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Ferien vom Ich

Paul Keller: Ferien vom Ich - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Keller
titleFerien vom Ich
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
year1916
correctorreuters@abc.de
sendergebler.dresden@yahoo.de
created20140918
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Luise

Es ist ein Brief angekommen, der mir die überschäumende Freude des Tages genommen hat. Die Pflegeeltern der Tochter Joachims haben geschrieben. Bei dem Scheidungsprozess wurde die kleine Luise dem Bruder zugesprochen. Da er aber weltflüchtig wurde, geschah dem Kinde das, was vielen solchen überzähligen armen Würmern geschieht – es kam »in Pflege«. Ein »kinderloses, aber sehr kinderliebes, in durchaus geordneten Verhältnissen lebendes Ehepaar in Berlin sucht Kind von besserer Abkunft gegen einmalige Erziehungsbeihilfe als eigen anzunehmen«.

Ich wusste, was für Tragödien sich hinter solchen Inseraten verbergen, wie oft sie der Deckmantel elendester Gaunerei, schamlosester Ausnutzung sind. Und damals war es das erstemal, dass ich meine Mutter nicht verstand. Sie weigerte sich auf das entschiedenste, das Kind zu sich zu nehmen und zu erziehen, und da ich immer wieder in sie drang und die Unschuld des Kindes nicht verderben, seinen kleinen Leib nicht frieren und darben lassen wollte in der Fremde, wurde die Mutter hart wie Eisen und sagte, ich entehre sie mit meinen Vorstellungen und Bitten. Sie war zu tief gekränkt in ihrer Frauenseele, sie hasste das Weib, das dieses Unheil angerichtet, zu bitter, litt zu furchtbar unter dem Verlust des Lieblingssohnes, als dass ihre sonst so gute, freundliche Art auch diesmal den rechten Weg hätte finden können. Ja, sie sagte mir, dass sie die Bitte vom Vergeben aus ihrem »Vaterunser« gestrichen habe. Der Bruder war geflüchtet, ich musste hinter ihm herziehen, ein abenteuerliches Leben beginnen, um ihn zu suchen und ihn schließlich nach fünf Jahren zu finden und zu einer ganz kurzen Aussprache zu bewegen. Ich konnte mich damals um die kleine Luise nicht weiter kümmern, ich wusste nur, dass eine entfernte Verwandte das Mädchen zu dem »kinderlieben« Ehepaar nach Berlin gebracht, die geforderten fünfzehntausend Mark »Erziehungsbeihilfe« als einmalige Abfindung bezahlt und berichtet hatte, es scheine sich um außerordentlich honette und christliche Leute zu handeln.

Als ich Joachim in der Schiffskajüte gegenüber saß, indes draußen die schwere See rollte, glaubte ich, der Augenblick sei so gewaltig, dass er an die tiefsten Tiefen des Männerherzens rühren, dass er eine der festverschlossenen Türen öffnen, und dass die Frage daraus hervortreten werde: »Lebt das Kind noch?« Joachim stellte die Frage nicht, und als ich nach Hause kam und nach etwa zehn Tagen es wagte, die Mutter zu fragen, ob die kleine Luise am Leben sei, wandte sie sich ab und sagte hart: »Das weiß ich nicht!«

Da fiel mir auf, dass die Mutter und Joachim sich sehr ähnlich seien. Ich bin mehr nach dem Vater geschlagen. Der ist ein weicher Mann gewesen. Und ich selbst bin wohl auch als Mann viel zu weich, stoße mir überall leicht das Herz wund und werde wahrscheinlich einmal viel leichter unter die Räder kommen, als es Joachim passieren könnte.

Nun haben die Pflegeeltern der kleinen Luise an Mutter einen Brief geschrieben. Sie hat ihn aber nicht geöffnet, wie sie zehn oder mehr andere Briefe, die von derselben Stelle schon gekommen sind, auch nicht geöffnet, sondern ungelesen verbrannt hat. Diesen letzten Brief habe ich an mich genommen und ihn soeben gelesen.

