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Fledermäuse. Phantastische Geschichten

Gustav Meyrink: Fledermäuse. Phantastische Geschichten - Kapitel 8
Quellenangabe
titleFledermäuse. Phantastische Geschichten
authorGustav Meyrink
typenarrative
modified20170915
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Die vier Mondbrüder

Eine Urkunde

Wer ich bin, ist bald gesagt. Vom 25. bis zum 60. Jahr war ich Kammerdiener beim Herrn Grafen du Chazal. Bis dahin hatte ich als Gärtnergehilfe die Blumenzucht im Kloster zu Apanua besorgt, woselbst ich auch einst meine einförmigen düsteren Jugendtage verlebte und dank der Güte des Abtes Unterricht im Lesen und Schreiben genoß.

Da ich ein Findling war, nahm mich bei meiner Firmung mein Pate, der alte Klostergärtner, an Kindes Staat an, und seitdem führe ich rechtmäßig den Namen Meyrink.

Soweit ich zurückdenken kann, immer ist mir, als trüge ich um den Kopf einen eisernen Reifen, der mein Gehirn einschnürt und dasjenige zu entfalten verhindert, was man gemeinhin Phantasey nennen mag. Fast möchte ich sagen, es fehlt mir ein innerer Sinn, doch dafür sind meine Augen und Ohren scharf wie die eines Wilden. Wenn ich die Lider schließe, sehe ich heute noch mit beklemmender Deutlichkeit die schwarzen starren Umrisse der Zypressen vor mir, wie sie sich damals von den zerbröckelnden Klostermauern abhoben, sehe die ausgetretenen Ziegelsteine auf dem Boden der Kreuzgänge, Stück für Stück, daß ich sie zählen könnte, und doch ist das alles kalt und stumm – spricht nicht zu mir, wo doch sonst die Dinge zum Menschen reden sollen, wie ich schon oft gelesen habe.

Es geschieht aus Offenheit, daß ich unumwunden sage, wie es mit mir steht, denn ich will Anspruch haben auf Glaubwürdigkeit; bewegt mich doch die Hoffnung, daß, was ich hier niederschreibe, Menschen vor Augen kommen möge, die mehr wissen als ich und mir Licht und Erkenntnis schenken können, wenn sie dürfen und wollen, über all das, was einer Kette unlösbarer Rätsel gleich meinem Lebenspfad begleitet hat.

Sollte nun gar wider jenes vernünftige Ermessen diese Druckschrift den beiden Freunden meines verewigten zweiten Herrn: Magister Peter Wirtzigh (gestorben und begraben zu Wernstein am Inn im Jahre des großen Krieges 1914), nämlich den beiden wohlgeborenen Herren Doktores Chrysophron Zagräus und Sacrobosco Haselmayer, genannt »der rote Tandschur«, zu Gesicht kommen, so mögen die Herren gerechterweise bedenken, daß es nicht Schwatzhaftigkeit oder eitel Neugier sein können, die mich bewogen haben, etwas an den Tag zu geben, was die Herren selbst vielleicht ein Menschenalter geheimhielten, zumal ein Greis von 70 Jahren, wie ich, über derlei kindischen Firlefanz wohl schon hinausgereift ist – daß es vielmehr Gründe geistiger Art sein dürften, die mich hierzu zwangen, worunter die Befürchtung meines Herzens: dereinst nach dem Ableben des Leibes eine – Maschine zu werden (die Herren werden schon verstehen, was ich meine), gewißlich kein geringes ist.

Doch nun zu meiner Geschichte:

Die ersten Worte, die der Herr Graf du Chazal zu mir sprach, als er mich in seine Dienste nahm, waren die Frage:

»Hat je eine Frau in deinem Leben eine Rolle gespielt?«

Als ich mit gutem Gewissen verneinte, schien er sichtlich zufrieden. Die Worte brennen mich heute wie Feuer, ich weiß nicht warum. Silbe für Silbe denselben Satz fragte mich 35 Jahre später mein zweiter Brotgeber, Herr Magister Peter Wirtzigh, als ich bei ihm als Diener eintrat:

»Hat je eine Frau in deinem Leben eine Rolle gespielt?«

Auch damals konnte ich ruhig verneinen – hätte es bis zum heutigen Tag können –, aber ich kam mir voll Schrecken einen Augenblick lang vor wie eine leblose Maschine, als ich es sagte, und nicht wie ein menschliches Wesen.

So oft ich jetzt darüber grüble, schleicht mir ein grausiger Verdacht ins Hirn; ich kann es nicht in Worte fassen, was ich mir dann denke, aber – gibt's denn nicht auch Pflanzen, die sich nie recht entwickeln können, die trostlos verkümmern und wachsgelb bleiben (so als schiene die Sonne nie auf sie), bloß, weil der Giftsumach in ihrer Nähe wächst und heimlich an ihren Wurzeln zehrt?

In den ersten Monaten fühlte ich mich in dem einsamen Schloß, das nur von dem Herrn Grafen du Chazal, der alten Haushälterin Petronella und mir bewohnt wurde und buchstäblich angefüllt war mit seltsamen altertümlichen Geräten, Uhrwerken und Fernrohren, recht unbehaglich, zumal der gnädige Herr Graf allerlei Absonderlichkeiten an sich hatte. So durfte ich ihm zum Beispiel wohl beim Anziehen helfen, nie aber beim Auskleiden, und wenn ich mich dazu erbötig machte, gebrauchte er immer die Ausrede, er wolle noch lesen; in Wirklichkeit aber – muß ich annehmen – streifte er in der Dunkelheit umher, denn oft waren frühmorgens seine Stiefel dick mit Schlamm und Moorerde bedeckt, auch wenn er tags vorher den Fuß nicht aus dem Hause gesetzt hatte.

