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Ferien vom Ich

Paul Keller: Ferien vom Ich - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Keller
titleFerien vom Ich
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
year1916
correctorreuters@abc.de
sendergebler.dresden@yahoo.de
created20140918
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In der Genovevenklause

Die Genovevenklause ist frei geworden. Den Sommer über wohnte eine Witwe mit ihrem Söhnchen darin. Eine vornehme Dame, die nach dem Untergang ihres Eheglücks aus ihrer bunten Gesellschaft in die Einsamkeit der Klause flüchtete. Das Häuslein ist halb in den Berg hineingebaut, ein Kreuz ist über dem Felsen, der Bach fließt vorbei, ein zahmes Reh grast vor seiner Tür. Es vertritt die Hirschkuh der Legende. Dort bei der Genovevenklause ist meist tiefe Stille; nur ein schmaler Fußweg führt zu ihr hin, und es ist dort recht einsam. Nur die Heimwehfluh mit dem Hirtenhaus ist ebenso still.

Nun ist die Frau fortgezogen. Sie musste in die Welt zurück und hatte Tränen in den Augen, als sie Abschied nahm.

»Wenn das Grab meines Gatten hier wäre, möchte ich nie mehr ausziehen aus der lieben Klause«, sagte sie.

»Sie müssen es wegen Ihres Sohnes«, entgegnete ich ihr; »Sie dürfen keinen Schmerzensreich, keinen Parsival aus ihm machen; Sie müssen ihn vorbereiten für das Leben.«

»Mir graut vor dem Leben«, sagte Frau Herzeleide und zog davon! ...

Heute war ich in der Direktion. Der Direktor war nicht anwesend, und ich musste ein wenig warten. Da kam sie zur Tür herein – Magdalena vom Forellenhof –, die Frau meines Bruders Joachim. Als sie mich sah, erschrak sie und strebte zur Tür wieder hinaus. Ich hielt sie zurück.

»Was wünschen Sie, Magdalena? Der Herr Direktor wird gleich hier sein. Warten Sie nur einige Minuten!«

Sie war äußerst verwirrt.

»Ich wollte – ich möchte – ich wollte nur anfragen, ob es vielleicht möglich sei, dass ich in die Genovevenklause ziehen könnte, da sie frei geworden ist.«

»Gefällt es Ihnen nicht mehr auf dem Forellenhof?«

Sie wich aus.

»Ich möchte sehr gern in tiefere Einsamkeit.«

»Ist Ihr Arzt damit einverstanden?«

»Ja.«

Irgendein Angestellter kam und meldete, der Direktor sei zur Bahn gefahren.

»Nun, dann warten wir jetzt vergebens auf ihn, Magdalena. Wenn es Ihnen recht ist, gehen wir zusammen nach der Klause und sehen, wie es dort steht. Ich werde schon dafür sorgen, dass Sie die Klause bekommen.«

»Ich bin Ihnen sehr dankbar, Herr Doktor, aber ich möchte Ihnen meinetwegen den Weg nicht zumuten.«

»Nicht der Rede wert; ich gehe jetzt sowieso spazieren. Kommen Sie!«

Ich merkte, wie ungern sie mir folgte. Ihr Gesicht war sehr blass, und ihre Lippen zuckten. Das ehemals so prachtvolle rotblonde Haar war schwarz gefärbt; das veränderte sie am meisten. Aber auch der früher so rosige Teint war verloren; die Haut schimmerte blass und feucht; die Kinderaugen, die so übermütig blitzen und lachen konnten, hatten wohl ihre wunderbare Schönheit noch, aber sie blickten müde und traurig.

Während wir so gingen, sprach ich über harmlose Dinge, über die Ernte, über Vater Barthel. Sie gab kurze Antworten, blieb immer einen Schritt hinter mir und vermied es, mir ins Gesicht zu schauen. Als wir an den schmalen Pfad kamen, atmete sie ersichtlich auf. Jetzt konnten wir nicht mehr nebeneinander gehen. Sie bestand darauf, dass ich voranschritt.

