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Ferien vom Ich

Paul Keller: Ferien vom Ich - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Keller
titleFerien vom Ich
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
year1916
correctorreuters@abc.de
sendergebler.dresden@yahoo.de
created20140918
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Die Schlacht bei Waltersburg

Jeder deutsche Kurort hat seine »Sensation der Saison«, so wie jedes Affentheater seine »größte Attraktion der Gegenwart« hat. Auch unser Ferienheim hatte seine Sensation.

Anton, der älteste Sohn des Waldschulzen, will Pauline, die älteste Tochter des Forellenbauern, heiraten, und es hat sich darum eine heiße Schlacht entsponnen.

Die Sache hat eine romantische Vorgeschichte gehabt. Das jungfräuliche Herz Paulinens pendelte. Es pendelte zwischen unserem Schulzensohne und einem jungen Gastwirt aus Neustadt hin und her, und so gerieten die beiden Kavaliere in die übliche Rivalenwut und vergerbten sich bei guter Gelegenheit die beiderseitigen Felle. Bis dahin wäre alles in Ordnung gewesen; aber nun mischte sich Piesecke ein und brachte romantischen Schwung in die Geschichte. Piesecke war eines Sommertags in Neustadt gewesen und hatte sein Rösslein in der kleinen Ausspannung des dortigen Paulinenverehrers untergestellt. Von ungefähr hatte er dann von der Sommerlaube im Gärtchen aus das Gespräch zweier Neustädter Burschen belauscht, die sich verschworen, mit ihrem Freund, dem Gastwirt, und noch zwei anderen am nächsten Mittwoch gen Waltersburg zu ziehen, und falls sie in der Dämmerung am Gartenzaun des Forellenbauern den Schulzensohn im traulichen Gespräch mit Pauline erwischten, diesen greulich zu verbleuen, auch sonst an umherschweifendem Burschenvolk des verhassten Waltersburg ihr Mütchen zu kühlen.

Als Piesecke solches hörte, kam sein fürstliches Blut in Wallung. (Piesecke stammt aus einer Heldenfamilie. Sein Urgroßvater hatte als General in fünf Treffen gegen Napoleon I. nicht gesiegt!) Während er nun gen Waltersburg heimfuhr, entwarf Piesecke einen Feldzugsplan, wie dem Anschlag der Neustädter siegreich zu begegnen und die Ehre Waltersburgs zu retten sei. Er warb zunächst ein Heer. In dasselbe traten mit großer Begeisterung außer dem Schulzensohn der Komponist Emmerich sowie der Maler Methusalem vom Forellenhof, auch der Sänger Hagen Korrundt, der immer noch bei uns nachtwächterte, und die gegenwärtigen Insassen unserer Räuberhöhle. Diese letzteren waren vier fragwürdige Gestalten, die sich Schinderhannes, Karaseck, Jaromir und Moor nannten, ein faules, unordentliches Leben führten und nun froh waren, dass sie einmal etwas Rechtes zu tun bekamen. Acht Mann und er, Piesecke, als Anführer gegen fünf Neustädter – mit dieser beträchtlichen Übermacht, hauptsächlich aber durch seine überlegene Strategie, hoffte der Nachkomme des Napoleonbekämpfers den Sieg zu erringen.

