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Ferien vom Ich

Paul Keller: Ferien vom Ich - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Keller
titleFerien vom Ich
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
year1916
correctorreuters@abc.de
sendergebler.dresden@yahoo.de
created20140918
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Das Modebad

Dieser 5. April war ein sehr merkwürdiger Tag. Ich war drüben in Neustadt und besah mir den neuen Badeort; denn ich war mir immer noch nicht ganz im klaren, ob ich Badearzt in Neustadt werden oder lieber die Praxis des alten Sanitätsrats in Waltersburg übernehmen solle. Der Alte will sich zur Ruhe setzen. Um die Wahrheit zu sagen, er sitzt eigentlich schon sein ganzes Leben lang zur Ruhe. Den Waltersburgern fällt es niemals ein, krank zu werden. Der alte Pfarrer hier, der etwas derber Art ist, sagt: »Wenn einer nicht gerade unverschuldet verunglückt, ist es eine Schweinerei, krank zu werden. Denn wenn einer vernünftig lebt, wird er eben nicht krank, ebenso wie keiner ins Zuchthaus kommt, der nicht was ausfrisst.« So erschien dem Pfarrer der Sanitätsrat immer höchst überflüssig, wie andererseits dem Sanitätsrat, der ein Freigeist ist, der Pfarrer überflüssig erscheint. Persönlich aber vertragen sie sich recht gut, spielen auch manchmal Karten miteinander, was ihrer lebenslangen gegenseitigen Abneigung keinen Eintrag tut. Der Dritte im Bunde ist der Amtsrichter, den Pfarrer und Sanitätsrat beide für überflüssig halten; denn außer dem Schneider Hampel wird in Waltersburg niemals jemand eingesperrt, und bei Hampel kommen in mageren Jahren auch höchstens drei Wochen heraus. Der Amtsrichter und der Schneider Hampel stehen auf dem »Grüßfuß«, und der Sanitätsrat behauptet, dass der Richter seinem einzigen »Kunden« immer zu Neujahr gratuliere. Es ist also für einen, der keine Sinekure sucht, nicht verlockend, Arzt oder Richter in Waltersburg zu werden. Im Herzen wäre es mir aber immer noch lieber, mich in Waltersburg niederzulassen, als nach Neustadt zu gehen, dessen Wunderquellen ich nicht traue, und mich also dort gewissermaßen mitschuldig zu machen, den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Heute war ich drüben in Neustadt. Während der fünf Jahre meiner Abwesenheit ist der Ort um das Doppelte gewachsen. Er ist mit amerikanischer Rapidität emporgeschossen. Ich sah die Marmortempel über den »Sprudeln«, die »Promenade« mit ihren unendlich gepflegten, unendlich bunten und unendlich langweiligen Blumenanlagen, die Kapelle, die das »Polnische Lied«, den »Einzug der Gäste in die Wartburg«, das »Frühlingslied« von Mendelssohn, den neuesten Wiener Walzer und ein unendlich albernes Potpourri spielte, das von allen Darbietungen dem Publikum am besten zu gefallen schien, sah auch, wie der erste Geiger und der Flötist an der Rampe des »Musikpavillons« wie überall mit den vorbeiflanierenden Mägdelein liebäugelten; ich sah auf den Estraden leerer Restaurants Kellner lauern, die wie Bräutigame gekleidet waren oder wie Leichenbitter, fünfunddreißig Gerichte auf ihrer Speisekarte, von denen sicherlich nicht eines halb so gut schmeckte wie das, was Mutters alte Köchin bereitet; ich sah eine »Wandelhalle« mit Schauläden, in denen die schönen und ach so »preiswerten« Broschen prangen, die man den Dienstmädchen als »Mitbringe« schenkt und deren Goldglanz mindestens anhält, bis das Mädchen am nächsten Quartal abzieht, sah schreiend bunte Gläser mit der Aufschrift »Zum Andenken« oder »Souvenir de Neustadt«, Holzarbeiten, vom geschnitzten Hirsch bis zu dem Kinderspielzeug, wo zwei Bären auf einem Amboss pinken oder ein Affe am Reck turnt, und noch viele Kunstgegenstände, bis ich zum Theater gelangte, wo ein Zettel verkündete, dass ein vielversprechender Dichter (alle vielversprechenden Dichter debütieren in Badetheatern) sein Erstlingswerk »Geheimnisse von Neustadt« zur Aufführung bringe und Herr Georgio Calzolaio (zu deutsch: Georg Schuster), der vielbeliebte erste Liebhaber der Bühne, die Hauptrolle kreieren werde, auch an diesem Abend sein Benefiz habe. Darauf ging ich in ein Café und trank zwei Kognaks. Ein Zeitungsjunge erschien und schrie mir das neueste Berliner Mittagsblatt ins Ohr; ein Herr am Nebentisch, der schon immerfort nervös hin und her zappelte, knurrte den Kellner an, wie lange er zum Donnerwetter noch auf die telefonische Verbindung mit Breslau warten solle; ein Herr an einem anderen Tisch erzählte mit unerträglicher Weitschweifigkeit seinem Nachbar alle Erscheinungen seiner Krankheit, wofür sich dieser so interessierte, dass er während der Zeit des Zuhörens das ganze Mittagsblatt durchschmökerte; drüben an der Wand stritten zwei rote Köpfe laut über Nietzsche; eine vorübergehende Mutter machte ihrer bleichsüchtigen Tochter Vorwürfe, dass sie ihren Brunnen statt um fünf erst um fünfeinhalb Uhr getrunken habe, was natürlich furchtbar schaden könne; Gents und noch viel mehr Pseudogents tänzelten vorüber, und in der Kapelle drüben blies der Waldhornist zum Herz- und Steinerweichen: »Das Meer erglänzte weit hinaus im lichten Abendscheine«.

