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Ferien vom Ich

Paul Keller: Ferien vom Ich - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Keller
titleFerien vom Ich
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
year1916
correctorreuters@abc.de
sendergebler.dresden@yahoo.de
created20140918
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Gerichtliches

Wie wenn ein Marder in einen Taubenschlag eingebrochen ist, so war es. Alles flatterte wirr durcheinander in Aufregung und Angst. Alle Höfe öffneten sich, von Mund zu Mund flog die Kunde, auf dem Forellenhof sei ein Raubmörder ertappt worden, aber entwichen. Der lange Ignaz! Die Weiber kreischten und schauten neugierig aus Fenstern und Türen, die Männer wagten sich mit Stöcken bewaffnet fünfzig Meter vors Haus, ihre Frauen jammerten von der Haustür aus über diese Tollkühnheit und riefen die Männer zurück – es war abscheulich! Der Löw' ist los, und alles verliert den Verstand. Nur einige Mutige stürmten hinaus, den Unhold zu fangen, taten sich zu Gruppen zusammen, bewaffneten sich in der Eile, so gut sie konnten.

Ich schüttelte in der nebligen Abendluft erst meine Gedanken zurecht, sagte mir, dass die Verfolgung bei dieser Rabenfinsternis ganz aussichtslos sei, und ging nach der Direktion, um den Direktor zu sprechen. Er war nicht zu finden. Dafür traf ich den Geheimpolizisten an. Er stand am Telefon. Nach Waltersburg telefonierte er, nach dem Neustädter Bahnhof, nach zehn anderen Stationen im Umkreis, nach der Provinzialhauptstadt. Immer dasselbe: »Im Ferienheim Waltersburg hat sich unter dem falschen Namen Ignaz Scholz, genannt der lange Ignaz, der Raubmörder Fleischergeselle Josef Wiczorek aufgehalten. Ist soeben nach erfolgter Verhaftung entwichen.«

Darauf folgte genaue Beschreibung und Aufforderung zur abermaligen Verhaftung.

Ich saß ganz zerschlagen auf dem Schreibtischstuhl unseres Direktors, der immer noch nicht aufzufinden war, und hörte zu, wie »Herr Steiner« telefonierte. Er schnarrte mit seiner scharfen Polizeistimme die Schande meines lieben Ferienheims in alle Winde. Endlich war er fertig. Er wandte sich an mich.

»Herr Doktor, Sie sind der verantwortliche Leiter dieses Sanatoriums?«

»Nur vom ärztlichen Standpunkt aus verantwortlich.«

»Und wer trägt die Verantwortung für die gesetzliche Ordnung?«

»Mister Stefenson und in seiner Vertretung Direktor von Brüning.«

»Wo ist der Direktor?«

»Ich weiß es nicht.«

»Wo ist Mister Stefenson?«

»In Amerika.«

Der Polizeimann notierte alles in seinem Buch.

»Was ist Ihnen von diesem angeblichen Knecht Ignaz Scholz bekannt, Herr Doktor?«

Ich sagte ihm, dass mir dieser Knecht Ignaz allerdings persönlich stark unsympathisch gewesen sei, dass ich aber – außer einigen Grobheiten oder auch Rohheiten, die er begangen – keine Veranlassung gehabt habe, den Menschen für einen Verbrecher zu halten, zumal mir der Bauer Barthel, dem ich vertraue, erklärt habe, er kenne Ignaz von Jugend auf als ehrlichen Menschen.

»Dieser sogenannte Ignaz hieß laut Anmeldung Scholz?«

»Jawohl, Ignaz Scholz.«

»Hm! Wenn einer schon Scholz heißt! Jeder Scholz verkrümelt sich unter der Masse der Scholze wie ein Körnlein im Sand des Meeres. Ich möchte Sie bitten, Herr Doktor, mich vorläufig nicht zu verlassen.«

»Das soll doch nicht heißen ...«

»Das soll nur heißen, dass ich Ihrer in jedem Augenblick bedürfen könnte.«

Der Ton, den der Polizist anschlug, verletzte mich, aber ich fühlte mich ganz wehrlos, als der Mann seine amtlichen Vollmachten vor mir ausbreitete.

