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Ferien vom Ich

Paul Keller: Ferien vom Ich - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Keller
titleFerien vom Ich
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
year1916
correctorreuters@abc.de
sendergebler.dresden@yahoo.de
created20140918
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Bauernanwerbung

In S. mieteten wir einen Wagen und ein Pferd und machten ein paar ergebnislose Besuche auf den umliegenden Dörfern. Wie die Werber für eine Freiwilligenlegion kamen wir uns vor. Auf der Landstraße trafen wir aber eines Tages ein Bäuerlein, das in einem großen bunten Taschentuch allerhand Waren eingepackt trug, die es wohl auf dem Markte erstanden hatte.

Ich schaute den Bauern prüfend an. Er hatte ein offenes, nicht unkluges Gesicht. Und der Mann ging zu Fuß und trug sein kleines Paket. Das war einer für uns. An die reichen schlesischen Bauern konnten wir uns nicht wenden, die hätten uns ausgelacht mit unserem Pachtangebote. Kleine Landwirte mussten es sein, die auf ihrer engen Scholle ein kümmerliches Leben führten und froh waren, in eine gute Pachtung zu kommen.

Stefenson hielt das Pferd an.

»Wollen Sie mitfahren?«

»Nee!« antwortete der Bauer.

»Warum denn nicht?«

Das Bäuerlein wies auf unseren lahmen Mietsgaul.

»Der Schimmel zieht mich nich; ich wieg' 'n Zentner!«

»Sie haben wohl schönere Pferde?«

»Nee, ich hab bloß drei Zugkühe. Aber su schnell wie der Schimmel traben se ooch.«

»Hören Sie mal, Gevatter«, sagte ich, »Sie foppen uns. Das Pferd hat viel Geld gekostet.«

Er meckerte.

»Na, da musst ihr schöne tumme Kerle sein.«

Lachend ging er neben unserem Wagen her, und wir fragten ihn ein wenig über die Gegend aus. Bald kam ein Straßengasthaus, und ich lud den Bauern ein, mit uns einzukehren und ein Glas mit uns zu trinken.

»Nu«, sagte er, »das kann ich schon. Aber ich sag's Ihn' gleich ehrlich: zu holen is bei mir nischt. Würfeln tu ich nich, und billig zu verkoofen hab ich ooch nischt! Keene Kuh, kee Schwein, kee Getreide und ooch keene alten Schränke und zinnernen Teller.«

»Warum vermuten Sie denn, dass wir Ihnen was abschachern wollen?«

»Ja, da müsst man doch euch Stadtjuden nich kenn'. Umsunst gebt ihr doch eenem fremden Bauer keen Schnaps zum besten.«

»Da haben Sie ganz recht«, sagte Stefenson; »wir wollen etwas von Ihnen. Wir wollen alles von Ihnen: Ihre Wirtschaft, Ihre Kühe, Schweine und Hühner und sogar Sie selber und Ihre Frau und Ihre Kinder.«

Der Bauer brach in helles Gelächter aus.

»Hatt' ich mir's doch gleich gedacht, dass Sie der Menschenfresser sind.«

»Also den nehmen wir bestimmt!« sagte Stefenson zu mir, wie wenn eine Ware zum Verkauf stände.

»Mich nehmen Sie?« vergnügte sich der Bauer. »Sie sein ja der ulkigste Kerle von der Welt.«

Stefenson zog die Stirne kraus. Drinnen setzte er sich dem Bäuerlein an dem rohen Tisch der Schankstube gegenüber, nahm ein Notizbuch heraus und sagte:

»Wie heißen Sie?«

»Ich? – Mit'm Familiennam' su wie mei Vater und mit'm Vornamen wie Napoleon.«

»Mensch, wie heißen Sie! Ich muss das wissen. Es handelt sich um eine Angelegenheit, die für Sie wichtiger ist als für uns. Sie werden schon alles erfahren. Also, wie heißen Sie?«

»Wie heißen Sie denn?« fragte der Bauer zurück. Stefenson wurde ungeduldig.

»Wenn Sie es denn wissen müssen – ich bin Mister Stefenson aus Amerika, ein sehr reicher Mann.«

»Da könn' Se lachen! Deswegen haben Se wahrscheinlich ooch so'n scheenes Pferd.«

»Dummer Kerl!« sagte Stefenson verdrossen und stand auf.

Der Bauer lachte.

