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Flederwischs Heirat

Gyp: Flederwischs Heirat - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorSibylle de Mirabeau
titleFlederwischs Heirat
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1896
translatorEmmy Becher
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140811
projectid892c851f
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Neuntes Kapitel.

Als sie in Schloß Barfleur, einem stattlichen Granit- und Backsteinbau aus der Zeit Ludwigs XV., anlangte, entdeckte Corysa vom Pferd aus an einem Fenster des Erdgeschosses die Schloßherrin, die in der Vorratskammer an einem großen Tisch saß und Einmachgläser zuband, eine Beschäftigung, die sie so vollkommen in Anspruch nahm, daß sie den Hufschlag der Pferde überhörte. Corysa dachte daran, ans Fenster zu klopfen und ihre Entschuldigung vom Sattel aus herzuleiern, besann sich dann aber, daß dies doch etwas zu formlos sein könnte, und stieg, nachdem sie den Bescheid erhalten hatte, die Vicomteß sei zu Hause, vor dem Stall ab.

Man führte sie ins Billardzimmer, einen kahlen, nüchternen Raum ohne Bilder und Blumen, worin sie ungeduldig, wie ein Löwe im Käfig, auf und ab ging.

»Ob sie mich wohl warten läßt, bis all die Gläser zugebunden sind, diese Mutter Barfleur?«

Endlich erschien der Diener wieder und bat sie, ihm zu folgen. Er hätte die Vicomteß im Park gesucht, entschuldigte er sich, während sie im Salon gewesen sei.

»In der Speisekammer war sie,« brummte der Flederwisch in sich hinein. »Das soll man wohl nicht merken!«

Dem Diener folgend, durchschritt sie eine lange Reihe von Gemächern, die insgesamt öde und traurig aussahen.

»Brr!« machte sie fröstelnd. »Lustig ist's hier nicht! Und wenn der Pater Ragon und die Mutter Barfleur sich einbilden, ich werde den ›Dreikäsehoch‹ heiraten, so brennen sie sich,« das waren ihre Gedanken.

»Wer ist denn das drei Käse hohe Männlein?« hatte Aubières ihren Onkel Mark bei seiner ersten Begegnung mit dem kleinen Barfleur gefragt, und der Name war diesem im Hause Bray geblieben.

Endlich ließ der Diener das junge Mädchen in einen etwas wohnlicheren und reichlicher ausgestatteten Raum eintreten, wo die Hausfrau in einem dunkelroten Seidenkleid, die Zeitung lesend, am Fenster saß.

»Wundert mich nicht, daß ich warten mußte! Das Speisekammerkleid war grau, nun hat sie sich in Gala geworfen. Donnerwetter! Was man mit dem Flederwisch Umstände macht, seit der Onkel geerbt hat!«

»Mein liebes Kind,« rief die Hausfrau aufspringend, »welch günstiger Wind führt Sie hierher – und wie niedlich Sie im Reitkleid aussehen!« setzte sie, ohne eine Antwort abzuwarten, hinzu.

»Niedlich!« wiederholte der Flederwisch, mit erstauntem Blick seine überlangen Arme messend. »So heißt's bei mir zu Hause nie.«

»Jawohl niedlich,« versicherte Frau von Barfleur, die sich nicht beirren ließ. »Niedlich und reizend!«

Sie zog eine alte gestickte Klingelschnur.

»Mein armer Hugo wäre außer sich, wenn er Ihren Besuch versäumen müßte,« bemerkte sie dabei. »Er sieht eben nach den Pferden auf unserm Gestüt, aber ich werde ihn benachrichtigen lassen.«

»Ich komme nur, um Ihnen persönlich zu sagen,« begann Corysa, »daß meine Mutter Ihnen in meinem Namen für Sonnabend zusagte, ohne dabei zu bedenken, daß ich für diesen Tag längst zu meiner Tante Launay gebeten bin –«

»Wie? Das ist einfach unmöglich! Wir nehmen keine Absage an! Machen Sie das mit ihrer Frau Tante ab, oder – besser noch – ich werde es mit ihr abmachen!«

Der Flederwisch gab keine Antwort, denn er lauschte lächelnd dem Geläute der großen Turmglocke, die zum Zeichen für den Schloßherrn wie rasend bimmelte.

