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Ferien vom Ich

Paul Keller: Ferien vom Ich - Kapitel 29
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Keller
titleFerien vom Ich
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
year1916
correctorreuters@abc.de
sendergebler.dresden@yahoo.de
created20140918
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Freund Stefenson

Nun war es vorbei. Ich stieg von Neustadt aus den Weihnachtsberg hinauf. Der Zug, der meine Mutter in die weite Welt davongeführt hatte, war längst nicht mehr zu sehen. Der Bruder war schon gestern bis zur Provinzialhauptstadt vorangereist; ich hatte ihn nicht mehr getroffen.

Die Bitterkeit war aus meiner Seele gewichen und hatte einer stillen Trauer Platz gemacht. Die letzten Stunden, die ich mit meiner Mutter verlebt hatte, waren voll reinster Liebe gewesen, ohne Eifersucht, ohne Neid, ohne Groll auf den Bruder, um dessentwillen sie mich und die alte Heimat verließ. Joachim sollte nicht wieder einsam und verbittert durch die Welt irren; die Mutter wollte nicht wieder Tag für Tag sehnsüchtig am Fenster stehen und auf das schwermütige Plätschern des Johannesbrunnens lauschen.

Mich wusste sie in Sicherheit, mit einer großen Aufgabe betraut, die mein Herz ausfüllen würde. So ging sie mit dem anderen, dem Einsamen.

Es war weiblich, es war mütterlich; es konnte wohl nicht anders sein.

Aber wie ich auf die andere Seite des Weihnachtsberges kam und mein altes Waltersburg liegen sah, den Marktplatz mit dem Brunnen und mein verlassenes Vaterhaus, da setzte ich mich todmüde an den Wegrand ins welke Gras. Ich barg das Gesicht in den Händen und saß lange so.

Als ich endlich aufblickte, sah ich mir gegenüber auf dem anderen Wegrande Stefenson sitzen. Ich war unwillig, dass er sich so angeschlichen hatte, aber er kam mir mit teilnehmendem Gesicht, ganz ohne seine sonstige spöttische Art, entgegen, so dass mein Ärger verflog.

Stefenson setzte sich neben mich und legte mir die Hand aufs Knie:

»Sehen Sie, alter Junge, so was tut weh. Das begreife ich. Aber da müssen Sie auch begreifen, dass ich Sie nicht allein lassen kann, dass ich mich um Sie kümmern muss. Ich bitte Sie, dass Sie mir einige Minuten zuhören. Sie brauchen mir gar nicht zu sagen, was für Gefühle Sie bewegen, aber ich bitte Sie, mir zu erlauben, dass ich als Ihr Freund zu diesen Gefühlen Stellung nehme. Zunächst mal, ob Ihrer Mutter der Aufenthaltswechsel auch bekommen wird. Daran denken Sie ja wohl an erster Stelle. Nun, ich meine, sie ist von guter Natur; Rio ist ein ganz gesunder Wohnort; Ihr Bruder ist Arzt, der sie ständig überwachen kann; außerdem ist er in der Lage, ihr das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten, dann, Ihre Mutter sieht einmal die Welt. Nicht mehr mit der Aufnahmefähigkeit, der Spannkraft, dem Überschwang der Jugend, aber mit dem ganzen Hochgenuss, mit dem ein reifer, feiner Kopf die Schönheiten dieser alten Erde betrachten kann. Und gar Rio de Janeiro! Dort hören die Tauben die Vögel singen, dort sehen die Blinden die Blumen blühen; das wissen Sie ja selbst, Ihre Mutter wird leben wie im Paradies. Aber das wird freilich alles nicht hindern, dass sie das Heimweh bekommen wird – nach dem alten Nest da unten – nach dem Hause am Brunnen – auch nach Ihnen. Schütteln Sie nur nicht den Kopf, lieber Freund; eine Mutter liebt immer am meisten das ihrer Kinder, das nicht bei ihr ist. Und da denken Sie nur daran, dass sie eines schönen Tages wieder dasein wird. Inzwischen lassen Sie unten in dem Hause am Markt alles, wie es ist; lassen Sie alle Tage die Möbel wischen, alle sechs Wochen frische Gardinen aufstecken, im Winter die Stuben heizen, im Sommer die Polster einmotten, auch Kupfer und Zinn in der Küche putzen und den Kanari gut im Futter halten, damit Ihre Mutter alles in Ordnung findet, wenn sie wiederkommt.«

