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Flederwischs Heirat

Gyp: Flederwischs Heirat - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorSibylle de Mirabeau
titleFlederwischs Heirat
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1896
translatorEmmy Becher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140811
projectid892c851f
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Zwölftes Kapitel.

Wie Mark es vorhergesehen hatte, wurde der Flederwisch bei den Barfleurs kaum wiedererkannt, und ihr Erscheinen gestaltete sich zu einem wahren Triumph. So wenig sie sich bisher auf diesem Gebiet zugetraut hatte, war sich Corysa des Eindrucks, den sie machte, doch ganz bewußt und sie hätte um ein Haar der Frau von Bassigny ins Gesicht gelacht, so dumm verblüfft und gereizt sah diese sie an.

Die Bewunderung, die ihre Tochter erregte, versetzte die Marquise einfach in den siebten Himmel. Im Grund war sie ja nicht schlecht, sondern nur beschränkt und eitel; alles, was zur Erhöhung ihrer Stellung und ihres Glanzes beitrug, bereitete ihr den höchsten Genuß, und Corysas Erfolg schmeichelte ihr nicht wenig. Die langen Gesichter ihrer Busenfreundin Bassigny und der kleinen Liron machten ihr viel Freude und mit ehrlichem Wohlwollen sah sie zu dem Flederwisch hinüber, der alle Huldigungen mit kühlem Staunen, aber ohne Schüchternheit hinnahm.

Den Barfleurs war es nicht ganz wohl bei dieser unerwarteten Verwandlung. Sie sagten sich, daß man ihnen das häßliche junge Entlein trotz seines Reichtums vielleicht gern gegeben hätte, daß man ihnen den schönen jungen Schwan aber vielleicht vorenthalten werde. Als die Dame des Hauses mit ansehen mußte, wie Herr von Trêne, der flotte Husar, »um den sich alle reißen«, Herr von Bernay, der bisherige Abgeordnete, und Herr von Liron, ein Schwager der kleinen Dame und die glänzendste Partie der Gegend, sich alle um die junge Komteß bemühten, rief sie Corysa zärtlich zu sich und bat sie, sich neben sie zu setzen. Der Flederwisch gehorchte ohne Murren. Wenn sie weder mit dem Onkel Mark, noch mit ihrem Papa, noch mit sonst jemand plaudern konnte, der ihr lieb war, kam es ihr nicht darauf an, bei wem sie saß.

Ihre Cousine Genoveva war allerdings auch da, aber sie war dem schönen Mädchen nie näher getreten, das, zwei Jahre älter als sie, längst »ausgelernt« hatte, und eine sehr gewandte und gewitzte Weltdame war.

Als man noch einen Wagen vorfahren hörte, rief die Vicomteß erfreut: »Ach, da ist er! Ich war schon in Sorge, er sei noch nicht zurückgekommen.«

Corysa, der die Ankunft eines weiteren Gastes keine Unruhe bereitet hatte, sah nun zu ihrer größten Ueberraschung den Herzog von Aubières eintreten, und die alte Freundschaft für ihn wurde dabei so lebendig, daß sie seelenvergnügt aufsprang und ihm entgegeneilte.

»Wie freu' ich mich, Sie wiederzusehen!« sagte sie herzlich.

Der Oberst war erstaunt stehen geblieben, ohne auf den ersten Bück in der eleganten jungen Dame, die ihn so freudig willkommen hieß, den Flederwisch zu erkennen. Als er sich dann durch die lang herabwallenden Haare und das liebe, freudig zu ihm aufblickende Gesichtchen überzeugt hatte, daß es sein Flederwisch sei, malte sich auf den ernsten Zügen ein so grenzenloses Erstaunen, daß Corysa ausrief: »Wahrhaftig, auch Sie kennen mich nicht mehr?«

Mit einem Mal ward sie inne, daß man sie von allen Seiten neugierig beobachtete, und sie hörte Frau von Bassigny der Marquise ins Ohr tuscheln: »Das laß ich mir gefallen! Die Kleine schmollt nicht mit den Freiern, die sie abgewiesen haben soll!«

»Sie ist lächerlich kindisch für ihr Alter,« versetzte die Marquise gereizt, und Corysa sagte sich selbst, daß sie es in diesem Fall verdiene, wenn man ihr Taktlosigkeit vorwerfe.