Auch sein Aussehen war nicht sehr anheimelnd: klein und schmächtig, wollte sein Körper nicht recht zum Kopf passen, und obschon wohlgewachsen, machte der Herr Graf auf mich lange Zeit den Eindruck eines Buckligen, wiewohl ich mir darüber keine genaue Rechenschaft zu geben vermochte.

Sein Profil war scharf geschnitten und hatte durch das schmale, hervorstehende Kinn und den spitzigen, grauen, nach vorn gebogenen Bart darunter etwas merkwürdig Sichelartiges. Er mußte übrigens eine unverwüstliche Lebenskraft besitzen, denn er alterte während der langen Jahre, die ich ihm diente, kaum merklich, höchstens, daß die seinen Gesichtszügen eigentümliche Halbmondform schärfer und schmäler zu werden schien.

Im Dorfe gingen allerlei kuriose Gerüchte über ihn: er würde nicht naß, wenn es regne, und dergleichen, und so oft er nachtschlafender Zeit an den Bauernhäusern vorüberginge, blieben jedesmal in den Stuben die Uhren stehen.

Ich achtete nie auf solches Geschwätz, denn daß ähnlicherweise zuzeiten die metallenen Gegenstände im Schlosse, wie Messer, Scheren, Rechen und dergleichen für ein paar Tage magnetisch wurden, so daß Stahlfedern, Nägel und anderes daran haften blieb, ist wohl eine nicht weiter wunderbare Naturerscheinung, denke ich; wenigstens klärte mich der Herr Graf, als ich ihn einmal fragte, darüber auf. Der Ort stünde auf vulkanischem Boden, sagte er, auch hingen solche Vorgänge mit dem Vollmond zusammen.

Überhaupt hatte der Herr Graf eine ungewöhnlich hohe Meinung vom Mond, wie ich aus folgenden Begebenheiten schließe:

Ich muß vorausschicken, daß jeden Sommer, genau am 21. Juli, aber immer nur für vierundzwanzig Stunden, ein über die Maßen wunderlicher Gast zu Besuch kam: derselbe Herr Doktor Haselmayer, von dem später noch die Rede sein wird.

Der Herr Graf sprach von ihm stets als vom »roten Tandschur«, warum, habe ich nie begriffen, denn der Herr Doktor war nicht nur nicht rothaarig, sondern hatte überhaupt kein einziges Haar auf dem Kopf und weder Augenbrauen noch Wimpern. Schon damals machte er auf mich den Eindruck eines Greises; – mag sein, daß es von der seltsamen uraltmodischen Tracht kam, die er jahraus, jahrein trug: einem glanzlosen moosgrünen Tuchzylinderhut, der nach oben zu ganz eng, fast spitzig wurde, einem holländischen Sammetwams, Schnallenschuhen und schwarzen Seidenkniehosen an den beängstigend kurzen und dünnen Beinchen – wie gesagt, mag sein, daß er nur deshalb so, so – »verstorben« aussah, denn seine hohe, liebliche Kinderstimme und die wundersam feingeschwungenen Mädchenlippen sprachen gegen ein hohes Alter.

Andererseits hatte es wohl auf dem ganzen Erdenrund noch nie so erloschene Augen gegeben, wie er sie besaß.

Ohne den schuldigen Respekt verletzen zu wollen, möchte ich hinzufügen, daß er einen Wasserkopf hatte, der überdies zum Erschrecken weich zu sein schien – so weich, wie ein gesottenes abgeschältes Ei – nicht nur, was das kugelrunde, fahle Gesicht anbelangte, sondern auch im Hinblick auf den Schädel selbst. Wenigstens quoll ihm immer, so oft er den Hut aufsetzte, alsbald eine Art blutleerer Schlauch unter der Krempe ringsherum auf und, wenn er den Hut abnahm, brauchte es stets eine bedenklich geraume Zeit, bis sein Kopf glücklich die ursprüngliche Form zurückgewonnen hatte.

Von der Minute der Ankunft des Herrn Doktor Haselmayer bis zu seiner Abreise pflegten er und der gnädige Herr Graf ununterbrochen, ohne auch nur einen Bissen zu essen, ohne zu schlafen oder zu trinken, vom Monde zu sprechen und dies mit einem rätselhaften Eifer, den ich nicht verstand.

Ihre Liebhaberei ging so weit, daß sie, wenn gerade die Zeit des Vollmondes mit dem 21. Juli zusammentraf, nachts hinaus an den kleinen sumpfigen Schloßteich gingen und stundenlang das Spiegelbild der silbrigen Himmelsscheibe im Wasser anstarrten.

Einmal, als ich zufällig vorbeiging, bemerkte ich sogar, daß beide Herren weißliche Brocken – es werden wohl Semmelkrumen gewesen sein – in den Weiher warfen, und als Herr Doktor Haselmayer wahrnahm, daß ich es gesehen hatte, sagte er rasch: »Wir füttern nur den Mond – äh, Pardon, soll heißen: den – den Schwan.« Nun gab es aber weit und breit keinen Schwan. Auch Fische nicht.