»Ich möchte nur bemerken, Herr Doktor, dass ein Kurort wie der Ihrige, wo niemand unter seinem wahren Namen auftreten darf, ein geradezu großartiger Schlupfwinkel für verfolgte Verbrecher ist.«

Was sollte ich erwidern? Dass in jedem Kurort, in Zoppot, Ostende, Abbazia sich jeder Mensch ohne Legitimation unter irgendeinem Namen niederlassen könne? Ich unterließ es.

»Kommen Sie!«

Das war Befehlston. Ich blieb sitzen. Der Gewaltige wollte wohl eben ein strenges Wort sagen, da wurde die Tür aufgerissen, und Piesecke trat ein. Flugs stand der »Geheime« stramm und schlug die Hacken zusammen. Piesecke sah schlimm aus. Er hatte ein verschwollenes Auge, und sein Anzug war schmutzig und zerrissen. Trotzdem nahm er dem Polizeimann gegenüber eine echte Herrenhaltung an und sprach in einem so völlig veränderten Ton, dass ich seine Stimme nicht wiedererkannte:

»Mann, wie kommen Sie dazu, den Knecht im Forellenhof zu verhaften?«

»Melde Euer Hoheit untertänigst, der Knecht Ignaz ist identisch mit dem Fleischergesellen Josef Wiczorek, der am 17. Februar dieses Jahres seinen Meister ermordet und beraubt hat.«

»Woher wissen Sie das?«

»Die Verdachtsgründe häuften sich: das Signalement des Steckbriefes stimmt, eine Prüfung der Fingerabdrücke gab die Gewissheit.«

Piesecke sah den Mann durchdringend an.

»Ich kenne Sie! Als Kriminalbeamter haben Sie nicht allzuviel getaugt; da sind Sie dazu auserlesen worden, Späherdienste am Hofe zu leisten. Auch jetzt sind Sie hierhergekommen, um mich zu beobachten. Ich habe Sie gestellt; Sie sagten mir, Sie seien nur des Knechtes wegen da. Aber das ist Schwindel. Sie sind meinetwegen da. Ja oder nein? Diese Geschichte mit dem Knecht ist nur Ausrede.«

»Ich darf Euer Hoheit darüber keine Auskunft erteilen.«

Piesecke lachte verächtlich.

»Unser Hausminister hat patente Leute. Am dritten Tage, als Sie da waren, habe ich Sie erkannt trotz Ihres falschen Namens und Ihrer Maske. Also berichten Sie nach Hause, es sei mir völlig egal, ob Sie hier seien oder nicht; falls Sie mir zu lästig fielen, so könnte ich mich vergessen und Ihnen gelegentlich die Peitsche um die Ohren knallen.«

Der Polizeimann wurde dunkelrot.

»Haben Sie verstanden, was Sie dem Minister berichten sollen?«

»Zu Befehl, Hoheit!«

»Wenn Sie nun dazu ausersehen sind, mich zu belauern, wie kommen Sie dazu, hier eine außerhalb Ihrer Bestimmungen liegende polizeiliche Handlung, wie die Verhaftung dieses Knechtes, vorzunehmen?«

»Ich berichtete meinen Verdacht an den Ersten Staatsanwalt und erhielt die nötigen Vollmachten.«

»Dagegen lässt sich wohl nichts tun?«

Diese Frage war an mich gerichtet.

»Nein – nichts!«

»Wie urteilen Sie über diesen Fall, Herr Doktor?«

»Es ist ein Unglück für unsere junge Anstalt. Aber es liegt uns natürlich fern, der Festnahme eines Verbrechers irgendwelche Hindernisse zu bereiten.«

»Selbstverständlich! Ich begreife nur den Bauern Barthel nicht. Er ist doch ein ehrlicher Mann, und er hat doch versichert, den langen Ignaz von Jugend auf zu kennen. Haben Sie dafür eine Erklärung, Herr Doktor?«

»Nein! Ich bin um so bestürzter, als Barthel mir nach der Verhaftung eben sagte: ich möge ihm nicht zürnen, er habe nicht anders gekonnt. Ich sage das ganz offen vor Ihnen, Herr Kommissar, damit Sie sehen, dass von hier aus nichts verschleiert wird.«

Der Kommissar verneigte sich.

»Hoheit« presste die Lippen aufeinander.