Aubières stand noch immer etwas erregt und außer Fassung vor ihr. Corysa, die noch nicht in Gesellschaft ging, hier zu treffen, kam ihm völlig unerwartet, noch unerwarteter, sie beinahe zum Weib gereift wiederzufinden und an das Kind, das er gekannt hatte, nur durch die offen auf die Schultern fallenden Haare erinnert zu werden.

Je mehr er sie aber ansah, desto mehr fühlte er eine gewisse Ruhe über sich kommen; er fand sich leichter mit der ihm zugemuteten Entsagung ab, als wenn er sie unverändert wieder gefunden hätte. Wenn er einen Augenblick lang den vermögenslosen Flederwisch für erreichbar gehalten hatte, so fühlte er nun, welche Kluft ihn von der reich gewordenen jungen Komteß trennte, die ihm heute wie das Bild eines vor langen, langen Jahren geliebten Wesens erschien.

Neugierig, verwundert, beinahe ehrfürchtig studierte er diese neue Erscheinung und fühlte dabei, wie die einstige Leidenschaft für den kleinen Flederwisch langsam aus seinem Herzen wich.

»Was haben Sie nur heute abend, Oberst?« fragte Frau von Bassigny bissig. »Hat die Reise Sie etwa ermüdet?«

»Gewiß nicht, gnädige Frau. Warum vermuten Sie das?«

»Weil Sie so sonderbar, so gerührt aussehen!«

Er verbeugte sich.

»Damit hat die Reise jedenfalls nichts zu thun – es muß ein Erbfehler sein.«

Die Dame des Hauses hatte Corysa nicht wohl neben ihren Sohn setzen können, so gern sie's auch gethan hätte, jedenfalls aber hatte sie die Nachbarschaft des »schönen Trêne« und Bernays vermeiden wollen, die beide auf der Suche nach einer reichen Frau waren. Folglich hatte sie es für das Sicherste gehalten, die Kleine zwischen dem Herzog von Aubières, den sie als ungefährlich betrachten durfte, und Herrn von Liron, den keine Mitgift reizte, unterzubringen.

Ueberglücklich, neben ihrem alten Freund zu sitzen, plauderte Corysa während der ganzen Mahlzeit fröhlich und unbefangen über Dinge und Menschen, die beiden am Herzen lagen: den Onkel Mark, ihren Hund, ihre Stute und auch über Kunst und neuere Malerei, denn Aubières hatte mehr geistige und künstlerische Interessen, als die meisten seiner Standesgenossen. Als die allgemeine Unterhaltung nach und nach etwas geräuschvoll wurde, und niemand mehr auf Einzelgespräche acht hatte, schüttete ihm der Flederwisch in gedämpftem Tone auch sein Herz aus über die Huldigungen von Mutter und Sohn Barfleur, die Andeutungen des Vaters Ragon und die daraus entstehenden Kämpfe.

»Und was sagt denn Mark zu alle diesem?« fragte er.

»Das können Sie sich ja denken, daß er's blödsinnig findet – und doch – er war's, der darauf bestand, daß ich hierher gehe – er hat mir sogar eigens dafür dieses Kleid angeschafft – ich weiß überhaupt nicht recht, was er hat, der Onkel Mark, seit einiger Zeit ist er ganz anders gegen mich –«

»Wie so?«

»Das kann ich nicht deutlich erklären, aber er hat Launen, er tadelt mich, ohne daß ich's verdient hätte – es sind ungreifbare Dinge, und doch sind sie vorhanden –«

»Ich werde ihn morgen früh aufsuchen – der Abschied war damals gar zu kurz bei meiner fluchtartigen Abreise.«

»Dabei möchte ich fragen,« begann der Flederwisch, die hellen Augen mit schüchternem Blick auf sein Gesicht heftend, »es thut Ihnen doch nicht mehr weh?«

»Nicht mehr weh ist nicht der richtige Ausdruck,« erwiderte er ihr offen, »aber ich bin verständiger geworden, und ich danke es Ihnen beinah, daß Sie's damals für uns beide waren.«