»Stefenson«, sagte ich dankbar, »Sie sind ein seelenguter Mensch.«

Das verdross ihn. Er sagte zunächst gar nichts, spuckte dann mit großem Geschick bis zum gegenüberliegenden Wegrand und meinte endlich in gänzlich verändertem Tone:

»Sie verstehen mich immer noch nicht. Das müssen Sie doch wissen, dass so 'n alter Fuchs wie ich immer seine Hintergedanken hat, wenn er mal 'nen Abstecher ins Gefühlsmäßige macht. Zum Beispiel jetzt habe ich gerade ein wichtiges Geschäft, bei dem Sie unbedingt mitwirken oder dem Sie wenigstens zustimmen müssen, und da ist es mir natürlich verdrießlich, wenn Sie in verkaterter Stimmung sind.«

»Und deswegen suchten Sie mich zu trösten?«

»Ja, nur deswegen!«

Ich lächelte. Er sah es und wurde erbost.

»Mensch, lachen Sie nicht! Was gehen mich denn Ihre Familienangelegenheiten an? Glauben Sie, dass ich mich bei meinen tausend Geschäftsfreunden darum kümmern kann, ob sie mal Krach mit einem Bruder haben, ob mal ihre Mutter verreist, ob die Motten in ihre Möbel kommen oder ihr Kanarienvogel verhungert? Hätt' ich viel zu tun. Aber wenn zwei Feldherren miteinander in den Krieg ziehen und der eine von ihnen Zahnschmerzen hat, hat der andere dafür zu sorgen, dass der Zahn gezogen oder wenigstens plombiert wird. Sonst wird nichts aus ihrer Chose.«

Ich lächelte nicht mehr, aber ich erwiderte auch nichts.

Da sagte Stefenson fast niedergeschlagen:

»Wenn Sie etwas Geschäftssinn hätten, hätten Sie mich längst gefragt, um was für ein Geschäft es sich handelt.«

»So sagen Sie es mir – bitte!«

Er war verstimmt.

»Nun, ich kann ja den Weihnachtsberg auch ohne Sie von den Neustädtern zurückkaufen.«

»Den Weihnachtsberg wollen Sie zurückkaufen?«

»Ich sagte es Ihnen eben. Wir müssen unser Heim bis zum Gipfel des Berges ausdehnen, sonst spucken uns die Neustädter auf den Kopf.«

»Sie werden den wichtigsten Aussichtspunkt nie hergeben.«

»Trösten Sie sich. Wozu habe ich in der ›Neustädter Umschau‹ seit drei Wochen Artikel gegen den Weihnachtsberg veröffentlicht? Zum Beispiel, dass sein Besuch von Neustadt aus außerordentlich zu wünschen übrig lasse, weil der viel bequemer zu erreichende Ochsenkopf eine viel bessere Aussicht bietet, dass die Rentabilität außerordentlich gering sei, die Pächter nichts zu leisten vermöchten und solchen Kram mehr. Die Neustädter sind bereits mürbe. Denn sie sind wieder mal im Dalles. Nun habe ich vorgestern einen Artikel gebracht, man solle den Weihnachtsberg, wenn sich eine gute Gelegenheit böte, an irgendeine neutrale Person je eher je besser verkaufen, damit er ja nicht mal in Waltersburger Hände fiele, was die Konkurrenz drüben stärken würde.«

»Was bezwecken Sie damit?«

»Dass mein Vertrauensmann, der sich als Privater um den Kauf der Weihnachtsbergkuppe bemüht, die Sache billig bekommt. In vierzehn Tagen, denke ich, können wir oben einziehen.«

