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Ferien vom Ich

Paul Keller: Ferien vom Ich - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Keller
titleFerien vom Ich
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
year1916
correctorreuters@abc.de
sendergebler.dresden@yahoo.de
created20140918
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Auf dem Weihnachtsberg

Auf dem Weihnachtsberg steht ein altehrwürdiges Gasthaus. Es sieht aus wie eine Burg, hat auch einen grauen verwitterten Turm, eine Zugbrücke, Butzenscheiben und was so dazu gehört. Das echteste von dem ganzen romantischen Nest war der Wirt, der Eberhard hieß, weil er einen langen Bart hatte, oder der sich einen langen Bart hatte wachsen lassen, weil er Eberhard hieß. Die Waltersburger besuchten ihn an allen regenfreien Sonntagnachmittagen, und er lebte auf seiner luftigen Höhe so gute Tage, dass ihm der Humor niemals ausging. Dieser Eberhard war für die Waltersburger Kinder der Knecht Ruprecht. Jeden Weihnachtsabend lugten sie ängstlich, sehnsüchtig und neugierig nach dem Gipfel des Weihnachtsberges hinauf, und wenn endlich die blaue Winternacht ihren Duftschleier um den Gipfel hüllte, flammte da oben ein mächtiges Bergfeuer zum Himmel, und eine Trompete blies langsam und feierlich herab ins Tal: »Vom Himmel hoch, da komm ich her.«

»Er kommt, er kommt!« stießen da die Kinder heraus, und die kleinsten zitterten in seliger Angst. Vom Berge herab aber kam mit silbernem Geläut der Knecht Ruprecht gefahren. Er thronte auf einem mit Tannenreis prachtvoll verzierten Schlitten, und andere Schlitten folgten ihm, die wurden von seinen Knechten gelenkt und waren mit Hunderten von Paketen und Paketchen beladen. Vom Stadttor an bildeten alle Kinder Spalier, die reichen wie die armen, die großen wie die kleinen. Die Eltern, Tanten und Großmütter standen hinter ihnen, und wenn der Knecht Ruprecht ankam, winkten die Kinder mit den Händen, die Väter nahmen die Mützen ab, und die Tanten und Großmütter machten tiefe, ehrfürchtige Knickse. Der Knecht Ruprecht aber saß da auf seinem tannenbekränzten Thron wie ein König und nickte nach rechts und nickte nach links, winkte mit der rechten Hand und winkte mit der linken Hand, verteilte seine Gaben an die Armen und Reichen, an die Gerechten und Ungerechten.

Nach der Feier bestieg der Knecht Ruprecht seinen Schlitten. Die Fackelträger, die Ehrenjungfrauen und alles Volk begleitete ihn bis ans Tor. Mit lustigem Klingeling fuhren die Schlitten den Weihnachtsberg hinauf, und die Leute kehrten heim, alle im Herzen froh und reich.

Das war der Weihnachtsberg bis vor acht Jahren. Da kamen die Neustädter und kauften Herrn Eberhard, der damals gerade ein wenig in Sorgen war, sein Gasthaus für einen guten Preis ab. Die Neustädter machten aus der alten edlen Burgherberge ein »Etablissement mit Burgruine, Aussichtsturm und im übrigem allem Komfort«. Es wurden hölzerne Veranden mit großen Fenstern an das alte Mauerwerk geklebt, der ganze schablonenhafte öde Hotelbetrieb eingerichtet, und die Badezeitung faselte vom Fortschritt der modernen Zeit.

Dass schweres, reines Altgold in dünnes Flitterblech gewalzt wurde, empfanden am meisten die Waltersburger Kinder, die am Weihnachtsabend vergebens ausspähten nach dem leuchtenden Höhenfeuer und der süßen, verheißungsvollen Melodie: »Vom Himmel hoch, da komm ich her.«

In Gedanken an alte, schöne Zeit stieg ich den Weihnachtsberg hinauf. So sentimental war ich aber nicht, um dem neuen »Etablissement« auszuweichen; dazu war ich denn doch zu weit in der Welt herumgekommen und hatte zu viel Schifflein scheitern sehen, um so eine Unglücksstelle feig zu umsegeln. Ich kehrte in dem »Etablissement« ein. In der großen Glasveranda waren drei Kellner und ein Gast anwesend.

Dieser einzige Gast saß am Fenster und guckte nicht auf, als ich zur Tür hereintrat. Daraus erkannte ich, dass er kein Deutscher war. Im übrigen genügte mir ein Blick zu meiner Orientierung. Ich erkenne den Nordamerikaner so leicht unter allen Nationen heraus wie den Star unter den bunten Finken.

Soll ich hier das Bild wiederholen, das deutsche Karikaturisten malen, wenn es gilt, einen »Uncle Sam« zu zeichnen? Das kurzgeschorene Haar, den glattrasierten, rasiermesserdünnen Mund, die etwas schlottrige Figur mit den langen Beinen und fuchtelnden mageren Armen, die Stummelpfeife, den karierten Anzug und diesen anderen Kram? Nein! Ich ging zweimal durch die Stube, stellte fest, dass achtzehn Tische unbesetzt und einer besetzt war, und setzte mich dann an den besetzten, dem Gaste gegenüber, ohne ihn zu grüßen. Der andere blickte auch jetzt nicht auf. Er sah gelangweilt ins Tal. Ich beachtete ihn auch nicht.

