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Ferien vom Ich

Paul Keller: Ferien vom Ich - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Keller
titleFerien vom Ich
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
year1916
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sendergebler.dresden@yahoo.de
created20140918
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Vom Bruder und seiner Frau

Mit Eva Bunkert verließ uns auch die kleine Anneliese. Am Abschiedsabend hatte sie sich nicht beteiligt. Es hieß, »Bärbel« sei nicht wohl und habe sich zeitig zur Ruhe gelegt. Wie mein Bruder mit dem Mädchen stand, wusste ich nicht. Joachim war verschlossener als je. Am Abend des Tages aber, da die Mädchen abgereist waren, kam er zu mir.

Ganz unvermittelt sagte er: »Fritz, ich möchte fort. Morgen oder übermorgen.«

»Fort? Wohin?«

»Wieder hinüber.«

»Nach Amerika?«

»Ja.«

Ich sah ihn schweigend an.

Da sagte er:

»Du hast wohl bemerkt, dass ich eine Neigung für Fräulein Anneliese hatte. Ich hoffte, es könnte mir ein neues Glück in der Heimat erblühen. Diese Hoffnung hat mich betrogen – wie alle anderen.«

»Ist es aus zwischen euch?«

»Ja. Das Mädchen hing an mir, und es war alles verabredet für baldige Hochzeit. Da hielt ich mich gestern für verpflichtet, ihr mein Leben zu schildern. Droben am Hange sind wir gewesen. Da habe ich ihr das Schwere gesagt. Sie hat sehr geweint und sich schwer von mir losgerissen; aber sie bleibt dabei, dass sie den geschiedenen Mann einer noch lebenden Frau nicht heiraten dürfe. Du weißt wohl warum?«

»Ja. Ihre katholische Religion verbietet Anneliese solche Ehe.«

Er fing an zu toben, an den Ketten zu zerren – ich ließ ihn reden und toben.

Zuletzt sagte er:

»Und ich weiß nicht einmal, ob dieses – dieses Weib noch lebt.«

Ich blieb still.

»Weißt du etwas von ihr? Weißt du, ob sie noch lebt?«

»Sie lebt.«

Er stöhnte. Ich merkte, wie sehnsüchtig er auf den Tod seiner Frau gehofft hatte.

»Und – das Kind, wo ist es?«

»Es ist bei seiner Mutter.«

»Das habt ihr zugegeben? So gewissenlos seid ihr gewesen?«

»Das Kind ist wohl aufgehoben bei ihr.«

Er lachte rauh und ergoss eine Flut schwerster Schimpfworte über seine Frau. Wieder ließ ich ihn reden und toben. Zuletzt stieß er hervor:

»Wo hält sich das Scheusal auf?«

»Deine Frau? Das sage ich dir nicht.«

»Das musst du mir sagen!«

»Nein, Joachim, ich sage es dir nicht!«

Er ballte die Fäuste und trat mit dem Fuß auf. Dann ließ er die Arme schlaff hängen und sagte in feindseligem Ton:

»Gut! Was ich wissen will, werde ich auch ohne dich erfahren.«

Ohne Gruß verließ er mich. Ich trat ans Fenster und sah ihn unten über die Wiese gehen. Das war der Mann, dem ich fünf Jahre lang um die ganze Welt nachgereist war. Weil er der Sohn meiner Mutter war. Nun würde ich eine solche Familienaufgabe nicht mehr übernehmen. Ich öffnete nicht einmal das Fenster, um ihm nachzurufen.

Ich setzte mich an den Schreibtisch und begann zu arbeiten. Es ging schwer. Ich war von der Aufregung der letzten Nacht und des Tages ganz benommen. Es fiel mir ein, Joachim werde nun wohl zur Mutter gehen. Aber die wusste ja auch nichts von Katharina, die bei uns Magdalena hieß, hatte keine Ahnung von ihrer Anwesenheit hier im Heim. Es wurde spät. Ich wollte nur noch meine letzte Zigarre ausrauchen, dann schlafen gehen. Wie gleichmütig mich der Abschied des Bruders ließ! Freilich, die Mutter würde wieder sehr mit mir zürnen. Aber ich konnte das nicht ändern. Ich war aller Familiensimpelei müde geworden.

Wie ich noch so still dasaß, hörte ich auf einmal jemand den Korridor entlang eilen.

Die Tür wurde aufgerissen.

Magdalena stand vor mir.