»Eine Viertelstunde braucht er mindestens vom Gestüt nach Hause,« dachte sie dabei, »und in fünf Minuten bin ich heidi!«

»Bitte, bitte, meine süße kleine Corysa,« fuhr Frau von Barfleur eindringlich fort, »geben Sie mir doch einen Trost! Sie müssen kommen, Sie werden die Seele und der Sonnenschein unsres kleinen Festes sein!«

»Ich?« entfuhr es der Kleinen. »Ich thue ja den Mund nicht auf, wenn ich mich irgendwo unbehaglich fühle!«

»Und weshalb sollten Sie sich bei uns unbehaglich fühlen?«

»Nun sehen Sie,« rief der Flederwisch mit dunkelroten Wangen, »wie ich herausschwatze! Ich wollte sagen, daß ich mich überall – überall, wo ich nicht allein bin – unbehaglich fühle, weil – weil – ich mich nicht zu benehmen weiß – Sie haben ja jetzt den Beweis dafür!«

»Nein, nein, mein Kind, Sie sind so taufrisch, so offen –«

»Daran fehlt's allerdings nicht,« gab Corysa zu, indem sie rasch aufstand. »Ich muß jetzt gehen – man erwartet mich –«

»Nur noch ein Weilchen! Sie nehmen doch eine Tasse Thee?«

»Danke, danke, ich habe mich so wie so schon verspätet.«

Frau von Barfleur war ebenfalls aufgestanden, und als Corysa, betroffen von diesem Uebermaß an Artigkeit, sie dringend bat, sich doch ihretwegen nicht stören zu lassen, erhielt sie zur Antwort: »Doch, doch, ich möchte Sie gern zu Pferd sehen! Mein Sohn sagt, daß Sie entzückend aussehen!«

»Holla!« dachte der Flederwisch. »Die Geschichte stimmt!«

In dem Augenblick, als der alte Johann die Pferde vorführte, kam der kleine Barfleur atemlos herbeigestürzt und ergriff die ihm zur Begrüßung dargereichte Hand des Flederwischs, um mit ehrfurchtsvoller Verbeugung seine Lippen daraufzudrücken. An derartige Begrüßungen noch wenig gewöhnt, hätte sie um ein kleines hellauf hinausgelacht; wenn sie aber bedachte, wie anders ihr Mutter und Sohn noch vierzehn Tage früher begegnet sein würden, so ergriff sie ein tiefer Ekel.

Kaum trat sie auf ihre Vollblutstute Josephine zu, als der winzige junge Mann vorstürzte und seine Hände ineinanderschlang, um ihr beim Aufsteigen behilflich zu sein. Sie musterte den schwächlichen Rücken und den dünnen Hals, der den unmäßig großen Kopf kaum tragen zu können schien, die dürren Arme, um die der weite Aermel des allzu englischen kartierten Anzugs in leeren Falten herunterhing, und sagte sich: »Jedenfalls läßt er mich fallen!«

Rasch besonnen erklärte sie mit dem verbindlichsten Lächeln, das ihr zu Gebot stand, sie sei so fürchterlich ungeschickt, daß sie nur mit Hilfe ihres alten Johann aufsteigen könne, und flog dann, nur die äußerste Fußspitze auf ihres Dieners Hand stemmend, in den Sattel.

Sobald sie den Schloßhof hinter sich hatte, lenkte Corysa ihr Pferd dem Walde zu, denn es verlangte sie, durch einen Galopp im kühlen Schatten den Zorn zu beschwichtigen, der ihr ganzes Wesen durchtobte.

Noch keine vierzehn Tage war es her, daß man sie gequält hatte, den Herzog zu heiraten, nun würde man wohl in sie dringen, den kleinen Barfleur zu nehmen. Nicht die Aussicht auf neue Kämpfe allein erregte ihr Blut, dieser Freier verletzte auch ihr Selbstgefühl.

