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Ferien vom Ich

Paul Keller: Ferien vom Ich - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Keller
titleFerien vom Ich
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
year1916
correctorreuters@abc.de
sendergebler.dresden@yahoo.de
created20140918
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Abschiedsabend

Am Abend ging ich nach dem Forellenhofe. Die schöne »Hanne« nahm Abschied von uns. Von Mai an war das Mädchen bei uns, und jetzt, da es gehen wollte, war mir's, als schwänden Sommer und Sonne dahin, und es könne nun nichts mehr geben als graue Tage. Ich litt wie Piesecke; ich jammerte nur nicht so. Aber auch vielen anderen Leuten ging Evas Abschied nahe; ich hörte, dass die dicke Susanne schon tagelang mit rot verquollenen Augen herumlaufe.

Wenn der November kam, würden sich wahrscheinlich unsere Kurgäste an Zahl vermindern; dann wollte ich auch mal ausspannen, wollte für ein paar Wochen Ferien machen. Ich erwischte mich bei dem Gedanken, dass ich dann wahrscheinlich nach einer großen Stadt reisen würde, nach Berlin oder Wien. Ich bin nun schon so lange in dieser Einfachheit und in diesem ruhigen Frieden, dass ich mich wahrhaftig manchmal sehne, in einer elektrischen Straßenbahn zu fahren, ein gutes Theater zu besuchen, mal in einem vornehmen Restaurant zu speisen. Es kann gar nicht anders sein: wenn der Doktor aus dem Friedensidyll einmal Ferien vom Ich machen will, muss er in Glanz und Lärm hinein. Variatio delectat. Ich nehme es unseren Bauern nicht übel, dass sie sich zuweilen Sonntags nach Neustadt hinüberschleichen, um dort ins Kino zu gehen, und die hämischen Bemerkungen der »Neustädter Umschau« über diesen Fall beweisen nur, dass das Blatt keine Ahnung von dem Abwechselungsbedürfnis des Menschen hat. Wer immer im Lärm sitzt, wird stumpf, wer immer in der Stille ist, auch; nur die wechselnde Welle trägt des Menschen Schiff.

Dass mich neben diesen Erwägungen auch der Gedanke leitete, ich könne meine Ferienreise vorteilhaft über die Stadt verlegen, wo Eva diesen Winter singen würde, wollte ich mir kaum zugestehen. Denn ich hatte doch ein Ende gemacht mit meiner Liebe; ich wusste doch recht gut, dass ich nicht eher ein idealer Leiter dieses Ferienheims sein würde, als ich nicht selbst von allen persönlichen Banden und Sorgen befreit war, dass ich immer noch selbst zu sehr in der alten Haut steckte ...

Die große Stube im Forellenhof war dicht besetzt mit Menschen. Viel alte Freunde kamen, um sich von Eva zu verabschieden. Ein paar Kränze von Astern hingen an den Wänden, die letzten Rosen des Gartens blühten auf dem Tisch. Wenn ein Kurgast von uns Abschied nimmt, erhält er als Andenken ein Album überreicht, in dem einige gute Bilder nach Radierungen, Heliogravüren, Aquarellen und Zeichnungen von unserem Heim enthalten sind, außerdem aber eine Anzahl Photographien, auf denen der betreffende Gast in irgendeiner Situation, die er miterlebt hat, verewigt ist. Denn fotografiert wird bei uns viel. Bei der Arbeit, vor dem Bauernhaus, beim Feldfeuerchen, bei irgendeinem Ulk, beim Waldfest, beim Kirchgang, bei tausend anderen Gelegenheiten wird von unseren Kurgästen fotografiert. Und jeder, der auf einem Bilde freiwillig oder unfreiwillig mit aufgenommen ist, bekommt einen Abzug in sein Album geklebt.