Was ich noch in derselben Nacht mit anhören mußte, schien mir in geheimnisvollem Zusammenhang damit zu stehen, weshalb ich es denn auch Wort für Wort meinem Gedächtnis eingeprägt und alsbald umständlich zu Papier gebracht habe:

Ich lag in meiner Schlafkammer noch eine Weile wach, da hörte ich plötzlich im Bibliothekszimmer nebenan, das sonst nie betreten wurde, die Stimme des Herrn Grafen in wohlgesetzter Rede sagen:

»Nach dem, was wir soeben im Wasser gesehen, mein liebwerter und hochgeschätzter Doktor, müßte ich sehr irren, wenn nicht unsere Sache vortrefflich stünde und der alte Rosenkreuzerische Satz: ›post centum viginti annos patebo‹, das ist ›nach 120 Jahren werde ich offenbar‹ ganz in unserem Sinne zu deuten wäre. Wahrlich, das nenne ich mir eine erfreuliche Jahrhundertsonnenwendfeier! Schon im letzten Viertel des kürzlich verflossenen 19. Jahrhunderts gewann das Mechanische schnell und sicher die Oberhand, dürfen wir getrost feststellen, aber wenn es so weiter geht, wie wir hoffen wollen, wird im 20sten die Menschheit bald kaum mehr Zeit finden, das Tageslicht zu sehen, vor lauter Arbeit, die vielen und immer zahlreicher werdenden Maschinen zu putzen, zu polieren, in Tätigkeit zu erhalten und sie auszubessern, wenn sie schadhaft werden.

Schon heute kann man füglich sagen, ist die Maschine ein würdiger Zwilling des weiland goldenen Kalbes geworden, denn wer sein Kind zu Tode quält, bekommt höchstens 14 Tage Arrest, wer aber irgendeine alte Straßenwalze beschädigt, muß drei Jahre ins Loch.«

»Die Herstellung von derlei Triebwerken ist aber auch wesentlich kostspieliger«, warf Herr Doktor Haselmayer ein.

»Im allgemeinen, gewiß«, gab Herr Graf du Chazal höflich zu. »Doch das ist sicherlich nicht der einzige Grund. Das Wesentliche dabei scheint mir zu sein, daß auch der Mensch genau genommen nichts anderes darstellt als ein halbfertiges Ding, das dazu bestimmt ist, dereinst selbst ein Uhrwerk zu werden, wofür deutlich spricht, daß gewisse keineswegs nebensächliche Instinkte, wie zum Beispiel: sich behufs Veredelung der Rasse die richtige Gattin zu wählen, bei ihm bereits ins Automatenhafte versunken sind. Was Wunder, daß er in der Maschine seinen wahren Sprößling und Erben sieht und im leiblichen Nachkommen den Wechselbalg.

Wenn die Weiber Fahrräder oder Repetierpistolen gebären würden statt Kinder, sollten Sie mal sehen, wie flott da plötzlich drauflosgeheiratet würde. Ja, im güldenen Zeitalter, als die Menschen noch weniger entwickelt waren, da glaubten sie nur das, was sie ›denken‹ konnten, dann kam allmählich die Epoche, wo sie nur das glaubten, was sie fressen konnten – aber jetzt erklimmen sie den Gipfel der Vollkommenheit, das heißt: sie halten bloß das für wirklich, was sie – verkaufen können.

Sie nehmen dabei, weil es im vierten Gebot heißt: ›Du sollst Vater und Mutter ehren‹ usw. als selbstverständlich an, daß die Maschinen, die sie in die Welt setzten und mit dem feinsten Spindel schmieren, derweil sie selbst sich mit Margarine begnügen, ihnen die Mühen der Erzeugung tausendfach vergelten und Glück in jeder Form bringen werden; nur vergessen sie ganz: auch aus Maschinen können undankbare Kinder werden.

In ihrem Vertrauensdusel finden sie sich mit dem Gedanken ab, die Maschinen seien nur tote Dinge, die auf sie nicht rückwirken und die man wegwerfen könne, wenn man sie satt hat; ja Schnecken!

Haben Sie schon einmal eine Kanone beobachtet, Schätzbarster? Soll die vielleicht auch ›tot‹ sein? Ich sage Ihnen, nicht einmal ein General wird so liebevoll behandelt! Ein General kann einen Schnupfen bekommen und kein Hahn kräht danach, aber die Kanonen kriegen Schürzen um, damit sie sich nicht erkälten – oder ›rosten‹, was dasselbe ist – und Hüte auf, daß es ihnen nicht hineinregne.

Gut, es ließe sich einwenden: die Kanone brüllt nur, wenn sie mit Pulver vollgepfropft ist und das Zeichen zum Abfeuern gegeben wird, aber brüllt dann ein Tenorist nicht auch erst, wenn das Stichwort fällt, und selbst dann nur, wenn er genügend mit Musiknoten angefüllt ist? Ich sage Ihnen: im ganzen Weltraum gibt es nicht ein einziges Ding, das wirklich tot wäre.«

»Aber unsere traute Heimat, der Mond, ist doch ein abgestorbener Himmelskörper, ist doch tot?« flötete Herr Doktor Haselmayer schüchtern.

»Er ist nicht tot«, belehrte ihn der Herr Graf, »er ist nur das Gesicht des Todes. Er ist – wie soll ich es nennen – die Sammellinse, die gleich einer Zauberlaterne die lebenerzeugenden Strahlen dieser vermaledeiten protzenhaften Sonne zur verkehrten Wirkung bringt, allerlei magisches Bildwerk aus dem Hirn der Lebenden in die scheinbare Wirklichkeit hineinhext und das giftige Fluidum des Sterbens und der Verwesung in mannigfaltigster Form und Äußerung zum Keimen und Hauchen bringt. – Über die Maßen kurios – finden Sie nicht auch? – daß die Menschen trotzdem gerade den Mond unter allen Gestirnen am meisten lieben – besingen ihn sogar ihre Dichter, die doch im Geruch stehen, Seher zu sein, mit schwärmerischem Geseufz und Augenverdrehen, und keinem werden die Lippen blaß vor Grauen bei dem Gedanken, daß seit Millionen Jahren Monat für Monat eine blutlose kosmische Leiche die Erde umkreist! Da sind wahrscheinlich die Hunde gescheiter – insbesonderheit die schwarzen – die ziehen den Schweif ein und heulen den Mond an.«

»Schrieben Sie mir nicht unlängst, werter Herr Graf, die Maschinen seien direkt Geschöpfe des Mondes? Wie soll ich das verstehen?«, fragte Herr Doktor Haselmayer.

