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Ferien vom Ich

Paul Keller: Ferien vom Ich - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Keller
titleFerien vom Ich
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
year1916
correctorreuters@abc.de
sendergebler.dresden@yahoo.de
created20140918
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Die ersten Kurgäste

Am 1. Mai ist unsere Heilanstalt eröffnet worden. Die Feier war schlicht. Lehrer Herder hatte es sich nicht nehmen lassen, wieder ein Melodram zu dichten, zu komponieren und zu inszenieren. Das Publikum bestand aus Waltersburgern, unseren Bauern, deren Dienstleuten, unserem Personal und fünfzehn Kurgästen. Von diesen fünfzehn Kurgästen genießen zehn Freikur, und von diesen zehn sind sieben Schauspieler ohne Sommerengagement. Stefenson sandte ein längeres Glückwunschtelegramm aus St. Louis.

Fünfzehn Kurgäste! Das war ein magerer Anfang nach der starken Reklame, die wir gemacht hatten. Ich telegraphierte das klägliche Ergebnis nach Amerika und erhielt von Stefenson die Antwort: »Hatte ich mir gedacht!«

Wir beschlossen, die Leute nicht einzeln über die Höfe zu verstreuen, sondern einen Teil in den Forellenhof, einen anderen in die Waldschölzerei zu geben. Die Schauspieler aber schwärmten nicht für Feld- und Waldarbeit; sie wünschten mehr dekorative Posten. Fünf von den sieben wollten Nachtwächter sein, einer bot sich als Hilfsbriefträger an, wobei seine Tätigkeit gleich Null gewesen wäre, und einer sagte mit mildem Augenaufschlag, er könne sich nur als Krankenpfleger glücklich fühlen. Wir hatten aber keine Kranken.

Da stellte der Bauer Emil Barthel vom Forellenhof neben dem Großknecht, den er bereits hatte, dem »langen Ignaz«, noch einen zweiten Knecht ein und sagte zu mir: »Ich hab es Ihn'n gesagt, Herr Doktor, de Stadtleute sein olle faule Luder. Mit den is nischt anzufangen.«

»Geduld, Barthel, Geduld!«

Der Anfang war wirklich kläglich. Zwar sang Egin Harold, der als Nachtwächter bestellt worden (und der in seinem Privatberuf Opernsänger war), das

»Hört, ihr Herr'n, und lässt euch sagen,
Die Uhr hat eben zehn geschlagen!«

mit tremolierender Empfindsamkeit; aber um Mitternacht sang er noch viel empfindsamer vor dem Hofe des Sonnenbauern, der eine hübsche blonde Magd hatte: »Gute Nacht, du mein herziges Kindl«, um 1 Uhr droben am Hange: »Ihr lichten Sterne habt gebracht so manchem Herzen schon hienieden ...«; um 2 Uhr: »Steh ich in finstrer Mitternacht«, und von 3 Uhr an: »Morgenlicht leuchtend im rosigen Schein ...«

Die benachbarten Hofhunde wurden ob dieser Gesänge so tief ergriffen, dass sie alle mitsangen, und alsbald lag auf dem Rathaus eine Beschwerde über den Nachtwächter wegen nächtlicher Ruhestörung. Als nun Egin Harold von dem unmusikalischen Sonnenhofbauern noch gar angedroht bekam, er werde den Hofhund loslassen, wenn der Wächter sein Gesinge vor dem Kammerfenster der Magd nicht einstelle, quittierte der beleidigte Künstler seinen Posten und übergab die Abzeichen seiner Würde an seinen Berufsgenossen, den Bassisten Hagen Korrundt, wobei er mit einiger Abänderung des Lohengrintextes sang:

»Den Spieß, dies Horn, den Pelz will ich dir geben.
Das Horn soll in Gefahr dir Hilfe schenken,
Der Spieß im wilden Kampf dir Mut verleiht,
Doch in dem Pelze sollst du mein gedenken,
Der jetzt auch dich aus Schmach und Not befreit.«

Die »Schmach und Not«, aus der Hagen Korrundt befreit wurde, bestand darin, dass er, der ein starker Mann war, ein paar Stunden am Tag dem Waldschölzer hatte helfen müssen, Bäume zu fällen. Jetzt war er als Nachtwächter vom Tagesdienst befreit. Abends um zehn Uhr bestieg Hagen einen großen Granitblock, den er den »Fafnerstein« getauft hatte, stand malerisch dort oben in seinem wilden Zottelpelz mit seinem langen Spieße und seinem funkelnden Horn, sang mit dröhnendem Bass die Stunde, kletterte dann vom Fafnerstein wieder herab und ging schlafen.

