Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paul Keller >

Ferien vom Ich

Paul Keller: Ferien vom Ich - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Keller
titleFerien vom Ich
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
year1916
correctorreuters@abc.de
sendergebler.dresden@yahoo.de
created20140918
Schließen

Navigation:

Der Journalist

Nun ist's ein Jahr her, seit die Verwirklichung meiner Idee von dem großen Ferienheim keimte und wuchs. Jetzt nähert sie sich der Reife. Anfang Februar gab es eine Sensation. Stefenson reiste nach Amerika zurück. Da höhnten die Neustädter, dem sei wohl im letzten Augenblick doch angst und bange geworden vor seiner übergenialen Neugründung, und nun käme der Zusammenbruch. Ich blieb ganz ruhig; denn ich wusste, dass alles gut vorgesorgt war und Stefenson nur nach Hause fuhr, um seine dortigen dringendsten Geschäfte in Ordnung zu bringen.

Die kleine Luise wollte der Amerikaner mit auf die Reise nehmen. Erst nach den ernstesten Vorhaltungen, die beinahe in Feindseligkeiten ausarteten, ließ er das Kind zu Hause. Aber Neid und Zorn war in seinem Herzen, und zwar nicht nur wegen des Kindes.

»Ich bin begierig, wie Sie sich gegen Fräulein Eva Bunkert benehmen werden, wenn sie nun kommen wird, um unser Heim zu beschauen. Ich fürchte, Sie werden den rechten Ton nicht treffen.«

Ich lächelte.

»Fürchten Sie, dass ich zu abweisend oder zu entgegenkommend sein könnte? Eva Bunkert ist ein sehr schönes Mädchen.«

»Ich bitte Sie«, sprach er herb, »dass Sie sich mit Fräulein Bunkert weder in der einen noch in der anderen Art zuviel beschäftigen, sondern mir diese ausgezeichnete Akquisition für unsere Kuranstalt persönlich überlassen.«

»Ich überlasse Ihnen diese Akquisition«, sagte ich großmütig und feierlich. Darauf knurrte er, vor Mitte Mai könne er keinesfalls zurück sein.

Als ich ihn zum Zuge begleitete, wünschte ich aufrichtig, er möge bald zurückkommen ...

Vor drei Tagen ist nun unser Freund Emil Barthel mit seiner Susanne und seinen Kindern bei uns eingezogen. Er hat den Forellenhof dicht unten am Bach übernommen. Des Staunens seiner Leute war gar kein Ende. Sie gingen bedrückt durch die großen, neuen, so behaglich ausgestatteten Räume wie Fremde, die ein merkwürdiges prächtiges Haus betrachten. Aber sie werden in diese Räume hineinwachsen. Der Bauer hat uns schon wesentliche Dienste erwiesen. Er bezeichnete uns Kameraden und Bekannte, die sich als Pächter unserer Höfe eignen würden, und ob wir auch kaum den dritten Teil davon gebrauchen konnten, so gaben uns die ausgewählten Leute wieder die Adressen neuer Kandidaten, so dass unsere zwanzig Höfe besiedelt sind. Der andere Teil des Geländes wird von den alten früheren Dominialgebäuden aus bewirtschaftet.

Es geht alles schnell, ruhig und sicher, wo ein zielbewusster Wille und wo – Geld da ist.

Manche unserer Höfe haben herkömmliche poetische Namen, wie Forellenhof, Erlenhof, Grundhof, Hof am Hange, Berghof, Sonnenhof, aber es gibt auch eine Waldschölzerei, eine Heimwehfluh, eine Steinmühle, eine Genovevenklause, eine große und eine kleine Einsiedelei, ein Haus »über den sieben Bergen«, ein »Old Nigger home« (nach Stefensons Wunsch), eine Heideheimat, eine Juxherberge, eine Meierei zum gelben Kakadu, ein Knusperhäuschen, eine Kassubenhütte, ein Zigeunerlager und eine Räuberhöhle.

