sagen, Komteß, wenn ich wiederhole, was Ihnen seit gestern abend hundertmal gesagt worden sein muß, daß Sie –«

»Reizend sind!« fiel ihm der Flederwisch lachend ins Wort. »Die Thatsache ist festgestellt, und –« sie war in höchster Eile, von ihm fortzukommen – »wenn Sie mir sonst nichts zu sagen haben –«

»Aber –« begann Trêne über diese Aeußerung verblüfft, »ich möchte Sie allerdings noch um einen Walzer bitten –«

»Welchen?«

»Jeden, den Sie mir zu gewähren geruhen! Vielleicht den ersten?«

»Nein, den habe ich dem Grafen Axen versprochen.«

»Den auch noch!«

»Auch noch? Wieso? Wollen Sie mir vielleicht nachrechnen, wie oft ich mit dem oder jenem Herrn tanze?«

Sie brach plötzlich ab. Es war ihr, als ob der Onkel Mark sich lauschend über's Balkongitter herabbeuge, aber sie wagte es nicht, hinaufzusehen, um seine Gegenwart nicht zu verraten.

»Den zweiten Walzer also, Komteß?« bat der schöne Trêne.

»Nein, den tanz' ich mit dem Herzog von Aubières. Wenn Sie den vierten von jetzt ab haben wollen?«

»Das ist mein Walzer, Komteß Flederwisch!« rief in diesem Augenblick Graf Axen, im Sturmschritt herbeieilend.

Der dunkle Schatten zu ihren Häupten wurde unruhig.

»Gewiß zieht er die Augbrauen ärgerlich in die Höhe!« dachte Corysa.

»Komteß,« sagte Trêne, »ich bitte um die Ehre, dem Herrn Grafen Axen vorgestellt zu werden –«

Unwillig, den Blick vom Fenster abwenden zu müssen, stammelte der Flederwisch gleichgültig: »Durchlaucht gestatten? Herr von Trêne –«

»Sehr erfreut,« sagte der Graf, dem Husaren die Hand schüttelnd. »Wir werden in der nächsten Woche Regimentskameraden sein, denn ich habe die Erlaubnis erhalten, an den Manövern teilzunehmen, und ich werde mich Ihrer Waffe anschließen. – Wollen wir nicht auf der Terrasse tanzen?« fragte er, Corysa umschlingend. »Man hört die Musik dort vortrefflich und innen ist's rasend heiß.«

Corysa wagte keine Einsprache zu erheben, obwohl sie das unbestimmte Gefühl hatte, damit dem Onkel zu mißfallen, der regungslos auf seinem Posten stand.

Nachdem sie eine Weile getanzt hatten, bemerkte der Prinz innehaltend: »Ich bedaure sehr, Ihren Herrn Onkel heute nicht zu sehen.«

»Er bleibt auf seinem Zimmer – der Trauer wegen,« erklärte sie mit einem scheuen, flüchtigen Blick nach oben.

»Ein prächtiger Mann, der mein ganzes Herz gewonnen hat! Wir haben uns in den letzten Tagen viel gesehen, da wir Ausflüge zu Pferd und zu Fuß miteinander unternommen haben –«

»Sieh da!« dachte die Kleine verwundert. »Davon hat er mir ja kein Sterbenswörtchen erzählt, überhaupt nie mehr von dem Prinzen gesprochen.«

»Der Vicomte ist einer der geistvollsten Männer, die ich kenne,« fuhr der junge Mann fort, »eine auserlesene Natur –«

»Jawohl!« stimmte der Flederwisch mit Begeisterung bei.

Am liebsten wäre sie dem Prinzen um den Hals gefallen.

»Es wäre mir eine große Freude,« setzte er hinzu, »wenn die Manöver rechtzeitig zu Ende gingen, daß ich mit ihm abreisen könnte!«

»Abreisen? Wohin?« fragte Corysa beklommen.