Mit wirrem Haar, in unordentlicher Kleidung. Entsetzt. Verstört.

»Helfen Sie – helfen Sie – sie haben mir das Kind genommen.«

»Was? Was sagst du, Käthe?«

»Das Kind haben sie mir genommen – Luise – o Gott!«

»Wer hat es genommen?«

»Er – Joachim – er ist mit einem fremden Mann gekommen – sie haben das Kind fortgeschleppt – meine Luise – meine Luise!«

Ich wollte die zitternde Frau auf einen Stuhl nötigen.

»Nein, kommen Sie bald – sie haben mich ja in die Kammer eingeschlossen gehabt – eine Stunde ist es wohl schon her, dass sie mit dem Kinde fort sind – ich habe die Kammertür nicht aufgekriegt – kommen Sie schnell – schnell!«

Die Frau schluchzte und zuckte in namenlosem Schmerz. Ich sah alles wie durch einen Schleier. Wie kam Joachim nach der Genovevenklause? Wer hatte ihm den Weg gewiesen?

Plötzlich wurde mir alles klar. Ich war unvorsichtig gewesen, Joachim zu verraten, dass Luise bei ihrer Mutter sei, und da unsere Mutter wusste, wo das Kind war, fanden sie auch die Frau.

Oh, ich Tor! Ich sah, dass Käthe am Halse rote Striemen hatte.

»Hat er dir etwas getan, Käthe? Hat er dich etwa gar geschlagen?«

»Ich weiß es nicht. Aber das Kind ist fort, das Kind ist fort!«

Sie hatte wohl mit dem Manne gerungen, und er hatte sie mit irgendeinem Helfershelfer in die Kammer gesperrt und das Kind entführt. Der brutale Kerl! Ein wütender Hass gegen ihn schlug in mir auf.

»Erbarmen Sie sich, Herr Doktor, helfen Sie mir!«

»Nenn mich nicht Herr Doktor, Käthe, nenne mich Fritz! Wir sind Verwandte. Ich werde dir helfen, so gut ich irgend kann.«

Demütig und furchtsam wie ein geprügelter Hund stand sie vor mir.

Ich zog mir den Mantel an.

»Ich bitte dich, Käthe, geh nach Hause. Du kannst nichts tun. Ich werde mich sofort auf die Suche machen.«

»Ich kann nicht nach Hause gehen; ich muss Luise suchen –«

Mit irrsinnig flimmernden Augen sah sie mich an.

»Du kannst nichts tun, Käthe. Ich werde sofort hinab zu meiner Mutter gehen, dort werde ich wahrscheinlich Joachim treffen und mit ihm abrechnen.«

»Ich will mit. Ich fürchte mich nicht, wenn sie mich auch schlagen.«

»Du musst mir jetzt gehorchen, Käthe! Sonst verdirbst du alles; sonst kann ich dir nicht helfen!«

Da senkte sie stumm den Kopf.

Wir eilten auf einem Nebenpfade gen Waltersburg hin. Als der Weg nach der Genovevenklause abbog, gebot ich der Frau, nach Hause zu gehen und zu warten, bis ich ihr Nachricht brächte. Sie schlich davon. Aber als ich den Berg hinabeilte, merkte ich, dass mir von ferne ein Schatten folgte.

Das Haus der Mutter war hell erleuchtet. Die Haustür stand offen. Ich eilte nach dem ersten Stock, nach dem Zimmer der Mutter, und trat ein, ohne anzuklopfen. Mitten in der Stube stand Joachim; er war allein. In offener Feindseligkeit blickten wir uns an.

»Wo ist das Kind? Wo ist Luise?«

»Nicht hier.«

»Wo ist die Mutter?«

»Auch nicht hier.«

»Willst du mir sagen, wo beide sind?«

»Nein! Aber ich will dir sagen, dass ich das Mädchen der Obhut des Frauenzimmers, dem du es übergeben, entrissen und in eigene Erziehung genommen habe. Morgen früh geht die Reise los. Ich nehme das Kind mit. Das ist mein Recht. Das Kind gehört mir.«

Ich konnte vor Zorn kaum sprechen.