Mit Romantik ist nicht gespart. Tradition fehlt ja leider allen diesen Dingen, aber sie wird sich bald finden; wir haben pfiffiges Bauernvolk ausgewählt, und das dichtet in seiner kräftigen Seele so viel zusammen, dass sich alsbald allerhand Geschichtlein um unsere Siedelungen spinnen werden, schneller als der Efeu wächst, den wir an mancher Wand einpflanzten, oder als das Moos wuchert, das wir auf schräge Dächer legten.

Das größte Glück ist die Freude am gelungenen Werk, ein Abglanz des erschütternden Titanenjubels, der Gottes Brust durchloht hat, als er im Glanz von Millionen Sonnen die Schöpfung vor sich sah.

Auch ich bin nie so glücklich gewesen wie in dieser Zeit der Gründung unseres Heims, nie so selig, gläubig und am Leben hängend, nicht einmal in der Kinderzeit, die doch alle Tage Schöpferjubel bringt, und sei die Veranlassung auch nur eine gelungene kleine Schanze im Bach oder die zum erstenmal geglückte Schleife des Schuhbandes.

Die Mädchen sind gekommen. Gestern. Sie kamen am Vormittag und wollten schon mit dem ersten Abendzuge wieder abreisen trotz der Einladung, ein paar Tage dazubleiben und bei Frau Susanne im Forellenhof zu wohnen.

Eva Bunkert war zurückhaltender als bei unserer ersten Begegnung. Sie konnte es sich zwar nicht versagen, nach Betrachtung des Baches, der an Barthels Hof vorbeifließt, zu behaupten, in diesem Gewässer lebe keine einzige Forelle, weshalb der daranliegende Hof wahrscheinlich »Forellenhof« heiße, aber es sei ja bekannt, dass Namen fast immer täuschen, wie zum Beispiel körperlich etwas zurückgebliebene Männlein mit Vorliebe Siegfried hießen oder oft keifende Xanthippen mit den holden Namen Mariechen oder Trautchen begabt seien.

Nach dieser Abschweifung ins Schnippische wurde das Mädchen ernster. Sie betrachtete den großen Forellenhof von innen und außen und sagte mit einem Seufzer:

»Es ist schön hier. Ich glaube, man kann in einem solch einfachen Hofe glücklicher sein als in einem prunkenden Hotel. Wenn ich es einrichten kann, werde ich wirklich einmal hier Ferien vom Ich machen.«

»Ich möchte es wohl auch«, sagte die kleine Anneliese, »aber für mich ist so etwas viel zu teuer.«

»Du, meine Liebe«, lachte Eva Bunkert, »du müsstest ganz andere Ferien vom Ich haben – Weltstadtleben, Theater, Bälle, Autofahrten – man muss das haben, was einem fehlt.«

»Mir würde nichts fehlen in solchem Frieden«, sagte die kleine Braune.

Ich ging mit den Mädchen durch unser Gelände, führte sie nach dem Rathaus, nach der Lindenherberge, den »Stillen Weg« hinab über die Genovevenklause, und als ich nach der Waldschölzerei weiter wollte, passierten wir das Zeughaus und das große Eingangstor. Dort gab es eine Auseinandersetzung zwischen einem fremden Herrn und dem Türschließer. Der Herr, der im Reiseanzug war und eine kleine Handtasche trug, verlangte in ungestümer Weise mich zu sprechen, während der Diener entgegnete, der Herr Doktor sei aufs dringendste und unabkömmlichste beschäftigt, und unsere Anstalt würde überhaupt erst am ersten Mai eröffnet. Der Fremde ließ sich nicht abweisen, und als er mich erblickte, rief er:

»Ich möchte wetten, dass jener Herr der Doktor ist!« Damit schob er den Diener beiseite und kam auf mich zu.

»Gestatten Sie, mein Herr, eine kurze Viertelstunde?«

»Sie sehen, ich habe Besuch!«

»Jawohl – es tut mir auch leid, Sie stören zu müssen, aber ich habe nur eine Viertelstunde Zeit. Wenn ich mich vorstellen darf: George Brown, Mitarbeiter der ›Staatsbürgerzeitung‹ in Neuyork. Ihr Geschäftsfreund Mister Stefenson hat mich persönlich gebeten, Sie zu besuchen und Ihnen dieses Schreiben zu überreichen.«

Er übergab mir einen Brief, den ich mit Erlaubnis der Damen öffnete und stellenweise vorlas:

»Neuyork, den 25. März.