Aubières' Werbung war ihr ja nicht verlockend erschienen, aber dankenswert und ehrenvoll; die des kleinen Barfleur empfand sie als Demütigung, einmal, weil er ihr vor der Erbschaft ihres Onkels nie mehr Aufmerksamkeit geschenkt hatte, als ein wohlerzogener junger Mann der Tochter eines befreundeten Hauses unumgänglich schuldet, und dann, weil ihr der Knirps mit seinen Säbelbeinen und seinem Riesenschnurrbart häßlich vorkam und sie den gesunden Menschen angeborenen Widerwillen vor allem Kränklichen und Gebrechlichen hatte.

»Ganz ekelhaft ist mir der,« dachte sie, ihren Weg über den grünen Rasen verfolgend, »und wenn er's so machen wollte, wie der Herzog, und mich küssen, würde ich ihm ganz gewiß eine Ohrfeige geben! Das wird 'was absetzen mit meiner Mutter! Der verwünschte Jesuit, der mir diese Suppe eingebrockt hat – o wie recht hatte ich, mich vor ihm zu fürchten!«

Der Waldweg mündete jetzt wieder auf die Straße, die sich in grellem Sonnenschein vor ihren Blicken dehnte.

»Scheußlich, bis nach Pont-sur-Sarthe bei der Hitze Staub zu schlucken!« überlegte der Flederwisch. »Wenn ich's mit dem Fußweg hinter den Eisenwerken versuchte? Gar zu schlimm ist der Radau um diese Zeit nicht – Josephine läßt sich am Ende schon vorbeibringen!«

Damit ließ sie die Stute, die schon mit gespitzten Ohren das dumpfe Getöse von unten bemerkte, in einen Fußweg einbiegen, der im Zickzack am Waldesrand nach dem Hüttenwerk hinunterführte. Bei einer Biegung des Weges gewahrte sie etliche hundert Fuß unter sich einen Reiter, der mit den Arbeitern plauderte, die am Waldsaum umhersaßen.

»Siehst du,« rief sie dem alten Johann zu, »mit der Vorlesung ist's schon vorbei – die Arbeiter sitzen beim Vesperbrot – es muß vier Uhr sein.« Die Augen zusammenkneifend und eifrig hinabspähend, setzte sie hinzu: »Sag' einmal, ist das nicht der Graf Axen?«

»Gewiß ist er's, Komteß!«

Der Weg machte nun eine Schleife, und Corysa verlor die Gruppe aus den Augen, aber nach einiger Zeit drang die Stimme des Prinzen, deren Wohllaut ihr bekannt war, deutlich an ihr Ohr, und sie hörte ihn sagen: »Jawohl, dieses Glaubensbekenntnis ist vortrefflich, und wenn ich ein Wähler hier zu Lande wäre, würde ich mich keinen Augenblick besinnen, dem Mann meine Stimme zu geben –«

Nun bog der Flederwisch um die letzte Kehre.

»Aha!« rief sie von weitem, »Sie sind's, Durch –«

Sie hielt inne, weil ihr plötzlich eine Ahnung aufstieg, daß der Prinz hier schwerlich gekannt sein wollte, und er erwiderte ihr mit dem Zeichen des Einverständnisses: »Allerdings bin ich's, leibhaftig!«

»Was meinen Sie,« bemerkte einer der Arbeiter lachend, »das Fräuleinchen da, die hält's auch mit Ihnen bei der Wahl!«

»Wieso?« fragte Corysa.

»Der Herr sagt nämlich gerade wie Sie, wenn er wählen könnte, thät' er den Bray wählen!«

»Das will ich meinen!« rief Corysa mit Ueberzeugung. »Vorausgesetzt, daß ihr nicht dem Bernay in den Sattel helfen wollt!«

»Nein, nein, den können wir nicht brauchen.«

»Nun also? Daß der Charlié nicht durchzubringen ist, wißt ihr ja?«

»Ja, ja, das stimmt schon! Nur, daß er ein Vicomte ist, der Bray, das geniert mich halt.«

»Ihn geniert's auch, aber was kann er dafür?«

»Weshalb setzt er denn Vicomte von Bray unter seinen Aufruf?«

»Weil er so heißt! Soll er sich etwa für einen andern ausgeben, soll er euch betrügen?« fragte der Flederwisch und rief dann mit einem Blick auf die Flaschen, Würste und Käsestücke, die im Gras umherlagen: »Donnerwetter – ihr lebt ja wie die Vögel im Hanfsamen!«

»Der Herr da hält uns frei,« erklärte ein zottiger, gebräunter Mann, auf den Prinzen deutend, »weil wir sein Pferd gehalten haben, solang er im Hüttenwerk war.«

Der alte Johann, dem der Schweiß von der Stirne lief, schielte wehmütig nach den Flaschen hin.