Der Kellner kam, und ich machte meine Bestellung. Darauf war es ganz still.

Endlich blickte der Mann mir gegenüber auf und sagte, indem er nach Neustadt hinunterwies:

»Das ist ein sehr albernes Nest da unten!«

Er sprach englisch; aber ich entgegnete deutsch:

»So kann man schon sagen. Es gefällt mir auch nicht.«

»Aber bei uns in Amerika werden Sie auch dumme Badeorte gefunden haben.«

»Woraus schließen Sie, dass ich in Amerika war?«

»Ich denke es mir.«

»So, so!«

Darauf schwiegen wir. Erst nach einem Weilchen nahm »Uncle Sam« das Gespräch wieder auf:

»Sie halten nichts von unseren modernen Kurorten?«

»›Nichts‹ kann ich nicht sagen. Es gibt zehn gute Kurorte und neunzig unnütze. Das sage ich.«

»Und wie denken Sie sich einen ganz guten Kurort?«

Ich zuckte die Achseln.

»Ich habe mir manchmal ein Bild ausgemalt, wenn ich als Schiffsarzt die nötige Muße zu solchen Träumen hatte.«

»Sie sind Schiffsarzt?«

»Ich war es.«

Ich fand es nun angemessen, mich vorzustellen. Darauf wippte auch er ein wenig vom Stuhle auf und sagte:

»Mister Stefenson. Öl und Naphtha. Neuyork, Milwaukee, St. Louis und Trinidad. Nun, wie ist das mit Ihrem Kurort?«

»Es ist gar nichts. Es ist ein Traum, eine verrückte Idee!«

»Verrückte Idee ist schön. Deutschland ist ein gutes Land, aber es leidet einen sehr großen Mangel an verrückten Ideen. Es ist zu brav, es macht zuviel nach. Den deutschen Unternehmungen fehlt die überraschende Pointe. Der Amerikanismus ist besser.«

»Das sagen Sie so!«

»Es ist so.«

Ich war verstimmt und schwieg.

»Nun?« fragte er ungeduldig.

»Mister Stefenson, wenn ich Ihnen meine Idee entwickeln wollte, würden wir viel Zeit brauchen; am Schluss würden Sie mich doch nicht verstehen. So was liegt Ihnen nicht.«

»Wir haben Zeit, ich werde Sie verstehen, und es liegt mir«, gab er zur Antwort.

Da kam ich in Laune und sagte:

»Ich will es Ihnen in ganz kurzen Linien umreißen. Ich will mal annehmen, meine Heilanstalt bestände schon und Mister Stefenson käme zu mir als Kurgast.«

»Das ist gut! Das ist instruktiv!« rief er. »Wie heißt Ihr Sanatorium?«

»Ferien vom Ich.«

»Wie?«

»Ferien vom Ich.«

»Das ist kein guter Name. Dabei kann man sich nichts denken. Das zieht nicht.«

»Mister Stefenson, wenn Sie mir schon von vornherein widersprechen, werde ich Ihnen kein Wort über meine Heilanstalt sagen. Dass Sie den Namen nicht ohne weiteres begreifen, ist doch eben das Neue und Gute.«

»Well; ich sage nichts mehr. Ich höre.«

»Also: Irgendwo auf der Welt, sagen wir auf dem Ostabhang dieses Weihnachtsberges bei Waltersburg, liegt die Heilanstalt ›Ferien vom Ich‹. Auch Mister Stefenson, der schon in vielen Kuranstalten und nie ganz zufrieden gewesen war, hat von der Anstalt gehört und hauptsächlich darum, weil es etwas Neues war, beschlossen, sie aufzusuchen. Er reist nach Waltersburg. Mister Stefenson kommt mit sieben Koffern und zwei Dienern an.«

Mein Gegenüber nickt.

»Stimmt. Sie sind ein Gedankenleser.«

»Der Ankömmling findet in der Nähe von Waltersburg ein Gelände von Wald, Hügeln, Gärten, ganz von einer hohen Mauer umschlossen, über die kein Mensch hinwegsehen kann. Er merkt gleich: ah, an dieser Mauer ist die Welt alle, hier ist eine Welt für sich. Die Mauer hat nur ein einziges Tor. ›Ferien vom Ich‹ steht darüber. Mister Stefenson, der mit drei Wagen ankommt, zieht die Schelle an der Pforte. Eine tiefe Glocke schlägt einmal an. Da kommt von drinnen her ein Diener, der öffnet das Tor. Er ist nicht in der weltüblichen Tracht, er trägt Pluderhosen, Sandalen an den Füßen, eine weite, am Hals ausgeschnittene Bluse und ist barhäuptig. Vor Stefenson macht er keine Verneigung, sondern sagt: ›Lieber Freund, Sie sind wohl wenig unterrichtet, sonst kämen Sie nicht mit solch unnötigem Kram hier an. Seien Sie so gut, lassen Sie Ihre Diener und Ihr Gepäck unten in Waltersburg oder sonstwo auf der Welt Unterkunft suchen und kommen Sie ganz allein, wie Sie hier stehen, mit mir.‹