»Nu hat a sich erst richtig vorgestellt, und nu steht er auf.«

Es war Zeit, dass ich mich ins Mittel legte. Der Mann musste wissen, um was es sich handelte, sonst war mit ihm nicht zu reden. Freilich war es nicht leicht, so einer naiven Haut die Idee von den Ferien vom Ich klarzumachen. Ich versuchte das auf folgende Weise:

»He, lieber Freund, haben Sie schon irgendmal einen Städter kennengelernt, der richtig arbeitet?«

»Nee. Die Städter sein olles faule Luder. Se könn' Heringe oder Leinwand oder Pillen verkoofen oder in a Stuben sitzen und kritzeln, aber arbeiten könn' se nicht. Se schlafen ja olle bis um sieben.«

»Da haben Sie recht. Und glauben Sie, dass so ein Leben, wie es die Städter führen, gesund ist?«

»Miserablig ungesund is es! Se sehn ju olle aus wie Quargschnitten, und Kräfte ham se nich die Spur. Se verfauln reeneweg.«

»Bravo! Was Arbeit ist und was Gesundheit ist, weiß nur der Bauer. Nun wissen Sie aber, es gibt Badeorte, Kuranstalten.«

»Jawohl. Da gehn die allerfaulsten Ludersch hin; die Kranken pflegen sich lieber zu Hause.«

»Schön. Sie sind ein heller Kopf. Sie begreifen mich vollständig. Wenn man nun aber einen Kurort machte, wo keine feinen Villen und Hotels sind, nein, wo lauter Bauernhöfe wären und wo die Städter, die eine Kur machen wollen, mal auf dem Hofe oder auf dem Felde feste zugreifen und arbeiten müssten, das würde doch den Schlingeln gesund sein – nicht wahr?«

»Gesund schon! Aber das faule Kroppzeug wird sich schön hüten und arbeiten. Wenn se aufs Dorf komm'n, saufen se einem bloß die gute Milch weg und fressen die scheensten Birn' von a Bäumen. Sonst tun se nischt.«

»Doch, doch, Herr Nachbar! Es wird schon Leute geben, die das Leben in der Stadt mal satt haben und durch die Arbeit auf dem Felde gesünder werden wollen. Das ist eine gute Idee, die hat ein Doktor ausgeknobelt.«

»Die Doktors verstehn alle nischt, die Schäfer sind klüger.«

»Das mag wohl sein; aber der Doktor, der das ausgeknobelt hat, der versteht schon seine Sache. Sehn Sie, kurz heraus: es soll eine Kuranstalt gemacht werden, die hat vierzig Bauernhöfe, und auf allen Höfen sollen die Kurgäste arbeiten. Und der Mann, der jene Anstalt gründet, ist eben jener Herr dort.«

»Der? – Vierzig Bauernhöfe? – Se sind wohl nicht recht bei sich?«

»Doch – doch – ich werd' Sie doch nicht belügen.«

»Wie heißt er? Mister? Mister – Ausmister!«

Er lachte über seinen Witz.

»Mister bedeutet ›Herr‹. Weil er eben ein Amerikaner ist.«

Da erhob sich der Bauer. Er rief Stefenson an, der an einem anderen Tisch der kleinen Luise eine Schinkenstulle zerteilte.

»Sie, Herr Mister, komm'n Se mal her! Zeigen Se mal Ihr Portemonnaie!«

Ich zwinkerte Stefenson zu, den Wunsch zu erfüllen. Stefenson warf schweigend seine dicke Brieftasche auf den Tisch.

»Bitte!« sagte er phlegmatisch.

Der Bauer rührte sich nicht.

»Na, nu kucken Sie mal nach, was drin ist!« ermunterte ich ihn.

»Ich werd' mich schön hüten; nachher sagen Se, es fehlt was!«

Misstrauisch wie ein alter Fuchs vor der Falle, so saß der Bauer vor der Brieftasche. Da schlug ich die Tasche auf und entnahm ihr blaue und braune Schätze. Der Bauer schaute wie in ein Wunderland von Reichtum. Aber er rückte beiseite.

