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Ferien vom Ich

Paul Keller: Ferien vom Ich - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Keller
titleFerien vom Ich
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
year1916
correctorreuters@abc.de
sendergebler.dresden@yahoo.de
created20140918
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Weihnachten

Stefenson ist an dem von ihm angegebenen Tage nach Hause gekommen. Auf meine Frage nach der kleinen Luise entgegnete er grob, ich solle mich nicht in seine Privatangelegenheiten mischen; hätte ich mich früher nicht um das Kind gekümmert, wo es das Mädel nötig gehabt hätte, so sei meine Anteilnahme jetzt völlig überflüssig. Das gleiche könne er auch nur mit Bezug auf meinen Bruder sagen; er hätte sich jetzt schon Vorwürfe über dessen Berufung gemacht. Da könnten bloß Schwierigkeiten entstehen.

»Mister Stefenson«, sagte ich, »Sie benehmen sich wie ein Drache, der die verwunschene Jungfrau behütet.«

»Drache hin, Drache her; ich geb' sie nicht heraus«, knurrte er.

»Das sollen Sie ja gar nicht; wir überlassen Ihnen ja das Kind.«

»Wirklich?«

»Wirklich!«

»Na, dann ist es gut!«

Stefenson hat die Waltersburger zu einem Festabend im großen Theatersaal des neuen Rathauses berufen (der Name Rathaus ist beibehalten worden, obwohl wir keinen eigenen Bürgermeister haben werden). Dieser Theatersaal ist Hals über Kopf fertiggestellt worden. Er könnte schöner sein. Aber er ist geräumig, und die Akustik ist gut. Auch ist eine hübsche Liebhaberbühne da. Sonst sieht es im Rathaus noch sehr wild aus, und es gehörte viel Tannenreisig dazu, um die unfertigen Wände, Kalkkübel und Schutthaufen zu maskieren, die in der Nähe des Treppenhauses einen unschönen Anblick bieten.

Der Lehrer Herder hat ein Melodram geschaffen. Der Mann dichtet, komponiert und malt. Über braven Dilettantismus geht es bei Herder nirgends hinaus, aber er schafft für den Hausbedarf brauchbare, gefällige Sächelchen.

Die Einladung ist wieder an alle Volkskreise ergangen nach dem Noahrezept: »Von jeder Art zwei Pärchen.« Dazu sind alle Kinder geladen, die zum großen Teil bei dem Melodram mitspielen. Die Tatsache, dass die Kleinen auf Stefensons Kosten die Gewänder geliefert erhielten, die zu ihren Rollen gehören, hat dem Spender vollends die Sympathie der Stadt verschafft.

Der Festsaal war denn auch beängstigend voll – zugleich für Joachim die große Probe, ob er erkannt werden würde oder nicht.

Er wurde nicht erkannt. Die Leute betrachteten ihn mit der Neugier, die dem überseeischen Arzt galt, von dessen Ankunft sie alsbald mit der gläubigen deutschen Ausländerverehrung gesagt hatten, nun müsse es wirklich eine gute Kuranstalt werden, da sogar ein amerikanischer Arzt mittue. Von der Zeit an schienen den Waltersburgern die Neustädter geschlagen; denn Neustadt hatte nur deutsche Ärzte.

Ich besuchte diese harmlose Weihnachtsfeier mit erregtem Herzen. Einige Tage vor dem Festabend war mir Herder begegnet und hatte mir mitgeteilt, dass nun in seinem Melodram sogar die eigene Nichte von Herrn Stefenson eine Hauptrolle übernehmen und ein kleines Liedchen singen würde. Ich verbarg mühsam meinen Schrecken.

Herder erzählte weiter:

»Ich habe mit der Kleinen – die Leute sagen, es sei die Tochter des amerikanischen Petroleumkönigs – eine Probe gemacht. Sie hat eine allerliebste Stimme, aber sie erscheint etwas schüchtern.«

Ich verabschiedete mich und ging sofort zu Mister Stefenson.

»Es ist unerhört ...«

Er wusste augenblicklich, was ich meinte.

»Gar nichts ist unerhört«, unterbrach er mich rauh. »Die Nichte von Mister Stefenson kann auftreten und singen, wo sie will. Sie muss auftreten, sie muss ihre Schüchternheit überwinden. He, Sie scheinen mir ein schöner Psychologe zu sein, wenn Sie solche Momente außer acht lassen wollen.«

Was hatte es für Zweck, sich mit diesem Manne zu zanken? Nun musste eben durchgehalten werden ...

Die Mutter saß mit Joachim, mir und Stefenson in einer Seitenloge, nahe an der Bühne. Ich sah und hörte kaum etwas von dem Melodram, von dem Gewimmel von Zwergen, Kobolden, Nussknackern, Pfefferkuchenmännlein, Tiergestalten, Besenbinderbuben und all den Mannschaften, die zum üblichen Weihnachtsstück gehören; ich wartete mit Herzklopfen auf den Weihnachtsengel, als dessen Darstellerin Miss Stefenson aus Chikago auf dem riesigen roten Theaterzettel angegeben war. Nun war nur noch das letzte »Bild« übrig, nun musste Luise auftreten und damit die Entscheidung kommen.

Der Vorhang hob sich. – Eine Bethlehemsgrotte. Die heilige Mutter mit ihrem Kind, Joseph, die Hirten, die drei Könige; rings in Anbetung versunken knieten Zwerge, Besenbinder, Pfefferkuchenmännlein. Es war alles in halber Nacht, nur von einem mattroten Schein erhellt.

Da erschien plötzlich ein Licht über der Grotte, ein wunderschönes Engelein trat in den hellen Schein und sang mit zittrigem Silberstimmchen:

»Vom Himmel hoch, da komm ich her
Und bring euch allen frohe Mär:
Geboren ist in Davids Stadt
Er, der des Lebens Fülle hat.«

Die Mutter saß wie starr. Einmal tastete ihre Hand nach der meinen und drückte sie in kurzem, heftigem Erschrecken. Dann war sie regungslos. Die ganze Gemeinde saß in Andacht.

Joachim war ganz gleichmütig. Als der Vorhang gefallen war, sagte er:

»Mister Stefenson, Ihre Nichte ist ein reizendes Kind!«

Die Mutter wollte sofort nach Hause. Ich begleitete sie. Wir gingen stumm in dem Menschenstrom. Erst als wir daheim angelangt waren und die Lampe angezündet hatten, sah mich die Mutter voller Angst an.

»Fritz – das Kind – dieses Kind ...«

Ich sah ihr ernst in die Augen und schwieg.

»Fritz – sage mir – ist es – ist es? ...«

»Ja. Es ist Luise.«

Da sank sie auf das Sofa und verbarg den Kopf. Ich trat zu ihr. Nicht ohne Bitterkeit sagte ich:

»Mutter, du brauchst dich nicht zu ängstigen, das Kind wird dir nie Ungelegenheiten machen; es ist in Mister Stefensons Pflege gut aufgehoben.«

So wollte ich gehen. Aber ich brachte es doch nicht fertig. Ich blieb am Tische sitzen. Nach langer Zeit, in der nichts zu hören war als das leise Singen der Lampe und der Schlag unserer Standuhr, stützte die Mutter den Kopf auf den Tisch und sagte müde:

»Das Kind ist Joachim ähnlicher, als er sich jetzt selbst ist!«

Nach einem Weilchen meinte sie:

»Es wird wohl keine Möglichkeit geben, dass ich das Kind zu mir nehme?«

»Nein, Mutter, es gibt keine solche Möglichkeit mehr!« Damit ging ich nach meinem Zimmer.

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