»Dann haben Sie mich falsch verstanden«, unterbrach ihn der Herr Graf. »Der Mond hat nur das Hirn der Menschen mit Ideen geschwängert durch seinen giftigen Odem, und die Maschinen sind die sichtbarliche Geburt daraus.

Die Sonne hat den Sterblichen den Wunsch in die Seele gepflanzt, reicher an Freuden zu werden und schließlich den Fluch: im Schweiße des Angesichtes vergängliche Werke zu schaffen, zu zerbrechen, aber der Mond – die geheime Quelle der irdischen Formen – hat es ihnen in einen trügerischen Glast getrübet, also daß sie sich in eine falsche Imagination verliefen und nach außen – ins Greifbare – versetzten, was sie innerlich hätten anschauen sollen.

Folgedessen die Maschinen sichtbare Titanenleiber worden sind, aus den Gehirnen entarteter Heroen geboren.

Und wie dann etwas ›begreifen‹ und ›schaffen‹ nichts anderes heißt, als die Seele die Form dessen annehmen lassen, was man ›siehet‹ oder ›schaffet‹ und sich damit eins zu machen, so treiben von nun an die Menschen hilflos auf dem Wege dahin, sich allmählich selbst in Maschinen zu verzaubern, bis daß sie dereinst nackend dastehen als nimmerruhendes stampfendes ächzendes Uhrwerk – als das, was sie immer erfinden wollten: als freudloses Perpetuum mobile.

Wir aber, die Brüder vom Monde, werden dann zu Erben des ›ewigen Seins‹ – des einigen unwandelbaren Bewußtseins, das da nicht saget: ›Ich lebe‹, sondern ›Ich bin‹, das da weiß: ›wenn auch das Universum zerbricht – ich bleibe.‹

Wie könnte es denn auch anders sein – wenn nicht Formen nur Träume wären –, daß wir nach freiem Willen jederzeit unseren Leib gegen einen anderen zu tauschen, unter den Menschen in menschlicher Gestalt, unter den Schemen als Schatten, unter den Gedanken als Idee zu erscheinen vermögen und dies kraft des Geheimnisses, uns unsere Formen gleich eines im Traum erwählten Spielzeuges zu entäußern? So wie ein im Halbschlaf Befangener sich plötzlich seines Träumens bewußt werden kann, den Trug des Zeitbegriffes in eine neue Gegenwart rücket und dem Verlauf des Traumes hierdurch eine andere wünschenswerte Richtung gibt: quasi mit beiden Füßen in einen neuen Körper hineinspringt, sintemalen der Körper im Grunde nichts ist, als ein mit der Täuschung der Dichtigkeit behafteter Krampfzustand des alles durchdringenden Äthers.«

»Vortrefflich gesagt«, jubelte Doktor Haselmayer mit seiner süßen Mädchenstimme auf, »warum aber wollen wir eigentlich die Irdischen dieses Glückes der Transfiguration nicht teilhaftig werden lassen? Wäre das so schlimm?«

»Schlimm? Unabsehbar! Entsetzlich!« schrillte ihm der Herr Graf in die Rede. »Man denke: der Mensch mit der Kraft begabt, im Kosmos ›Kultur‹ zu verzapfen!

Wie glauben Sie, Verehrtester, würde da wohl nach 14 Tagen der Mond aussehen? In sämtlichen Kraterringen Velodrome und ringsherum ein Rieselfeld für Kloakenwässer.

Vorausgesetzt, daß man nicht schon früher die dramatische ›Kunst‹ eingeschleppt und dadurch jeder Vegetationsmöglichkeit ein für allemal den Boden versauert hätte.

Oder sehnen Sie sich vielleicht danach, daß die Planeten zur Börsenstunde telephonisch miteinander verbunden würden und die Doppelsterne in der Milchstraße amtliche Verehelichungszeugnisse beibringen müßten?

Nein, nein, mein Lieber, vorläufig kommt das Universum noch eine Zeitlang mit dem alten Schlendrian aus.

Doch, um auf ein erquicklicheres Thema zu kommen, lieber Doktor – überdies ist es höchste Zeit, daß Sie abnehmen, wollte sagen: abreisen – also auf Wiedersehen bei Magister Wirtzigh im August 1914; da ist der Anfang vom großen Ende, und wir wollen doch diese Katastrophe der Menschheit würdig begehen. Nicht?«

Schon vor den letzten Worten des Herrn Grafen hatte ich mich in meine Kammerdienerlivree geworfen, um Herrn Doktor Haselmayer beim Einpacken behilflich zu sein und ihn zum Wagenschlag zu begleiten.

Einen Augenblick später stand ich auf dem Korridor.

Doch was mußte ich sehen: der Herr Graf verließ allein das Bibliothekszimmer, auf den Armen das holländische Wams, die Schnallenschuhe und Seidenkniehosen sowie den grünen Zylinderhut des Herrn Doktor Haselmayer – während dieser selbst spurlos verschwunden war, und so schritt der gnädige Herr Graf, ohne mich eines Blickes zu würdigen, in sein Schlafgemach und schloß die Türe hinter sich ab.

Ich hielt es als wohlerzogener Diener für meine Pflicht, mich über nichts zu wundern, was meine Herrschaft zu tun für gut fand, konnte aber doch nicht umhin, den Kopf zu schütteln, und es dauerte längere Zeit, bis ich zuwege brachte, einzuschlafen.

Ich muß jetzt viele Jahre überspringen.