Mister Stefenson ärgert sich nicht wenig über diese Ansprache des dienstbaren Geistes, aber er will hinter den ›Trick‹ kommen, deshalb winkt er seinem Gefolge ab und geht in das große Ferienheim des Lebens. Die Pforte fällt hinter ihm zu. Sein Begleiter führt ihn eine Lindenallee bergan. Rechts und links sind Wiesen und einige bebaute Ackerstücke. Am Ende der Allee steht ein von Efeu umsponnenes Haus, so klein wie eine Einsiedlerhütte. Das Häuschen hat nur ein einziges Zimmer, aber das ist bequem hergerichtet, hat ein gutes Bett, einen Schreibtisch, schlichte, aber geschmackvolle Möbel und gute Bilder an den Wänden. In dieses Zimmer führt der Torwart den Mister Stefenson und sagt: ›Hier bleiben Sie, lieber Freund, zwei Tage und zwei Nächte. Lesen Sie die wenigen Blätter, die auf dem Schreibtisch liegen, gut durch und schreiben Sie Ihre eigene Lebens- und Leidensgeschichte auf, schreiben Sie auf, was Ihnen an sich selbst nicht gefällt und warum Sie hierhergekommen sind. Nach zwei Tagen wird der Arzt zu Ihnen kommen, wird lesen, was Sie geschrieben haben, und wird den ganzen guten Mannes- und Freundeswillen haben, Ihnen zu dienen und zu helfen. Das Essen wird Ihnen inzwischen durch mich gebracht werden. Finden Sie sich mit den Blättern, die auf dem Schreibtisch liegen, nicht ab, können Sie nicht den Willen aufbringen, Ferien vom Leben zu machen, so hängt hier am Nagel an der Tür ein Schlüssel, der die Pforte unten an der Allee aufsperrt. Lassen Sie den Schlüssel von innen stecken und schlagen Sie die Pforte von außen zu. Zu bezahlen haben Sie für das, was Sie inzwischen genossen, nichts; wir freuen uns, dass Sie einmal dagewesen sind.‹

So sagt der Torwart, und dann lässt er den verwunderten Herrn Stefenson allein.

Der setzt sich, noch im Reisemantel, an den Tisch und beginnt zu lesen. Ich kann hier nicht den ganzen Inhalt dieser Blätter aufsagen, sondern nur einige wenige Sätze hervorheben. ›Betrachte dein Leben mit allem, was es gebracht hat: Arbeiten, Erholungen, Genüssen, Sünden, als eine Anstrengung, die dich müde gemacht hat und deine Kräfte zermürben wird. Mache dich los von diesen Anstrengungen, spanne aus, mache Ferien. Löse dich zunächst los von dem Götzen, dem du alle Tage opferst, von deinem von dir so zärtlich geliebten Ich. Entkleide diesen Götzen allen Tandes, den du ihm mit großen Entbehrungen verschafft hast, seines wohlklingenden Namens, seiner Genusssucht, seiner Herrschsucht über Geld und andere Machtmittel.‹«

Hier unterbrach mich mein Zuhörer.

»Bitte, sagen Sie das nicht mit so phrasenhaften, abstrakten Worten; sagen Sie es einfacher und instruktiver!«

»Schön! Nehmen wir also an, dass jener Herr Stefenson die zwei Tage und zwei Nächte in dem Einsiedlerhäuslein ausgehalten hat, ohne fortzulaufen. Nach zwei Tagen kommt der Arzt. Herr Stefenson wird ihm entgegenrennen und ohne jede Einleitung sagen: ›Ich habe Ihre Blätter gelesen und muss Ihnen sagen, Herr Doktor, dass mir die Sache zum Teil sehr abenteuerlich, zum Teil sehr langweilig vorkommt. Warum soll ich zum Beispiel hier in dem Ferienheim nicht mehr Stefenson heißen, sondern einen anderen Namen haben?‹

›Setzen Sie sich‹, wird der Arzt antworten und Herrn Stefenson auf die Bank neben der Haustür drücken.

›Holen Sie Ihre Lebensbeschreibung.‹

Herr Stefenson gehorcht, und der Doktor beginnt zu lesen, was Herr Stefenson in den Tagen einsamer Einkehr in sich selbst über sein Leben niedergeschrieben hat. ›Ich werde die Blätter mitnehmen‹, sagt der Doktor, ›und sie zu Haus noch einmal lesen, dann bekommen Sie Ihr Manuskript zurück und können es selbst vernichten.‹ ›Das ist so ähnlich wie bei Lahmann‹, sagt Stefenson. ›Ja‹, nickte der Doktor, ›ich habe vieles von Lahmann, der wieder vieles von Prießnitz und anderen hat. Wenn einer hochkommen will, muss er immer auf die Schultern anderer steigen.‹