»Ach! Er hat Ihnen gar nicht gesagt –«

»Doch, doch!« versicherte die Kleine, die sich schämte in die Pläne ihres Onkels nicht eingeweiht zu sein. »So ungefähr –«

»Nun ja, also unmittelbar nach den Wahlen gedenkt ja der Vicomte zwei Monate zu reisen.«

»Ach!«

»Er will das Leben der Arbeiter, will Not und Elend genau kennen lernen, will sich Klarheit schaffen über vieles – kurz, er will und wird viel Gutes thun! Ihr Onkel, Komteß, gehört zu den seltenen Menschen, deren Leben eine Kette edler Handlungen ist, die sie aber vor aller Welt geheim halten, als ob's Verbrechen wären.«

»Das hab' ich ihm auch schon gesagt,« bemerkte Corysa mit gepreßter Stimme und gewaltsam ihre Thränen hinunterschluckend.

Der Gedanke, daß ihr Onkel verreisen wollte, brachte ihr ganzes Wesen in Aufruhr. Kam er dann zurück, so mußte er sich ja als Abgeordneter in Paris häuslich einrichten, wo sie selbst mit ihren Eltern erst im Frühjahr hinkam – sie würde ihn also lange nicht, vielleicht nie mehr sehen.

In diesem Augenblick wandte sich der Vicomte, der die Hände aufs Balkongitter gestützt dagestanden hatte, hastig um. Offenbar mußte irgend jemand in seinem Rücken ins Zimmer getreten sein.

»Das ist sie!« dachte der Flederwisch mit Herzklopfen.

Eben war der Walzer zu Ende; sie verbeugte sich leicht gegen den Fürsten und schlängelte sich durch das Gewühl der auf ihre Plätze zurückkehrenden Tänzer hindurch.

Als sie die Bücherei erreicht hatte, stieg sie die alte eichene Treppe hinauf, die unmittelbar in ihres Onkels Zimmer führte. Sie war fest entschlossen, sich durch ihre eigenen Augen oder Ohren Gewißheit zu verschaffen, welcher Art sie auch sein möge, aber mit einem Mal hielt sie betroffen inne.

»Nein!« sagte sie fast laut vor sich hin. »Das wäre ja gemein! Und ich weiß ja auch alles, was ich wissen kann.«

Ein Rauschen von Tüll und Seide that ihr kund, daß jemand von oben herunter kam, und blitzschnell die Stufen wieder hinabeilend, versteckte sie sich hinter der frei aussteigenden Wendeltreppe.

Ganz aufgeregt flog die schöne Frau an ihr vorüber in den Saal zurück, wo sie mit lauter Stimme, um ihrem Besuch ja den Charakter der Heimlichkeit zu nehmen, den andern zurief: »Stellen Sie sich nur vor! Nichts weniger als angenehm überrascht war er! Um ein Haar wäre er grob geworden!«

»Sie lügt!« dachte der Flederwisch bei sich. »Natürlich war er überglücklich, und sie sagt das nur, um die Leute irre zu führen.«

Nun ging sie selbst vollends hinauf und trat, ohne anzuklopfen, in ihres Onkels Zimmer. Vor seinem Schreibtisch sitzend, den Kopf auf die Hand gestützt, hörte er sie nicht kommen.

In kühlem Ton, aber innerlich vor Wut bebend, fragte sie: »Was hat sie dir gethan?«

Verdrießlich herumfahrend und aufstehend, gab er ihr zurück: »Was treibst denn du hier, sag' einmal?«

Beim ersten Blick in das von Schmerz durchwühlte Gesicht, das finster und drohend auf sie herabsah, war des Flederwischs Zorn verraucht und eine unaussprechliche Zärtlichkeit für diesen geliebten Onkel an seine Stelle getreten! Alles andre vergessend, stammelte sie verwirrt und verwundert: »Du weinst? Ach, mein Gott! Warum weinst du denn – um ihretwillen, nicht wahr?« setzte sie leise und schüchtern hinzu.

»Wen du damit meinst, weiß ich nicht,« brach der Vicomte los, »aber hab' die Güte, zu deinen Tänzern zurückzukehren! Laß dir von diesem rohen, gemeinen Trêne den Hof machen, hüpfe meinetwegen mit dem Grafen Axen im Garten herum, aber mich lass' ungeschoren – ich will Ruhe haben!«

»Ruhe?« wiederholte sie eingeschüchtert. »Ruhe zum Weinen?«

»Auch dazu, wenn mir's Spaß macht!«

Die Thüre ins Ankleidezimmer stand offen, und sie sah zwei große Koffer darin stehen.