»Hm! Ich will nicht wünschen, dass dem guten Barthel da eine Tragik erwachse, dass dieser sogenannte Ignaz vielleicht ein Freund oder gar ein naher Verwandter von ihm ist, den er in seiner Gutmütigkeit versteckt hat. Und Sie, Kommissar, Sie brauchen mir das von vorhin nicht übermäßig übelzunehmen. Schreiben Sie also dem Minister: Se. Hoheit ist bei besserer Gesundheit und hat daher einen Aufpasser nicht mehr nötig. Jetzt will ich Sie nicht mehr aufhalten. Wohin wollen Sie zunächst?«

»Nach dem Forellenhof zurück, den Bauer Barthel zu vernehmen oder eventuell ebenfalls zu verhaften.«

»Schön, wir werden Sie begleiten, wenn Ihnen das zulässig erscheint.«

»Ich bitte untertänigst um die Begleitung, Hoheit.«

Der Kommissar öffnete die Tür, stand stramm, und »Hoheit« ging in lässig vornehmer Haltung an ihm vorbei.

Ein kleiner Anlass von draußen aus der alten Welt, und durch die Bauernjacke schimmerte der hochgeborene Herr. Ich aber als Arzt freute mich trotz meiner gedrückten Stimmung, als ich sah, dass durch seine Gesundung langsam aus dem Piesecke wieder ein Prinz wurde, ja, ich hätte das Wort »Piesecke« jetzt nicht zu sagen, nicht einmal zu denken gewagt.

Im Forellenhof war schwerste Bestürzung. Die dicke Susanne lag kurz und krampfhaft weinend in einem Korbstuhl; die Frauen bemühten sich um sie. Barthel war nicht zu Hause. Auf dem Tisch standen noch die Rosen, an den Wänden hingen die Asternkränze.

»Welch ein entsetzlicher Abschluss!« klagte Eva.

Ich betrachtete die Fingerabdrücke an der Wand. Sie waren deutlich. Der lange Ignaz hatte, ehe er sich an die Wand lehnte, das Kohlenfeuer besorgt. Der Kommissar trat zu mir und dem Prinzen und sagte:

»Es tut mir leid; aber ich muss zurück zur Direktion und von den Behörden telefonisch auch die Verhaftung des der Begünstigung dringend verdächtigen und verschwundenen Bauern Barthel fordern.«

Der Prinz kniff den Mund zusammen. Dann sagte er:

»Tun Sie das! Wenn ich mich auch hier getäuscht habe, glaube ich an nichts mehr auf der Welt. Dann soll alles zum Deibel gehen!«

Er schaute mich mit halbem Blick an. Da sagte ich:

»Ich werde morgen früh mit Einverständnis unseres bevollmächtigten Direktors den von Ew. Hoheit unterzeichneten, bis Mai verpflichtenden Revers vernichten, und Ew. Hoheit steht ohne alle Weiterungen frei, die Anstalt zu verlassen.«

Er antwortete nicht. Ich dachte daran, dass er durch seinen Kniefall vor der schönen Hanne, durch eine ganz direktionslose Tat, den Anlass zu all diesen Scherereien geschaffen hatte. Und er dachte wahrscheinlich selbst daran; denn er sagte:

»Ich weiß, dass ich noch lange nicht geheilt bin; aber ich kann wohl überhaupt keine Heilung finden. Weil ich keine Treue finde!«

Ich wandte mich ab, trat zum Tisch und zerpflückte gedankenlos eine Rose.

Da tat sich die Tür auf. Barthel erschien. Verstört. Als er den Kommissar sah, wollte er zurück, aber der Polizist war bereits an seiner Seite. Susanne begann zu schreien, und ich war froh, als sie und alle Frauen das Zimmer verlassen mussten.

Als wir allein waren, wurde Barthel verhaftet. Er sank ganz gebrochen auf die Bank am Ofen.

»Die Schande! Die Schande! Ach, hätt' ich es nicht getan!«

Der Kommissar schritt zum sofortigen Verhör.

»Barthel, Sie haben behauptet, den Knecht Ignaz von Jugend auf zu kennen. Ist das wahr?«

Barthel rührte sich nicht.

»Heißt dieser Knecht in Wahrheit Ignaz Scholz?«

In Barthels Gesicht kam ein verstockter Ausdruck. Er schwieg.

»Wollen Sie mir nicht Rede stehen, Barthel?«

Keine Antwort.

»Sie machen sich unglücklich. Warum antworten Sie nicht?«

»Ich kann nicht!«

Nun wandte ich mich an Barthel.