»Da fällt mir ein Stein vom Herzen!« rief der Flederwisch erleichtert und fuhr dann fort: »Morgen wollen Sie den Onkel besuchen? Sie wissen, daß da die Rennen sind?«

»Gewiß, ich komme aber vormittags.«

»Und daß wir abends einen Ball haben? Das ist auch wieder solch eine Landplage – übrigens, er ist wirklich sehr nett, der kleine Prinz, den Sie uns geschickt haben! Ihm zu Ehren wird nämlich dieser Ball gegeben, drum fällt er mir ein!«

»Sie finden ihn also nett?«

»Ja, aber erst jetzt! Anfangs war er mir unausstehlich, doch nach und nach sind wir ganz gute Kameraden geworden.«

Nachdem die Tafel aufgehoben worden war, bat die Hausfrau den Flederwisch, mit ihrem Sohn den Kaffee einzuschenken.

»Die Damen erlauben doch, daß hier geraucht wird?« fragte sie dabei. »Auf diese Weise behalten wir die Herren –«

Der Flederwisch schnitt ein Gesicht. Sie hatte darauf gerechnet, das Rauchzimmer werde sie von dem Dreikäsehoch befreien, dessen schmachtende Blicke und geheimnisvolle Andeutungen ihren Nerven zusetzten. Sie setzte sich in eine stille, entlegene Ecke, während die schöne Genoveva, schon ganz gewandte Weltdame, heiter plaudernd, neben Frau von Liron den Mittelpunkt der Herrengruppe bildete. Nach einiger Zeit winkte die Marquise ihre Tochter heran und flüsterte ihr ärgerlich zu: »So setz' dich doch nicht wie ein Mauerblümchen an die Wand! Man hält dich ja für eine Gans, wenn du gar nichts redest!«

»Worüber soll ich denn sprechen?«

»Das ist einerlei – man beteiligt sich eben an der Unterhaltung.«

Ganz verdutzt kehrte die Kleine auf ihren Platz zurück. Sprechen, ohne etwas zu sagen zu haben, das hatte sie noch nicht gelernt, und bisher mit Studien oder kindlichen Spielen beschäftigt, wußte sie wahrhaftig nicht, wie sie sich an dem oberflächlichen Geplauder beteiligen sollte. So versank sie denn bald in ihre Gedanken; sie malte sich aus, wie der Onkel Mark jetzt seine Zeitungen zurecht legen, und der geliebte Gribouille seine Suppe fressen werde, und trotz drohender Mutterblicke fiel ihr nichts ein, womit sie am Gespräch hätte teilnehmen können.

Endlich fiel ihr eine gewisse Bewegung unter den Gästen auf. Man hatte über die Echtheit eines Bildnisses von Heinrich IV. gestritten, das Corysas Platz gegenüber an der Wand hing, und jetzt ergriff der kleine Barfleur eine riesige Lampe, die er kaum halten konnte, kletterte auf einen Stuhl und versuchte, das Bild besser zu beleuchten. Kräftig hob sich das knochige Gesicht des Königs von dem dunkeln Hintergrund des alten Bildes ab, und der Flederwisch rief, ganz in Betrachtung der häßlichen, aber anziehenden Züge versunken, mit liebenswürdiger Harmlosigkeit: »Donnerwetter! Dieser Heinrich der Vierte, der hat einmal keine protestantische Leichenbitterphysiognomie gehabt!«

Ein Frösteln lief durch die Gesellschaft, und der Flederwisch besann sich nun sofort darauf, daß die Lirons Protestanten waren. Um davon abzulenken, setzte sie hinzu: »Und doch dank' ich ihm meinen abgeschmackten Namen!«

Verbindlich und hingebend fragte der kleine Barfleur: »Wieso, Komteß? Ihr Name wäre abgeschmackt?«

»Zum Kuckuck – Corysande! Corysande heiß ich nämlich, das wußten Sie wohl nicht?«

»Doch, Komteß, doch! Aber ich finde den Namen nicht abgeschmackt, sondern entzückend –«

»Larifari! Das ist jedenfalls Ansichtssache!«

»Und weshalb trägt Heinrich der Vierte die Schuld, daß Sie einen Namen führen, der Ihnen nicht gefällt?«

»Ja, er kann eigentlich nichts dafür, und doch trägt er die Schuld. Ich führe ihn nämlich zu Ehren der schönen Corysande.«

Verständnislos sah sie der Dreikäsehoch an.