Der Arzt unterhält sich nun lange mit Mister Stefenson und erklärt ihm auch, warum er im Ferienheim des Lebens seinen Namen ablegen soll. ›Sie sind hier nicht Mister Stefenson, Sie sind irgendein Mensch, der – sagen wir – John heißt; dieser John hat mit Herrn Stefenson gar nichts zu tun. Herr Stefenson ist irgendwo in Neuyork, Milwaukee oder auf Trinidad, zermartert sich dort sein Hirn um neue Gewinne, wird gelobhudelt, befeindet, belogen, betrogen – arbeitet und amüsiert sich halb zu Tode, hat mancherlei Schwächen, die sein Leben und vor allen Dingen seine Freude am Leben verkürzen, kurz, ist trotz seiner Millionen ein armer, gehetzter Mensch, während dieser John hier keinen liebedienernden Tross, keinen vorteilssüchtigen Freund, aber auch keinen Feind hat, froh und sicher unter seinesgleichen lebt und, wenn er mit einem Genossen im Garten arbeitet, nicht weiß, ob dieser Mann draußen in der Welt ein Fürst oder Minister oder ein kleiner Beamter ist. Sehen Sie, John, das ist ein ganz köstlicher Humor, den wir hier betreiben. Wenn die Leute ihren Namen abgelegt haben und auch alle die gleiche Tracht haben, kennt man den Großen vom Kleinen nicht mehr heraus. Der Geist verrät sie nicht. Dass der Patient während der Dauer der Kur seinen Namen ablegt, ist für den Erfolg für uns eine große Hauptsache. Der Name ist meist die stärkste Kette, die mit der Last und Lust des Alltags verbindet, sie muss in Ferientagen gelöst werden. Und wäre der Name auch ein Schmuck, wie ja der Name eines guten Kaufmanns gewiss ein kostbarer, schwer erworbener Schmuck ist – wer richtig ruhen will, legt allen Schmuck ab. Weniger wichtig ist das Ablegen der gewohnten Tracht, aber doch wichtig genug, bei uns zur Bedingung gemacht zu werden. Und für uns hat es noch das eine Gute: Es hält uns alle albernen Pfauen des Lebens vom Halse, vor allen Dingen eitles Weibervolk; wer zu uns kommt und bei uns bleibt, der meint es ernst mit sich selbst. Im übrigen hoffe ich, dass Ihnen unsere bequeme, gesunde Tracht gefallen wird; auch unsere Damen sind sehr zufrieden mit ihr.

Wovon Sie weiterhin erlöst werden müssen, ist das Geld. Sie haben während Ihres ganzen hiesigen Aufenthalts mit Geld nichts zu tun. Was Sie bei sich tragen, geben Sie an der Kasse ab, es wird Ihnen verwahrt und verzinst bis zu Ihrem Austritt, abzüglich des Betrages für Ihren Kuraufenthalt. John, der Feriengast, besitzt nicht einen Pfennig. Er braucht auch keinen Pfennig, und er ist schon nach kurzer Zeit glücklich, nicht den ganzen Tag über sich Hände entgegenstrecken zu sehen, auf die er Geld legen soll, wie es Herrn Stefenson geschieht, bei dem die Bewegung nach der Brieftasche schon automatisch geworden ist. John hat nur eine Tasche fürs Taschentuch – Geld hat er nicht, Schlüssel, Messer, Taschentoilette, Füllfederhalter, Notizbuch, Brieftasche, Taschenapotheke und aller andere Ballast wird über Bord geworfen.

Auch die Uhr!

Es geht John gar nichts an, wie spät es ist, es ist gänzlich ohne Interesse für ihn, ob es dreizehn Uhr siebzehn oder vierzehn Uhr sechsundzwanzig ist, er braucht nicht zu hetzen, sich nicht zu ängstigen, er hat Zeit, er kommt immer zurecht. Nur die Mahlzeiten darf er nicht versäumen; aber zu ihnen ruft eine Glocke. Oh, Mister Stefenson, Sie werden sehen, wie wohltuend das ist, wenn man nicht am Tage sechzigmal nach der Uhr sehen muss! Die Uhr, die über dem Herzen schlägt, schlägt schneller als das Herz, als wollte sie wie ein Schrittmacher zu immer größerer Eile anspornen – und der Weg führt doch ans Ende des Lebens. Warum sollen wir es so eilig haben, dorthin zu gelangen? Der Schrittmacher wird bei uns außer Tätigkeit gesetzt.