Die Kur bekam Herrn Hagen Korrundt sehr gut. Er erzählte mir in der Sprechstunde, dass er früher an einem chronischen Hungergefühl, das wahrscheinlich auf nervöser Grundlage beruhte, gelitten habe. Seit er aber bei uns sei, sei er aller Beschwerden ledig. Als ich daraufhin der Köchin in der Waldschölzerei ein Lob erteilte, sagte das Weiblein nur zwei Worte:

»Er frisst!« –

Es ist ein Schauspieler da, der mit seinem wirklichen Namen Eduard Käsenapf heißt. Als Künstler nennt er sich Guido Janello, bei uns aber, da er doch nicht erkannt sein darf, Knut Waterstream.

Dieser Knut Waterstream ist dünner als ein Regengerinnsel. Ich schickte ihn zur Arbeit in die Gärtnerei. Einiges erzählte mir der Gärtner, einiges beobachtete ich selbst, wie Knut arbeitete. Er sollte dürres Laub zusammenrechen und flüsterte den braunen Blättern zu:

»So wie ein Blatt vom Wipfel fällt,
So geht ein Leben aus der Welt,
Die Vögel singen weiter!«

Stützte sich auf den Rechenstiel und stand eine Viertelstunde lang in melancholischer Betrachtung über die Verwelkbarkeit des Laubes und anderer irdischer Dinge. Darauf übergab er dem Gärtner den Rechen und sagte:

»Tun Sie dieses Totengräbergeschäft; ich vermag es nicht!«

Ein andermal sollte Knut ein Beet ausjäten. Er ging siebenmal mit düsterem Antlitz um das Beet herum, spreizte dann alle zehn Finger über dies neue verruchte Arbeitsfeld und deklamierte:

»Giftiges Kraut, gesäet mitten unter den Weizen,
O du teuflische Saat, wie bist du vom Feinde gestreut!
Satanas hat sich dein Korn in höllischen Scheuern gestapelt,
Hat mit beklaueten Fingern diese Aussaat verrichtet,
Dass du nun wucherst und wächst; dem güldenen Weizen zum Schaden,
Dass du die Sonne ihm stiehlst, den nächtlichen Tau der Gestirne.
Weiche, du teuflische Brut, verkrieche dich tief in den Boden,
Krieche zur Hölle zurück, zum Satan, von dem du gekommen,
Nie mehr soll dich erblicken mein schwer beleidigtes Auge,
Einzig soll es sich freuen am goldenen Schimmer des Weizens!«

Daraufhin hat der Gärtner Herrn Knut Waterstream belehrt, dass das, was er als Weizen anspreche, in Wirklichkeit junger Kopfsalat sei und dass sich gegen das Unkraut mit Beschwörungen nichts ausrichten lasse. Man müsse das Zeug Stück für Stück mit der Wurzel aus der Erde herausziehen; anders gehe es nicht.

»Lieber Freund«, hat da Knut Waterstream mit melancholischer Stimme erwidert, »wir verstehen uns nicht!«

Dann ist er gesenkten Hauptes nach Hause gegangen.

*

Es soll der Sänger mit dem König gehen. Sänger hatten wir von Anfang an genug; am 10. Mai kam der König an. Ein wirklicher König war es zwar nicht, aber immerhin der Bruder eines regierenden Fürsten, eine Hoheit. Um diese Zeit versandte unser Propagandachef, Herr Levisohn, folgende Notiz an dreihundert Zeitungen:

»Der Andrang nach der Kuranstalt ›Ferien vom Ich‹ zu Waltersburg, der besten und originellsten Heilstätte der Welt, ist enorm. Die ermüdete Intelligenz flüchtet in unseren Frieden; die heimatlosen Kinder der Welt kommen auf ein Weilchen zurück ins grünbelaubte Mutterhaus der Natur. Künstler von Weltruf, Mitglieder europäischer Regentenhäuser sind bei uns eingekehrt. Wie romantisch, wenn ein Heldentenor, der vergötterte Liebling allen Volkes, bei uns als schlichter Nachtwachtmann mit funkelndem Speer und silbernem Horn durch die im Sternenschein liegenden Gassen schreitet, die Stunden singend, wie es in alten Tagen geschah, oder wenn er einer heimlich geliebten schlummernden Dame sein Troubadourlied singt; wie rührend, wenn ein gefeierter Schauspieler voll Lust und mit nie ermüdender Emsigkeit seine Gärtnerarbeit verrichtet; wie ergreifend, wenn der Allerhöchstgeborene Herr, dessen Wink das ganze Land gehorcht, auf dessen Stimmungen die Welt achtet, im demütigen Bauernkleide, von niemand erkannt, seiner ländlichen Tätigkeit nachgeht! Wahrlich, die Kuranstalt ›Ferien vom Ich‹ ist ein Triumph der Menschheit, ist der Sieg über das Unglück, ist ein Paradies auf Erden!«

Als ich diesen Erguss in den Zeitungen las, wusste ich: auch unser Levisohn war ein Dichter. Einer von blühender Phantasie.

Hoheit kam zu mir und fragte:

»Sagen Sie mal, Doktor, ist denn unter den paar Männchen, die hier bei Ihnen 'rumkrauchen, etwa der König von England oder von Italien drunter?«

»Gewiss nicht, Hoheit.«

»Ja, wer ist denn da mit dem Allerhöchstgeborenen Herrn gemeint, auf dessen Stimmungen die Welt achtet?«

»Ew. Hoheit selbst.«

Hoheit prusteten los und kriegten einen Hustenanfall. Nachher sagten Hoheit:

»Verfluchter Kerl, der Levisohn; er macht was aus einem!« –

Der Erfolg der Levisohnschen Reklamenotiz war riesenhaft. Es wurden achtzigtausend Prospekte von uns eingefordert, und es meldeten sich über dreitausend Kurgäste an. Ob der nachtwächternde Heldentenor oder der ackerbauende Fürst die größere Anziehung ausübte, war nicht zu entscheiden. Flugs erschien in Hunderten von Zeitungen folgende Notiz:

»Kuranstalt ›Ferien vom Ich‹, Waltersburg. In einer Woche 83 000 Menschen, die an die Pforten unseres Heims anklopften!!! Auf absehbare Zeit können wir trotz unserer riesigen Anlagen neue Gäste nicht aufnehmen, da jeder unserer Feriengäste ganz individuell behandelt werden muss. Vornotierungen aber zulässig.«

Diese hochmütige Kürze tat noch größere Wunder. Unser Büro konnte die Berge von Zuschriften nicht im geringsten mehr bewältigen. Ich telegraphierte unsere fabelhaften Erfolge nach Amerika. Und wieder traf die Antwort ein: »Hatte ich mir gedacht!«

*

Hoheit ist ein recht liebenswürdiger Kurgast. Hoheit ist überhaupt einer, der seiner zu großen Nachsicht gegen sich selbst die Erschlaffung seiner Nerven verdankt. Wir Ärzte drücken das höflich aus: Er hat zu konzentriert gelebt. Es ist schön, dass wir unsere fachmännischen Ausdrucksformen haben; denn es würde sich stilistisch nicht gut ausnehmen, wenn man sagte: Hoheit ist vielleicht eine ganz gute Haut, aber ein bisschen Schweinekerl und Liederjan!

Also, Hoheit haben zu konzentriert gelebt und sind vielleicht nur zu uns gekommen, weil sie hier ein Feld für originelle Extravaganzen wittert. Rares wittert. Alles andere liegt hinter diesem Mann, schwere Familienratsbeschlüsse, unfreiwillige Reise um die Erde, zeitweilige Verwendung in den Kolonien, Aussöhnung mit dem Familienchef, abermaliges Fallen in Ungnade, morganatische Ehe, Scheidung, Schulden, Zeitungsskandale und was so zum Bilde des tollen Prinzen gehört.