Mein Lieber!

Sie wollen nie recht zugeben, dass ich Sie genau kenne, aber mein Spürsinn ist, was Sie anlangt, so groß, dass ich hier viel tausend Meilen von Ihnen prophezeie, ohne besorgt zu sein, einen Irrtum zu begehen: Wenn Sie diesen Brief durch Mister Brown erhalten werden, werden Sie gerade mit den Damen Eva Bunkert und Annelies von Grill einen sehr vergnügten Spaziergang durch unser Heim machen. Ich beglückwünsche Sie dazu und bitte, mich den Herrschaften zu empfehlen.

Was Mister Brown anlangt, so empfehle ich Ihnen, diesen Herrn recht rücksichtsvoll zu behandeln, ihm nicht etwa zu sagen, Sie hätten gerade Besuch und daher keine Zeit für ihn. Denn Mister Brown ist einer der einflussreichsten Journalisten in den Staaten, und wir werden den Zuzug aus Amerika für unsere nach deutschen Normalbegriffen immerhin etwas merkwürdige Anstalt recht nötig haben.

Grüßen Sie Luise von ihrem Pappa, der sich sehr nach seinem Gänschen sehnt, aber noch nicht weiß, wann er zurückkehren kann.

Stefenson.«

Ich schaute verwundert auf Brown, den Überbringer dieser seltsamen Epistel. Brown war ein Fünfziger, der Kotelettbart und der Schnurrbart sowie die gescheitelten Haare waren stark angegraut, der Anzug etwas geschniegelt modern; die Wangen, wie mir schien, wohl ein wenig geschminkt. Irgend etwas an dem Mann kam mir bekannt vor, auch in seiner heiser klingenden Stimme. Vielleicht war ich ihm mal drüben begegnet. Ich fragte ihn, ob er auf dem letzten großen Pressekongress in Baltimore, den ich besucht hatte, gewesen sei, und er erwiderte, dass er daselbst eine Rede gehalten hätte. Daher die matte Erinnerung.

Die Mädchen verwunderten sich nicht weniger über die seltsame Prophezeiung in dem Stefensonschen Briefe als ich. Ich sagte, ich könne mir das überraschende Eintreffen einer solchen Voraussage nur dadurch erklären, dass Stefenson vermutet habe, die Damen befänden sich für längere Zeit in unserem Heim, ich mache mir wahrscheinlich öfters das Vergnügen, sie auszuführen, und es könne sich wohl so fügen, dass uns Mister Brown zusammen anträfe. Daraufhin weissage ein Mann wie Stefenson eben darauflos. Treffe es nicht ein, schade es nicht, treffe es aber infolge seines Glückes ein, sei es ein guter Bluff.

Brown schüttelte den Kopf.

»Mister Stefenson ist kein Bluffer, er weiß immer, was er sagt.«

»Sie kennen Mister Stefenson persönlich?« fragte Eva Bunkert mit unverhohlenem Interesse.

»Mein gnädiges Fräulein«, erwiderte Brown, »ich kenne alles, was man in Neuyork und den Staaten kennen muss.«

»Und Mister Stefenson gehört zu dem, was man in Amerika kennen muss?«

»Ja, er gehört dazu.«

Der Journalist schloss sich unserem Rundgang an. Meist verhielt er sich schweigend, sprach über das, was er sah, weder Lob noch Tadel aus, bat nur, sich von Zeit zu Zeit eine Notiz machen zu dürfen, und stellte außerordentlich sachverständige Fragen, Fragen, die ich, sobald sie sich in technische Einzelheiten verliefen, oft gar nicht beantworten konnte. Das Nigger-Home gefiel dem Amerikaner. Es war düster in der niederen Stube; wir zündeten ein paar matt brennende Petroleumlampen, die an den Wänden hingen, an, um die Illusion zu verbessern.