»Sie haben doch von der schönen Corysande gehört?« fragte sie.

»Gewiß!« versicherte er, ohne eine Maße Ahnung von der Sache zu haben.

»Wirklich? Sie sahen mir nämlich nicht danach aus, als ob Sie viel davon wüßten! Nun gut, also diese schöne Corysande war die Gräfin Guiche, und diese wurde im Jahr 1589 Patin bei einer kleinen Gräfin Avesnes. Seit dieser Zeit heißen die Töchter der Avesnes Corysande – ein uraltes Herkommen!«

»Sehr interessant! Aber ich begreife immer noch nicht, was Heinrich der Vierte –«

»Sagt ich's nicht, daß Sie nichts davon wüßten?« rief der Flederwisch lachend. »Natürlich hat Heinrich der Vierte sehr viel damit zu schaffen, denn weil sie so berühmt war, die schöne Corysande, hielt man's für eine Ehre, sie zur Patin zu haben, und daraus entstand dieses Herkommen. Und berühmt war sie, die schöne Corysande – nun eben durch Heinrich den Vierten, das werden Sie ja wissen?«

»Gewiß! Gewiß!« rief die Mutter Barfleur mit Ueberzeugung, denn sie schwebte stets in Angst, ihr Sohn konnte sich eine Blöße geben.

Selbst erstaunlich unwissend, wußte sie um diese Gefahr sehr genau Bescheid, verstand es aber für ihre Person, die Klippen durch Stillschweigen zu umgehen, eine Klugheit, die derartigen Frauen oft eigen ist.

Der Herzog von Aubières hatte indes noch einige andre Bildnisse besichtigt und fragte auf das eines Generals aus der Kaiserzeit deutend: »Wer ist dieser Herr?«

»Das,« versetzte der Dreikäsehoch, seinen Ahn, einen vierschrötigen Riesen, der auf seinen Degen gestützt dastand, mit einem wegwerfenden Blick streifend, »das ist mein Großvater.«

»Ach!« rief der Flederwisch überrascht. »Von Aehnlichkeit mit Ihnen keine Spur!«

Den General Barfleur mit Wohlgefallen und Hochachtung musternd, setzte sie hinzu: »Das begreift sich, daß solche Menschen Wunder der Tapferkeit verrichtet haben.«

»Zu bedauern ist nur,« erklärte der Enkel von oben herab, »daß diese Heldenthaten zu Ehren eines Bonaparte geschahen.«

»Zur Ehre Frankreichs, meinen Sie doch?« fragte der Flederwisch.

»Nein!« entgegnete Barfleur, froh, einen ihm geläufigen Gesprächsstoff zu haben. »Sie kamen nur dem Bonaparte zu gute, und Bonaparte wird in den Augen der ganzen Welt immer und ewig ein Thronräuber, ein Feind Frankreichs sein –«

»In den Augen der Weltleute: das wollen Sie doch sagen?« rief der Flederwisch mit verräterisch glühenden Ohren. »Ein Feind Frankreichs? Der Kaiser! Und die Enkel der Flüchtlinge sind's, die ihn so zu nennen wagten, Leute, die sich freuten, Frankreich zu Boden liegen zu sehen, und die damit ein herrliches Ziel erreichten – einen Ludwig den Achtzehnten!«

»Ludwig der Achtzehnte war ein großer Monarch!« erklärte der kleine Barfleur mit Salbung.

»Ein großer Monarch?« – Corysas Stimme klang erstickt – »Ein großer Monarch? Diese Krämerseele! Im Grund ist Ihnen das alles schnuppe, nicht wahr? Ludwig der Achtzehnte ist Ihnen so gleichgültig, als der Mann im Mond, aber Sie nehmen ihn in Schutz, wie Sie in die Kirche gehen – weil's Mode ist, – und weil Sie's für altmodisch hielten, Bonapartist zu sein! Die Bonapartisten natürlich, das sind ja arme Schlucker, verrückte Schwärmer –«

»Ich bedanke mich im Namen der Bonapartisten, Komteß?« rief Aubières lachend.