Wir waren inzwischen aufgestanden und stiegen langsam den Berg hinab. Stefenson sprach immerfort von seinen Plänen und brachte es wirklich zuwege, dass meine Bangigkeit nachließ und ich ihm wenigstens mit halber Aufmerksamkeit zuhörte. Er begleitete mich bis in mein Arbeitszimmer. Dort sagte Stefenson:

»Nun gestehen Sie es sich mal selber, lieber Freund: die ganze Zeit, da unser Heim besteht, haben Sie, der die Lehre von den Ferien vom Ich erfunden und gepredigt hat, selbst mit Haut und Haaren mitten im dicksten Ichleben gesteckt. Hauptsächlich wegen Ihrer Familienangelegenheiten. Jetzt erst, wo sich alles in Frieden löst, werden Sie Ihrer Idee ganz und mit Freuden dienen können. Sie lehren selbst: in den Ferien vom Ich los von der Familie! Deshalb habe ich auch von Anfang an gemeint, wenigstens einer von uns beiden müsse ganz ohne Familie sein.«

»Und welcher von uns beiden soll das sein?«

»Sie!«

Fast hätte ich über den alten Egoisten lachen müssen.

»Sie wären aber doch viel geeigneter, Stefenson; denn Sie sind doch schon ohne Familie.«

»Sie vergessen, dass ich eine Braut habe.«

»Eva Bunkert? Ich meine, dieser Verlobtenstand ist einseitig.«

Er lachte.

»Bah – wegen der Auskneiferei – wegen dieser Marotte? Ich habe an Eva einen vernünftigen Brief geschrieben, habe ihr gesagt, ich würde ihr gern nachreisen, wenn es nicht zu dumm wäre, und wenn ich Zeit dazu hätte. Sie solle ja nicht annehmen, dass ich jetzt plötzlich an ihrem Theater als Coiffeur, Portier, Kulissenschieber oder dergleichen auftauchen würde, um sie weiter zu beobachten. Das würde abgeschmackt sein; denn ich mache keinen Witz zweimal. Im übrigen liebte ich sie unverändert weiter und überließe ihr, zu bestimmen, wann unsere Hochzeit sein solle. Diesen Brief habe ich vor acht Tagen geschrieben und noch keine Antwort. Das ist doch ein sehr günstiges Zeichen.«

»Ich würde dieses Zeichen anders auslegen.«

»Nein. Sie grämt sich. Sie kann gar nicht schreiben. Wäre ich ihr egal, hätte sie mir einen schnippischen, und wäre sie ein oberflächliches Weib, sofort einen freundlichen Verzeihungsbrief geschrieben. So ist sie ein braves Mädel, das mich liebt, und schreibt gar nicht.«

»Es kann schon so sein«, sagte ich müde; »ich hoffe, dass es Eva gut geht!«

»Nun, so ... so ... Vor fünf Tagen hat sie das erstemal auf der Oper gesungen. Zwei Kritiker haben sie bestehen lassen; einer hat sie etwas mitgenommen. Mit dem habe ich mich telefonisch verbinden lassen. Ich habe den Mann aufgeklärt, um was es sich handelt – so in großen Zügen natürlich –, und ihm gesagt, dass er mir einen Riesengefallen tun würde, wenn er Fräulein Eva Bunkert nach Strich und Faden verrisse und an der Oper unmöglich mache. Meine eventuelle Erkenntlichkeit für ihn habe ich dem Kritiker wirklich nur ganz diskret und delikat angedeutet. Trotzdem hat mir der Grobian gesagt, es sei schade, dass sich telefonisch keine Ohrfeigen austeilen ließen; im übrigen sei Fräulein Bunkert ein außerordentlich hoffnungsvolles Talent. Das habe ich davon. Nun wird sie auch dieser Kerl loben. Ach, du lieber Gott, die deutschen Zeitungsschreiber sind sehr verschiedener Art.«

»Und Sie fürchten gar nicht, dass Eva Bunkert Ihnen verlorengehen könnte?«

»Nicht eine Minute. Sie hat gebissen. Ich halte sie fest. Wenn sie noch ein wenig herumzappeln will, kann ich ihr den Spaß ja gönnen.«

So purzelte Stefensons draufgängerische, frische Art durch den bangsten Tag meines Lebens. Und als ich am nächsten Morgen nach tiefem Schlaf erwachte, fühlte ich mich gesund und munter, stark genug, dem Leben ins Auge zu schauen und mit Lust und Freude an meinem schönen Werke weiter zu schaffen.