Da nun John mit Mister Stefenson rein gar nichts zu tun hat, geht es ihn auch rein gar nichts an, was diesen amerikanischen Großkaufmann von Weltereignissen aufregt und interessiert. Es geht John nichts an, ob Stefensons Kurse fallen, was in den Parlamenten gekohlt wird oder was im ›Völkerbund‹ für Schindluder getrieben wird, ja es geht ihn nicht einmal das mindeste an, wer Weltmeister im Boxkampf geworden ist – kurz, John liest keine Zeitungen. Auf dem Fragebogen, den Sie, Herr Stefenson, auszufüllen hatten, steht: ›Wie lange lesen Sie durchschnittlich täglich über der Zeitung, wie lange also im Jahre?‹ Sie haben den täglichen Zeitverbrauch auf dreiviertel Stunden, den jährlichen also auf 274 Stunden berechnet. Wenn man den Tag mit neun Arbeitsstunden annimmt, verwenden Sie aufs Zeitunglesen dreißig Tage, also einen ganzen Arbeitsmonat des Jahres. Und dann kam auf dem Fragebogen die Aufforderung: ›Schreiben Sie kurz nieder, was Sie von Ihrer Zeitungslektüre aus dem vorigen und aus dem vorvorigen Jahre noch wissen!‹ Was Sie vom vorigen Jahre noch wissen, steht auf fünf kleinen Blättern, und Sie geben es ehrlich an, dass es Ihnen schwere Mühe verursacht hat, diese fünf Blätter zu füllen. Vom vorvorigen Jahre wussten Sie fast nichts mehr, nur ein paar ganz große Ereignisse standen noch im Gedächtnis. Nun ist ja sicher, dass durch das Zeitunglesen viel latenter, nur im Augenblick nicht bereiter Besitz erworben wird. Aber Sie selbst müssen sich fragen, ob dieser Besitz die Aufwendung eines ganzen Arbeitsmonats des Jahres wert ist. Das Zeitökonomische geht uns übrigens hier nur in zweiter Linie an. Die Hauptsache ist uns: John darf sich nicht das Frühstück verderben lassen, weil Herr Stefenson in ebendemselben Augenblick aus der Zeitung einen giftigen Ärger über einen Deputierten saugen würde, der nach seiner Meinung eine idiotische Rede gehalten hat; John betrinkt sich nicht am Abend aus Freude darüber, dass einer Konkurrenz von Mister Stefenson die Butter vom Brote gefallen ist; John disputiert nicht eine Stunde lang darüber, ob das Bündnis zwischen den Staaten Soundso zustande kommen wird oder nicht; kurz: John verzichtet auf die Peitschenhiebe des Zeitungsstils. Er sagt sich so: Für Herrn Stefenson aus Amerika mögen die nervenanstrengenden Dinge, die täglich in der Zeitung stehen, wichtig, ja unerlässlich sein; denn Herr Stefenson steht in der harten Schule des Lebens und kann sich um sein Pensum nicht drücken; aber ich – o ich, John, ich habe Ferien, und die ganze Schule des Lebens geht mich rein gar nichts an.

Es kommt noch eins hinzu – John erzieht sich. Herr Stefenson meint, ohne ihn ginge es nicht. Auch wenn er reist, auch wenn er in einem Bad ist, behält er die Hauptfäden seiner geschäftlichen Angelegenheiten immer in der Hand. Er lässt sich ellenlange Berichte schicken, er liest Zeitungen, er kabelt, er regt sich auf, freut sich, wettert und ist eigentlich auch auf Reisen immerfort zu Hause, immer im Joch. John pfeift sich eins. John sagt: Wenn Herr Stefenson tot wäre, ginge es auch; folglich geht es auch, wenn Herr Stefenson verreist ist. Vielleicht geht es sogar besser, als wenn er zu Haus ist. Nur nicht zu eitel sein! Frisches Blut tut manchmal gut, und vielleicht kann John Herrn Stefenson zu guter Letzt an der Hand nehmen und sagen: Sei froh, dass du mal ausgeschieden warst, du hast inzwischen glänzende Geschäfte gemacht, so wie ein Spieler meist gewinnt, wenn er einem Vertreter auf einige Minuten seine Karten überlässt.

Im Ferienheim gibt es täglich einen Anschlag, auf dem in wenig Zeilen die Hauptereignisse des Tages mitgeteilt werden. Wer daraus schließt, dass er über einen Punkt unbedingt weitere Auskunft haben müsse, der geht in die Kanzlei, dort liegen dreißig Zeitungen. Kann sich der Betreffende bald beruhigen, dann ist es gut; wenn das nicht der Fall ist, verlässt er die Ferien und geht in die Lebensschule zurück. Bis jetzt sind nur drei Prozent unserer Feriengäste nach der Kanzlei gekommen, um Zeitungen zu lesen; die allermeisten lesen nicht einmal die Anschläge. Sie sind zu ernst; sie sind wie auf einem fremden Stern; die Erdenereignisse gehen sie auf einige Zeit gar nichts an.

Und so wie mit den Zeitungen, ist es mit der Privatkorrespondenz. Sehen Sie sich an, Herr Stefenson, wie es die Leute in den modernen Kurorten treiben. Eine der allergrößten Hauptpersonen ist der Briefträger. Man kann sein Erscheinen nicht erwarten. Vor jeder Ausgabe der Post zwanzig Minuten Nervenvibrieren, innere Unruhe, gespannte Erwartung. Und der Erfolg? Ein paar freuen sich; aber Herrn Mayer hat seine Frau geschrieben, dass sich der Hausmeister ruppig benommen habe, und Herr Mayer ist auf Stunden in menschenfresserischer Laune; das Töchterchen von Frau Ludwig ist vom Tisch gepurzelt, und die Mutter telegraphiert, man solle gleich den Arzt befragen, was ohnehin natürlich schon geschehen ist; Baron Erwin zieht die Stirn in Falten, weil seine Isolde nicht geschrieben hat; der Schriftsteller Niessen kriegt ein Romanmanuskript zurück und bricht fast in Tränen aus über die Idiotie der betreffenden Redaktion; im Herzen der blonden Else steckt eine Ansichtskarte ihres Referendars ein verzehrendes Feuer der Sehnsucht an; der Geheime Oberregierungsrat bekommt das Schreiben eines ›Freundes‹, das ihm suggeriert, seine Stellung sei erschüttert, und der Frau von Puttbus schreibt die Schneiderin ab. – Die Ärzte können sicher rechnen, dass das, was sie in einer Woche aufbauen, manchmal der Briefträger in zehn Minuten einreißen kann.