»Ah – und es ist wohl auch dein Recht, in eines unserer Häuser einzubrechen und ein wehrloses Weib seiner Freiheit zu berauben?«

»Das tat ich nur, um sie zu hindern, hinter uns herzuschreien und Skandal zu erregen. Um allen Skandal zu vermeiden, bringt Mutter das Kind schon jetzt nach auswärts.«

»Oh, wie bist du rücksichtsvoll! Du willst keinen Skandal. Du vergissest nur das eine: dass es ein großer Skandal ist, wenn man sich benimmt wie ein Bandit!«

»Hüte dich nur!«

»Ich fürchte mich nicht vor deiner Brutalität. Ich kann dich – wenn es mir beliebt – wegen der Schandtat eines Einbruchs in eines unserer verschlossenen Häuser jeden Augenblick einsperren lassen. Ich werde es höchstwahrscheinlich auch tun und mich um keinerlei Skandal kümmern.«

»Du nimmst in sehr merkwürdiger Weise Partei für jenes Weib.«

»Ja, sie steht trotz ihres Fehltritts gerechtfertigter, ich will ruhig sagen, viel anständiger vor meinen Augen als du!«

»Das bitte ich mir zu beweisen«, sagte er heiser vor Wut. Er setzte sich auf eine Tischkante; ich lehnte an einem Schrank ihm gegenüber.

»Ich erinnere dich daran, Joachim, dass das schöne Mädchen, das Katharina hieß, damals zwar deine blinde, wahnsinnige Leidenschaft erregt, aber dass sie dich niemals geliebt hat, dass sie so ehrlich war, es dir zu sagen.«

»Hör auf damit!«

»Nein, da liegt die Wurzel zu allem Unheil, das kam. Als du von dem Mädchen abgewiesen warst, tatest du das, was du immer tatest, wenn du einen Wunsch durchaus durchsetzen wolltest, du hingst dich an die Kleiderrockfalten der Mutter.«

Er sprang herunter vom Tisch und trat drohend vor mich.

»Benimm dich immerhin auch in dieser Stunde noch mit einigem Anstand, Joachim! Du hast mir so viel von meinem Leben genommen, fünf volle blühende Jahre, dass ich ein Recht habe, dich als meinen Schuldner zu betrachten und endlich mit dir abzurechnen.«

Er wich zurück, lachte verächtlich und trat ans Fenster.

»Ich habe dich nicht aufgefordert, mir zu folgen.«

»Nein, aber die Mutter hat es getan, die dich von Kind auf zu einem jämmerlichen Egoisten erzogen hat.«

»Sag noch ein Wort gegen die Mutter, und ich halte mich nicht länger!«

»Du sprichst wie ein Raufbold, Joachim, und ich schäme mich für dich. Wie ich innerlich zur Mutter stehe, geht daraus hervor, dass ich auf ihren stillen Wunsch hin, dich wiederzuhaben, meine Jugend opferte. Aber nicht davon wollte ich sprechen, sondern von deinem Verhältnis zu Katharina. Das Mädchen sagte dir damals, dass seine Liebe einem anderen gehöre, deinem Freunde ...«

»Hör auf – ich ertrage das nicht!«

»Ich weiß, trotz deiner Brutalität anderen gegenüber bist du, was die eigene werte Person anlangt, sehr feinfühlig; nicht einmal eine wahrheitsgemäße Aussprache erträgst du. Aber ich erspare sie dir nicht. Ich halte dir den Spiegel vor, damit du weißt, wenn du von hier fortziehst, dass es jemand auf der Welt gibt, der keine Spur von Mitleid, ja nicht einmal von Achtung mehr für dich hat, und das ist dein Bruder, der dich unter allen Menschen auf der Welt am besten kennt.«

Er erwiderte nichts mehr; er starrte mich nur an. Ich setzte kaltblütig die Abrechnung fort.

»Du wandtest dich damals an die Mutter, und die Mutter setzte bei den Eltern des Mädchens alle Hebel für dich ein. Die Leute hatten sechs Töchter. Eine von ihnen versorgt zu sehen, war ihr sehnlichster Wunsch. Du warst approbierter Arzt, der andere, dein Freund, ein vermögens- und aussichtsloser Kandidat. Da wurde dem Mädel Tag und Nacht zugesetzt, bis sie dich nahm. Das war in diesem Falle die Grundlage für die schwere Ja-Frage am Altar nach dem ›freien, ungezwungenen, selbst ungenötigten Willen‹.«

Joachim war in einen Sofawinkel gesunken. Mir war das Herz so kalt und leicht wie einem Staatsanwalt, der auf »schuldig« plädiert.