Sie sind eintönig dahingeflogen und stehen in meiner Erinnerung aufgezeichnet so vergilbt und verstaubt wie Bruchstücke aus einem alten Buch mit krausen verschnörkelten Begebenheiten darin, die man einst irgendwann in dumpfem Fieber mit halbem, versiegendem Gedächtnis gelesen und kaum begriffen hat.

Nur das eine weiß ich klar: Im Frühjahr 1914 sagte der Herr Graf plötzlich zu mir: »Ich werde demnächst verreisen. Nach – Mauritius (dabei sah er mich lauernd an), und ich wünsche, daß du bei deinem Freunde, einem gewissen Magister Peter Wirtzigh in Wernstein am Inn, in Dienste trittst. Hast du mich verstanden, Gustav? Ich dulde keine Widerrede.«

Ich verbeugte mich stumm.

Eines schönen Morgens, ohne irgendwelche Vorbereitungen getroffen zu haben, hatte der Herr Graf das Schloß verlassen, was ich daraus entnahm, daß ich ihn nicht mehr zu Gesicht bekam und statt seiner ein fremder Mensch in dem Himmelbett lag, das der Herr Graf zum Schlafen zu benützen gepflegt.

Es war, wie man mir später in Wernstein eröffnete, der Herr Magister Peter Wirtzigh.

Auf des Herrn Magisters Besitztum, von dem man tief hinabsehen konnte auf den schäumenden Inn, angelangt, ließ ich es mir sogleich angelegen sein, den mitgebrachten Kisten und Koffern ihren Inhalt zu entnehmen, um ihn in die Spinde und Truhen zu räumen.

Eben wollte ich eine höchst sonderbare alte Lampe, geformt wie ein durchsichtiger japanischer Götze mit untergeschlagenen Beinen (den Kopf bildete eine Kugel aus Milchglas), in deren Innern eine durch Uhrwerk bewegliche Schlange den Docht mit dem Rachen emporhielt, in einen hohen gotischen Schrank stellen und öffnete ihn zu diesem Behufe, da erblickte ich darinnen zu meinem nicht gelinden Entsetzen, aufgehenkt, die baumelnde Leiche des Herrn Doktor Haselmayer.

Fast hätte ich vor Schrecken die Lampe fallen lassen, doch zum Glück erkannte ich noch rechtzeitig, daß es nur die Kleider und der Zylinderhut des Herrn Doktors waren, die mir das Bild seiner Gestalt vorgetäuscht hatten.

Immerhin machte das Erlebnis tiefen Eindruck auf mich und hinterließ ein Gefühl der Vorahnung wie von etwas Drohendem, Unheilvollen, das ich nicht abschütteln konnte, trotzdem die folgenden Monate eigentlich nichts wesentlich Aufregendes brachten.

Herr Magister Wirtzigh war wohl gleichmäßig gütig und freundlich zu mir, aber er glich Herrn Doktor Haselmayer in vieler Beziehung zu sehr, als daß mir nicht immer die Begebenheit mit dem Schrank hätte einfallen müssen, so oft ich ihn ansah. Sein Gesicht war kreisrund, gleich dem des Herrn Doktors, nur überaus dunkel, fast wie das eines Mohren, denn er litt seit Jahren an dem unheilbaren Überbleibsel eines langwierigen Gallenleidens: an Schwarzsucht. Wenn man einige Schritte von ihm entfernt stand und es war nicht sehr hell im Zimmer, konnte man oft seine Züge gar nicht unterscheiden, und der schmale, kaum fingerbreite silberweiße Bart, der sich ihm unterm Kinn bis zu den Ohren hinzog, hob sich in solchen Fällen von seinem Antlitz ab wie eine mattschimmernde unheimliche Ausstrahlung.

Der beklemmende Eindruck, der mich gefangen hielt, wich erst, als im August die Nachricht von dem Ausbruch eines fürchterlichen Weltkrieges überall wie der Blitz einschlug.

Ich erinnerte mich sofort, was ich vor Jahren Herrn Grafen du Chazal über eine Katastrophe, die der Menschheit bevorstünde, hatte sagen hören, und es wollte mir vielleicht deshalb nicht gelingen, mit voller Überzeugung in die Verwünschungen einzustimmen, die die Dorfbevölkerung gegen die feindlichen Staaten ausstieß; schien es mir doch, als stünde hinter all dem als Urheber der dunkle Einfluß gewisser haßerfüllter Naturkräfte, die sich der Menschheit bedienen wie einer Marionette.

Völlig unbewegt verhielt sich Herr Magister Wirtzigh. So, wie jemand, der längst alles vorausgesehen hat.

Erst am 4. September kam eine leichte Unruhe über ihn. Er öffnete eine Türe, die mir bis dahin verschlossen gewesen, und führte mich in einen blauen, gewölbten Saal, der nur ein einziges, rundes Fenster in der Decke hatte. Genau darunter, so daß das Licht unmittelbar darauf fiel, stand ein runder Tisch aus schwarzem Quarz mit einer muldenförmigen Vertiefung in der Mitte. Ringsherum goldene, geschnitzte Stühle.

»Hier diese Mulde«, sagte der Herr Magister, »füllst du heute abend, noch ehe der Mond aufgeht, mit klarem, kaltem Brunnenwasser. Ich erwarte Besuch aus Mauritius, und wenn du mich rufen hörst, nimmst du die japanische Schlangenlampe, zündest sie an – der Docht wird hoffentlich nur glimmen«, setzte er halb für sich hinzu –, »und stellst dich mit ihr so, wie man eine Fackel hält, dort in die Nische.«

Es war längst Nacht geworden, schlug elf Uhr, zwölf Uhr, und ich wartete und wartete noch immer.

Niemand konnte das Haus betreten haben – ich weiß es gewiß, hätte es bemerken müssen, denn das Tor war verschlossen und kreischte stets laut, wenn man es öffnete, aber kein Laut war vernehmbar bis jetzt.

