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Ferien vom Ich

Paul Keller: Ferien vom Ich - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Keller
titleFerien vom Ich
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
year1916
correctorreuters@abc.de
sendergebler.dresden@yahoo.de
created20140918
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Die »krummbeinige Medizin«

Meine Kurmittel sind nicht ganz gewöhnlicher Art. Es gibt Ärzte, die den Sitz alles Übels im Magen suchen; andere begeistern sich für die Leber; wieder andere schwören auf warme Füße; ganz alte, bequeme Knaben geben immer zum Schwitzen ein oder verordnen Laxiermittel; wieder andere sagen, außer mit Chinin, Digitalis und Quecksilber sei überhaupt nichts anzufangen; diese werden von den Wasserdoktoren »Giftmischer« genannt, und alle werden von den Homöopathen verachtet. Ich misch mich da nicht ein; ich sage: ihr habt alle recht, und der, der am wenigsten tut, tut am meisten.

Meine Kuranstalt Ferien vom Ich ist etwas Neues, und es sind auch meine Kurverordnungen teilweise sehr neu. So habe ich in der kurzen Zeit meiner hiesigen Praxis meinen Patienten in einundfünfzig Fällen die Anschaffung eines Dackels verordnet. Der Dackelhund als Heilmittel ist in der medizinischen Wissenschaft gewisslich ein Novum, aber er ist gleicherzeit – das kühne Bild ist in Tagebuchaufzeichnungen erlaubt – nichts anderes als ein Ei des Kolumbus. Ich habe selbst seit Jahren einen Dackelhund (in Amerika drüben nennen sie ihn german dog), er heißt »Spezi«, weil er mir in der Tat ein Spezialfreund geworden ist, und ich kenne die gesundheitsfördernden und erziehlichen Werte seiner Gegenwart zu gut, als dass ich in meiner Nächstenliebe nicht auch anderen das Glück eines solchen Besitzes gönnen sollte. Eine wissenschaftliche Arbeit schreibe ich ja hier nicht; nur eine Tagebuchplauderei. Aber ich will eine erweiterte Abschrift dieses Kapitels meinen Kollegen geben, die ein wenig die Nase über den »Chef« rümpfen, der so viele »krummbeinige Medizin« verordnet, dass neulich sechsundzwanzig Dackel auf dem Lindenplatze eine Art Generalversammlung abhielten und greulichen Unfug verübten. (Dr. Fristen hat mir damals gekündigt mit der Begründung, dass er ein ernst zu nehmender Arzt sei, und ich habe ihn ohne Trauer ziehen lassen. Hol der Fuchs alle Spießer, die nur ihr Schuleinmaleins ableiern können!)

Einen Dackel verordne ich zunächst demjenigen, bei dem ich als Pfahlwurzel seiner Leiden zu große Eigenliebe erkenne. Die gewöhnt ihm der Hund alsbald gründlich ab. Kein noch so eingefleischter Nietzschianer behauptet auf die Dauer seinem Dackel gegenüber die »Herrchen«-Natur.

Das »Herrchen« ist der Dackel; da kann einer dagegen tun, was er will; es nutzt alles nichts. Zum Beispiel: Der Philosoph, in schwere Gedanken versunken, strebt auf seinem Abendspaziergang gen Westen. Der begleitende Dackel – einen Igel erschnuppernd – biegt gen Süden ab. Der Philosoph wird sich anfangs um den kläffenden Köter ganz und gar nicht kümmern; aber dann wird er pfeifen – einmal, zweimal, dreimal leise – dann laut, immer lauter rufen, drohen, die Fäuste ballen, toben, aus seiner schweren Gedankenbahn geschleudert werden, umkehren, gen Süden wallen und Betrachtungen darüber anstellen, ob nun ein Dachshund oder ein Igel das widerborstigere Tier sei. Der notgedrungene Gleitflug aus der luftarmen Höhe eisigen Denkens ist durch einen Dackel ertrotzt.

Gut so – in den Ferien vom Ich!

Oder ein Misanthrop. Sitzt der da in dem ganzen Katzenjammer seines elenden Weltschmerzes, und sein Dachshund setzt sich ihm gegenüber mit der ungeheuerlichen Leidensmiene seiner durchtriebenen Viehvisage: die Stirn in hundert Runzeln, die Ohren hängend, den Schwanz melancholisch eingeklemmt, die Augen verdreht und die Stimme leise jaulend, wimmernd, stöhnend, so wird der Misanthrop dieses Jammerbild nicht lange ertragen, mit dem Vieh auf die Straße flüchten und sich nicht schlecht wundern, dass der scheinheilige Jämmerling plötzlich wie ein Berserker der Lebenslust umherrast. Etwas abfärben wird es schon. Das nächste Mal, wenn er und der Dachs so trübselig einander gegenübersitzen, wird sich der Misanthrop selbst nicht recht trauen und auf die Straße gehen.