»Nun müsste jemand einen Niggersang anstimmen«, sagte Brown.

Da stand auch schon Eva Bunkert, an die Wand gelehnt, schränkte die Arme über der Brust und begann mit wohllautender Stimme zu singen:

»Way down upon Swaney ribber
Far away ...
There's, where my heart is turning ebber,
There's, where the old folks stay ...«

Sie sang dieses schwermütigste aller Heimatlieder mit tiefer innerer Bewegung, und Mister Brown summte mit näselndem Tone die Begleitung dazu, so wie es die Neger tun, wenn fern der Heimat einer der Ihrigen an der Wand lehnt und das innerste Weh der weltverschlagenen, geknechteten Seele im Liede ausströmen lässt. Dann summen sie alle mit, die Körper werden regungslos, und die großen, heißen Augen starren ins gelbe Licht der matten Lampen ...

Wir gingen weiter und kamen an den Hof am Hange. Dort steht eine große Buche, um die eine Bank läuft. Von hier aus kann man unsere ganze Siedelung überschauen. Warmes Frühlingslicht spielte durch laue Luft, die Zweige trugen alle die kurzen, grünen Kinderkleidchen erster Jugend, die Vögel waren heimgekommen und übten in abgerissenen Trillern und Läufen das große Lebens- und Liebeslied des Maien ein. Da wurde mir das Herz weit. Unsere Siedelung war schön, keine langweilige Linie in ihr, kein Steinkoloss, keine Erinnerung an geschniegeltes, ödes Geputztsein, sondern Heimatlichkeit, Wärme, Frieden.

»Wenn man das sieht«, sagte die kleine Anneliese, »meint man, hier werden immer nur gute Menschen wohnen können. Es ist alles rein und gut; schlechten Leuten würde hier das Herz springen.«

Ich war ihr dankbar und sagte:

»Aber es soll doch eine Zufluchtstätte werden für solche, die nicht glücklich sind, auch wenn sie durch eigene Schuld unglücklich geworden sind.«

»Ich finde«, sagte Eva Bunkert, »in dem Ganzen ist ungeheuer viel Kindliches.«

»Das ist ein hohes Lob, mein Fräulein, was Sie da sprechen«, meinte Mister Brown; »Genialität ist nie etwas anderes als das Ursprüngliche, das Kindhafte. Sie glauben gar nicht, wie kindlich unsere guten amerikanischen Humoristen sind. Ganz im Ernst! Sehen Sie deren Tier- und Kinderbilder an, es ist alles geschaut mit den abgeklärten Augen des ernsten Mannes und alles gefühlt mit dem Herzen des kleinen Buben.«

»Stefenson ist ein Genie«, sagte Eva Bunkert warm.

»Das will ich nicht sagen«, entgegnete Brown, »er ist nur das Werkzeug; der Schöpfer der ganzen Idee ist, wenn ich recht unterrichtet bin, der Herr Doktor, der mit uns auf dieser Bank sitzt.«

Ich wehrte das Lob ab, und Eva Bunkert sagte:

»Wohl, der Doktor hatte die Idee, hatte den Traum in der Seele, aber Stefenson hatte den Mut, den Traum in Wirklichkeit zu verwandeln. Ich möchte sagen, der Doktor hat ein schönes Motiv in die Welt gesungen, und Stefenson hat ein herrliches Lied daraus geschaffen.«

»Sie sprechen sehr gut und lieb von meinem Landsmann«, sagte Mister Brown gerührt.

»Oh«, rief Eva Bunkert, »ich schwärme für Stefenson. Es hat mir noch nie ein Mann solchen Eindruck gemacht wie er, obwohl er der Konkurrent meines Vaters ist. Erst recht deshalb! Ich mag die Leute nicht leiden, die sich nur für die Freunde und Gönner ihrer eigenen Sippschaft begeistern können.«

Da wurde auch die kleine Braune munter.