Eine Totenstille ringsum, daß sich mir das Brausen des Blutes im Ohr allmählich zur tosenden Brandung steigerte.

Endlich hörte ich die Stimme des Herrn Magisters meinen Namen rufen – wie aus weiter Ferne. So, als käme sie mir aus dem eigenen Herzen.

Mit der glimmenden Lampe in der Hand, fast betäubt von einer unerklärlichen Schlaftrunkenheit, die ich noch nie an mir wahrgenommen, tappte ich mich durch die finsteren Räume in den Saal und stellte mich in die Nische.

In der Lampe surrte leise das Uhrwerk, und ich sah durch den rötlichen Bauch des Götzen den glühenden Docht im Maul der Schlange funkeln, wie sie langsam kreiste und kaum merklich in Ringen in die Höhe zu kriechen schien.

Der Vollmond mußte wohl senkrecht über dem Loch in der Saaldecke stehen, denn in der Wassermulde des steinernen Tisches schwamm sein Spiegelbild als regungslose Scheibe aus fahlgrünglühendem Silber.

Eine lange Zeit glaubte ich, die goldenen Stühle seien leer, doch allmählich unterschied ich, daß in dreien von ihnen Männer saßen, und erkannte, als sich ihre Gesichter zögernd bewegten: im Norden den Herrn Magister Wirtzigh, im Osten einen Fremden (Doktor Chrysophron Zagräus mit Namen, wie ich aus einem Gespräch, das sie später führten, entnahm), und im Süden, einen Kranz Mohnblumen auf dem kahlen Schädel – Doktor Sacrobosco Haselmayer.

Nur der Stuhl im Westen war leer.

Nach und nach mußte wohl auch mein Gehör wach geworden sein, denn Worte wehten zu mir herüber, zum Teil lateinische, die ich nicht verstand, teils solche in deutscher Sprache. – Ich sah den Fremden sich verbeugen, Herrn Doktor Haselmayer auf die Stirn küssen und hörte ihn sagen »geliebte Braut«. Es folgte noch ein längerer Satz, aber er war zu leise, als daß er mir hätte zu Bewußtsein kommen können.

Dann, plötzlich, war Herr Magister Wirtzigh mitten drin in einer apokalyptischen Rede:

»Und vor dem Stuhl war ein gläsern Meer gleich dem Kristall, und mitten am Stuhl und um den Stuhl vier Tiere, voll Augen vorne und hinten. – Und es ging heraus ein ander Pferd, das war fahl, und der darauf saß, des Name hieß Tod, und die Hölle folgte ihm nach. Ihm war gegeben, den Frieden zu nehmen von der Erde, und daß sie sich untereinander erwürgten; und ihm ward ein groß Schwert gegeben.«

»Schwert gegeben«, echote der Herr Doktor Zagräus, da fiel sein Blick auf mich, und er hielt inne und fragte flüsternd die übrigen, ob Verlaß auf mich sei.

»Er ist längst ein lebloses Uhrwerk geworden in meiner Hand«, beruhigte ihn der Herr Magister. »Unser Ritual fordert, daß ein für die Erde Abgestorbener die Fackel hält, wenn wir zusammen sind; er ist wie eine Leiche, trägt – seine Seele in der Hand und glaubt, es sei eine schwelende Lampe.«

Wilder Hohn klang aus den Worten, und plötzlicher Schreck lähmte mein Blut, als ich fühlte, daß ich in Wahrheit kein Glied rühren konnte und starrgeworden war wie ein Toter.

Wieder nahm der Herr Doktor das Wort und fuhr fort: »Ja, ja, das Hohe Lied des Hasses braust durch die Welt. Ich hab ihn mit eigenen Augen gesehen, der auf dem fahlen Pferd sitzt, und hinter ihm das tausendgestaltige Heer der Maschinen – unsere Freunde und Bundesgenossen. Längst haben sie Selbstmacht gewonnen, aber immer noch bleiben die Menschen blind und dünken sich Herren über sie.

Führerlose Lokomotiven, mit Felsblöcken beladen, rasen einher in wahnwitziger Wut, stürzen sich auf sie und begraben Hunderte und aber Hunderte unter der Last ihrer eisernen Leiber.

Der Stickstoff der Luft ballt sich zu neuen furchtbaren Sprengmitteln: die Natur selbst drängt sich in atemloser Hast, freiwillig ihre besten Schätze zu geben, um das weiße Scheusal, das seit Jahrmilliarden Narben in ihr Gesicht gegraben, auszurotten mit Haut und Haar.

Metallene Ranken mit spitzigen, gräßlichen Dornen wachsen aus dem Boden, fangen die Beine und zerreißen die Leiber, und mit stummem Jubel zwinkern die Telegraphen einander zu: Wieder sind Hunderttausend der verhaßten Brut dahin.

Hinter Bäumen und Hügeln verborgen lauern die Mörserriesen, die Hälse gen Himmel gereckt, Erzklumpen zwischen den Zähnen, bis ihnen verräterische Windmühlen mit den Armen tückische Zeichen winken, Tod und Vernichtung zu speien.

Elektrische Vipern zucken unter dem Boden hin – da!: ein winziger grünlicher Funken und aufbrüllt ein Erdbeben und verwandelt die Landschaft in ein Massengrab!

Mit glühenden Raubtieraugen spähen die Scheinwerfer durch die Finsternis! Mehr! Mehr! Mehr! Wo sind noch mehr! Und schon kommt's wankend gezogen in grauen Sterbemänteln – unabsehbarer Scharen – die Füße blutig, die Augen erloschen, taumelnd vor Müdigkeit, halb im Schlaf, mit keuchenden Lungen und brechenden Knien – doch schnell kläffen die Trommeln dazwischen mit rhythmisch-fanatischem Fakirgebell und peitschen die Furien der Berserkerwut hinein ins betäubte Gehirn, daß der Wahnwitz des Amoklaufs heulend losbricht unaufhaltsam, bis der Schauer des Bleiregens nur mehr auf Leichen trifft.