Etwa drei Wochen später besuchte mich Stefenson wieder in meinem Arbeitszimmer. Auf dem Tische lag die neueste Nummer der »Neustädter Umschau«.

»Ich habe diesmal nichts drin«, sagte Stefenson und wies auf die Zeitung. Trotzdem schlug er sie auf. Und mit einem Male riss er die Augen auf, trat ans Fenster.

»Haben Sie schon – haben Sie schon gelesen?« fragte er aufgeregt.

»Was denn? Was steht denn wieder in dem Schundblatt? Ich habe noch gar nicht hineingeschaut.«

»Da – da ...«

Er wies auf eine kleine Notiz. Ich las:

»Verlobung. Die Opernsängerin Eva Bunkert, Tochter unseres verflossenen Baurats August Bunkert, hat sich mit dem Grafen Hanns von Simmern, Sohn des herzoglichen Kammerherrn Grafen Eugen von Simmern, verlobt. – Eine rasche Künstlerkarriere!«

»Da haben wir's«, sagte ich. »Die Sache ist in der Tat sehr rasch gegangen.«

»Rasch gegangen! Ist das alles, was Sie zu dieser Schandtat zu sagen wissen?« brüllte Stefenson.

»Ja, was soll ich in meiner Überraschung dazu sagen? Es tut mir natürlich leid um Sie!«

»Leid! Ich brauche Ihnen nicht leid zu tun. Niemand brauche ich leid zu tun. Ich verbitte mir das! Denn ich kann froh sein, dass ich diese Gans los bin. Ich bin auch ganz kolossal froh. Nach kaum vier Wochen ist dieses flatterige Ding mit ihrer Lebenswahl fertig. Von einem zum andern. Immer zu, immer zu! Was verliere ich dabei? Weil er ein Graf ist, weil sie sich bei ihm in Taschentücher mit einer neunzackigen Krone die Nase schneuzen kann, deshalb gibt sie mich auf. Einen Mann wie mich, der diese bankerotte Bauratstochter gegen alle Vernunftgründe geliebt hat und sie heiraten wollte, gibt sie auf!«

Er sank in einen Stuhl. Sein Schmerz war maßlos. Aber ich blieb kühl.

»Lieber Freund«, sagte ich, »es ist sicher für unsere Gründung ganz gut, wenn Sie familienlos bleiben, wenn Sie Ihre Selbständigkeit, den ruhigen, klaren Blick ...«

»Halten Sie den Mund! Kommen Sie mir nicht mit solchem Blödsinn. Satt hab ich's, satt. Meinetwegen mag die ganze Geschichte hier zum Teufel gehen. Mir liegt an nichts mehr etwas, an gar nichts mehr!«

Er wand sich in dem Lehnstuhl, in dem er saß, wie in Krämpfen. Ich stellte mich ans Fenster und zündete mir eine Zigarre an. Da knirschte er:

»Sprechen Sie wenigstens; sagen Sie etwas zu mir. Das kann ich doch wohl verlangen.«

»Sie lassen mich ja nicht zu Worte kommen, Stefenson. Und dann, ich weiß selbst nicht, was ich zu der Sache sagen soll.«

»Jawohl, Sie machen sich eben nichts aus mir. Sonst könnten Sie sich jetzt nicht so pomadig eine Zigarre anzünden. Schöner Freund! Glauben Sie denn, dass sie mit dem Grafen, diesem neunmal gehörnten Kerl, glücklich sein wird?«

»Das kann ich nicht beurteilen.«

»Das müssen Sie beurteilen können! Sie müssen wissen, dass solche sogenannten Mesalliancen nie zum Glück führen, dass dieses Weib im Hause ihres gräflichen Gatten als Eindringling entweder gar nicht zugelassen oder sub Luder behandelt werden wird, dass der Mann ihrer überdrüssig sein wird, wenn ihre Schönheit verblüht, dass sie dann im Elend sitzen wird.«

»Das kann schon alles so kommen, es kann aber auch anders sein. Es kommt ganz auf den Mann an. Prophezeien kann niemand, höchstens unsere alte Wahrsagerin unten in Waltersburg.«

»Wollen Sie mich verspotten? Sich über mich lustig machen? Ist das Ihre Freundschaft?« Er war wütend.