»Auch Sie, Fräulein Trude«, hörte ich einen vorbeiwandelnden Primaner zu seiner sechzehnjährigen Begleiterin sagen, »haben mein Herz vergiftet, zwar nicht durch Ihre Tränen, wohl aber durch Ihr Lachen.«

»Aber Herr Lempert«, sagte sie, und sie waren vorbei ... Ich bekam Heimweh nach Waltersburg und ging. Draußen auf den Promenadengängen das gewohnte Publikum; die galizische Jüdin mit etwas schmierigen Spitzen am Halsausschnitt und den großen Brillanten in den Ohren; der Herr in dem hocheleganten weißen Flanellanzug, der 23 Mark gekostet hat; der »Künstler«, dessen Kraft wie bei Samson in der Fülle der Locken sitzt und der sich vor dem Spiegel die wirkungsvollen Gerhart Hauptmannschen Mundwinkel eingeübt hat; das knurrende Eheoberhaupt, das wo anders hinstrebt, weil man auf dem Kurplatz nicht rauchen darf (warum, weiß weder er noch sonst jemand; denn der Platz ist weit, und der Himmel ist hoch); die flirtende Strohwitwe; der melancholisch und langsam schreitende Einsame, der keinen Anschluss findet; das laute Mädchen, das immer zehn Verehrer um sich hat und nie einen Mann kriegt; die Geschäftsfreunde, die auch hier über ihre Alltagssorgen nicht hinauskommen; fachsimpelnde Oberlehrer und lebenslustige Backfische, dazwischen die »Patienten«, die gewissenhaft aus geschliffenen Gläsern das Neustädter Wunderwasser schlürfen, als könnte es in vier Wochen gutmachen, was in vielen, vielen Jahren krank ward.

Ich war im klaren: Ich wollte nicht Badearzt werden. So wollte ich nach Hause und wählte als Heimweg den Pfad über den Weihnachtsberg, der als Grenzscheide zwischen Waltersburg und Neustadt liegt.

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