»Während du die Flitterwochen hieltest, ging dein Freund beinahe zugrunde. Nach einem Jahre hieß es, er habe sich beruhigt. Er kam zu euch. Die alte Sehnsucht trieb ihn. Und da geschah Katharinas Unglück. Du warst natürlich in deiner Ehre sehr tief verletzt. Ich sah das ein. Erst jetzt begreife ich, dass in jener Ehe deine Gattenehre nicht von Gottes, sondern von Mutters und Geldsacks Gnaden war. Das Weib hat gefehlt, ohne Zweifel. Zweimal. Nicht nur, als sie dir die Ehe brach, sondern schon, als sie die Ehe mit dir einging. Aber du und die Mutter – und wir alle, die wir schürend oder doch stillschweigend mitgewirkt haben, sind wir Gerechte? Leute, die Steine aufheben dürfen? Oder Pharisäer, die verdienen, die Geißel des Messias ins Gesicht zu bekommen?

Katharina hat ihre Schuld gebüßt. Nicht durch deinen rohen Revolverschuss, nicht dadurch, wie sie dich vor Gericht reinwusch, indem sie aussagte, sie habe sich die Wunde selbst zugefügt. Nein, mit aber tausend Tränen. Erst jetzt weiß ich, wie ihr Mutterherz gehungert hat, wie sie durch all die Jahre nach dem Kinde gesucht hat. Dieses Weib hat vielleicht an einem Tag und in einer Nacht mehr gelitten und heißer zum Himmel gerufen als du in der ganzen Zeit. Jetzt auf einmal erscheinst du wieder in der ganzen Pracht und Herrlichkeit deines gesetzmäßigen Richtertums und beginnst deine Brutalitäten aufs neue. Und deshalb, sage ich, ist deine Frau ein hundertmal anständigerer Mensch, als du bist!«

Er stand auf, zuckte ein wenig mit den Armen durch die Luft, als ob er reden wolle, setzte sich aber wieder. Ich behielt ihn scharf im Blick und fuhr fort:

»Das ist die Abrechnung, die deine Frau betrifft. Da kommst du immer noch gut dabei weg, weil nicht nur dein eigenes, sondern auch das andere Konto belastet ist. Nun komme ich auf dein Verhältnis zu deinem Kinde zu sprechen. Und da – nichts für ungut, lieber Bruder – hast du dich glattweg benommen wie ein Lump. Das Tier bekümmert sich um sein Junges, trägt ihm die besten Bissen zu, sorgt für seine Sicherheit. Du hast für deine eigene Sicherheit gesorgt, die besten Bissen selbst gegessen, dem Kinde nicht einen Pfennig, nicht ein armseliges Spielzeug, nicht ein Wort oder einen Blick gegönnt. Der verkommenste Proletarier, der von zehn Mark, die er verdient, neun versäuft und eine Mark seiner Familie gibt, ist ein besserer Vater, als du bist, denn du hast auch die zehnte Mark für dich genommen.«

»Die Mutter ...«, ächzte Joachim.

»Ja, die Mutter hat die sogenannten Erziehungsgelder gezahlt. Nebenbei gesagt, nicht nur von deinem, auch von meinem Erbteil. Ich wundere mich, dass ich so etwas sagen kann; aber alle Sentimentalität ist mir wahrscheinlich abhanden gekommen. Wir alle haben gefehlt, auch ich! Ich hätte dir nicht nachlaufen, ich hätte mich lieber um das Kind kümmern sollen. Aber ich war ein unerfahrener, wehleidiger Geselle. Ich bin erst jetzt, da ich ein großes Werk angefangen habe, dazu gekommen, die Dinge, die um mich her sind, klar und leidenschaftslos zu sehen und zu beurteilen. Wenn ich nun, Joachim, alles zusammenfasse, so bist du weder deiner Frau noch deinem Kinde gegenüber im Recht. Du hast dich bis jetzt unbarmherzig zurückgehalten und bist plötzlich brutal hervorgetreten, als deine neue Liebe scheiterte, als dich das von dir herbeigeführte Band, das Priesterhand schlang, hinderte, nach deinem Wohlgefallen jetzt ein neues zu schlingen. Was dich jetzt leitet, ist nicht Moral, sondern ist Wut, ist enttäuschte Selbstsucht! Du kannst die Lage deines bis heute verleugneten Kindes nicht bessern; denn einen unfähigeren Erzieher, als du bist, kann es nicht geben!«

Joachim erhob sich.