»Ja«, seufzte sie, »es ist schade, dass Mister Stefenson verheiratet ist! Er wäre der erste, der bei der stolzen Eva Bunkert wirklich Glück hätte!«

»Du Plappermaul!« zürnte Eva, reckte aber den Kopf hoch. »Nun, ich leugne es nicht: der Mann gefällt mir. Weil er eben ein so ganzer Mann ist. Vom Heiratenwollen aber ist gar keine Rede.«

»Er wäre keine schlechte Partie«, meinte ich.

»Eben deshalb!« sagte Eva trotzig. »Ich will mal keine gute Partie, ich will einen Mann heiraten!«

»Ich wusste gar nicht, dass Stefenson verheiratet ist«, warf Mister Brown ein.

»Wie? Und Sie wollen ihn so genau kennen?«

»Oh – ich als anständiger Journalist kümmere mich um das, was Stefenson für das Land und die Welt bedeutet, nicht um seine Privatverhältnisse. Ich habe nie gehört, dass Stefenson verheiratet sei. Es ist mir auch ganz gleichgültig.«

»Der Herr Doktor hat es uns gesagt«, erwiderte das Mädchen.

Da grunzte Mister Brown so tief und absonderlich, dass ich erschrocken aufschaute und ihn ansah. Und ich blickte – in Stefensons Augen. So klar, in so deutlichem Zorn blitzten diese Augen mich an, wie ich sie von hundert Gelegenheiten her kannte, wenn dem jähzornigen Manne die Galle überlief, was oft genug geschah.

Ein wüster Verdacht erwachte in mir. Dieser Mister Brown war gar kein amerikanischer Journalist, es war Stefenson selbst, der uns in einer vorzüglichen Maske getäuscht hatte. Noch einmal blickte ich ihn an; ich sah wieder in ein fremdes Gesicht. Aber ich wurde den Verdacht nicht mehr los. Jedenfalls, alter Freund, so dachte ich, bist du es wirklich, so entlarve ich dich; bilde dir nicht ein, mit einem bisschen Detektivschlauheit deutsche Gimpel zu fangen.

Ich fing an, auf Stefenson zu schimpfen.

»Der Mann mag seine Vorzüge haben«, sagte ich, »aber wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten. So ist Stefenson – ich sage das ruhig, obwohl er mein Freund ist – ungeheuer eitel!«

»Das ist kein Schade«, fiel Eva ein; »viele große Männer sind eitel: viele Staatsmänner, viele Geistliche, alle Dichter – selbst solche, denen man es gar nicht zutraute, wie Kriegsleute, Flieger, Polizisten, sind eitel. Was heißt überhaupt eitel sein? Wer umzirkelt den Begriff? Auf sich halten, auch in kleinen Äußerlichkeiten nicht verpowern, ist eine gesunde Eitelkeit. Eine andere kann Mister Stefenson gar nicht haben.«

Da lachte Mister Brown.

»Oh!« sagte er, »was das anlangt, so ist Stefenson so eitel, dass er, wenn er sich im Rasierspiegel sieht, erst immer seinem schönen Bild eine kleine Verneigung macht, ehe er sich einseift.«

»Ich denke, Sie kümmern sich nicht um Herrn Stefensons Privatleben«, rief Eva verärgert.

»Gewiss nicht«, sagte der Journalist, »aber manches fliegt einem halt so zu. Wenn es Spaß macht: ich kenne noch ganz andere Schwächen Ihres Geschäftsfreundes.«

»Danke!« wehrte Eva ab, »es macht gar keinen Spaß!«

Ich dankte auch. Wenn dieser Mann wirklich Stefenson war, so war es das Dümmste, auf Stefenson zu schimpfen; denn er würde dann noch weit heftiger auf sich selbst schimpfen. Das musste ich doch von seinen Artikeln her wissen. Auf solche Weise konnte ich dem alten Fuchs den Bart sicher nicht scheren.

Da kam mir eine Bemerkung von Anneliese zu Hilfe.

»Damals hatte doch Herr Stefenson seine Tochter mit sich. Hieß sie nicht Luise?«

Ich jubelte innerlich, und die Schlechtigkeit, einem Menschen aus einer seiner edlen Eigenschaften heraus eine Falle zu stellen, kam mir gar nicht zum Bewusstsein. Ja, ich beging eine neue Schlechtigkeit, ich schwindelte. So stark war das Verlangen, diesen Journalisten, wenn er wirklich Stefenson war, als Stefenson zu entlarven.