»Wenn Se su reiche Herr'n sind, warum setzen Se sich da zu mir armen Schlucker? Zum Ausstoppen bin ich mir viel zu schade.«

Ich gab die Brieftasche an Stefenson zurück und redete dem neuen Freunde gut zu. Ich erklärte ihm genau, was wir mit ihm vorhätten, wie er als Pächter auf einen unserer Höfe ziehen solle, wie wir ihm die günstigsten Bedingungen einräumen und ihm seine eigene Wirtschaft zu gutem Preise abkaufen würden, falls er sie nicht anderweit günstig los würde. Wie ein König solle er auf seinem Gute hausen. Die Kurgäste sollten unter seiner Leitung arbeiten und sich an seiner guten Laune erfreuen. Ich kriegte heraus, dass der Bauer Emil Barthel hieß, noch nicht ganz fünfzig Jahre alt war, ein gesundes Eheweib, namens Susanne, sowie zwei kräftige Söhne und zwei Töchter besaß, dass von den vier Kindern aber drei auswärts in Dienst standen, da er sie auf seiner kleinen Wirtschaft nicht beschäftigen und ernähren konnte.

»Na, sehen Sie, Barthel, es wäre doch schön, wenn Sie alle Ihre Kinder bei sich haben und ganz für sich arbeiten könnten. Da wäre doch auch was zurückzulegen.«

Er saß nachdenklich da.

»Stoppen Se mich wirklich nich aus?«

»Ich denke nicht daran.«

»Wie kommen Se denn gerade auf mich?«

»Na, wir haben Sie eben getroffen, und Sie gefallen uns.«

»Dabei bin ich doch dem Herrn Mister grob gekommen.«

»Das schadet nichts. Den Kurgästen werden Sie auch manchmal grob kommen müssen. Das gehört zur Kur.«

»Sind Sie auch so eener, der dort Bauer wird?«

»Nein, ich bin der Doktor, der alles ausgetiftelt hat.«

»'n Doktor sind Se? So sehn Se aber nich aus!«

»Hm! Nun, so ein Doktor wie die andern bin ich auch nicht. Mehr so 'n halber Schäfer.«

»Oh, das wär nich schlecht! Aber ich glaub's nich; ich kann's nich glauben!«

Ich zog einen Umschlag mit Photographien aus der Tasche.

»Jetzt werd' ich Ihnen mal Bilder von unseren Höfen zeigen. Da – das ist ein Wohnhaus.«

»Das? – Das is ja 'n Schloss!«

»Ja, wir haben schöne Wohnhäuser. Sie sollen ja mit Ihrer Familie nicht allein in dem Hause wohnen; es sollen ja auch noch zwanzig Kurgäste drin Platz haben.«

»Dunnerwetter!«

»Und das ist die große Wohnstube, und so sieht der Kuhstall aus und so die Scheuer.«

Er atmete schwer.

»Wie groß ist denn die Wirtschaft?«

»Hundert Morgen.«

Da verdüsterte sich seine Stirn.

»Warum halten Sie mich denn zum Affen? So 'ne große Sache kann ich doch nich pachten; da gehört doch Geld dazu.«

»Gar kein Geld! Nur, dass Sie fleißig sind und alles gut in Ordnung halten. Wir werden ebenso auf unsere Rechnung kommen wie Sie; denn, sehen Sie, die Äcker rentieren sich doch, und was die Wirtschaft nicht bringt, bringen die Kurgäste.«

»Nu ja, die werd'n ja überall behumpst.«

Der Mann betrachtete mich wie einen Zauberer, der Märchendinge vor ihm ausbreitete. Zuletzt erklärte er sich bereit, mit uns nach seinem Dorfe zu fahren und mit seiner Susanne Rücksprache zu nehmen.

Unterwegs sprach ich noch viel auf Emil Barthel ein. Er antwortete fast nicht mehr. Vor seiner kleinen Wirtschaft hielten wir. Das Wohnhaus hatte nur ein Erdgeschoß mit hohem Dach; Stall und Scheuer waren klein, aber es war ein Blumengärtlein vor dem Hause und alles sauber und freundlich. Ein behäbiges Weib in blauer Schürze trat vor die Tür, als Barthel vom Wagen kletterte:

»Nee, Emil«, sagte sie, »da haste nu sugar Fuhrgelegenheit gehabt und kummst su spät! Dabei sull a de Medizin fürs kranke Mädel hol'n.«

»Mutter«, meinte Emil, »wenn du mit sulchen Kerlen fährst, bleibste kleben. Sieh dir bluß den Schimmel an; der hat zwee eingeleimte Hulzbeene. Aber 's sind amerikanische Millionäre, die haben vierzig Pauergüter und lauter Schlösser.«

Susanne lachte gutmütig.