Mir graut. Schlechtes, fettfleckiges Papier, in elender Rechtschreibung und noch elenderem Stil die Enthüllung niederster Schakalinstinkte, Geldgier, Erpressungsversuche, Frechheiten. Was sich wohl sogenannte feinere Leute einbildeten – sie setzten Kinder in die Welt, kümmerten sich aber nicht um sie, sondern ließen sie anderen Leuten zur Last. Ob sich die feine Gesellschaft je klar geworden sei, was es heiße, ein Kind aufzuziehen? Zehntausend durchwachte Nächte und bei Tag keine ruhige Stunde. Ob das mit solchem Lumpengeld wie fünfzehntausend Mark bezahlt sei? Sie, die Pflegeeltern, seien brave, sehr christliche Leute, wie das ganze Stadtviertel bezeugen könnte, und niemand etwas schuldig, aber die anderen, die zehn Briefe nicht beantworten, was seien die? Das bisschen Geld, das bezahlt worden sei, sei längst weg. Das hätten allein Doktor und Apotheke verzehrt; denn wer weiß, was die Luise von ihren Eltern alles für Krankheiten geerbt habe. Wenn sie, die Pflegeeltern, nicht so kinderliebe Menschen wären, läge das Kind längst auf der Straße oder im Grabe. Sie müssten ihr Letztes zusetzen, um das Mädchen zu erhalten. Aber nun habe das ein Ende. Sie würden den ganzen Skandal in die Zeitung bringen und sich auch an das Vormundschaftsgericht in Waltersburg wenden. Im übrigen seien sie bereit, gegen Zahlung von weiteren zehntausend Mark das Mädchen in Pflege zu behalten, obwohl Luise ein Kind sei, das nur Ärger bereite.

Solches und noch Ärgeres enthielt der Brief. Ich trug ihn zur Mutter.

»Lies den Brief!« sagte ich.

Sie schüttelte zornig den Kopf.

»Du musst ihn lesen, Mutter«, sagte ich todernst und in hartem Befehlston.

Sie starrte mich an und wurde blass.

Ich legte den Brief auf den Tisch und verließ das Zimmer.

Nach einer Stunde suchte ich die Mutter wieder auf.

Sie lag auf dem Sofa und zuckte wie in Krämpfen.

»Liebe, gute Mutter«, sagte ich und streichelte ihren frühgebleichten Scheitel.

»Ändere es, Fritz«, sagte sie mühsam, »ändere es; tue, was du willst, aber ändere es – es ist entsetzlich!«

Schmerz und Grauen schüttelten sie.

Ich küsste ihr die Hand und sagte: »Ich fahre mit dem nächsten Zuge nach Berlin.«

*

Der Zug rollte sein einförmiges Lied durch die ebene Landschaft. Es regnet fein, glitzernde Tröpfchen zittern an den Fensterscheiben und rinnen schließlich in schmalen Bächlein herab. Keiner meiner Fahrtgenossen spricht ein Wort. Mir ist das recht lieb. Ich bin in einer trostlosen Stimmung.

Ferien vom Ich! Ein Erlösungswort für gequälte Menschen, eine Zufluchtsstätte für müde Herzen, eine friedliche Insel im brandenden Ozean, und ich der Lotse, der halb zerschellte Schiffe nach dem Hafen geleitet. Bitterer Spott über mich selbst quillt mir im Herzen auf. Wenn nun einer meiner Kurgäste mich einmal befragt: Wie bist du eigentlich dazu gekommen, solch ein Prophet des Friedens zu sein, wer lieh dir den Talar? Bist du selber so ein harmonischer Mensch, hast du gesiegt über die Unrast der Zeit und die Kämpfe deines eigenen Herzens? Hast du zunächst alle diejenigen, die dir durch verwandtschaftliche Bande nahestehen, so in den Frieden gerettet, dass du nun ausgehen kannst, um fremdem Volk zu helfen?

Oh, seht ihn nur an, den Propheten, den Friedensapostel! Seht nur, wie er im Eisenbahnwagen sitzt und endlich versuchen will, ein Kind, das ihm durch die Bande des Blutes ganz nahesteht, vor völliger Verwahrlosung zu retten; fragt ihn nur nach seiner Mutter, die in Tränen zu Hause sitzt, fragt ihn nach dem einzigen Bruder, der in Gram und Hass verschollen ist – fragt ihn nach alldem und wundert euch dann, dass dieser Mann einer großen Gemeinde freiwillig seine Bauhilfe anbieten will, während ihm der Regen und der Wind durch die Löcher seiner eigenen Giebel dringen. Wie ein Geistlicher ist er, der gegen die Sünde predigt und selbst ein arger Sünder ist, wie ein Richter, der einen Verbrecher straft und den selber eine geheime Schuld drückt, wie ein Arzt, der andere dem Tode entreißen will und der selber dem Tode geweiht ist!