»Allerdings«, entgegnete ich meiner Nachbarin, »Stefensons Tochter heißt Luise. Das Kind hängt sehr am Vater und er an ihr. Er wollte sie durchaus mit auf die Reise nehmen, aber das gaben wir anderen nicht zu. Und es war auch sehr gut; denn das Kind ist nicht wohl.«

»Wieso nicht wohl?« fragte Mister Brown, und das in einer solch erschreckten Weise, dass ich jetzt meiner Sache völlig sicher war.

»Ah, so – so ...«, entgegnete ich gleichmütig, »bei Kindern findet sich leicht mal etwas; das ist nicht so tragisch zu nehmen.«

»Ich finde«, sagte Mister Brown scharf, »wenn ein Mann, wie Stefenson, ein einziges Kind hat, ist es Pflicht, ihm sofort telegraphisch Mitteilung zu machen, wenn dieses Kind ernstlich erkrankt.«

»Von ernstlicher Erkrankung habe ich nicht gesprochen«, entgegnete ich ruhig, und diese Bemerkung war auch sehr angebracht; denn im selben Augenblick stürmte die kleine Luise mit zwei Bauernbengeln unter großem Hallo aus dem nahen Walde. Das Mädel hat sich bei uns inzwischen völlig eingerichtet, und von Schüchternheit ist gar keine Rede mehr. Jetzt kam sie auf mich zugestürmt.

»Ach, Onkel – ich wusste gar nicht, dass du hier oben bist. Wir spielen gerade Haschen.«

Anneliese liebkoste das Kind, und Eva Bunkert kniff es in die Wangen, dass es quiekte. Aufmerksam betrachtete Eva die Züge Luisens.

»Von ihrem Vater hat sie gar nichts«, sagte sie, »sie muss ganz nach der Mutter sein.«

»Im Gegenteil«, entgegnete ich, »das Kind ist das ganze Abbild des Vaters.«

»Dann habe ich auf ihn vergessen«, sagte Eva mit fast trauriger Stimme.

Mister Brown atmete schwer. Ein so schwefelgelb giftiger Blick schoss um den Buchenstamm herum auf mich zu, dass ich meiner Sache immer gewisser wurde. Und was hatte dieser Journalist gesagt? Er habe es sehr eilig, nur eine Viertelstunde Zeit zum Besuch. Jetzt war er schon über zwei Stunden da, und es wurde Abend. Wahrscheinlich würde dieser »Mister Brown« plötzlich entdecken, dass er Zeit habe, einen ganzen Monat bei uns zu verweilen. Nun wandte er sich Luise zu. Aber es kam nicht so, wie ich dachte. Mister Brown legte ohne jede wärmere Gefühlsbewegung dem Kinde die Hand auf den Kopf und sagte mit der üblichen Kinderfreundlichkeit:

»Luise, ich kenne deinen Papa. Ich fahre wieder zu ihm, ich werde ihm von dir erzählen. Bist du sehr krank gewesen?«

»Pappa soll bald wiederkommen«, antwortete die Kleine.

»Ja, ja! Aber ich frage, ob du sehr krank gewesen bist?«

»Wieso? Ich bin nie krank!«

»Aber hast wohl müssen im Bettchen liegen oder im Zimmer bleiben?«

»Nein, ich bin alle Tage draußen herumgerannt; ich war gar nicht eine einzige Stunde krank.«

»Hm!«

Mister Brown grunzte voll Behagens, und ich fühlte mich in der Rolle des blamierten Europäers nicht recht wohl. So mahnte ich zum Aufbruch. Die Mädchen schlenderten mit dem Kinde voraus, und ich folgte mit Mister Brown in einiger Entfernung. Jetzt wollte ich dem Fuchs an den Kragen.