»Wenn ihr sehr nett sein wolltet,« sagte Corysa, diesen Blick auffangend, »so würdet ihr ihm etwas zu trinken anbieten bei der Hitze.«

»Wär' schon geschehen,« entschuldigte einer der Arbeiter, hastig eine Flasche ergreifend, »aber man traut sich nicht recht; denn in der Regel, wenn die Herrschaft dabei ist, ist so ein Lakaienvolk –«

»Ach was! Das ist doch kein Lakai, das ist ja meine Wärterin! Da, trink du nur, Johann.«

»Abschlagen wäre unhöflich,« erklärte der alte Johann schmunzelnd, »und Durst kriegt man bei der Hitze – wie ist's denn mit Ihnen, Fräulein?«

»Trinken Sie nur auch ein Glas – brauchen sich nicht zu zieren!« redete ihr einer von den Arbeitern wohlwollend zu.

»O ja, gern,« sagte Corysa, die Hand ausstreckend.

»Nur einen Augenblick! Weil – wissen Sie – für so ein Fräulein, da muß ich das Glas schwenken.«

Er lief zum Brunnen und fragte dann: »Bier oder Wein?«

»Wein, bitte.«

Sie hielt ihr Glas hoch und tief mit heller Stimme: »Auf eure Gesundheit!«

Die Arbeiter standen auf.

»Eigentlich,« bemerkte einer, auf den Prinzen deutend, »sollte man den Herrn da leben lassen, der alles zahlt!«

»Und ich schlage vor, auf das Wohl des Kandidaten zu trinken.«

»Bravo!« rief der Flederwisch unbesonnenerweise. »Es lebe Onkel Mark!«

»So, so, eine Nichte sind Sie von dem Bray?« fragte ein Arbeiter.

»Ja,« gestand sie mit einem beschämten Blick auf den Prinzen, der sich an ihrer Bestürzung weidete.

»Gekannt haben wir Sie ja schon lange,« fuhr der Mann fort, »nur den Namen haben wir nicht gewußt. Und was die Schulkinder da drunten in der Stadt sind, die kennen das Fräulein auch,« erklärte er dem Grafen Axen, »weil sie immer Kleingeld übrig hat für die Schlingel, und an Weihnachten, da hat sie ihnen eine Kiste Spielzeug gebracht – ging kaum in den Wagen 'rein – ja, ja, wenn die reichen Leute alle so wären wie das Fräulein und der Herr da, dann ging's besser, als es geht! Aber sie wollen's oft nicht merken, daß es Elend gibt in der Welt – kenne solche!«

»Ich auch!« stimmte Corysa, an ihre Mutter denkend, bei.

»Reiten Sie nach Pont-sur-Sarthe zurück, Durchl – mein Herr?« fragte sie gleich darauf den Prinzen.

»Ja. Gestatten Sie, daß ich Sie ein Stück Wegs begleite?«

»Natürlich, nur wollen wir lieber durch den Wald reiten, hier wird's zu steinig.«

Den Arbeitern zunickend, wandten sie die Pferde und waren kaum unter dem grünen Blätterdach verschwunden, als sie hinter sich sagen hörten: »Mir schwant so 'was, die werden ein Pärchen!«

»Von uns ist die Rede, Durchlaucht,« rief Corysa lachend.

»Ich bedaure nur, daß die guten Leute sich täuschen!«

»Sie bedauern's? Es ist doch was Schönes um die Höflichkeit! Können Sie sich vorstellen, wie ich mich als Fürstin ausnehmen würde? Großer Gott, was würden Sie mit mir anfangen? Und ich mit Ihnen?« setzte sie nach einiger Ueberlegung hinzu.