So kamen wir zur Klause. Hoch ragte das Bild des Erlösers, und ich dachte an jenen kalten Wintertag, da ich grausam zu dieser Frau gewesen war und mir nachher der milde Freund Mariens von Magdala einfiel. Heute wollte ich nicht grausam sein. Diese Frau war so müde, so geschlagen; sie brauchte keine Strafe mehr.

»Magdalena«, sagte ich, »ich habe gehört, dass Sie gern mit unserer kleinen Luise gespielt haben. Das Kind ist viel auf dem Forellenhof. Wird es Ihnen hier nicht fehlen?«

Sie seufzte schwer.

»Ja, es wird mir fehlen. Aber auf dem Forellenhof nimmt es jetzt meist das junge Fräulein, die Bärbel, und mir hat Luise versprochen, dass sie mich alle Tage besuchen will. Sie spielt gern mit dem Reh.«

»Und Sie haben dem Kinde auch viele Geschichten erzählt?«

»Ja, sie hört gerne Märchen.«

»Haben Sie auch mit ihr gelesen, geschrieben und gerechnet?«

»Ja, ich tue das sehr gern.«

»Hm.«

Ich machte eine Pause.

Dann sagte ich:

»Das Kind ist ja bald hier, bald dort, und es soll sich auch weiterhin austoben. Aber als ständiges Unterkommen hätte ich für die Kleine gern ein stilles Heim. Wenn es Ihnen recht ist, Magdalena, gebe ich Luise zu Ihnen in Pflege.«

Da schrie sie kurz und jäh auf.

»Herr Doktor, wenn Sie das tun, erweisen Sie mir eine große Gnade!«

Ich sah ihr in die flammenden Augen und sagte: »Ich werde es tun.«

Nun fasste sie mich an den Händen; ihr ganzer Körper bebte.

»Eine Gnade!« wiederholte sie. »Ich bin so verlassen, und ich habe das Kind so lieb!«

Sie ließ mich los, legte einen Arm über die Augen, trat ein wenig zurück und stand so ein Weilchen still da. Plötzlich begann sie bitterlich zu weinen.

»Was ist Ihnen, Magdalena?«

»Es geht nicht; es geht nicht!« schluchzte sie; »wenn Sie – wenn Sie wüssten, wer ich bin, würden Sie mir das Kind nicht übergeben. Ich bin eine – eine schlechte Frau!«

Ich ging zu der Unglücklichen, legte einen Arm um ihre Schultern und sagte erschüttert:

»Du bekommst das Kind doch, obwohl ich weiß, wer du bist!«

Sie prallte zurück.

»Sie wissen – wer ich ...«

»Ja, Käthe, ich hab dich erkannt!«

Da warf sie die Arme in die Luft, stieß einen Schrei aus und verschwand um den Felsen in den Wald.

Ich eilte ihr nach und holte sie mit Mühe ein.

»Wenn Joachim mich erkennt, schlägt er mich tot!« wimmerte sie.

»Er erkennt dich nicht. Niemand kennt dich außer mir. Und ich werde dich schützen!«

Sie musste sich an mir festhalten, als ich sie zur Klause zurückführte. Dort setzte ich sie auf die Bank vor der Haustür und streichelte ihren Scheitel.

»Jetzt sind Sie wieder Magdalena, und ich bin wieder der Herr Doktor. Wir kennen uns nicht. Das, was jetzt hier geschah, ist nicht gewesen! Morgen früh bringe ich das Kind. Beruhigen Sie sich, Magdalena, fürchten Sie nichts, ängstigen Sie sich nicht. Das Kind darf sich ja nicht wundern. Es soll ja eine heitere, zufriedene Pflegerin haben. Auf Wiedersehen!«

Ich ließ sie allein.

Meine Mutter hat sich um Luise wenig mehr gekümmert. Sie hat wohl sicher Tag und Nacht an das Kind gedacht, aber nicht nach ihm gefragt. Sie hat keine Freude an dem Mädchen, sie liebt es nicht; sein Dasein aber regt sie auf, lässt sie leiden.