»Meinst du, dass ich mir diese Grobheiten gefallen lasse?«

»Es sind nicht Grobheiten, es sind Wahrheiten, Joachim.«

»Willst du jetzt dieses Zimmer und dieses Haus verlassen?«

»Nein, ich werde warten, bis die Mutter kommt.«

»So werde ich gehen; ich verschmähe es, weiter mit dir zusammen zu sein.«

»Ganz in meinem Sinne. Ich verbiete dir aber, unser Ferienheim noch einmal zu betreten. Außerdem ist es nach deinem brutalen Verhalten selbstverständlich, dass du als Arzt von uns entlassen bist.«

Er antwortete nicht mehr; er nahm Mantel und Hut und tappte die Treppe hinab. Ich konnte mir zunächst über das, was ich gesprochen hatte, keine klare Rechenschaft geben.

Ich hatte nur ein Gefühl der Erleichterung, hatte mir einmal das Herz abräumen gekonnt.

Jetzt fiel unten die Haustür zu. Ich sah Joachim vom Fenster aus, obwohl eine mondscheinlose Nacht und die Straßenbeleuchtung sehr kümmerlich war. Joachim ging auf den Johannisbrunnen zu. Mit einem Male löste sich dort ein Schatten los. Ich erschrak. Katharina! Sie hielt den Bruder jedenfalls für meine Person. Ich sah, wie die beiden aufeinander zugingen, aufeinander einsprachen, wie das Weib entsetzt die Arme hoch hielt, sich dann vor dem Bruder auf die Knie warf, wie er sie emporriss. Sie klammerte sich fest an seinen Arm; er versuchte sich loszulösen; sie rangen miteinander.

Ich riss das Fenster auf.

»Katharina«, rief ich hinunter, »sei vernünftig!«

Sie hörte nicht, ließ nicht los, schließlich rang sie weiter mit ihm, und ich hörte sie um das Kind bitten. Sie standen dicht am Brunnenrand. Da gab Joachim dem Weibe einen gewaltigen Stoß, sie taumelte zurück und fiel über den niederen Brunnenrand ins Wasser.

Joachim blieb still stehen, wohl im Schreck, zwei, drei Sekunden lang; dann beugte er sich über das Becken.

Da sprang das Weib aus dem Wasser heraus und rannte davon.

Ich hatte all diesen sich schnell abspielenden Vorgängen sprachlos zugesehen, dann war ich mit einigen Sätzen unten auf dem Markte. Joachim stand noch am alten Fleck.

»Ah«, lachte er, »du hast zugesehen – da wirst du wohl jetzt behaupten, ich hätte das Weib ertränken wollen.«

»Das werde ich nicht behaupten. Du hast sie nur zurückgestoßen, und sie ist unglücklich gefallen.«

»Na also! Ich lasse mich auf der Straße nicht anfallen, verstehst du? Eure Komödien verfangen nicht bei mir!«

»Joachim, wir müssen ihr nach, wir müssen sie suchen.«

»Suchen? Ich denke nicht daran. Was geht sie mich an?«

»Joachim, sie muss völlig durchnässt sein, es ist eine kalte Nacht; sie ist halb irrsinnig vor Aufregung wegen des Kindes. Es kann ein Unglück passieren!«

Er antwortete nicht, wandte sich um und ging nach Mutters Haus zurück. Ich sah ihm nach, hörte, wie er von innen den Haustürschlüssel umdrehte. Dann eilte ich die Straße hinunter, in der ich Katharina hatte verschwinden sehen.

Ich rannte durch die ganze Stadt, auch teilweise hinaus auf die Landstraßen. Es verging wohl eine Stunde und mehr Zeit; ich fand nichts. Es hatte angefangen zu regnen, und es blies ein rauher Wind. Endlich sah ich ein, dass ich allein nichts ausrichten könne. Ich eilte hinauf nach unserem Heim, überzeugte mich, wie ich schon angenommen hatte, dass die Genovevenklause leer sei, weckte dann Stefenson, Barthel, Piesecke und noch einige andere verlässliche Leute, und wir gingen nach verschiedenen Richtungen auf die Suche.

Morgens drei Uhr kehrte ich todmüde nach Hause zurück. Die anderen waren auch noch nicht lange da. Niemand hatte eine Spur von Katharina entdeckt ...