In der Räuberhöhle hat Piesecke seinen Plan entwickelt. Die Schlacht sollte nicht am Gartenzaune stattfinden; denn erstens überlasse ein guter Feldherr die Wahl des Schlachtfeldes nie seinem Gegner, sondern bestimme selbst, wo er sich schlagen wolle, und zweitens könnte am Gartenzaun Vater Barthel oder Frau Susanne dazukommen, und dann gäbe es ein Malheur. Anton sollte vielmehr im Abendscheine mit seiner Braut weiter den Wiesenweg gen Waltersburg hinabwandeln bis zweihundert Schritt hinter die nächste Waldecke und daselbst dicht am Bach abwarten, bis er von den lauernden Neustädtern angefallen würde. Alsbald würde er ihm mit noch sechs Mann zu Hilfe eilen, die überraschten Neustädter würden – die Übermacht erkennend und bedrückt durch ihr schlechtes Gewissen – die Flucht hinab gen Waltersburg ergreifen wollen, aber da würden Moor und Schinderhannes, die weiter unten in den Hinterhalt gelegt würden, hervorbrechen, den Neustädtern den Weg verlegen und – die ganze Rasselbande sei gefangen. Er wolle ein für die Neustädter sehr demütigendes Dokument aufsetzen, das die Gefangenen unterzeichnen und in dem sie ihre völlige Niederlage zugeben müssten, und dieses Dokument solle in der Räuberhöhle unter Glas und Rahmen aufbewahrt werden als ein Zeichen, dass der langjährige Kampf zwischen Waltersburg und Neustadt mit dem endgültigen Sieg der Waltersburger geendet habe. Dem unbequemen Mitbewerber um Pauline aber werde man zu einem unfreiwilligen Bad im Bach verhelfen, wodurch alle wärmeren Gefühle, die die Jungfrau etwa in ihrem Herzen noch für den Gastwirt hegen sollte, abgekühlt werden würden; denn er, Piesecke, wisse aus seinem eigenen bewegten Leben aus vielen Fällen, dass nichts so sicher die Liebe des Weibes ertötet, als wenn der Geliebte vor ihr lächerlich wird.

Während dieser Ausführungen hatte Emmerich bereits auf dem Tisch einen Siegesmarsch komponiert und Methusalem auf der einen weißgetünchten Wand die Umrisse zu einem Triptychon großen Umfangs entworfen. Die Seitenteile des Bildes sollten die »Tücke« und der »Kampf« heißen, das Mittelstück aber »Der Sieg«.

Die »Tücke« würde Anton und Pauline im Dämmerlicht dahinwandelnd und von den Neustädter Unholden belauert zeigen, der »Kampf« eine besonders dramatische Szene aus der Waldschlacht darstellen und das Mittelstück den Sieg Waltersburgs in großer Apotheose feiern. Das Mittelstück war schon etwas ausgeführt. Im Hintergrund der Forellenhof, auf einem Ross Piesecke als Triumphator voranreitend, ihm folgend Anton und Pauline mit Kränzen im Haar; als nächstes Paar die Vertreter der Künste, Emmerich mit der Harfe und Methusalem selbst mit einem Farbentopf und Pinsel, zuletzt die bärenhäutigen Kriegsgenossen.

Und nun musste die ganze Kriegsgenossenschaft stundenlang stillsitzen, da der Maler sie zeichnete. Emmerich benutzte die Zeit, ihnen seinen Siegesmarsch, zu dem er rasch eine Textunterlage geschaffen hatte, einzuüben.

»So«, sagte nach einer Stunde Methusalem, »der Sieg ist ganz und die Tücke teilweise gesichert; fehlt bloß der Kampf.«

»Der wird gigantisch!« rief Piesecke.