Drei Tage hat Hoheit in der Besinnungseinsiedelei zugebracht und mir einen Lebensbericht eingereicht, über dem mir die Haare zu Berge gestanden haben, obwohl ich als Arzt und Weltumsegler ja gerade nicht unerfahren und prüde bin. Am Schluss stand: er habe sich eigentlich erschießen wollen, aber er könne ja noch mal diese »neue Chose« probieren, ob ihm noch ein bisschen Geschmack am Leben beizubringen sei. Das Leben komme ihm so eklig und wertlos vor wie ein alter schmutziger Kupferdreier, für den man keine Zwiebel mehr zu kaufen kriegt. Er gebe sich ganz in meine Hand, wolle alle Arbeit tun und bitte, mit ihm recht rauh zu verfahren; es sei ihm immer am wohlsten gewesen, wenn ihm gelegentlich mal sein hoher Bruder, Landesherr und Familienoberhaupt, ein paar Ohrfeigen angeboten habe. Dann habe er auf Sekunden das Gefühl gehabt, dass er und sein Leben noch ernst genommen werden können. Heißen wolle er Max Piesecke. –

»Also, lieber Piesecke«, sagte ich in der Sprechstunde zu ihm; »dass Sie ein großer Lumpenkerl sind, wissen Sie und brauche ich Ihnen nicht erst zu sagen. Höchstwahrscheinlich lässt sich mit Ihnen nichts mehr anfangen. Erschießen werden Sie sich nicht, dazu fehlt Ihnen die Courage. Aber miserabel zugrunde gehen werden Sie! Es wird weh tun, Piesecke; Sie werden die Wände auskratzen, ehe Sie hin sind! Aber, Piesecke, sehen Sie – ich glaube, ungefällig sind Sie nicht. Sie haben auch noch Sinn für Humor. Nun, Piesecke, es wäre doch ein kolossaler Witz, wenn aus Ihnen noch mal ein brauchbarer Kerl würde! He? Sie müssen selbst darüber lachen! Und für mich wäre es gut – wegen Ihrer Familie. Also versuchen wir's halt. Gelingt's, freue ich mich; gelingt's nicht, schmeiße ich Sie 'raus!«

»Wahrscheinlich werden Sie mich 'rausschmeißen!« sagte Piesecke nachdenklich.

»Sie sind ein schlechter Pessimist, Piesecke! Sehen Sie, wenn Sie ein bisschen Philosophie im Leibe hätten, müssten sie wissen: es gibt keinen grimmigeren Spaß, als ein Pessimist zu sein und über den Pessimismus zu lachen!«

»Wie? Bitte, schreiben Sie mir den Satz auf!«

»Gern!«

Ich schrieb den Satz auf einen Zettel, übergab ihn Piesecke und sagte:

»Stecken Sie sich dieses Wertpapier in Ihre Jackentasche und verlieren Sie es nicht! Und nun werde ich Ihnen noch etwas sagen, Piesecke! Sie werden höchstwahrscheinlich nach acht Tagen bei uns ausreißen wollen. Sie sind gar nicht imstande, bei uns zu bleiben und das Gesundungsleben durchzuführen. Dazu fehlt Ihnen die Willenskraft. Und um nicht unnützerweise acht Tage lang meine Zeit mit Ihnen zu vergeuden, werden wir einen notariell aufgenommenen Kontrakt machen. Er wird kurz sein und lauten:

Falls ich nicht ein Jahr lang im Waltersburger Kurheim ›Ferien vom Ich‹ aushalte oder mich den Anordnungen des dirigierenden Arztes nicht füge, zahle ich eine Million Mark Reugeld.«

»Was?« schrie Max Piesecke. »Wenn ich so etwas tue und mein Bruder erfährt es, schlägt er mich tot!«

»Schön! Dann habe ich nicht mehr nötig, Sie zu kurieren.«

Piesecke sank in sich zusammen.

»Ich bin immer Erpressern in die Hände gefallen«, jammerte er.

»Morgen nachmittag 4½ Uhr wird der Notar hier sein«, entgegnete ich ruhig; »Sie werden dann entweder das von mir aufgesetzte Abkommen unterzeichnen oder Ihrer Wege gehen.«

»Ferien vom Ich!« stöhnte Piesecke; »ich habe gar keinen Willen mehr.«

Am nächsten Tage, um 4,35 Uhr, unterschrieb vor dem Notar, meinem Vertrauten, Max Piesecke das von mir gewünschte Abkommen mit seinem hochfürstlichen Namen.