Noch ehe aber der späte Morgen graute, wurde die unglückliche Frau gebracht. Ein Waltersburger Bauer, der zeitig nach Neustadt fahren wollte, hatte am Chausseerand ein bewusstloses Weib gefunden und an ihrer Kleidung erkannt, dass sie zu uns gehörte. Er hatte die völlig durchnässte Frau auf das Stroh seines Wägelchens gebettet und sie mit einer Pferdedecke zugedeckt.

Ich ließ die Bewusstlose nach einem unserer Krankenzimmer am »Stillen Weg« schaffen und Dr. Michael rufen. Ihn verständigte ich über das Vorgefallene, und wir begannen sofort unsere ärztlichen Maßnahmen. Wir verhehlten uns beide nicht, dass wir vor einer sehr ernsten Aufgabe standen. Sämtliche Männer, die um das traurige Vorkommnis wussten, auch der Bauer, gelobten Stillschweigen.

Ich blieb fast den ganzen Vormittag bei der Kranken. Gegen zehn Uhr schlug sie die Augen auf. Sie lächelte mich an, ohne dass sie bei klarer Besinnung war, und sagte:

»Der heilige Johannes hat mich getauft; nun bin ich rein von Sünden!«

Die Augen fielen wieder zu, öffneten sich aber bald aufs neue.

»Ich habe Luise gefunden. Als ich ganz müde war und auf die Straße fiel, ist sie zu mir gekommen.«

Dann wieder tiefe Bewusstlosigkeit.

Gegen Mittag ließ sich meine Mutter bei mir melden. Sie war sehr blass und rang die Händchen ineinander.

»Um Gottes willen, wie konnte das geschehen?«

Ich sah sie streng an.

»Es konnte geschehen, weil ihr so unbarmherzig waret, dieser Frau ihr Kind zu entreißen. Sag mir das eine, Mutter, hast du darum gewusst, dass Joachim in die Klause eindringen wollte?«

»Nein, ich habe ihm bloß gesagt, wo das Kind ist, und dann nichts erfahren, bis er Luise brachte.«

»Das ist mir lieb. Und wo ist Luise jetzt?«

»Ich – ich habe sie nach Neustadt gebracht zu einer Freundin von mir. Wir wollten keinen Skandal in Waltersburg oder bei dir hier oben. Joachim wollte auch bald am Morgen fort.«

Ich dachte daran, wie sicher der mütterliche Instinkt die unglückliche Katharina geleitet hatte. Auf dem Wege nach Neustadt war sie zusammengebrochen.

»Was wird nun werden?« fragte die Mutter. »Wie steht es?«

»Es steht sehr schlecht. Du kannst deinem Sohne Joachim sagen oder schreiben, dass sein sehnlichster Wunsch, diese Frau möge sterben, wahrscheinlich in Erfüllung gehen wird. Er mag sich einstweilen freuen.«

Die Mutter weinte.

»Fritz, du musst nicht so von ihm denken. Er hat doch auch viel gelitten. Gestern hat er unrecht gehandelt. Er ist dann die ganze Nacht wach geblieben, und ich glaube, wenn die Frau jetzt stirbt, wird es sein Gewissen sehr bedrücken. Er ist ja deswegen auch noch nicht abgereist.«

Ich lachte.

»Hab keine Sorge, Mutter, Joachims Gewissen ist recht robust.«

»Ihr werdet euch nie verstehen.«

»Nein. Niemals! Mit solch einem Kerl niemals!« Sie saß noch ein Weilchen da. Ich fand kein gutes Wort für Joachim, auch nicht für sie, fragte auch nicht, was die beiden wohl nun mit Luise vorhätten, und so ging sie ...

Unsere Patientin war schwer krank, und eine heftig einsetzende Lungenentzündung nahm uns bei der schlechten Beschaffenheit des Herzens fast alle Hoffnung.

Am zweiten Tage abends wurde von Waltersburg aus wieder nach Katharinas Befinden gefragt. Ich schrieb auf einem Zettel:

»Joachim mag sich noch etwas gedulden; es ist bald aus.«

Am selben Abend hörte ich draußen vor den Fenstern ein helles Kinderlachen. Da sah ich Luise draußen. Stefenson hatte das Mädel um den Hals gefasst und führte sie die Straße herauf.

Ich ging hinaus. Das Kind stürzte auf mich zu.