Die Sache verlief nicht ganz programmmäßig. Zwar gingen die Neustädter wirklich in die Falle und überfielen Anton zweihundert Meter jenseits der Waldecke, aber die Kerle rissen nicht – wie vorausgesehen – durch die Übermacht erschreckt und ihr böses Gewissen beunruhigt aus, sondern blieben da, und da sie sehr handfeste Burschen waren, verhieben sie die Waltersburger jämmerlich. Das kam aber daher, dass sich die in Anrechnung gebrachte Übermacht Waltersburgs alsbald in eine faktische Minorität verwandelte; denn der Feldherr Piesecke wurde gleich bei Beginn der Schlacht dadurch kampfunfähig gemacht, dass ihn ein riesenhafter Neustädter Bräuknecht in die Höhe hob und in den Bach warf; Methusalem konnte sich an dem Ringen auch nicht beteiligen, da er etwas abseits stehen und die Szene mit dem Bleistift in rasender Geschwindigkeit in seinem Skizzenbuch verewigen musste, und der Musiker Emmerich fühlte sich dazu berufen, ebenfalls abseits zu stehen und den Mut seiner Kameraden durch Absingung seiner Siegeshymne anzufeuern. So kämpften nur der Sänger Hagen Korrundt, der Bräutigam Anton und die Raubgesellen Karaseck und Jaromir, die aber – da sie in ihrem Privatberuf Wiener Gigerls waren – gegen die rohe Gewalt der Neustädter Raufer nicht aufkamen. Es gab fürchterliche Prügel, und der Maler Methusalem rettete Waltersburgs Ruhm nur dadurch, dass er nachträglich seine Schlachtskizze umkehrte, wodurch alle, die unten lagen, nach oben kamen, und umgekehrt. Moor und Schinderhannes, die hundert Meter weiter unten im Hinterhalt lagen, um den Neustädtern den Rückzug abzuschneiden, hörten den Skandal, lugten um die Baumstämme, kamen aber nicht zu Hilfe, da sie doch eben im Hinterhalt zu liegen hatten.

Wer weiß, wie schrecklich diese Schlacht bei Waltersburg noch ausgelaufen wäre, wenn nicht eine starke auswärtige Macht sich eingemischt hätte. Durch den Wald erscholl plötzlich eine scharfe Stimme:

»Pauline! Pauline!«

Pauline hatte bis jetzt an einer Birke gelehnt und zu einem Vierteil mit Entsetzen, zu drei Vierteilen aber mit Stolz zugesehen, welch grauses Männerwerk da für sie und um sie getan wurde. Als sie nun aber die rufende Stimme hörte, schrie sie:

»Um Himmels willen, die Mutter! Macht, dass ihr fortkommt!«

Drauf rissen erst die beiden Bräutigame aus, und mit ihnen verlor sich rasch ihr Anhang. Pauline eilte nach Hause zu und bekam von ihrer energischen Mama ein paar Ohrfeigen, weil sie sich »herumgetrieben« habe; alles Mannesvolk aber flüchtete gen Waltersburg.

Und da hat es sich begeben, dass der Neustädter Gastwirt, der den Rückzug der anderen deckte, als er sich außer Frau Susannes Ruf- und Sehweite fühlte, doch noch in die Hände der Waltersburger fiel. Sechs Mann haben ihn gefangengenommen und ihn nochmals verprügeln wollen. Aber Methusalem hat gesagt:

»Pst! Man darf sich an einem geschlagenen tapferen Feinde nicht versündigen! Man soll ihn vielmehr ehren. Deshalb werde ich dem Feinde jetzt mit der schönen grünen Farbe, die ich in diesem Fläschchen habe, einen Lorbeerzweig auf die Stirn malen.«

Der Gastwirt hat mit Händen und Füßen geschlagen, aber sechs Kerle haben ihn gehalten, und Methusalem hat ihm einen Lorbeerzweig auf die Stirn gemalt. Mit Ölfarbe!

Der Gastwirt hat sich in Neustadt nicht mehr sehen lassen können und nach drei Tagen Selbstmordgedanken gehabt. Da hat ihm Methusalem ein Mittel geschickt, durch das er die unerwünschte Ehrung abwaschen konnte.

Aus dem Triptychon ist nichts geworden. Nur eine schöne Bleistiftskizze von Methusalem, auf der alle Waltersburger oben liegen, ist unseren Sammlungen einverleibt und zeugt von der Schlacht auf unseren Gemarkungen, die sich gegen den Erbfeind Neustadt abgespielt hat.

Piesecke hat an jenem Abend grollend am Bachrand gesessen, triefend vor Nässe, und alle Schwachheit und Feigheit der Kämpfenden sowie die Niedertracht der nicht in den Kampf eingreifenden Teile seines Heeres mit einem einzigen, aus seinem hochfürstlichen Mund hervorzischenden Wort charakterisiert:

»Plebs!«

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