Eva bekam ein Album in vier Bänden. Sie war sehr lange bei uns, und es hatten gar zu viele Amateure nachgesucht, wenigstens eine ihrer Aufnahmen in Evas Album zu bringen. Methusalem hatte einige reizende Bleistiftskizzen beigesteuert. Die letzte war ein Stimmungsbild von der Landstraße, die unten am Zeughaus vorbeiführt, zeigte einen im Abendschein entschwindenden Wagen und hatte die Unterschrift:

»Die Sonne geht unter.«

Auch du, mein Sohn Brutus? – Es fiel mir auf, wie lustig Methusalem sein wollte, wie zerstreut er war, wie gemacht heute sein Lachen klang. –

Eva saß im Scheine der großen Hängelampe und durchblätterte das Album. Sie sagte nicht viel, aber mit einem Male rannen große Tränen über ihre Wangen. Dann wischte sie sich energisch das Gesicht ab und sagte:

»Nein, ich darf mich wohl nicht allzusehr unterkriegen lassen. Aber diese Bücher sind herrlich. Sie werden mein liebstes Besitztum sein. Alle, alle sind drin – nur einer fehlt. Ignaz, warum sind Sie nicht auf einem einzigen Bilde? Mir ist das aufgefallen.«

Ignaz, der am Ofen lehnte, wandte sich weg und drückte die Wange gegen die Kacheln des Ofens. »So ein ekliger Kerl, wie ich, ist nicht für Bilder«, sagte er mit seiner knurrenden Stimme. Aber es klang wie ein Schluchzen darin.

»Es tut mir leid, Ignaz«, sagte Eva freundlich; »Sie waren gut und treu zu mir!«

Da ging der Knecht stumm zur Tür hinaus. Ich sah, wie der Kurgast »Steiner«, von dem ich nun wusste, dass er ein Detektiv war, dem langen Ignaz mit einem messerscharfen Blick nachschaute.

Barthel hatte zu Ehren des Abends ein Fässchen Moselwein angezapft und hielt eine Rede:

»Meine Damens und Herr'n! Der heutige Abend is nich so wie sonst, sondern anders. Es is ein ernster Abend, weil Fräul'n Hanne fortzieht, und deshalb hab ich Sie zu einem Gläschen Wein eingeladen, und ich wünsche, dass er Ihnen allen recht wohl bekommen möge. Wir sind alle sehr traurig; denn wir verlieren Fräul'n Hanne sehr, sehr ungern.«

Der Redner wurde unterbrochen. Frau Susanne weinte und prustete so heftig, dass sie sich zur Tür hinaus retten musste. Auch Barthel fuhr mit der Hand nach den Augenwinkeln.

»Sehen Sie, meine Herr'n, meiner Alten geht es auch nahe. Eine Zeitlang – ich kann das wohl jetzt ruhig sagen – is sie wegen Fräul'n Hanne und mir eifersüchtig gewesen. Aber es war bloß blinder Lärm; ich weiß doch, was ich mir schuldig bin!«

Wieder eine Unterbrechung. Zwei Herren und eine Dame hielten sich das Taschentuch vor den Mund.

»Sehen Sie, meine Damens und Herr'n, mit einem Hausvater, wie ich, ist das ein reines Elend, obwohl es mir gut geht. Denn sehen Sie, die Leute, die hierherkommen, verstehen alle rein gar nichts, und die meisten sind sehr faul und haben das Arbeiten nich gelernt. Ich muss sie erst alle mühsam zurechtstutzen. Und wenn man dann mal so 'ne Perle bekommt wie die Hanne, die so famos Butter machen kann, und sie zieht wieder fort, dann ...«

Mit Barthels Fassung war es aus. Er weinte in sein rot geblümtes Taschentuch und konnte schließlich nur noch sagen:

»Nun trinken wir halt auf Fräul'n Hannes ihre Gesundheit!«

Das Mädchen war sehr bewegt. Es wurden noch einige kurze Ansprachen von Gästen gehalten, die Hanne feierten und in denen auch Vater Barthel unmäßig viel Weihrauch gestreut wurde, und schließlich musste Hanne singen. Sie war ruhiger geworden, stimmte ihre Laute und sang mit ihrer zarten, lieblichen Stimme das Lied, das aller Abschiedslieder Krone ist und bleiben wird:

»Morgen muss ich fort von hier

Und muss Abschied nehmen –«

Während des Liedes öffnete sich leise die Tür. Der lange Ignaz schlich sich herein, lehnte den Kopf an die Wand und presste die Hände an die weiße Mauer.