Und deshalb wünscht das Ferienheim sehnlichst den Briefträger zum Kuckuck, weil er die Ferienruhe stört, weil in seiner schwarzen Tasche meist nichts anderes steckt, als ermüdende Aufgaben aus der Schule des Lebens. Deshalb bitten wir unsere Feriengäste: Sagt euren Verwandten, gerade, weil wir uns lieb haben, wollen wir uns einmal auf einige Zeit trennen. Schreibt nur im Notfall an mich; alles Kleine lässt weg, erzählt es mir, wenn ich heimkomme. Es wird mir dann lieb sein; es wird sein, als ob wir uns neu gegeben wären. Bedenkt, dass mir von der Leitung des Ferienheims, wenn ich in zwei Wochen mehr als einen Brief erhalte, nahegelegt werden wird, das Heim zu verlassen. Ich kann nicht Ferien machen, ich kann nicht ausspannen, wenn mir die papierene Last immer am Fuß sitzt.

Das ist eine scheinbar harte Maßregel des Ferienheims, die viele gehindert hat, zu uns zu kommen, alle zu Sentimentalen; aber wir haben die Anordnung als richtig erkannt und halten an ihr fest. Wer einen großen Teil seines Erholungsaufenthaltes an ein Postbüro binden will, soll anderswo hingehen.

Das ist, wenn ich so sagen darf, die negative Seite unseres Heilverfahrens, das, was wir ausscheiden: Namen, Rang, Titel, moderne Bekleidung, das Geld, die Uhr, die Zeitung, das unnütze Briefschreiben oder, wenn Sie es krasser sagen wollen, Verwandtschafts- und Bekanntschaftsfesseln.

Sie merken schon, Mister John, dass ich an alte Klosterideale angeknüpft habe. Nur, dass es sich eben nicht wie beim Kloster um die Lebenseinrichtung überhaupt, sondern nur um eine Ferienpause des Lebens handelt, und dass wir nicht aus religiösen, sondern aus sanitären Beweggründen handeln. Zur Seelsorge sind wir weder befähigt noch berufen. Aber – um auch diesen wichtigen Punkt zu berühren – wir empfehlen allen denen, die noch eine religiöse Anschauung haben, aus reinster Menschenfreundlichkeit, auf Grund dieser Anschauung einen recht tiefen Herzensfrieden mit ihrem Herrgott zu machen; das ist die allergrößte seelische und darum auch die allergrößte körperliche Wohltat. Ein Arzt, der gehetzten Menschen Erquickung bieten wollte und diesen Punkt außer acht ließe, wäre ein Stümper. Deshalb wird all unseren Feriengästen Gelegenheit geboten sein, Gott zu dienen, wie sie es bedürfen. Dass wir uns dabei jeder Einmischung in dieses ureigenste Gebiet des Menschen enthalten, ist ganz selbstverständlich.

Die ärztliche Behandlung wird natürlich für jeden Feriengast individuell sein; für Schwerkranke ist das Ferienheim kaum, mehr für die Müden, für die, die das Leben in seiner Hast und Hohlheit nicht mehr freut, für die, die gern noch einmal mit frischen Kräften von vorn anfangen möchten.

Für die Alkoholkranken, die Morphium- und Opiumsüchtigen hat man jetzt draußen Entziehungskuren, die großen Segen bewirken; wir wollen hier allen denen Entziehungskuren gewähren, die auf irgendeine Weise vom Leben vergiftet sind. Ganz generell werden alle erlöst von allem Eitlen und Hohlen ihres bisherigen Daseins, von der drückenden Last öffentlichen und privaten Lebens, von unnützen Bedürfnissen; individuell sollen sie erlöst werden von ihren Krankheiten, Lebenssünden und Lebensschwächen, von unfruchtbarer Sorge, Angst und Reue, sollen Kraft im Frieden und die kostbare Fähigkeit zur Freude wiedergewinnen.

Wir scheiden aus dem Ferienheim die üblichen Vergnügungen aus. Sie finden bei uns keine Rennen, Reunions, Tombolas, Früh-, Mittags- und Abendkonzerte, keine Spielsäle, Taubenschießen, Theater- und Varietévorstellungen, keine prunkhaften Umzüge und italienischen Nächte – denn das alles ist nichts als anstrengende hohe Schule des Lebens und betrügt alle die, die mit neuen Kräften nach Hause kommen wollen. Wir suchen die Freude. Das ist die Freude an gesunder Beschäftigung in frischer Luft. Sie, lieber John, werden wahrscheinlich einige Gartenbeete umgraben müssen, auch werden Sie sich gelegentlich am Fällen eines Baumes oder am Holzsägen beteiligen müssen; es kann aber auch sein, dass Sie mal einen Hecht angeln oder ein paar Körbe Äpfel pflücken müssen. Da Sie, wie Ihre Niederschrift ausweist, seit zwanzig Jahren kein schöngeistiges Buch gelesen haben, werden Sie um das Quantum von drei Romanen, einem Epos und einem Bändchen Lyrik nicht herumkommen. Während wir bei sogenannten Leseratten Entziehungskuren machen, muss bei Ihnen in diesem Falle eine Art Zwangsernährung einsetzen.