»Lieber Stefenson, Sie sind jetzt sehr aufgeregt. Was immer ich auch jetzt sagen möchte, würde Ihnen nicht gefallen. Warten wir also ab, bis Sie sich etwas beruhigt haben, und dass Sie dann ganz auf mich rechnen können, wissen Sie ja doch!«

»Ich werde mich nie beruhigen«, sagte er. »Über das komme ich nicht weg!«

Wohl zehn Minuten vergingen, während deren Stefenson im Zimmer auf und ab schritt. Manchmal blieb er stehen, sprach leise mit sich selbst oder fuchtelte mit seinen langen Armen durch die Luft. Endlich fragte er:

»Was ist das mit der Wahrsagerin in Waltersburg, die Sie erwähnten?«

»Ah, Stefenson, das war doch nur Scherz. Es wohnt da unten im alten Zollhaus, kaum dreihundert Meter unter unserem Grundhof am Waltersburger Weg, ein Weib, das schon uralt war, als ich noch in kurzen Hosen ging. Sie nennt sich nach ihrem Beruf Sibylle. Wie sie eigentlich heißt, wie alt sie ist, weiß kein Mensch. Für fünfundzwanzig Pfennig prophezeit sie den Bürgern, Bauern und Köchinnen die Zukunft.«

»Und stimmt es, was sie sagt?«

»Ja, das weiß ich nicht. Ich hab mich um das alte Fernrohr in die Zukunft nicht gekümmert. Als Jungen haben mal Joachim und ich fünfundzwanzig Pfennig zusammengeschossen und uns weissagen lassen. Da hat sie gesagt, wir würden bald eine mächtige Tracht Prügel bekommen. Und das ist auch eingetroffen. Es kam nämlich heraus, dass wir die fünfundzwanzig Pfennig zur Sibylle getragen hatten, und wir bekamen Prügel dafür.«

Ich wusste, dass Stefenson abergläubisch war. Viele sonst sehr kluge Menschen sind es. Stefenson fing an einem Freitag kein Geschäft an, es beunruhigte ihn, wenn eine Katze über seinen Weg lief, und er hatte immer ein altes Hufeisen auf seinem Schreibtische liegen. Er stammte ja auch aus Amerika, wo der Aberglaube zu Hause ist. Jetzt fühlte er das Bedürfnis, sich ein wenig zu rechtfertigen, und sagte:

»Es ist durchaus falsch, alle Hellseherei von vornherein als Unsinn zu erklären. Es können da Naturkräfte wirken, die wir nicht kennen.«

»Gewiss – gewiss!«

Er versank wieder in tiefe Traurigkeit.

»Vor vier Tagen habe ich ihr einen Brief geschrieben, habe sie gebeten, sie möge doch von ihrem Groll ablassen. Wenn sie es schon nicht einsehen wolle, dass ein Mann, der sein ganzes Lebensschicksal an eine Frau ketten wolle, zu deren gründlichster Prüfung berechtigt sei, so solle sie halt denken, dass es mir doch auch Spaß gemacht habe, mal in den Ferien vom Ich eine unerkannte Rolle zu spielen, und dass ich doch eigentlich als Knecht Ignaz um sie gedient habe wie Jakob um die geliebte Rahel. Sehen Sie, von diesem Brief glaubte ich, er sei eigentlich zu deutsch, zu sentimental. Aber es war mir so ums Herz, und so schickte ich ihn ab. Der Brief wird gerade zu ihrer Verlobung zurechtgekommen sein.«

Es schüttelte ihn vor Schmerz und Zorn.

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