Aus Westen und Osten, aus Amerika und Asien strömen sie herbei zum Kriegstanz, die erzenen Ungeheuer, voll Mordlust die runden Mäuler.

Haie aus Stahl umschleichen die Küsten, in ihrem Bauch erstickend, die ihnen einst das Leben gegeben.

Aber selbst die daheim geblieben sind, die scheinbar ›Lauen‹, die so lange weder kalt waren noch warm – die früher nur friedliches Werkzeug gebaren – sind aufgewacht und tragen ihr Teil bei zum großen Sterben: ruhelos fauchen sie ihren glühenden Atem zum Himmel empor Tag und Nacht, und aus ihren Leibern quillt es, Schwertklingen und Pulverhülsen, Lanzen, Geschosse. Keines mag da mehr hocken und schlafen.

Immer neue Riesengeier wollen flügge werden, um über den letzten Schlupfwinkeln der Menschen zu kreisen, und schon laufen unermüdlich Tausende Eisenspinnen hin und her, ihnen die silberglänzenden Schwingen zu weben.«

Die Rede stockte einen Augenblick, und ich sah, daß Herr Graf du Chazal plötzlich zugegen war; er stand hinter dem Stuhl im Westen, die Arme über der Lehne gekreuzt, sein Gesicht war blaß und verfallen.

Dann fuhr Doktor Zagräus mit betonend eindringlicher Gebärde fort:

»Und ist es nicht eine gespenstische Auferstehung? Was längst zu Petroleum verwest in Erdhöhlen geruht hat: das Blut und Fett der vorsintflutlichen Drachen – regt sich und will wieder lebendig sein. In dickbäuchigen Kesseln gebrodelt und destilliert, fließt es jetzt als ›Benzin‹ in die Herzkammern neuer phantastischer Luftungeheuer und bringt sie zum Stampfen. Benzin und Drachenblut! – wer sieht da noch einen Unterschied? Es ist wie das dämonische Präludium zum Jüngsten Tag.«

»Sprechen Sie nicht vom Jüngsten Tag, Doktor«, fiel der Herr Graf hastig ein (ich fühlte, daß eine unbestimmte Furcht in seiner Stimme lag) – »es klingt wie ein Vorzeichen.«

Die Herren standen erstaunt auf:

»Ein Vorzeichen?«

»Wir wollten heute zusammenkommen als zu einem Feste«, begann der Herr Graf, nachdem er lang nach Worten gesucht, »aber es hat meinen Fuß bis zur jetzigen Stunde festgehalten in – Mauritius (ich begriff dumpf, daß dem Worte eine verborgene Bedeutung zugrunde lag und der Herr Graf nicht ein Land damit meinen konnte); und ich habe lang gezweifelt, ob es richtig ist, was ich an dem Widerschein sah, der von der Erde zum Monde emporhaucht. Ich fürchte, ich fürchte – und mir wird die Haut kalt vor Grauen, wenn ich daran denke – daß über kurz ein Unerwartetes geschehen könnte und entrisse uns den Sieg. – Was will's besagen, daß ich errate: noch ein geheimer Sieg mag in dem heutigen Krieg liegen, der Weltgeist will die Völker absondern voneinander, damit sie einzeln stehen wie die Glieder eines zukünftigen Leibes; was nützt es mir, wo ich die letzte Absicht nicht kenne?! Die Einflüsse, die man nicht sehen kann, sind die mächtigsten. – Ich sage euch:

Ein Unsichtbares wächst und wächst; und ich kann seine Wurzel nicht finden.

Ich habe die Zeichen am Himmel gedeutet, die nicht täuschen: ja, auch die Dämonen der Tiefe rüsten zum Kampf, und bald wird die Haut der Erde sich schütteln wie das Fell eines Rosses, das von Bremsen geplagt wird, schon haben die Großen der Finsternis, deren Namen eingeschrieben stehen im Buche des Hasses, abermalen aus dem Abgrund des Weltraums einen Kometenstein geschleudert, und dies nach der Erden, wie sie oft einen solchen Wurf nach der Sonne gerichtet, er aber das Ziel verfehlt hat und zurückgeflogen ist, wie der Bumerang der australischen Neger rückkehrt in die Hand des Jägers, wenn er das Opfer nicht getroffen hat. – Aber zu wes Zweck, fragte ich mich, dies große Aufgebot, wo doch der Untergang des Menschengeschlechts durch das Heer der Maschinen besiegelt scheint?

Und da lösten sich mir Schuppen von den Augen; doch ich bin noch blind und kann nur tasten.

Fühlt ihr nicht auch, wie das Unwägbare, das der Tod nicht greifen kann, anschwillt zu einem Strom, dagegen die Meere sind wie ein Eimer Spülicht?

Was ist das für eine rätselhafte Kraft, die über Nacht alles wegschwemmt, was klein ist, und das Herz des Bettlers weit macht gleich eines Apostels! Ich habe gesehen, daß eine arme Lehrerin eine Waise annahm an Kindesstatt und hat nicht viel Redens davon gemacht – und da kam die Furcht zu mir.

Wo ist die Macht des Maschinenhaften in der Welt geblieben, wo Mütter jubeln, wenn ihre Söhne fallen, statt sich das Haar zu raufen? Und soll's eine prophetische Rune sein, die zurzeit noch keiner lesen kann: in den Kaufladen der Städte hängt ein Bild, ein Kreuz in den Vogesen, daran das Holz weggeschossen ist, und der Menschensohn – blieb stehen?