Die körperliche Kost wird ganz Ihrem Befinden angemessen und natürlich gut und schmackhaft sein. Alle Woche zweimal werden Sie sich das Abendbrot selbst bereiten. Wie Sie das anstellen, ist Ihrer Phantasie überlassen. Im großen Küchen- und Vorratshause finden Sie alle Rohmaterialien. Wir haben gegenwärtig einen Feriengast, der draußen in der Welt eine Schar von Dienern hat. Auch er muss sich das Abendbrot zweimal in der Woche selbst bereiten. Anfangs wusste er nichts anderes, als dass er sich Brotstullen schnitt, die entsetzlich dick und krumm gerieten, die Stullen mit Butter beklebte und starke Wurstscheiben mit der Pelle darauf legte. Das nächste Mal hatte er schon erluchst, wie man Kartoffeln an einem kleinen Feldfeuerchen kocht, und hatte sich dazu einen Hering verschafft. Dann ergänzte er seine Mahlzeit, indem er Radieschen aus der Erde zupfte, Nüsse und Früchte von den Bäumen holte, und am vierten Abend, den er sich selbst bereitete, lud er einen Freund und eine Freundin ein, war sehr stolz auf sein Mahl und aß mit Genugtuung und Appetit. Das sind Kleinigkeiten, die vielleicht wie Spielerei aussehen, aber doch einen Sinn haben. So werden Sie sich z. B., wenn ein kühler Tag ist, das Feuer in Ihrem Ofen selbst anzünden und unterhalten müssen. Hobelspäne und Reisig können Sie sich leicht holen, das Holz müssen Sie selber hacken. Sie werden sehen, Mister John, wie warm und goldig solch ein selbstentzündetes Feuer brennt, viel wohliger, als wenn es ein Diener angefacht hätte. Ein volles Dutzend Mal werden Sie die Kacheln abfühlen, wie sie nach und nach warm werden, mit einer heimlichen, stillen Freude im Herzen. Und wenn am Abend Sie ein paar andere Feriengäste besuchen, Leute, von denen Sie nicht wissen, wie sie eigentlich heißen, wer und woher sie sind, von denen nichts anderes bekannt ist, als dass es eben auch ernsthafte Menschen sind, die sich zu einer Ferienpause des Lebens aufgerafft haben – wie schön wird es sein, mit ihnen zu plaudern oder sich etwas zu erzählen und selbst auf das Feuer zu achten.

Gute Kammermusik werden Sie manchmal zu hören bekommen; doch nicht oft und nicht viel. Aber zur Laute wird öfter gesungen werden, und manchmal wird irgendwo ein Bläserchor stehen, und es wird sein, als ob Soldaten in der Ferne marschierten, oder ein Waldhorn wird ins Tal schallen wie in alten, romantischen Tagen.

Sport dürfen Sie treiben: Reit- und Schwimmsport, Turnen im Luftbad, Tennis- und Kegelspielen. Auch Karten spielen dürfen Sie, aber ohne Geld; denn John hat keinen Pfennig in der Tasche, und wollte er sich mit seinen Gegnern verabreden, ein Kieselsteinchen bedeute zehn Mark und eine Eichel zwanzig, und würde alles hinterher in bare Münze sauber umgerechnet, so würde es wohl doch herauskommen, und das Spielernest würde energisch ausgenommen werden.

Tabak und Alkohol, worum Sie sich in Ihrem Selbstbericht zu bangen scheinen, ganz nach ärztlichem Befund. Wenn Sie mich nun fragen, wie lange ein solcher Ferienaufenthalt währt, so muss ich Ihnen sagen, dass die kürzeste Frist sechs Wochen beträgt, dass es aber sehr viel günstiger ist, wenn die Ferienpause drei Monate oder noch länger dauert. Die ersten vierzehn Tage werden Sie ja doch innerlich gegen vieles revoltieren, vielleicht am Heimweh leiden nach der eben abgelegten alten Haut. Sie müssen erst heimisch werden, müssen das große Ferienglück erst ganz fühlen, müssen die unaussprechlich süße Freude empfinden, wie Sie gesünder und fröhlicher werden, dann erst kommt das Heil.

Aber wenn Sie dann in die große, schwere Schule zurückgehen, werden Sie mehr neue Kräfte, einen größeren Mut zum Leben mitnehmen, als wenn Sie unterdes Mineralwasser getrunken, Reunions besucht und hundert Zeitungen gelesen hätten. Mit einem Wort: Sie werden an die Ferien denken wie ein Kind an die freie Spielwiese denkt, wenn es wieder in der Etagenwohnung der Großstadt hinter seinen Aufgabenbüchern sitzt.‹

Mit diesen Worten endete der Arzt, der mit seinem neuen Patienten vor der Tür des Einsiedlerhäuschens saß, seine Belehrung, und damit ende auch ich, Mister Stefenson, den Aufschluss über das Ferienheim des Lebens, das nur in meiner Phantasie lebt und wohl auch immer nur dort leben wird.«

*

Ich schwieg, und der Mann, der mir gegenüber am Gasthaustisch saß, schwieg auch. Er hatte die ganze Zeit, während der ich sprach, mit halb abgewandtem Kopfe dagesessen und hinunter nach Neustadt gesehen. Endlich stand Stefenson auf, nickte kurz mit dem Kopf, sagte: »Danke sehr! Guten Abend!«, nahm seinen Hut und ging aus der Stube, nachdem er den Kellner bezahlt hatte. Ich ließ ihn gehen.