»Ich finde eine merkwürdige Ähnlichkeit zwischen Ihnen, Mister Brown, und meinem Freunde Stefenson. Sie haben dieselben Augen, dieselbe Nase, dasselbe Kinn und dieselbe Sprache, ja sogar dieselbe Art, sich zu räuspern. Ist das nicht merkwürdig?«

»Sehr merkwürdig!« entgegnete Brown. »Ein Schnorrer drüben hat mir mal gesagt, ich sähe Kaiser Wilhelm ähnlich. Dem habe ich es noch halb und halb geglaubt und ihm fünf Prozent dessen geschenkt, um was er mich anpumpen wollte, aber eine Ähnlichkeit zwischen mir und Stefenson hat noch niemand herausgefunden. Ich bin Ihnen übrigens für die gute Absicht, mir etwas Angenehmes sagen zu wollen, sehr verbunden.«

Er schaute mich an, und ich blickte in ein stockfremdes Gesicht. Auch glaubte ich trotz des Abenddämmerns genau feststellen zu können, dass dieser Bart nicht angeklebt, dass diese Haare keine Perücke seien. So wurde ich an meiner Entdeckung irre, und da ich einen zweiten Hineinfall nicht erleben wollte, sagte ich: »Gott, man kann sich täuschen!« Da blieb er stehen, sah mich an und sagte:

»Sie haben mich wohl gar für Stefenson selbst gehalten, der Ihnen in einer Ferienmaske was vormimt? Dem alten Knaben wäre ein solcher Streich zuzumuten, he?«

»Aber nein – aber nein! So ähnlich sind Sie ihm nun doch nicht.«

»Nun, möglich ist alles auf der Welt. Hauptsächlich bei Ferien vom Ich!« sagte Brown vergnügt.

Und er lachte. Es war ein fremdes Lachen.

Unterwegs begegnete uns ein Telegraphenbote. Er überreichte mir ein Kabeltelegramm, das aus Milwaukee kam und lautete:

»Verbindung mit X-Bankverein gelöst; weitere Zahlungen durch Dresdner Bank. Stefenson.«

Die Verhandlungen, von dem Bankverein, mit dem wir bis jetzt gearbeitet hatten, zur Dresdner Bank überzugehen, schwebten schon einige Zeit, und dieses Telegramm belehrte mich nun, dass Stefenson in Milwaukee und nicht in Waltersburg war. Meine Phantasie hatte mir wieder einmal einen Streich gespielt ...

Während ich den Telegraphenboten abfertigte und das Telegramm las, war Mister Brown den Mädchen nachgegangen, hatte die kleine Luise an den Händen gefasst und tanzte mit ihr »Ringel-Ringel-Reihen«. Die lange Schlottergestalt nahm sich dabei merkwürdig genug aus, das Kind jauchzte, kam fast außer Atem, schlug zum Schluss entzückt in die Händchen und sagte:

»Er tanzt genau so schön wie Pappa!«

»Alle Amerikaner tanzen so schön, mein Mäuschen«, sagte Brown und küsste das Kind auf die Stirn. Dann zog er die Uhr und sagte:

»Der Zug, mit dem ich zurückfahren wollte, ist ja nun längst fort. Sie waren so liebenswürdig, mich sehr lange dazubehalten. Den nächsten Zug aber darf ich nicht versäumen. Ich muss morgen in Berlin und übermorgen in Hamburg sein. Mein diesmaliges europäisches Gastspiel ist aus.«

»Sie haben nur den kleinsten Teil unserer Siedelung gesehen, Mister Brown.«

»Oh – ich habe genug gesehen. Den Geist – den Kern! Ich bitte Sie, mir Ihren ausführlichen Prospekt mitzugeben. Daraus werde ich mich informieren, und Sie werden sehen, dass ich am treffendsten das kritisieren werde, was ich nicht gesehen habe.«

Am Rathausplatz trennte er sich von uns. Ein Angestellter geleitete ihn zur Pforte, wo sein Wagen hielt. Eva Bunkert sah ihm lange nach.

»Es ist merkwürdig«, sagte sie; »er hat mich ungeheuer an Stefenson erinnert.«

»O nein«, meinte die kleine harmlose Anneliese, »Mister Stefenson ist doch ganz anders, viel jünger und auch viel hübscher.«

»Trotzdem! Was meinen Sie, Doktor?«

Ich zuckte die Achseln.