»Lieber Barthel, denken Sie nicht ein ganz klein wenig an den guten Ruf unserer Kuranstalt? Habe ich es nicht immer gut mit Ihnen gemeint? Warum bereiten Sie mir diese schwere Ungelegenheit?«

Da begann er zu weinen.

»Ich kann es nicht mehr ändern. Verzeihen Sie mir ...!«

Ein Knecht wurde aufgefordert, ein Pferd vor einen Wagen zu schirren. Darauf fuhr der Kommissar mit Barthel nach dem Waltersburger Amtsgerichtsgefängnis. Frau Susanne lag in Schreikrämpfen, auch die anderen Frauen weinten laut. Ich verließ den Forellenhof. In allen Stuben unserer Ferienanstalt brannte Licht. Ich wusste, in den meisten erörterte man die sofortige Abreise. Ich ging nach der Direktion. Der Direktor war noch immer nicht aufzufinden. So setzte ich mich in seinen Schreibtischstuhl und starrte ohne eigentlich klare Gedanken ins Licht der Lampe. Draußen kehrten kleine Trupps von Verfolgern zurück. Sie hatten von dem Flüchtling nichts entdeckt, wie zu erwarten gewesen war. Kurz nach zehn Uhr läutete das Telefon. Verbindung von Neustadt.

»Der polizeilich gesuchte Josef Wiczorek, alias Ignaz Scholz, ist soeben, als er in einen Wagen vierter Klasse des neun Uhr siebenundvierzig Minuten hier abgehenden Personenzuges steigen wollte, verhaftet worden ...«

Ich sandte nach dem Prinzen, bestellte einen Wagen, und wir fuhren nach Neustadt. Auf der Polizei wurde uns weiter keine Auskunft erteilt, als dass Wiczorek eingesperrt sei und wir alles Weitere abzuwarten hätten.

Wir blieben in Neustadt über Nacht. Am nächsten Morgen stand in der »Neustädter Umschau« ein Artikel mit der zentimetergroß gedruckten Überschrift »Kuranstalt Waltersburg ein Hehlernest???«

Mit der ganzen Niederträchtigkeit, deren der vertrottelte Redakteur dieses Blättchens fähig war, hetzte er gegen unsere Anstalt. Alle Spießerinstinkte, alle Philisterbedenken, alles Kopfschütteln beschränkter, phantasieloser Köpfe wurde gegen die Grundidee unserer Kuranstalt wieder lebendig; die Schimpferei begann wieder, der alte lendenlahme Spott humpelte neu auf den Plan. Der Artikel endete schließlich mit einer schamlosen Denunziation:

»Das Gesetz, das bei uns in Neustadt heilig gehalten wird, verbietet uns, zu behaupten, dass sich die ›Kuranstalt Waltersburg Ferien vom Ich‹ infolge ihrer mehr als eigentümlichen Einrichtungen, wie Verbot, den eigenen Namen zu führen, die eigene Kleidung zu tragen usw., zu einem Zufluchtsort lichtscheuen Gesindels auswächst. Immerhin wird der aufsehenerregende Fall, dass sich ein Raubmörder auf einem der besuchtesten ›Höfe‹ des ›Ferienheims‹ mit Wissen des Bauern monatelang verstecken und daselbst allerhand Rohheiten ausüben konnte, zu schwersten Bedenken Anlass geben, denen sich auch die Behörden nicht werden verschließen können.«

Ich sah unser Heim aufs schwerste bedroht, sah eine fürchterliche Waffe in der Hand unserer Feinde. Eben wollte ich den Fall an Stefenson kabeln, da wurden wir zur Polizei beschieden. Es handelte sich, wie uns eröffnet wurde, um eine Konfrontation mit dem gestern Verhafteten, der plötzlich behaupte, weder der gesuchte Raubmörder Josef Wiczorek noch der Knecht Ignaz Scholz zu sein.

Da mich der Polizeibeamte persönlich kannte, hatte ich nicht notwendig, mich zu legitimieren, wurde aber aufgefordert, Herrn Pieseckes Persönlichkeit festzustellen, und zwar nach seinem wahren Namen und Stand, nicht nach dem Pseudonym, das er bei uns führte. So sagte ich: »Se. Hoheit Prinz Ernst Friedrich von ...«

»Ist das – ist das Ihr Ernst, Herr Doktor?« fragte der Beamte nicht ohne Bewegung.