»Wie alt sind Sie eigentlich, Komteß?« fragte er lachend.

»Im Mai bin ich sechzehn gewesen – und Sie?«

»Ich werde in acht Tagen vierundzwanzig Jahre alt,« erwiderte er und fragte dann, plötzlich bedenklich werdend: »Gestattet die Frau Marquise eigentlich, daß Sie mit jungen Herren reiten?«

»Gewiß nicht!«

»Ja dann ...«

»Mit Ihnen – ach, Sie sind ein Prinz – ein Prinz ist kein junger Mann, der zählt nicht!« Errötend wollte sie sich verbessern, indem sie rasch sagte: »Das heißt – ich meinte – der steht viel zu hoch, um mitgezählt zu werden. Sagen Sie einmal, Durchlaucht,« fuhr sie; um auf etwas anderes zu kommen, rasch fort, »haben Sie denn keine Angst, man könnte Sie über die Grenze schaffen, wenn Sie so – als Fremder – Politik treiben und auch noch oppositionelle?«

»Meine Politik ist sehr harmlos! Wenn ich den Arbeitern sage, an ihrer Stelle würde ich Ihren Onkel wählen ...«

»Einerlei! Sie sollten sich doch in acht nehmen! Wenn nur der Herzog Aubières hier wäre, um Ihnen zu sagen, was Sie thun und lassen sollen! Sie kommen mir schrecklich grün vor!«

»Sie nehmen also Anteil an mir?« fragte er herzlich lachend.

»O ja, ich nehme Anteil an Ihnen – – das heißt in gewissem Sinn.«

»Das ist immerhin etwas! Wie man sich doch täuschen kann! Ich habe im ganzen ziemlich feine Fühlung dafür, aber ich hätte geschworen, daß ich Ihnen nicht nur gleichgültig, sondern widerwärtig wäre –«

»So war's auch!« rief sie ehrlich. »Bis vorhin war's so; da ist mir's mit einem Mal vorgekommen, als ob Sie ein guter Kerl wären.«

»Dann sind wir also Freunde?«

»Ja – jawohl, Durchlaucht! Verzeihen Sie mir nur, ich rede nicht mit Ihnen, wie sich's gehört.«

»Wieso denn?«

»Ich sage nicht oft genug Durchlaucht und gar nie ›Durchlaucht haben‹ oder ›Durchlaucht sind‹.«

»Lassen Sie sich darüber keine grauen Haare wachsen! Aber weil wir jetzt Freunde sind, könnten Sie mir wohl sagen, warum wir's anfangs nicht waren. Das heißt, ich hatte nie ein Vorurteil –«

»Aber ich! Erstens einmal mag ich die Ausländer nicht, und dann hasse ich die Protestanten. Sie sind beides, also –«

»Was machen Sie denn den Ausländern zum Vorwurf?«

»Gar nichts, als daß sie keine Franzosen sind.«

»Und den Protestanten?«

»Ach, die haben bei mir viel auf dem Kerbholz! Ich finde sie ränkesüchtig, heimtückisch, kopfhängerisch – natürlich gibt es auch Ausnahmen –«

»Mich zum Beispiel?« fragte er lachend.

»Nicht nur Sie, auch andre! Ueberhaupt rede ich nur von der Masse der Protestanten, und zwar der französischen, denn andre kenne ich ja nicht!«

»Wissen Sie, was ich mir einbildete, als ich Ihren Widerwillen gegen mich wahrnahm? Sie hielten mich für einen Spion!«

»Ach, Durchlaucht! Nein, so weit ging's nicht! Ueberdies traue ich dieser Spionenriecherei gar nicht so recht – da geht's wie mit den tollen Hunden – um eine Belohnung zu kriegen, schlagen die Schutzleute arme Hunde tot, die ganz gesund sind. Aber einerlei,« setzte der Flederwisch hinzu, »es ist prächtig von Ihnen, daß Sie für meines Onkels Wahl arbeiten!«