»Nun passen Sie mal auf, Piesecke«, sagte ich, »jetzt wird noch was aus Ihnen!«

All unsere Höfe sind mit Kurgästen besetzt. Wir haben so viel Anmeldungen, dass wir die Wahl hätten, wen wir aufnehmen wollen, aber wir gehen der Reihenfolge der Anmeldungen nach. Ich habe von früh bis spät Arbeit, obwohl unser Ärztekollegium immer größer wird. Es lastet zuviel Geschäftliches auf mir. Das drückt auf die Seele; denn ich bin kein Kaufmann. Was tut mir doch dieser Stefenson an, dass er gerade jetzt, wo er hier am nötigsten wäre, in Amerika sitzenbleibt? Soviel ich auch schon an ihn schrieb und telegraphierte, er kommt nicht zurück. Immer die gleiche Antwort: »Ich bin hier noch unabkömmlich.«

Unser Direktor – ein früherer Offizier – ist zum Glück ein tüchtiger Mann. Es ist Schwung in seinen Gedanken, er hat Initiative und Spürsinn. Wie ein guter Jagdhund ist er, er hat's in der Nase, wenn er über das weite Gelände unseres Arbeitsfeldes schnuppert, wo irgendwo in einer geheimen Furche ein verborgener Erfolg aufzustöbern ist. Er ist aus dem Holz, aus dem die guten Feldherren, Diplomaten, Kaufleute geschnitzt sind. Die leitet alle ein unfassbarer Instinkt, eine Art sechster Sinn, den andere Leute nicht haben.

Der Direktor heißt von Brüsen und wird wegen seines würdevollen Auftretens von den Kurgästen »der Herr Präsident«, von den Angestellten aber »der Direks« genannt. Oft habe ich bei seinen Maßnahmen das Gefühl: genau so würde Stefenson gehandelt haben. Brüsen ist auch von Stefenson angestellt worden. Mein Geschäftsfreund hat den Offizier a. D. mal irgendwo kennengelernt, sich mit ihm etwa zwei Stunden unterhalten, dabei – wie er schrieb – gefunden, »dass sich dieser Mann zwei verschiedene Dinge auf einmal vorstellen könne, was nur sehr wenig Menschen vermöchten«, dass er ferner »zu klug sei, um die Alltagsklugheit zu haben«, dass er nicht in den Doppelsohlenstiefeln ängstlicher Vorsicht einherstampfe, in denen man von hundert Schnellfüßlern überholt werde, und dass er von guter, zäher Geistesmuskulatur sei. So hat sich Stefenson die Adresse dieses Herrn gemerkt und ihn für uns nun an den Tag gezogen.

Es ist ein Glück, dass dieser Direktor da ist. Was täte ich ohne ihn? Einen Entscheid fällt er fast nie sofort. Er will, wenn es sich um wichtigere Angelegenheiten handelt, immer einen Tag oder doch einige Stunden Bedenkzeit. Dann steht aber auch seine Meinung felsenfest. Und er entscheidet immer so, wie ich annehmen möchte, dass Stefenson entschieden haben würde, auch manchmal in Dingen, die viel Geld kosten, so waghalsig, so wurstig, so ohne Skrupel, wie es eben nur ein reicher Mann kann, der so fest steht, dass er weiß: ich kann nicht fallen, komme, was wolle. Ein paarmal sah ich den Direktor scheu von der Seite an. War er etwa gar ...

Das war krasser Unfug. Dieser kleine Schwarzbart mit dem runden Bäuchlein war bestimmt nicht der große, hagere Stefenson. Auch in dem Journalisten Brown hätte ich nichts anderes vermuten sollen als eben den Mister Brown.

Ich muss mich wahrhaftig erst in die Ausführung meiner eigenen Idee von der Unpersönlichkeit meiner Kurgäste gewöhnen. Es wird mir schwer, in dem Nachtwächter Korrundt nicht den Opernsänger zu sehen, ja, es wird mir sogar schwer, unsere verbummelte Hoheit mit Piesecke anzureden. Dabei ist doch der Mann wirklich mehr Piesecke als Hoheit. Ich bekümmere mich absichtlich nicht um die Personalien der Kurgäste, die ich nicht selbst behandle, sehe keine unserer Geheimlisten ein, soweit ich es nicht als leitender Arzt tun muss. So begegne ich Menschen auf unseren Wegen, sehe Leute in unseren Gärten und auf unseren Feldern arbeiten, von denen ich nicht weiß, wer sie sind, woher sie kommen, wohin sie gehen, von denen mir nur bekannt ist, dass sie aus einer drückenden Enge entflohen sind in das Reich unserer grünen Gesundheit.