Die Mutter kommt kaum alle zwei oder drei Wochen einmal zu mir heraus. Ich glaube nicht, dass sie an meiner Schöpfung viel Freude hat. Sie ist von stockkonservativer Natur; alles Neue erscheint ihr verdächtig.

Ein- oder zweimal hat die Mutter aber doch Luise flüchtig wiedergesehen. Sie ist dann in schwere Aufregung geraten. Und eines Septembertags, kurz nachdem das Kind in der Genovevenklause untergebracht worden war, sagte die Mutter zu mir:

»Ich quäle mich mit dem Gedanken, ob es nicht unrecht ist, Joachim die Anwesenheit seines Kindes zu verheimlichen.«

»Quäle dich nicht, Mutter! Joachim hat bis jetzt dem Kinde seine Anwesenheit auch verheimlicht, ja das Kind nicht einmal wissen lassen, dass er überhaupt existiert.«

»Du sprichst immer recht lieblos von deinem Bruder!«

»Ich spreche so, wie ich nach seinem Verhalten sprechen muss!«

Sie wandte sich beiseite, und ihre feine Gestalt zitterte in Zorn und Trotz.

»Ich werde Joachim aufklären!« sagte sie bestimmt.

»Das wirst du nicht tun, liebe Mutter! Du wirst mit mir warten, bis Joachim menschlich wieder so weit ist, sich von ferne wenigstens seiner Vaterpflicht zu erinnern und sich einmal zu erkundigen, was aus seiner Tochter geworden ist. Lass ihn! Er macht jetzt Ferien von seinem völlig verfehlten Ichleben.«

»Er ist schuldlos an seinem Unglück!«

»Nein! Er ist nicht ohne Schuld.«

»Fritz!«

»Er ist nicht ohne Schuld gegen sich selbst; denn er hat sich durch seinen maßlosen Hass viel tiefer ins Unglück gebracht, als ein kluger Mensch, der sich beherrschen kann, nötig hatte, und er hat sich gegen sein Kind schäbig benommen.«

»Das ist unerhört, was du zu behaupten wagst. Nun werde ich Joachim bestimmt aufklären.«

»Tue es nicht, Mutter, ich rate dir gut. Joachim wird jetzt noch nicht mit dem Kinde zusammenleben wollen.«

»Nun, so müsste man eben das Mädchen vorläufig noch nach einer guten Pension bringen.«

»Das würde nicht geschehen; sondern wenn eine Trennung nötig wäre, würde Luise hierbleiben, und Joachim würde von mir entlassen werden.«

»Entlassen?«

»Ja, es hat sich so gefügt, dass Joachim gegenwärtig mein Angestellter ist. Er hat einen sehr kurzfristigen Vertrag.«

»Du bist maßlos hochmütig und lieblos!«

»Ich handle so, wie es mir mein Herz und meine Vernunft vorschreiben.«

»Berufe dich nicht auf dein Herz«, sagte sie, »du hast keines!«

Und sie ging.

Ich habe in den folgenden Tagen seelisch gelitten. Nicht nur der Mutter wegen, die ich liebe und mit der ich mich so wenig verstehe, sondern auch, weil ich rundum Leute sehe, die sich von der Last ihres Alltagslebens befreit in Ferienruhe des Daseins erfreuen und ich selbst mittendrin stehe im Ichleben, im Familienjammer.

Und da dämmerte mir, dass es gut sei, wenn ich selbst der Liebe fernbliebe, dass ich in freiem, ungestörtem Zölibat meiner großen Idee am besten dienen könne, Herz und Sinne zwar leer von manchem Glück bleiben würden, aber Arm und Fuß frei von jeder auch noch so goldenen Kette, frei zum Vorwärtsschreiten und Handeln.

Zur Mutter ging ich nach drei Tagen. Ich sprach freundlich zu ihr und sagte ihr, dass ich ihre Natur und ihr Handeln ja begriffe und verstände. Sie schüttelte zwar das schöne Köpfchen, aber sie ließ sich von mir küssen, und ich stieg fröhlich den Berg wieder hinan. Ich kann nicht lange traurig sein; mein Herz wendet sich ab vom Kummer, wie eine Pflanze sich abwendet vom sonnenleeren Nordhimmel.

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