*

Berlin N. Eine der Proletarierstraßen, von denen jede einzelne mehr Einwohner hat als ganz Waltersburg. Fünfstöckige Häuser. Im Erdgeschoß Geschäfte mit billigen Waren, in jedem zweiten oder dritten Hause eine »Restauration«, in deren Fenster Würste hängen und Schnapsflaschen stehen. Auf den Bürgersteigen und dem Fahrdamm ein Gewühl schreiender, blasser Kinder. Schlecht genährte Frauen, dicke Bierkutscher, schmale Schreiberlein, modisch, aber windig gekleidete junge Mädchen, schwatzende Weiber, mit Lastkarren daherkeuchende Männer, hie und da ein Faulenzer, der zum Fenster herausliegt, die Arme auf ein Kissen stützt und den Stumpfsinn in Reinkultur zeigt, Köter von unbestimmbarer Rasse, wie wahnwitzig schellende Straßenbahnen, Autos, Droschken, Lastwagen, Radler, dicke, stauberfüllte Luft, an jeder Straßenecke ein bärbeißiger Schutzmann – Berlin N.

Das war das »Milieu«, in dem meine Nichte Luise bisher aufgewachsen war. Ich ging vom Stettiner Bahnhof aus auf die Suche nach ihrer Wohnung. An einer Straßenecke bot mir ein Kind Schnürbänder zum Kaufe an. Ein kleines, blasses Mädchen war es. Ich sah sie an und trat einen Schritt zurück. »Wie heißt du denn?«

Das Kind erschrak und sagte ängstlich: »Luise!«

»Wie heißt du noch? Wie ist dein anderer Name?«

Noch ein verängstigter Blick, und das Mädchen rannte, so schnell es nur konnte, davon. Ich fühlte es wie Lähmung in meinen Gliedern, aber ich eilte dem Kinde nach. Bei einer Tornische holte ich es ein und fasste es am Arm.

»Fürchte dich nicht, Luise. Ich tue dir nichts.«

Das Mädchen brach in Tränen aus.

»Sperren Sie mich nicht ein!«

»Warum soll ich dich denn einsperren?«

»Weil ich – weil ich – die Schuhbänder – Sie sind ein Geheimer ...«

Das Kind weinte noch lauter.

»Hallo! Seht nur da! Was hat denn der mit dem Mädel? Warum weint denn det Mädel? Haut ihn! Das is so eener! Wird er gleich das Kind in Ruh' lassen!«

Ich war im Nu von einer Rotte Menschen umstellt. Einige Rowdies nahmen eine drohende Haltung an, Männer murrten, ein Weib kreischte mich an:

»Pfui über so 'nen Spitzel – 'n armes Mächen, wat sich 'n paar Jroschen verdient, feste zu nehmen ...«

»Is ja jar keen Jeheimer, is ja 'n solcher! Haut ihn!«

Die kleine Luise entschlüpfte mir, ein Schutzmann kam breit wie ein Hilfskreuzer auf die Gruppe zugesegelt, die alsbald um ihn und mich einen mehrfachen Belagerungsring schloss.

»Was ist los?« fragte der Gesetzeshüter.

»Er hat 'n kleines Jöhr belästigt – er hat 'n Kind jemisshandelt – er hat ihr blutig jeschlagen – er hat jesagt, er is 'n Jeheimer, aber er is 'n Lump.«

Der Schutzmann stand wie ein Fels.

»Wer sind Sie?«

Ich zog eine Legitimationskarte heraus.

»Was ist geschehen, Herr Doktor?« fragte der Schutzmann, nachdem er die Karte gelesen.

»Doktor – 'n Doktor is er – amputieren will er ihr – Versuchskarnickel braucht er, det Schwein ...«

»Ruhe!« donnerte der Schutzmann. »Was ist geschehen?«

»Ich will es gern sagen«, antwortete ich, »aber nicht vor diesen Leuten, die die Sache nichts angeht.«

Ein wüstes Geschrei antwortete mir; immer mehr Volk sammelte sich an.