»A hat een' sitzen«, meinte sie. »Na, kumm ock rein!«

»Frau Barthel«, rief ich ihr zu, »Ihr Mann wird Ihnen viel zu erzählen haben. Glauben Sie nur, es ist kein Spaß, es ist Ernst. Wir fahren jetzt ins Gasthaus, und in etwa zwei Stunden werden wir mal zu Ihnen kommen. Wir müssen mit Ihnen ein ernstes Wort reden, und es wird Sie nicht reuen.«

Die Frau schüttelte verwundert den Kopf; ihr Gatte Emil aber tippte erst ihr, dann sich an den Kopf, nahm sie am Arme und zog sie ins Haus.

Im Dorfgasthause wurde uns ein schlichtes, aber schmackhaftes Mittagsmahl bereitet, und nach einiger Zeit brachen wir auf zu einem Besuch bei Emil Barthel.

»Nee, komm'n Se wirklich?« fragte er; »ich hatte gedacht, 's wär alles bloß Ulk.«

Die Stube war niedrig, aber sauber, und über den Tisch war ein großes buntes Tuch gebreitet. Emil Barthel bewirtete uns. Er bot uns in einer Papiertüte Zigarren an, von denen ich vermutete, dass sie aus dem Dorfkramladen zu fünf Pfennig das Stück gekauft seien. Mit Schadenfreude sah ich zu, wie Stefenson, der von früh bis in die Nacht eine Havanna nach der andern schmauchte, sich mit Todesverachtung an dieses Rauchzeug heranmachte.

»Nun, mein lieber Barthel, möchte ich zunächst etwas feststellen: es handelt sich in unserer Angelegenheit weder um einen Spaß, zu dem wir uns wahrhaftig nicht so viel Zeit nehmen würden, noch um einen Betrug.«

»Also ist es tatsächlich wahr?« sagte Barthel und trommelte auf den Tisch. Sein Gesicht wurde ernst, und er holte aus zu einer Rede:

»Sehn Sie, meine Herr'n, wenn Se nu wirklich so was Komisches vorhaben – man kann ja nie wissen, was den Stadtleuten einfällt – nu, so muss ich Ihn'n ehrlich sagen: das Ding gefällt mir nich. Denn warum! Die Stadtleute werd'n nich kommen. Die sind viel zu faul. Wenn se ins Bad machen woll'n – woll'n se sich amüsieren. Da woll'n se doch nich Kühe melken und ackern. Meine Herr'n, Se haben keene Ahnung, was das für schwere Arbeit is. Vor solcher Arbeit haben sich die Stadtleute immer gedrückt. Aber gesetzt den Fall, se kämen doch – da wär's noch viel schlechter. Denn warum? Die Stadtleute verstehen nischt. Denken Se, dass die mir auf dem Hofe was helfen könnten? Die gragelten mir doch bloß im Wege 'rum. Die quatschten und quasselten doch bloß.«

»Die fielen einem ja in die Puttermilch!« lachte Frau Susanne.

»Die täten ja alles bloß mit Glacéhandschuh'n machen woll'n«, ergänzte der Mann.

»Donner!« schrie da Stefenson jähzornig und hieb die Faust auf den Tisch, dass aus seiner Fünfpfennigdampfrolle ein Feuerwerk stiebte, »nun ist's aber genug. Wer nicht will, will nicht! Haben Sie das Risiko zu tragen? Müssen Sie sich unsere Köpfe zerbrechen, ob unsere Gründung eine Pleite ist oder nicht? Haben Sie nicht bloß zu gewinnen? Das allerbeste ist ...«

»Das allerbeste is, Se gehn wieder!« sagte Barthel seelenruhig. Und nun wären wirklich all unsere Beziehungen zu dem Hause Barthel abgebrochen worden, wenn es nicht im selben Augenblick an die Tür geklopft hätte und zwei Damen über die Schwelle getreten wären. Eine kleine zartgliedrige Braune und eine große Blondine, beide mit feinen Gesichtern, so gut man das in dem Dämmerlichte der niederen Bauernstube feststellen konnte. Die Kleinere sagte, dass sie von der Erkrankung des Barthelschen Kindes gehört habe und mal nachfragen wolle; sie sehe aber, dass gerade Besuch da sei, und wolle nicht stören.