Wir hören die Flügel des Todesengels über die Länder brausen, seid ihr gewiß, daß es nicht die Schwingen eines – Anderen sind und nicht die des Todes? Eines von denen, die ›Ich‹ sagen können in jedem Stein, jeder Blume und jedem Tier, inner- und außerhalb des Raums und der Zeit?

Nichts kann verloren gehen, heißt es: wessen Hand sammelt dann diese Begeisterung, die gleich einer neuen Naturkraft überall frei wird, und was für Geburt will daraus entstehen und wer wird sein Erbe sein!

Soll wieder einer kommen, des Schritte keiner hemmen kann – wie es immer wieder im Laufe der Jahrtausende geschah von Zeit zu Zeit? Der Gedanke läßt mich nicht mehr los.«

»Mag er doch kommen! – Wenn er nur auch diesmal wiederkommt in Kleidern von Fleisch und Blut«, fuhr Herr Magister Wirtzigh höhnisch drein. »Sie werden ihn schon festnageln mit – Witzen; über grinsendes Lachen hat noch keiner gesiegt.«

»Aber er kann kommen ohne Gestalt«, murmelte Doktor Chrysophron Zagräus vor sich hin, »so wie einer vor kurzem ein Spuk über Nacht die Tiere befiel, daß Pferde plötzlich rechnen konnten und Hunde – lesen und schreiben. Was, wenn er aus den Menschen selbst hervorbricht wie eine Flamme?«

»Dann müssen wir in den Menschen das Licht durch das Licht betrügen«, kreischte der Herr Graf du Chazal gellend dazwischen, »wir müssen in ihren Gehirnen von da an wohnen als neuer falscher Glanz eines trügerischen, nüchternen Verstandes, bis sie Sonne und Mond verwechseln, und müssen sie mißtrauen lehren allem, was Licht ist.«

Was der Herr Graf noch weiter sagte, ich erinnere mich nicht. Ich konnte mich mit einemmal wieder bewegen und der glasartige erstarrte Zustand, der mich bislang umfangen gehalten, wich von mir. Eine Stimme in mir schien zu flüstern, ich solle mich fürchten, aber ich brachte es nicht zuwege.

Dennoch streckte ich wie zum Schutz den Arm mit der Lampe vor.

Mochte sie dabei ein Luftzug getroffen haben oder hatte die Schlange darin den Raum im Kopfe des Götzen erreicht, so daß der glimmende Docht zur Flamme auflodern konnte – ich weiß es nicht. Ich weiß nur, ein blendendes Licht zersprengte mir plötzlich die Sinne, wiederum hörte ich meinen Namen rufen, und dann fiel ein schwerer Gegenstand dumpf krachend hin. –

Es muß wohl mein eigener Körper gewesen sein, denn, als ich einen Moment meine Augen aufschlug, bevor ich das Bewußtsein verlor, sah ich: ich lag auf dem Boden, und der Vollmond stand leuchtend über mir; – das Zimmer aber schien leer und der Tisch und die Herren waren verschwunden.

Viele Wochen lag ich in tiefer Betäubung danieder und, als ich langsam genas, erfuhr ich – ich habe vergessen, von wem – daß Herr Magister Wirtzigh inzwischen gestorben war und mich zum alleinigen Erben seines gesamten Besitzes eingesetzt hatte.

Aber ich muß wohl noch lange das Bett hüten, und so habe ich denn Zeit, über das Geschehene nachzudenken und alles niederzuschreiben.

Nur zuweilen des Nachts kommt es gar seltsam über mich, und mir ist, als gähne in meiner Brust ein leerer Raum, unendlich nach Osten, Süden, Westen und Norden, und mitten darin schwebt der Mond, wächst zur glänzenden Scheibe, nimmt ab, wird schwarz, taucht wieder auf als schmale Sichel, und jedesmal sind seine Phasen die Gesichter der vier Herren, wie sie zuletzt um den runden steinernen Tisch saßen. Dann lausche ich gespannt, um mich zu zerstreuen, auf das unbändige Johlen, das durch die Stille ringsum zu mir herüberdringt aus dem in der Nachbarschaft gelegenen Raubschloß des wilden Malers Kubin, der dort im Kreise seiner sieben Söhne wüste Orgien feiert bis zum Morgengrauen. Kommt der Tag, so tritt wohl zuweilen die alte Haushälterin Petronella an mein Bett und sagt: »Nun, wie geht's denn, Herr Magister Wirtzigh?« Sie will mir nämlich weismachen, einen Grafen du Chazal habe es seit dem Jahre 1430, wo das Geschlecht erlosch, wie der Herr Pfarrer genau wisse, nicht mehr gegeben, ich sei ein Schlafwandler gewesen, in einem Anfall von Mondsucht vom Dach heruntergefallen und hätte mir jahrelang eingebildet, mein eigener Kammerdiener zu sein. Selbstverständlich gebe es auch weder einen Doktor Zagräus noch einen gewissen Sacrobosco Haselmayer.

»Den roten Tandschur, na ja, den gibt's«, sagt sie zum Schluß jedesmal drohend. »Er liegt drüben auf dem Ofen und is a chinesisch's Zauberbuch, hör ich. Aber mer siecht ja, was dabei 'rauskommt, wenn a Christenmensch so was liest.«

Ich schweige dazu, denn ich weiß, was ich weiß, aber, wenn die Alte hinausgegangen ist, stehe ich doch jedesmal heimlich auf, um mir Gewißheit zu verschaffen, öffne den gotischen Schrank und überzeuge mich:

Aber natürlich ja, da steht sie doch, die Schlangenlampe, und darunter hängen – der grüne Zylinderhut, das Wams und die Seidenkniehosen des Herrn Doktor Haselmayer.

 


 

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