»Nicht nur sein Ernst, sondern sogar sein Ernst Friedrich«, sagte Piesecke hohnvoll und hielt dem Beamten seinen Siegelring hin. »Kennen Sie dieses Wappen?«

Der Beamte sah auf das Wappen mit der Krone, stand auf und verneigte sich tief.

Da erschienen zwei Gerichtsdiener mit dem Verhafteten.

Ich fasste mir an den Kopf: ich glaubte eine Wahnvorstellung zu haben. Der da eintrat, war – Mister Stefenson.

»Stefenson«, rief ich, »Stefenson, wie kommen Sie ...«

»Melde gehorsamst, Herr Rat«, sagte der eine der Gerichtsdiener, »der Gefangene hat eine Perücke und den Bart abgenommen, hat sich gewaschen und sieht jetzt auf einmal ganz anders aus als gestern abend.«

»Wer ist dieser Mann?« fragte der Beamte mit einem Blick auf mich.

»Es ist Mister Stefenson, mein Kompagnon, der Begründer unseres Ferienheims«, brachte ich heraus.

Ich musste mich setzen.

»Und wer behaupten Sie selbst zu sein, Verhafteter?«

»Ich behaupte dasselbe wie der Herr Doktor«, sagte dieser gelassen; »allerdings mit einer kleinen Einschränkung. Ich war und gelte noch als Mister John Stefenson, Kaufmann aus Neuyork, Chikago, Trinidad; aber ich habe mich unterdessen auf meine rein deutsche Abstammung besonnen und heiße mit Genehmigung der hohen deutschen Behörden seit etwa vierzehn Tagen Johannes Stefan – Stefan, wie meine hanseatischen Vorfahren seit etwa vierhundert Jahren geheißen haben.«

Der Beamte fing an, an den Fingern abzuzählen:

»Josef Wiczorek – Ignaz Scholz – John Stefenson – Johannes Stefan – und hier Prinz Ernst Friedrich – ich möchte die Herren ernsthaft darauf aufmerksam machen, dass das Gericht von Neustadt keine Waltersburger Spielerei, sondern eine staatliche Behörde ist, die nicht mit sich spaßen lässt.«

Der Beamte hatte ja ganz recht. Ich beteuerte ihm nochmals, dass ich in dem Manne, wenn er auch wirklich mit dem gestern verhafteten angeblichen Josef Wiczorek, alias Ignaz Scholz, identisch sei, zweifelsfrei meinen Kompagnon John Stefenson wiedererkenne.

»Und Sie wollen in der ganzen Zeit, da sich dieser Mann bei Ihnen aufhielt, keine Ahnung gehabt haben, wer er eigentlich ist?«

»Ich habe in der Tat von Stefensons Anwesenheit in Waltersburg nicht das mindeste gewusst, sondern während all der Monate mit Stefenson nach Amerika telegraphisch und brieflich verhandelt.«

»Sie kennen doch aber die Schrift Ihres Kompagnons?« fragte der Beamte weiter. »Waren die amerikanischen Briefe in dieser Schrift geschrieben?«

»Jawohl!«

»Wie ist das möglich?« wurde der Verhaftete gefragt.

Der zuckte die Achseln und sagte verbindlich:

»Das ist Geschäftsgeheimnis!«

»Wir werden der Sache auf den Grund gehen«, entgegnete der Beamte ernst, »und Ihnen zeigen, dass hier kein Ort für Maskeraden ist.«

Da wurde zum Glück »Herr Steiner«, unser Geheimpolizist, gemeldet. Der Kommissar verneigte sich tief vor Piesecke und darauf mit etwa zehn Prozent dieser Verneigung vor uns anderen insgesamt und sagte:

»Herr Rat, es ist mir soeben auf meine gestrige Meldung von der zuständigen Staatsanwaltschaft der telegraphische Bescheid zugegangen, dass der gesuchte Wiczorek vorgestern in Braunschweig verhaftet worden, dass seine Identität festgestellt ist und auch bereits ein Geständnis vorliegt. Ich bitte also, den Knecht Ignaz Scholz aus der Haft zu entlassen, da sich der Verdacht, der zu seiner Verhaftung führte, als unbegründet erwiesen hat.«

Stefenson lächelte freundlich. Der Richter machte ein enttäuschtes Gesicht.

Es gab noch allerlei Formelkram zu erledigen, dann wurden wir alle, Stefenson eingeschlossen, entlassen.

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