Der alten Jungfer, die sich ihr Leben lang nach einem Manne gesehnt und keinen bekommen hat, verordne ich einen Dackel. Dann hat sie endlich den ersehnten Tyrannen, den sie pflegen und füttern kann.

Die kleinliche, ordnungswütige Hausfrau, die ihrem Mann wegen eines Zigarrenstäubchens eine Szene machte und Kinder und Dienstboten teufelte, bis sie zu uns abgeschoben wurde, bekommt einen Dackel und erhält als Antwort auf ihre entrüstete Klage, dass ihr das »entsetzliche Vieh« die Hausschuhe verschleppe und in eine gute gestickte Decke ein Loch geknabbert habe, die Antwort, die Welt sei weit, der Himmel sei hoch, die Hausschuhe und gestickten Decken seien im Universum von nur nebensächlicher Bedeutung, und ohne Dackel könne sie nicht gesund werden.

Die ganz unheilbar musikalische Donna Eleonora, von der mir ihr Hausarzt im verschlossenen Briefe mitteilte, sie brächte ihre Nachbarschaft durch ihr ewiges Klavierspielen zur Verzweiflung, erhielt ein Klavier und einen Dachshund verordnet.

Das Klavier hat sie aufgegeben; der Dackel hat es so verbellt und verheult, dass ihr die Drahtkommode zur Unmöglichkeit wurde.

Allen den sehr nervösen Herren, die zu mir kommen und von denen ich weiß, dass sie trotz ihrer krankhaften Gereiztheit draußen in der Welt als Richter oder Examinatoren auf arme Opferlämmer losgelassen werden, verordne ich einen Dackel und bitte sie, sich seiner künftighin auch vor ihren Amtshandlungen zu bedienen. Ich denke dabei an die Wirkung milde ableitender Mittel. Einer, der einen Hund gestreichelt hat, kann keinen Menschen ohne äußerste Not zu Boden schlagen, auch wenn seine Nerven noch so ruiniert sind.

Das ist so die fieberstillende Wirkung der »krummbeinigen Medizin«. Aber der Dachs wirkt auch stärkend und aufbauend.

Einer, der an keine Treue auf der Welt mehr glaubte, bekam einen Dachshund. Nach acht Tagen sagte er mir, der Dackel sei, wie alle Kreaturen, ein »untreues Luder«. Er gehe ihm stets durch die Lappen, immer seinem tierischen Instinkt nach, geradeso, wie es die Menschen täten! Vier Wochen darauf war der Mann bekehrt. Er sagte mir:

»Bis ich am Hang am Berge bin, ist der Dackel in alle Winde. Aber wenn ich zwei Stunden dort oben gesessen habe, kommt der Hund zu mir mit schmutzigen Pfoten und lehmiger Schnauze. Und es ist mir, als ob er treuherzig sagte: Liebes Herrchen, es gibt zwar noch tausend Mauselöcher, in die ich schnuppern möchte, aber es ist doch am schönsten bei dir! Das ist immerhin eine gewisse Treue!«

Endlich verordne ich einen Dackel allen denen, die ein gespreiztes, hoffärtiges Gebaren haben, denen, die »sich tun«, wie die Leute sagen. Es sind ihrer sehr viele. Wer »tut sich« heutzutage nicht? Der Dichterling, der reiche Kaufmann, der Herr Beamte, das ganze Weibsvolk. Bindet ihnen nur einen Dackel ans Bein, der sie an den Hosen oder am Humpelrock zerrt, gleich ist ihre Hoheit dahin.

Man kann nicht geziert, nicht unnatürlich tun und sein, wenn man mit einem Dackel geht. Das rustikale Viehzeug verdirbt allen aufgeblasenen Stil, zerrt einen widerwillig in die Natürlichkeit zurück.

Gewiss, der Dackel ist ein stobiger Philister, ein täppischer Biedermeier, ein Kleinbürger, aber auch ein Nihilist gegen alle Gespreiztheit, ein genialer Spötter.

Ich wüsste nicht, warum ich ihn nicht als ein Heilmittel gegen mancherlei Gebrechen unserer Zeit in unseren Kurplan einsetzen sollte!

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