»Ich verdiene Ihren Dank wirklich nicht – die Sache gab sich so zufällig. Weil ich nicht recht wußte, wer von den Leuten mein Pferd gehalten hatte, und durch ein aufs Geratewohl hingeworfenes Geldstück keine Prügelei heraufbeschwören wollte, ging ich ins Wirtshaus und ließ ihnen eine Erfrischung bringen. Da boten sie mir zu trinken an, und dabei kam die Rede auf die verschiedenen Wahlaufrufe. Sie sehen, meine demagogische Thätigkeit ist nicht weit her!«

»Trotzdem wird sie nützen! Und Sie werden schon sehen, was für ein reizender Mensch mein Onkel ist! Nun, da er wieder hier ist, werden Sie sich nicht mehr mopsen bei uns –«

»Aber, Komteß, als ob ich mich je –«

»Nicht gemopst hätte bei meiner Mutter! Machen Sie mir nur nichts weis! Aber Durchlaucht, wie kommt's denn – der sozialistische Wahlaufruf, denn das soll er ja sein – ärgert Sie also nicht?«

»Gewiß nicht, da ich auch Sozialist bin!«

»Oho! Lassen Sie nur davon in Pont-sur-Sarthe nichts verlauten – den Leuten stünden die Haare zu Berg. Eine Durchlaucht Sozialist! Wird Ihnen das nicht hinderlich sein beim Regieren?«

»Ich hoffe, nein, im Notfall kann ich aber die Zügel weitergeben – wir sind unser sieben Brüder! Und Sie, Komteß, Sie befanden sich wohl auf einer Art Wahlreise, als ich das Vergnügen hatte, Sie zu treffen?«

»O nein! Ich hatte bei den Barfleurs etwas zu bestellen.«

»Barfleur? Nicht ein kleiner, schlanker junger Mann?«

»Wenn Sie das schlank nennen!«

»Englischer Stil im Aeußern?«

»Englisch im Stil von Pont-sur-Sarthe.«

»Besitzer eines schönen Schlosses?«

»Die Schönheit geht an, es gehört aber der Mutter.«

»Eine angenehme Dame?«

»Im Gegenteil! Eine knöcherne Riesendame mit einem gemachten Schmerzensausdruck, als ob ihr wunder was zugestoßen wäre! Ich muß mich immer in acht nehmen, daß ich sie nicht als Schmerzenskönigin anrede.«

Der Prinz lachte belustigt.

»Sie müssen nicht glauben, daß ich eine Lästerzunge sei,« entschuldigte sich der Flederwisch, »aber diese Barfleurs kann ich nun einmal nicht schmecken.«

»Ich werde sie wohl auf dem Ball in Ihrem Haus treffen?«

»Natürlich – freuen Sie sich etwa darauf?«

»Aus Neugierde, ja. Ich kenne die Pariser Gesellschaft einigermaßen und möchte nun die der Provinz kennen lernen.«

»Na, da werden Sie Ihre blauen Wunder erleben! So kleinlich, klatschsüchtig, engherzig – nun, für Sie allerdings, der Sie so weit darüber stehen –«

»Ich bin über gar nichts erhaben!«

»Dann stehen Sie wenigstens außerhalb! Uebrigens, Durchlaucht, besser wär's doch, wenn wir über unsern Spazierritt schwiegen.«

»Ach! Sie fürchten sich vor den bösen Zungen?«

»Die sind mir schnuppe, aber mit meiner Mutter könnte es etwas absetzen, wenn sie's erführe.«

»Was soll ich also thun?«

»Nicht davon reden. Ich sage auch nichts, außer wenn man mich danach fragt, und fragen wird man mich nicht.«

»Schwerlich; aber wenn es doch geschähe?«

»Dann würden wir's natürlich zugeben!«

»Abgemacht.«

»Jetzt müssen wir aber Abschied nehmen, eh' wir aus dem Wald herauskommen – ich bitte noch einmal um Verzeihung für alle Verstöße gegen den Hofton und bin Euer Durchlaucht unterthänige Dienerin!« sagte der Flederwisch lachend, worauf der junge Prinz, seinen Hut schwingend, mit einer tiefen Verbeugung erwiderte: »Und ich lege mich Ihnen zu Füßen, Komteß Flederwisch!«

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