Ganz außer sich, fragte sie: »Du willst also noch früher abreisen?«

»Noch früher? Wieso? Woher weißt du überhaupt, daß ich reisen will?«

»Vom Grafen Axen.«

Er brach in ein bitteres Gelächter aus.

»Ach! Ich bilde den Gesprächsstoff der Herrschaften?«

»Ja, er hat mir erzählt, du wollest Reisen machen, Gutes thun –«

Die Stimme versagte ihr, aber bald konnte sie hinzusetzen: »Und was soll dann aus mir werden?«

All ihre namenlose Angst gitterte in dem Ton.

»Du meinst doch nicht, daß ich dich mitnehmen könnte?« sagte er kalt und herb. »Oder hier bleiben, um dein Kindermädchen zu spielen?«

»O Gott!« seufzte sie, indem ihr die dicken Thränen in die Augen traten. »Wie du mit mir sprichst, Onkel Mark! Wie abscheulich du mit mir sprichst!«

»Weshalb mußt du auch mir zur Qual heraufkommen?«

Sie fand keine Antwort. Regungslos stand sie mitten im Zimmer in dem schneeweißen Kleid, das reich um ihre Hüften hinabfloß und die reinen Linien des jungen, geschmeidigen Körpers wiedergab. Die blonde Mähne, die von der Zugluft vom Fenster her leicht bewegt wurde, verlieh ihr etwas Feenhaftes; sie erschien als ein seltsames kleines Phantasiegeschöpf, und wider seinen Willen mußte Mark mit einem Ausdruck unaussprechlicher Zärtlichkeit in den geröteten Augen auf sie hinstarren.

Sie war zu kurzsichtig, um diesen Blick wahrzunehmen.

»Wie mir der Prinz sagt,« begann sie nach schweigender Ueberlegung, »willst du also reisen, von hier fortgehen, um Gutes zu thun –?«

Er zuckte die Achseln.

»Ich – ich wüßte etwas Gutes zu thun für dich, was ganz in der Nähe geschehen könnte –«

Wieder keine Antwort.

Leise, wie ein Hauch klang's an sein Ohr: »Wenn du den Flederwisch heiraten wolltest?«

Kreideweiß kam er auf sie zu.

»Was hast du gesagt?«

»Du hast's gehört und verstanden.«

»Deine Witze,« versetzte er mit heiserer Stimme, »sind weder geschmackvoll noch lustig!«

»Ein Witz!« rief der Flederwisch verzweifelnd. »Ach, mein Gott! Ich habe dich ja so lieb, lieber als die ganze Welt, und manchmal ist mir's, als ob du mich auch lieber hättest als alles andre – nur in einzelnen Augenblicken freilich, und deshalb sage ich dir – heirate mich!«

»Flederwisch!« stammelte Mark, sie sanft an sich ziehend. »Mein kleiner Flederwisch! Ja, ich habe dich lieb – o, wie ich dich liebe, wie ich dich liebe, Kind –«

»Dann willst du's also thun?«

Wortlos bedeckte er ihr Gesichtchen mit Küssen.

»Ach, von dir geküßt werden,« seufzte sie bebend, »das thut mir wohl!«

»Was die für Gesichter machen werden, da unten,« rief sie plötzlich, hellauf lachend, »wenn sie das hören!«

Mark sah den Flederwisch an. Noch zögerte er, an ihren Besitz zu glauben, und ihre Stirne küssend, flüsterte er ihr zu: »Ach, du kleiner Flederwisch, du! Wenn du eine Ahnung hättest, wie ich gelitten habe – wie ich der Verzweiflung nahe war – und wie eifersüchtig –«

»Eifersüchtig? Du – das war dumm; denn weißt du« – sie schmiegte sich hingebend in seinen Arm – »da würd' ich selbst vor Erstaunen Mund und Nase aufreißen, wenn ich dich je hinterginge – dich!«

 

Ende.

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