»Onkel, lieber Onkel«, rief es selig; »denke dir, Pappa ist wieder da.«

Stefenson strahlte über das ganze Gesicht. Er flüsterte mir zu:

»Es ist nicht so gegangen, wie ich wollte. Ich hatte mir einen genialen Plan zurechtgelegt, dem Kerl das Mädel zu nehmen; da gab er es leider freiwillig her.«

Das Kind klammerte sich an mich.

»Onkel, lieber Onkel, lass doch nicht mehr den bösen Mann zu mir kommen. Ich hab so schreckliche Angst vor ihm!«

Ich sagte ihr nicht, dass der »böse Mann« ihr Vater sei. Es gibt Hunderttausende von Kindern, für die der eigene Vater der »böse Mann« ist. Die männlichen Schweine fressen zuweilen den eigenen Nachwuchs auf; ich schätze menschliche Väter, die ihrer Kinder Jugendglück vergiften, noch um einige Grade niedriger ein als die selbstsüchtigen Borstentiere. Denn im Schweinekoben ist der Schmerz kurz, bei lieblosen Menschenerziehern dehnt er sich Jahr für Jahr.

»Kommt der böse Mann wieder?«

»Nein, Luise, er kommt nicht mehr!«

»Dann musst du der Magdalena sagen, dass wir nicht mehr in der Genovevenklause wohnen wollen; wir wollen lieber wieder in den Forellenhof ziehen.«

»Hast du Magdalena lieb, Luise?«

»Ja, ich will wieder zu ihr. Wo ist sie?«

»Sie ist jetzt krank; aber vielleicht wird sie wieder gesund.«

»Sie wird doch nicht sterben?« fragte das Kind weinerlich.

»Nein, Herzchen«, sagte ich mit unsicherer Stimme. Langsam gingen Stefenson und ich mit dem Kinde den »Stillen Weg« entlang ...

Keinem unter allen Sündern hat Christus so streng die Verdammnis angedroht wie den Unbarmherzigen. Was er für sie hat, ist die »ewige Finsternis, wo Heulen und Zähneknirschen ist«. Diese Höllenstrafe trifft die Unbarmherzigen schon auf dieser Welt. Denn Unbarmherzigkeit ist Finsternis, und Hass heult und knirscht mit den Zähnen und ist verbannt von allem Frieden und allem Glück.

In diesem Lichte sah ich meinen Bruder. Und als ich wieder einmal bei der röchelnden, fiebernden Frau war, als ich ihre heißen Hände sich die Wand hinaufkrallen sah, ihren qualvollen Husten hörte, schickte ich auf neue Anfrage aus Waltersburg einen Zettel an Joachim:

»Du bist als Amerikafahrer mit indianischen Gebräuchen vertraut. Freue dich, deine Frau hängt am Marterpfahl!«

Daraufhin ließ er sich bei mir melden, aber ich empfing ihn nicht ...

In ihren Fieberträumen schrie die Frau immer wieder:

»Taufe mich, heiliger Johannes, taufe mich!«

Und sie jammerte nach dem Kinde.

Als sie das erstemal bei klarem Bewusstsein war, als sich der Fieberblick in Angst und Todestraurigkeit verlor, wusste sie nichts zu sagen als: »Luise ist fort!«

Da sah ich sie lächelnd an.

»Nein, liebe Käthe, Luise ist hier. Du bist nur jetzt noch krank; du bildest dir bloß ein, dass Luise fort ist.«

»Ich – ich bilde es mir bloß ein?«

Ein kleines, halb irres Lachen flog um ihren Mund.

»Ich bilde es mir bloß ein!«

»Ja; liebe Käthe – du denkst das bloß so ...«

»Ich denke es bloß so? Wo ist denn Luise? Warum ist sie denn nicht bei mir?«

»Sieh nur, Käthe, du bist krank; das Kind lärmt zu sehr. Du weißt doch, wie es lärmt.«

»Es ist so schön, wenn es lärmt!«

Und sie lächelte lieb und seltsam und schlief ein.

Es ging auf die Krisis zu. Wie das so ist in solchen Fällen: das Befinden schwankte; einmal ging es der Kranken etwas besser, ein anderes Mal wieder war es ganz zum Verzweifeln. Immer der eine Satz: »Wenn das Herz aushält, dann ...«

Ja, wenn!

Am siebenten Tage ließen wir Luise zu der Kranken. Wir hatten Luise wohl vorbereitet.