»Kommen Sie in Ihrem eigenen Interesse mit mir«, riet der Sicherheitsmann.

»Jawohl!« sagte ich, und wir durchbrachen die Kette.

Niemand konnte mich schützen, dass ich ein paar Püffe und Stöße erhielt. Ein Trupp johlte hinter uns her, wurde aber durch ein Pferd, das auf der Straße gefallen, in seinem Interesse abgelenkt, und ich war mit dem Schutzmann allein. Wir traten in einen Hauseingang, und ich gab ihm eine kurze Aufklärung. Als er den Namen der Pflegeeltern Luises gehört hatte, sagte der Schutzmann:

»Der Mann is 'n Tagedieb und die Frau 'ne Schlampe. Da sehen Sie man, dass Sie det Wurm da abkriejen.«

Ich dankte ihm, und wir trennten uns. Einen Augenblick überlegte ich noch, ob ich zuvor einen Rechtsanwalt zu Rate ziehen solle, aber dann ging ich direkt nach Luises Wohnung. Ein Hinterhaus von vielen Stockwerken. Auf dem Hofe spielten Kinder im Staub der Stubendecken, die geklopft wurden. Die Treppe war dunkel und schmutzig. Im dritten Stockwerk las ich den Namen von Luises Pflegeeltern. Ich läutete zweimal, dann kam ein zaghafter Kindertritt, die Tür wurde geöffnet, ein entsetzter Schrei, die Tür flog wieder zu. Ich läutete abermals. Ein großer, starker Mann erschien. Er trug einen Christusbart, ziemlich lange Haare und stak in einem schwarzen, wenig sauberen Rock. Später erfuhr ich, dass der Mann »Prediger« bei irgendeiner neuen Sekte war.

Er wollte mich erst mit einer hochmütigen Miene mustern, aber plötzlich wurde sein Gesicht scheinheilig freundlich, und mit ölglatter Stimme sagte er:

»Ah, Herr Oberkommissar, ich hab schon gehört – weiß schon – der Herr Polizeiinspektor haben meine Pflegetochter beim Handel erwischt – aber ich kann bei meiner Ehre versichern – Herr Inspektor ich bin unschuldig – ich verbiete dem Mädel aufs strengste – haben es ja auch gottlob nicht nötig – aber sehen Sie, Herr Inspektor, so'n hergelaufenes Kind von schlechter Abkunft, das man so aus purem Mitleid (ich bin Oberprediger bei der Gemeinde der Jünger von Kapernaum), das man so aus christlicher Barmherzigkeit aufzieht und das doch nicht gerät, weil der Feind sein Unkraut unter den Weizen sät, das stiehlt sich nun 'n Jroschen, kauft sich Schuhbänder oder Streichhölzer oder was weiß ich und verkauft sie, um zu naschen – natürlich nur, um zu naschen ...«

Das Geschwafele erstarb an meiner wortlosen Ruhe.

»Was wünschen der Herr Inspektor – ich würde den Herrn Inspektor gern in die Wohnung bitten, aber meine Frau ist zufällig heute noch nicht mit dem Aufräumen fertig ...«

Da sprach ich endlich.

»Sie irren – ich bin kein Polizeimann – ich bin der Onkel der kleinen Luise.«

»Sie sind – Sie sind – ach so – ach so – der sind Sie ...«

Er brach in ein meckeriges Lachen aus.

»Ich will Sie zur Rechenschaft ziehen, Sie schlechter Kerl!« rief ich außer mir.

»Sie wollen mich – was wollen Sie?«

Sein Gesicht veränderte sich. Eine zynische Frechheit machte sich auf seinen Zügen breit.

»Was wollen Sie!« brüllte er. »So 'n Balg – so 'n unsauberer Balg – und Sie wollen noch – ah, wenn Sie mir was zu sagen haben, schreiben Sie es mir; ich bin für Sie nicht zu sprechen – verstehen Sie – für Sie nicht zu sprechen; denn ich bin ein anständiger Mensch!«

Die Tür fiel ins Schloss. Ich blieb allein stehen; ich fürchtete, nun würde die kleine Luise drin zu schreien anfangen.

Aber es blieb still. Nur eine Tür krachte noch zu.

Da eilte ich die schmutzige Stiege hinab.

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