»Die Amerikaner haben alle dieselbe Art, sich zu geben.«

»Das trifft es nicht«, sagte Eva nachdenklich. Und auch ich geriet wieder ins Grübeln.

»Ich glaube, es ist immer etwas unheimlich, wenn man nicht weiß, mit wem man spricht. Aber das wird ja in Ihrem Heim immer so sein, die Leute werden nie wissen, mit wem sie sprechen. Werden sie da nicht vorsichtig, ängstlich, unsicher werden?«

»Gewiss nicht. Gesetzt den Fall, dieser Mister Brown sei der verkappte Mister Stefenson gewesen, wie es ja tatsächlich den Anschein hatte ...«

»Um Gottes willen, Sie glauben das doch nicht etwa?« rief Eva erschreckt. »Und ich hätte dann so – so – von Stefenson gesprochen ...«

»Aber nein! Stefenson ist in Milwaukee. Hier ist ein Telegramm, das er heute früh dort an mich aufgab.«

»Gott sei Dank!«

»Ich wollte nur unsere Idee des Unerkanntseins in unserem Ferienheim verteidigen. Sehen Sie, wenn Mister Brown der maskierte Stefenson gewesen wäre, wäre die Partie unehrlich gewesen. Wir hätten ihn nicht erkannt, wohl aber er uns. In unserem Heim wird das ganz anders sein. Keiner wird den andern kennen. Da wird keine Befangenheit, keine Ängstlichkeit, sondern ein Mut zur Offenherzigkeit sein, der unerhört ist in der Welt. Die Menschen werden Wahrheiten hören, die sie niemals vernähmen, wenn sie ihren Namen und Stand sagten, sie werden aber auch ihre Meinung sagen dürfen in einer Weise, die niemals möglich wäre, wenn sie ihre wirkliche Persönlichkeit dafür einsetzen müssten.«

»Ach ja«, seufzte Eva Bunkert, »die gröbsten und rücksichtslosesten Rezensenten sind die anonymen oder pseudonymen.«

»Der Friede dieses Ortes wird alle Schärfe mildern, wird aus der Rücksichtslosigkeit wohltuende Offenheit, aus ätzender Grobheit klare Wahrheit werden lassen.«

»Sie meinen es gut mit den Menschen«, sagte gerührt die kleine Anneliese und sah mich mit ihren großen, braunen Augen dankbar an.

Ich aber – ich weiß nicht warum – schaute nach der schönen Blonden hin. Ich glaube, ich erwartete eine neue Bemerkung von ihr. Aber sie schwieg.

Die Mädchen blieben im Forellenhofe.

Ich habe vor Monatsfrist im Rathaus Quartier bezogen. Lange schaute ich auf den Lindenplatz hinab. Der Mondschein spielte um den alten Baum. Ich dachte an vielerlei, viel an Eva Bunkert, aber noch mehr grübelte ich über der Frage: War er's? War er's nicht?

Am übernächsten Morgen erhielt ich zwei Briefe, die ganz dieselbe Handschrift aufwiesen. Der eine Brief war von Stefenson und kam aus Milwaukee; er enthielt allerhand geschäftliche Weisungen sowie die Mitteilung, dass er, Stefenson, wahrscheinlich erst im Sommer nach Europa zurückkehren könne. Der andere Brief war von Mister Brown, trug den Poststempel Hamburg und meldete, dass der Journalist im Begriff stehe, nach Amerika zurückzukehren, sich noch einmal für die freundliche Aufnahme bedanke und inzwischen unseren Prospekt mit Interesse gelesen habe.

Ich verglich die beiden Briefe wieder und wieder. Die Schriftzeichen glichen sich außerordentlich. Hätte man je einen der großen geschwungenen Buchstaben aus den Briefen ausgeschnitten, man hätte eine Kongruenz feststellen können.

Da sagte ich, der Erfinder der Idee von den Ferien vom Ich, zu mir selbst:

»Ach, es ist doch gut, wenn man weiß, mit wem man es zu tun hat!«

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.