Der Sekretär, der unsere Statistik macht, sagte mir, dass neunzig Prozent unserer Kurgäste aus Großstädten kommen. Ich glaube das gern. Die Großstadt ist keine gute Mutter. Dazu sind ihre Arme und Hände zu steinern hart, ist ihre Sprache zu laut und liebeleer, sind ihre Sinne zu flunkerig, sind ihre Wünsche ohne Heimlichkeitssinn zu sehr auf den Engrosramsch der Genüsse gerichtet, ist ihr Aufputz zu sehr abgespart den wahren Bedürfnissen ihrer Kinder. Von den Palasträumen ihrer Verwaltung aus regiert diese Stiefmutter Großstadt ihre Familie, die zum größten Teil in dumpfen Winkeln hockt und in engen Kammern schläft; in ihren glänzenden Parkanlagen dürfen barfüßige Jungen und zerlumpte Mädchen spazierengehen. Wie die niederträchtigste Amme, die ihren unruhigen Zögling mit Schnaps betäubt, errichtet sie in all ihren Vorstädten Destille neben Destille. Und wenn die Kinder gar zuviel darben und zu murren beginnen, schenkt ihnen diese »Mutter« Großstadt einige Bonbons »öffentlicher Fürsorge« oder billiger Lustbarkeit, Bonbons, die nicht satt, stark und gesund machen können, sondern nur den Magen ansäuern und die Zähne des Willens und Charakters verderben.

Wann endlich wird die Menschheit des trügerischen Schimmers müde sein, in Scharen ausziehen aus dem ungesunden Hause der Stiefmutter Großstadt und im großen Ferien machen von diesem jammervollen Ich?

Heut ist ein Unglück passiert. Annelies von Grill und Eva Bunkert wollten als Kurgäste zu uns kommen und beim Forellenbauer wohnen. Der Bauer hatte seinen Spazierwagen nach dem Bahnhof geschickt zur Abholung. Sein Knecht, der lange Ignaz, spielte den Kutscher. Aber auch Piesecke fuhr mit. Hoheit will sich in die Geheimnisse der Kunst einweihen lassen, ein Bauerngefährt auf einem etwas holperigen Feldweg mit Geschick zu leiten. Auf dem Rückwege ist dann das Unheil geschehen. Piesecke hat kutschiert und gerade dort, wo der Weg eine steile Böschung hat, umgeworfen. Die Damen sind den Abhang hinuntergekugelt, die beiden Kutscher desgleichen, und die scheu gewordenen Pferde haben den umgekippten Wagen hinter sich hergeschleift und greulich zugerichtet.

Von den vier abgepurzelten Personen hat sich der Knecht Ignaz zuerst erhoben. Er hat sich erst die Glieder zurechtgeschlenkert, dann die Wahlstatt überschaut und darauf zunächst mal dem unglücklichen Piesecke ein paar ungeheure Ohrfeigen versetzt. Darauf ist Ignaz den Pferden nachgerannt, hat sie zum Stehen gebracht, sich überzeugt, dass mit dem Wagen nicht weiterzufahren sei, und ist dann zu den Damen zurückgekehrt. Annelies ist außer dem Schreck nichts passiert, die schöne Eva hat sich einen Fuß verstaucht. Ignaz hat die holde Blonde auf seinen kräftigen Buckel laden und nach Hause tragen wollen, doch das hat sie abgelehnt. Piesecke hat nichts zu sagen gewusst als: »Pardon, pardon, es ist mir dieses alles sehr fatal.«

Schließlich hat Eva dem Knechte befohlen, ein Pferd auszuspannen, sie hinaufzuheben, und ist so halb lachend, halb weinend bei uns eingeritten.

Am selben Tage noch kam Hoheit zu mir, um wegen der erhaltenen Ohrfeigen Beschwerde zu führen. Er sei – so sagte er – immerhin ein Kurgast, und Ignaz sei ein gemieteter Knecht. Er müsse gegen solche Behandlung Protest einlegen.

Ich aber sagte: »Piesecke, ich habe so viel Wichtiges zu tun, dass ich mich wirklich nicht darum kümmern kann, wenn sich mal zwei unserer Kutscher prügeln.«

Darauf erhellte sich Pieseckes Gesicht, und er sagte: »Jawohl, ich sehe es ein! Wenn ich mich körperlich werde gekräftigt haben, werde ich ihm die Ohrfeigen zurückgeben.«

»Das müssen Sie«, erwiderte ich; »das gebe ich Ihnen auf; das werde ich Ihnen direkt in die Kurverordnung schreiben, lieber Piesecke!«

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