Mit drohender Miene stürzte die Marquise auf den Flederwisch zu.

»Schweig'!« zischte sie ihr ins Ohr. »Du machst dich lächerlich!«

»Das wundert mich gar nicht!« erwiderte die Kleine ehrlich. »Aber warum erdreistet man sich, meinen Kaiser schlecht zu machen? Und eigentlich bist du schuldig – du hast gesagt, ich solle sprechen, was, sei ganz einerlei!«

Die Gefahr eines abermaligen Wortgefechts für ihren Sprößling fürchtend, setzte sich die Marquise rasch besonnen ans Klavier.

»Es sind drei junge Damen da – wenn wir's mit einem Walzer versuchten?«

Wie von ein und derselben Feder geschnellt, stürzten Trêne, Bernay und Liron auf den Flederwisch zu, aber der kleine Barfleur, der ihr zunächst stand, nahm sie zuerst in Beschlag.

Als sie sich von seinem Arm umschlungen fühlte, bog sie unwillkürlich den schlanken Leib steif zurück.

»Nein – ich –«

»Ich tanze mit dem Herzog,« hatte sie sagen und diesen zu Hilfe rufen wollen; so nebelhaft aber auch ihre Begriffe von Höflichkeitsgesetzen waren, daß sie nicht umhin können werde, dem Hausherrn wenigstens einen Tanz zu gewähren, dämmerte ihr doch, und als der Dreikäsehoch bestürzt stehen blieb, verbesserte sie sich: »Nichts, nichts! Tanzen wir!«

Wenn der letzte Sprößling der Barfleurs kein Held und kein Politiker war, so tanzte er wenigstens vorzüglich, und der Flederwisch fühlte sich mit Wonne durch den weiten Raum dahingetragen. Sofort aber entschwebte ihr Tänzer mit ihr in eine mäßig erleuchtete Galerie, wo man, wie er sagte, mehr Platz hätte.

»Aber – die andern?« fragte Corysa mit einigem Unbehagen, im Drehen nach den beiden Paaren zurückblickend.

Barfleur hielt an und rief ihnen durch die Thüre etwas zu.

»Sie kommen,« versicherte er, rasch mit ihr weiter tanzend.

Allein sie blieben in dem Halbdunkeln, kahlen Raum allein. Frau von Liron tanzte nur gern, wenn sie Zuschauer hatte, und Genoveva durfte sich nie aus dem Bereich des mütterlichen Blicks entfernen, wofür Frau von Lüssy ihre guten Gründe hatte.

»Man findet Frau von Liron sehr reizend, nicht wahr?« fragte der Flederwisch plötzlich.

Seit heute nachmittag verfolgte sie der Gedanke an diese Frau; sie mußte von ihr sprechen.

»Namentlich Ihr Onkel findet sie reizend,« warf Barfleur geistesabwesend hin.

»Ach!« stieß der Flederwisch traurig heraus.

»Und wie gefällt sie Ihnen, Komteß?«

»Mir ist sie ein wenig zu rundlich, und Ihnen?«

»Mir,« sagte der Dreikäsehoch, die schlanke Gestalt ein wenig fester an sich pressend. »Ich habe keine Augen für sie, ich sehe nichts als Sie, Komteß! Sie, Sie allein finde ich reizend – und Sie liebe ich!« setzte er leise hinzu.

Der Flederwisch hatte ihn nicht verstanden. Ganz hingenommen von der Lust, mit einem solchen Tänzer zu walzen, schmiegte sie sich in seinen Arm, und durch diese Hingebung ermutigt, beugte er sich an ihr Ohr und flüsterte mit einer Stimme, die vor Leidenschaft beben sollte: »Ich liebe dich!«

Seine Lippen waren ihr so nahe, daß sein Hauch ihre Stirnlöckchen in Bewegung versetzte. Ganz verblüfft hörte sie zu tanzen auf, und tief, sich schroff seinem Arm entwindend, mit entrüsteter und verdutzter Miene: »Das geht doch über die Hutschnur!«

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