Die Lampe flackerte; die Spätherbstrosen blühten auf dem Tisch.

Als Eva das Lied beendet hatte, stürzte plötzlich einer vor, warf sich dem Mädchen zu Füßen und rief:

»Gehen Sie nicht fort – gehen Sie nicht fort, Fräulein Hanne; ich muss sonst sterben!«

Es war Piesecke. Und da sah ich auch schon, wie sich der lange Ignaz umdrehte, wie ein wilder, giftiger Blick über Piesecke und das erschreckte Mädchen hinfuhr, und im nächsten Augenblick hatte Ignaz den zarten Piesecke erfasst, schleuderte ihn sich wie einen Sack über die Schulter und verschwand mit ihm durch die Tür.

»Dass kein Unglück geschieht!« rief ich und eilte nach. In aufgeschreckter Unordnung drängte alles nach dem Hofe. Dort hatte der starke Ignaz den zappelnden Piesecke bereits mit gewaltiger Wucht auf den großen Düngerhaufen geworfen. Es war dem so schmählich Behandelten weiter kein körperliches Unheil zugestoßen; aber ich war doch so erzürnt ob der neuen Gewalttat des Knechtes und der Störung unserer schönen Stimmung, dass ich sagte:

»Ignaz, Sie gehen jetzt schlafen! Und morgen früh werden Sie Ihr Bündel schnüren. Dafür werde ich sorgen!«

Er wandte sich trotzig zur Seite. Ich ging aufgeregt nach der Stube zurück und traf daselbst den Detektiv Steiner, der allein zurückgeblieben war und ein Blättchen Papier, auf dem Fingerabdrücke zu sehen waren, sorgsam mit den schwachen Spuren verglich, die des Knechtes Ignaz Arbeitsfäuste an der weißen Mauer hinterlassen hatten. Ohne auf mich zu achten, ging der Beamte in den Hausflur hinaus, in den eben der lange Ignaz eingetreten war, trat auf den Knecht zu und sagte:

»Josef Wiczorek, ich verhafte Sie im Namen des Gesetzes!«

Die Umstehenden starrten den Sprecher an.

»Was wollen Sie, Herr Steiner?« fragte der Bauer Barthel erschrocken.

»Ich heiße nicht Steiner, ich bin Geheimpolizist und habe meine Legitimation in der Tasche. Ich bitte, dass mir Gelegenheit gegeben wird, den verhafteten Josef Wiczorek, der sich hier unter dem Namen Ignaz Scholz aufgehalten hat, sofort nach dem Amtsgerichtsgefängnis in Waltersburg zu transportieren.«

Josef Wiczoreks Augen verglasten sich. Ein kurzes Grunzen – und plötzlich schlug er mit beiden Fäusten um sich, machte sich Platz und verschwand blitzschnell im dunklen Hofe.

»Haltet ihn!« rief der Polizeimann; »er ist ein lange gesuchter Raubmörder!«

Wir schrien alle, wir rannten. Ich stieß mit Barthel zusammen und machte meinem Grimme Luft.

»Barthel, das haben wir Ihnen zu verdanken, Sie haben den mir längst unheimlichen Gesellen gehalten; Sie haben behauptet, Sie kennten ihn von Jugend auf als ehrlichen Kerl. Nun kommt diese Schande über uns.«

»Herr Doktor, lieber Herr Doktor, verzeihen Sie mir«, wimmerte Barthel, »ich konnte nicht anders!« Er verlor sich von meiner Seite ins Dunkel.

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