*

Am nächsten Tage ließ sich Mister Stefenson bei mir in Waltersburg melden.

»Guten Morgen«, sagte er; »ich muss Ihnen sagen, dass mir das gar nicht passt, dass ich John heißen soll.«

»Wieso – wieso?« fragte ich verwundert.

»Ja, das hat mich verdrossen. Ein Kerl namens John hat mich nämlich mal furchtbar geärgert. Er hat die Frau geheiratet, die ich heiraten wollte. Ich mag nicht John heißen. Ich habe mir ein Adressbuch geben lassen und nach einem einfachen, aber nicht zu häufigen Namen gesucht. Ich will Zuschke heißen.«

»Sie wollen Zuschke heißen? Warum – wieso – wo wollen Sie Zuschke heißen?«

»In Ihrem Sanatorium natürlich – in Ihrem Ferienheim –«

»Aber, Mister Stefenson, es existiert doch nicht, es ist doch ein Phantasiegebilde – eine Utopie –«

Da sah er mich fest an.

»Es wird existieren; denn wir werden es zusammen begründen.«

Ich schlug die Hände zusammen.

*

Der seltsame Mann hat mich verlassen. Geschäftsmäßig, trocken, sogar ein wenig mürrisch hat er mir auseinandergesetzt, wie er sich die Verwirklichung der Idee meines Ferienheims denke. Als ich ihm abriet, das viele Geld, vor dessen Summe ich erschrak, zu wagen, da vielleicht unsere Zeit, auch das Volk hierzulande nicht geeignet sei für romantische Sonderbarkeiten, wurde er zornig und sagte:

»Wer eine Idee hat, soll an sie glauben, oder er soll gar nicht von ihr sprechen.«

Er nahm mich in den Bann der großen Kühnheit und Sicherheit seiner Seele, und ich willigte endlich ein. Zuletzt sagte Stefenson:

»Einen Kontrakt wollen wir nicht machen. Ich gebe das Geld, Sie geben die Idee und Ihre Kraft. Erzielt unser Unternehmen einen Gewinn, so werden wir ihn gerechterweise teilen; wenn nicht, dann sind Sie ein schlechter Arzt, und ich bin ein schlechter Geschäftsmann gewesen. Wir werden uns dann ohne gegenseitige Hochachtung, aber auch ohne feindselige Gesten voneinander trennen.«

Dann ging er. Ich saß an meinem Tisch, starrte die Platte an, lachte mal auf, trommelte mit den Händen, lief durchs Zimmer, legte mich aufs Sofa, rauchte Zigaretten und tat endlich was Vernünftiges – ich ging an die frische Luft.

So mag einem Feldherrn zumute sein, der zur Führung einer Kriegsarmee berufen wird, oder einem Dichter, dessen großes Stück über die Bühne gehen soll, oder einer jungen Mutter, die ihr erstes Kindlein geboren hat. Mit einemmal das verwirklicht zu sehen, was bisher nur ein schöner Traum war, mit einemmal vor die größte und liebste Aufgabe des Lebens gestellt sein – wo wäre ein berauschenderes Glück?

Mein trautes Waltersburg! Wie warm liegt der Sonnenschein über deinen schrägen Dächern und alten Giebeln, wie schön singen die Spatzen am Johannisbrunnen, wie freundlich und gesund schauen die Kinder aus!

Warte nur, mein altes Waltersburg, für dich kommt, wie für das Dornröschen, ein selig Erwachen. Ich, dein Sohn, bin dein Ritter. Ich will dich küssen mit einem heißen, so lebenspendenden Kuss, dass alle Starrheit von dir fällt und du mitten in wonnigem Leben stehst!

Ich bin nicht August Bunkert; ich will dich, deutsche Maid, nicht zu einer weltmodisch aufgetakelten, kokottenhaften Dame machen – der Träumerglanz soll in deinen Augen bleiben, der weiße Schimmer auf deiner Stirn, das schöne, stille Lächeln um deinen Mund, und du sollst doch in allen Landen berühmt werden als eine Wohltäterin der Menschen.

Ja, das will ich, das verspreche ich, das verspreche ich dir! Das, was wertvoll in mir ist, habe ich ja von dir, du meine teure Heimat! Draußen in der Welt, drüben in Neustadt, kann ich nicht wirken. Ein Zuschauer nur, stehe ich vor der bunten Bühne, und weil ich so lange und so oft zuschaute, täuscht mich keine Kulisse mehr; ich weiß, hinter den bemalten Wänden liegt unordentlich Gerümpel und geht rauhe Zugluft durch schlecht schließende Türen. Langsam wanderte ich zum Eulentore hinaus. Es geht da keine Chaussee; eine alte Landstraße führt ins Grüne. Am Hasenhügel setze ich mich auf einen Stein. Mir gegenüber lag der Ostabhang des Weihnachtsberges. Über den Fluss ging der Blick auf ein Hochplateau von Wiese, Feld und Wald und stieg dann den Berg hinan. Das wäre der rechte Ort für mein Ferienheim.

Nur in Waltersburg kann ich den rechten Ort für mein Ferienheim finden, in dieser freundlichen, närrischen, gesunden Stadt!

Wie Moses schaute ich in mein Gelobtes Land.

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