Ach, erwiderte die Frau, von Störung sei keine Rede; denn das seien zwei ganz fremde Herren, mit denen sie weiter nichts Ernsthaftes zu besprechen hätten und die auch gleich gingen. Trotzdem fühlte sich die gute Mutter Barthel bemüßigt, uns die kleine Sprecherin vorzustellen. »Das ist nämlich unsere Lehrerin, Fräulein Annelies von Grill.«

Anneliese von Grill! Ein prüfender Blick in die großen braunen Augen, und ich hatte die Identität mit dem kleinen Majorstöchterlein festgestellt, das manchmal in Waltersburg zu Besuch gewesen war und das ich – da ich acht Jahre älter war – immer etwas onkelhaft begönnert hatte. Nun stand ich ihr lachend gegenüber und fragte sie, ob sie nicht mehr wisse, wer ich sei. Da erkannte sie auch mich, und es gab ein fröhliches Wiedersehen und große Verwunderung über die Umstände, unter denen es geschah. Ihre Lebensgeschichte war kurz: der Vater früh gestorben, die Mutter auf eine kleine Pension angewiesen und knapp imstande, aus ihr eine Lehrerin zu machen, die nun vertretungsweise in diesem Dorfe angestellt war.

Auf einmal fragte die sehr wohllautende Altstimme der Blondine:

»Das ist doch nicht etwa der Doktor von dem Waltersburger Sanatorium Ferien vom Ich?«

»Allerdings, meine Gnädigste, dieser Doktor bin ich.«

Das Mädchen brach in klingendes, lautes Gelächter aus.

»Also, das sag ich Ihnen, wenn mir die Wahl gelassen worden wäre, wen ich sehen wolle, Sie oder den Kaiser von Hinterindien in all seiner Pracht und Herrlichkeit – ich hätte mich für Sie entschieden.«

»Ich freue mich, dass ich Ihnen so interessant bin«, sagte ich.

»Oh, interessant ist gar kein Ausdruck. Wir stehen Kopf über Sie! Jetzt fehlte bloß noch, dass jener Herr dort der Mister Stefenson aus Amerika wäre.«

»Das ist er!« mischte sich Emil Barthel ein, »es ist der Herr Mister aus Amerika.«

Stefenson verneigte sich phlegmatisch.

»Also, Herrschaften, dann müssen Sie schon erlauben, dass wir uns etwas zusammensetzen und diese kostbare Begegnung genießen.«

Dieses Mädchen hatte einen burschikosen Ton an sich, und ich bat Anneliese von Grill, uns zunächst mal mit ihr bekannt zu machen. Die Blonde stellte sich aber selbst vor.

»Ich bin eine nach meiner eigenen Meinung außerordentlich begabte Opernsängerin ohne Engagement, gegenwärtig zu Besuch bei meiner Freundin Anneliese, um in der paradiesischen Einsamkeit dieses winterlichen Dorfes Ferien vom Ich zu machen. Mit Künstlernamen bin ich Irmingard Schwarzeneck genannt, bürgerlich höre ich auf den Namen Eva Bunkert und bin die Tochter des Baumeisters August Bunkert in Neustadt.«

Wir sahen der Tochter unseres grimmigsten Konkurrenten aus der feindlichen Nachbarstadt verdutzt in das strahlende Gesicht, und das Mädchen brach wieder in fröhliches Lachen aus.

»Es scheint, dass wir Sie sehr belustigen, mein gnädiges Fräulein.«

»Außerordentlich! Ist es nicht immer lustig, wenn Waltersburg und Neustadt aufeinanderplatzen?«

Wir nahmen Platz und saßen alle um den runden Bauerntisch. Emil Barthel sagte:

»Siehste Mutter, du hast gesagt, es sind Schwinler, und ich hab gesagt, höchstwahrscheinlich, aber man kann ja nich wissen, und da hab ich wieder mal recht gehabt.«

»Und nun, Herrschaften«, rief Fräulein Bunkert, »es mag so indiskret sein, wie es wolle, ich muss wissen, was Sie hier bei Vater und Mutter Barthel zu tun haben; ich sterbe sonst vor Neugier.«

Und Stefenson – ach, Stefenson betrachtete das Mädchen mit unverhohlenem Wohlgefallen. Er sagte mir hinterher, sie sei »sein Typ«. Groß, schlank, blond, übermütig. Da gehe er halt auch mal aus sich 'raus.