»Du darfst nicht schreien oder weinen oder lärmen. Du darfst nur ganz leise auf den Zehen ans Bett gehen, der Magdalena die Hand küssen und sagen: ›Mamma, ich hab dich lieb!‹«

So hat es das Mädchen getan. Die Kranke lag mit verklärtem Gesicht, und in ihren Augen war ein Strahlen, als ob ihr der Himmel offenstände.

Als das Kind das Zimmer verlassen hatte, ging ein Frösteln über den Körper des Weibes:

»Es ist alles nicht wahr gewesen – ich hab das Furchtbare nur geträumt – Luise ist wirklich da ...!«

Am zehnten Tage wussten wir, dass Katharina am Leben bleiben würde. Freilich würde sie nie mehr ganz gesunden. Das Herz war schon vor der Erkrankung nicht in Ordnung gewesen und hatte nun schwer gelitten. Es würde ein sehr stilles Leben sein, was Katharina fortan führen müsste.

Am hellen Mittag trat mir auf dem »Stillen Weg« der Bruder entgegen. Er gesellte sich zu mir, ohne dass wir uns die Hände reichten.

»Lebt sie noch? Ist die Krise vorbei?« fragte er mit offener Furcht in den Augen.

»Ja, es ist überwunden!«

Da atmete er auf.

»Ich habe schwere Tage und Nächte hinter mir«, sagte er etwas stockend; »deine Worte lagen mir immer in den Ohren, und du hast es mir auch durch deine Botschaften nicht leicht gemacht. Aber ich hatte es wohl verdient.«

Ich antwortete nicht. Er fuhr fort:

»Ich werde nun abreisen. Ich bitte dich, Käthe zu einer Zeit, wo du es für angemessen halten wirst, einen Brief von mir zu übergeben. Er ist offen; du sollst ihn vorher lesen. Der Brief enthält nichts als einen kurzen Abschied, und dass wir jetzt, durch Land und Meer für immer getrennt, ohne Feindschaft aneinander denken wollen.«

Ich wandte den Kopf zur Seite.

»Und Luise?«

»Luise werde ich ihr lassen.«

Wir gingen schweigend nebeneinander hin. Dann sagte er:

»Dass ich von dem Kinde ohne Abschied fortgehen muss, fällt mir sehr schwer. Du wirst es nicht glauben; aber es ist wahr. Das Kind würde sich fürchten, wenn es mich wiedersähe. Ich bitte, dass du dich weiter des Mädchens annimmst. Mit einem Kapital werde ich es ausstatten. Willst du die Sache übernehmen?«

»Ja.«

»Ich danke dir!«

Wieder gingen wir ein Stückchen wortlos weiter.

»Ich könnte nun gehen, Fritz; aber das Schwerste habe ich noch zu sagen.«

Ich sah ihn fragend an. Da brachte er heraus:

»Die Mutter will mit mir nach Amerika.«

Ich blieb stehen.

»Du musst nicht glauben, Fritz, dass ich Mutter dazu überredet habe. Sie hat es von selbst gewollt.«

»Ja, ich kann es mir denken.«

Etwas unendlich Bitteres quoll mir durch die Seele.

»Wann wollt ihr denn fort?«

»Morgen. Die Mutter lässt dich fragen, wann sie sich von dir verabschieden kann. Willst du am Nachmittag zu ihr hinunterkommen?«

Ich musste erst ein paarmal Atem holen, dann sagte ich:

»Ja, ich werde kommen.«

Joachim blieb stehen.

»So habe ich dir alles gesagt, Fritz. Nun kann ich mich von dir verabschieden. Wenn du zu Mutter kommst, werde ich euch nicht stören, werde ich schon fort sein.«

Es wurde ihm schwer.

»Leb wohl, Fritz; hab keinen Groll mehr gegen mich. Ich danke dir für alles Gute – auch, dass du mich fünf Jahre lang gesucht hast – auch, dass du neulich so mit mir gesprochen hast.«

Die Stimme stockte ihm, und auch ich brachte es kaum heraus, als ich sagte:

»Behüte dich Gott, Joachim!«

Als er sich schon abgewandt und die ersten Schritte gemacht hatte, erscholl jenseits eines kleinen Gebüsches das selige Kinderlachen Luises.

Joachim wandte sich noch einmal um.

»Ist sie das?«

Ich nickte mit dem Kopf.

Da legte er die Hand über die Augen und ging schwer und langsam den Berg hinab.

Und noch einmal erscholl das Lachen des spielenden Kindes hinter ihm her.

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