Er ging sehr aus sich heraus. Diese Eva Bunkert war eine Eva in des Wortes wahrster Bedeutung, mit allen Künsten, Listen und Teufeleien des Weibervolks ausgestattet. Sie machte die tollsten Anstürme auf den biederen Stefenson. Damals, sagte sie, als er die Neustädter mit den Zeitungsartikeln hineingelegt habe, habe sie auf die Gefahr hin, in ihrer Vaterstadt gelyncht zu werden, gesagt: dieser Mann sei zum Küssen. (Bei diesen Worten schlug Stefenson die Augen nieder und zog seinen dünnen Mund gewaltig in die Breite.) Dass er, Stefenson, in einer so öden Spießergegend, wie Waltersburg und Neustadt, einen so grandiosen Ulk wie dieses Ferienheim inszeniere, sei vielleicht der beste Witz der Weltgeschichte. Sie denke sich unser Heim als eine immerwährende Maskerade, als einen Bauernball ohne Ende, als einen Fasching ad infinitum.

Und diese schweren Beleidigungen unserer großen erhabenen Idee ließ Stefenson über sich ergehen, zuckte kaum manchmal die Schultern, und er lächelte ... der Verräter.

»Meine Gnädige«, warf ich dazwischen, »Sie dürften über unser Ferienheim denn doch nicht genug informiert sein. Wir meinen es ernst.«

»Ja, gerade, dass Sie es ernst meinen, ist ja das Gute«, erwiderte sie. »Ein Witz, der nicht ernst gemeint ist, ist gar kein Witz.«

»Das ist eine sehr kluge Sentenz«, stimmte der verräterische Stefenson bei. Ich war empört. So ein Mann, der pfiffiger war als der Pfiffigste, blieb an der Leimrute eines blonden Zopfes sofort kleben. Als der Herrgott das Weib erschuf, hat sich der Teufel sicher gefreut.

Aber neben mir die kleine braune Anneliese gefiel mir doch sehr gut. Sie war freundlich, es lag viel Güte auf ihrem Gesicht, und es blinkerte auch in ihren großen Augen das schöne Lichtlein harmlosen Schalks. Während Stefenson und Eva Bunkert eine lärmende, von vielem Gelächter unterbrochene Unterhaltung führten, sprach ich leise mit Anneliese von ihrem und meinem Leben, und es kam ein stilles Behagen über mich in der schlichten Bauernstube.

»Sie meinen es wohl gut mit diesem Ehepaare Barthel?« fragte ich.

»Es sind sehr ehrliche und auch ganz lustige Leute.«

»Glauben Sie, dass es recht wäre, wenn wir sie für uns gewinnen?«

»Ich werde ihnen gut zureden, dass sie Ihr Angebot annehmen. Es wird gewiss beide Teile nicht reuen.«

»Ich danke Ihnen!«

»Also, hören Sie, Herr Mister Barthel«, lachte unterdes Eva Bunkert; »wenn Sie das Angebot von Mister Stefenson abweisen wollten, wären Sie, mit Respekt gesagt, ein Riesenochse. So ein Glück schneit Ihnen nie wieder ins Haus.«

Emil Barthel zuckte verlegen die Schultern.

»Ich möcht ja; aber die Mutter sagt ...«

»Gar nischt sagt sie«, fuhr Frau Barthel dazwischen, »aber er – er hat die Herren, ehe die Fräuleins kamen, direkt 'rausschmeißen wollen.«

Emil Barthel schwur, dass das nie in seiner Absicht gelegen habe, und es gab einen ehelichen Streit.

Mitten in den Auseinandersetzungen erschien ein altes Weib.

»Jees, jees«, jammerte es, »die Emma hat su viel Hitze und klagt immer mehr über a Hals.«

Emma war die zwölfjährige Tochter Barthels. Ich erfuhr, dass das Kind über Halsschmerzen geklagt habe, und der Schäfer, ein heilkundiger Mann, Hoffmannstropfen, Heringslauge und Speckpflaster verordnet hatte. Die Hoffmannstropfen hatte Barthel heute aus der Stadt geholt.

»Ich bitte Sie, sehen Sie mal nach dem Kinde«, bat mich Anneliese, »es sind bereits drei Diphtheriefälle im Dorfe vorgekommen, und einen Arzt haben wir hier nicht.«

So ging ich mit ihr und den Barthelleuten nach einem Oberstüblein, wo das Kind in hohem Fieber lag.

Diphtherie! Keine Zeit mehr zu verlieren. Ich gab ein paar vorläufige Verhaltungsmaßregeln und schrieb einige Worte an einen Kollegen im nächsten Orte, da ich die Behandlung ja nicht selbst übernehmen konnte. Ein Radler fuhr mit der Botschaft los. Das Mädel ist dann auch gerettet worden, und Barthel hat nachträglich drei Mark Strafe zahlen müssen, weil er dem Schäfer, der die Heringslauge und das Speckpflaster verordnete, einige Ohrfeigen als Honorar ausgezahlt hat.

Als wir damals nach der Barthelschen Wohnstube zurückkehrten, fanden wir Stefenson und die schöne Eva in angeregtester Unterhaltung. Für das erkrankte Kind hatte sie einige bedauernde Worte, dann lachte sie schon wieder.

Eva hatte mit Stefenson verabredet, dass sie mit Anneliese gleich nach der Eröffnung unserer Kuranstalt im Mai als Feriengast bei uns einziehen wollte. Annelieses vertretungsweise Schulmeisterei, sagte sie, gehe bloß bis ersten April, und dass sie selbst kein Engagement an einer Oper kriege, sei vorläufig sicher, also könnten sie beide kommen.

»Und Ihr Vater?« fragte ich.

»Ach, mein Vater darf natürlich davon nichts wissen, der ist ja wütend auf Sie. Dem schicke ich durch Mittelspersonen Briefe von irgendwoher, dass er meint, ich sei wer weiß wo. Und bei Ihnen werde ich die Grünzeugfrau Emilie Knautschke sein.«

Ich beschloss, dieses Mädchen, das in die ernste Männerfreundschaft zwischen Stefenson und mir einen so lauten Lachton mischte und unsere große Idee zur Hanswurstiade herabstimmte, unschädlich zu machen.

Wie ich das tun sollte, wusste ich nicht.

Aber ich hatte Glück. Die Tür öffnete sich, und ein dünnes Stimmchen zirpte herein:

»Pappa, wie lange bleibst du denn? Ich muss immerfort allein in dem dummen Gasthaus sitzen.«

Luise war es, die wir im Wirtshaus zurückgelassen hatten.

Stefenson sprang auf und eilte nach der Tür.

»Kindchen, auf dich hatt' ich ja ganz vergessen. Aber geh hier hinaus! In diesem Haus ist Diphtherie.«

Er schob Luise besorgt auf die Straße. Eva Bunkerts Gesicht wurde etwas ernster.

»Ach, Herr Stefenson ist verheiratet?«

Ich war so boshaft, zweimal mit dem Kopf zu nicken.

Da räusperte sich Eva Bunkert und sagte, es sei wohl jetzt Zeit, nach Hause zu gehen.

Ich hielt sie nicht auf. Es kam zum allgemeinen Aufbruch. Draußen auf der Straße schmiegte sich die kleine Luise dicht und zärtlich an Stefenson an und schmollte mit ihrem »lieben Pappa«, der sie im Stiche gelassen hatte.

Und Stefenson, ob er auch nach Eva Bunkert hinschielte, trat nicht zu ihr und sagte vor den Ohren des Kindes: »Ich bin nicht ihr Vater!«

Nein, er hielt stand dem Vaternamen gegenüber, den er sich selbst gegeben hatte. Er verleugnete das Kind nicht. Da hatte ich ihn wieder gern.

Als wir allein waren, sagte Stefenson:

»Das hätte nun alles so gut in unser Programm gepasst, und nun ist nichts zum Abschluss gekommen.«

Ich erwiderte:

»Diese Eva Bunkert ist eine ganz gute Erscheinung; aber ich fürchte, sie würde unserer Sache schaden.«

»Schaden?« fuhr er auf. »Nützen! Glauben Sie mit Sentimentalität, alten Rückständigkeiten und mit Duckmäusertum noch was auszurichten? Glauben Sie, dass ein schönes Gesicht, eine gute Figur, ein beweglicher Geist des Deibels sind? Oh, ich sage Ihnen, wenn wir die moderne Welt und ihre Schädlichkeiten besiegen wollen, müssen wir verflucht modern sein. Mit noch so ehrwürdigen Armbrustpfeilen geht keiner mehr an gegen die Schnellfeuergeschütze der neuen Zeit.«

Wir blieben noch einen Tag in diesem Dorfe und trafen die Mädchen wieder. Beide waren gleichmäßig freundlich. Stefenson widmete sich ganz der schönen Eva und sprach mit mir oder Anneliese kaum ein Wort.

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