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Ferien vom Ich

Paul Keller: Ferien vom Ich - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Keller
titleFerien vom Ich
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
year1916
correctorreuters@abc.de
sendergebler.dresden@yahoo.de
created20140918
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Joachim

Anfang des Monats bekam ich folgende Depesche: »Treffe drei Uhr fünfzig nachmittags Bahnhof Neustadt ein. Bruder Joachim.« Das Telegramm war frühmorgens in Berlin aufgegeben.

Erst langsam begriff ich, dass da etwas Wunderliches geschah, dass mein verschollener Bruder plötzlich heimkehrte. Da quoll es mir heiß durchs Herz, und ich wollte zur Mutter gehen und ihr das Wunder erzählen. Aber ich ging zuerst zu Stefenson. Er las das Telegramm und sagte gleichgültig:

»Na also, da holen Sie nur Ihren Bruder von der Bahn ab.«

»Ich weiß nicht, wie ich's mit der Mutter machen soll.«

»Der Mutter würde ich vorläufig nichts sagen. Sie wissen ja noch nicht, warum Ihr Bruder heimkommt. Also sprechen Sie erst mit ihm.«

Diesem Rate folgte ich. Schon kurz nach drei Uhr war ich auf dem Bahnhof. Ich verbrachte qualvolle Minuten des Wartens. Als aber der Zug einlief, war ich ganz ruhig. Ich sah Joachim an einem Fenster stehen und winkte ihm zu. Als er ausgestiegen war, sagte ich:

»Willkommen, Joachim; ich freue mich, dass du gekommen bist.«

Sein Gesicht war bleich, und die Hand, die er mir gab, war feucht.

»Weiß es die Mutter?«

»Nein. Ich wollte erst mit dir sprechen.«

»Das ist gut. Ich kann wohl am besten hier in einem Hotel unterkommen. Ich heiße Harton, verstehst du, Doktor Harton aus Baltimore.«

Er sprach mit einem Gepäckträger; dann fuhren wir nach einem Hotel.

Unterwegs fragte ich ihn:

»Bist du gesund?«

»Ja – oder auch nein – ach Gott, ich weiß es selbst nicht.«

Ich wollte Joachim erst Zeit lassen, sich zu waschen und ein wenig auszuruhen, aber er nötigte mich bald mit auf sein Zimmer. Auf seinem Reisekoffer saß er, den Mantel noch um die Schultern, und sprach mit gepresster, etwas stoßender Stimme:

»Da bin ich nun doch hierhergekommen. Ich hätte es nie für möglich gehalten. Aber als wir anfingen Briefe zu wechseln, verlor ich meine Sicherheit – das Heimweh – das quälende Heimweh ...«

Ich trat ans Fenster und sah auf die Straße.

»Fritz!«

Ich wandte mich ihm wieder zu.

»Fritz, warum habt ihr eigentlich dieses Attentat – nun ja, ich muss schon Attentat sagen, es hat mich ja ganz wehrlos gemacht – warum habt ihr eigentlich diese Geschichte mit dem Tagebuch gemacht?«

»Was für eine Geschichte mit dem Tagebuch?«

»Nun, dass du mir durch diesen Mister Stefenson, der ja wohl mit dir geschäftlich verbunden ist, dein Tagebuch über Waltersburg hast schicken lassen.«

»Ich dir mein – hast du denn mein Tagebuch geschickt erhalten?«

»Ja, natürlich. Nicht das Original, aber eine Maschinenabschrift.«

»Oh, dieser Mensch – dieser Stefenson!«

»Weißt du gar nichts darum?«

»Nichts! Gar nichts! Stefenson hat sich zwar mal meine kleinen Aufzeichnungen entliehen; aber ich habe geglaubt, das geschehe nur aus purer Neugier. Nun hat er eine Abschrift machen lassen und sie dir geschickt.«

»Ja. Ich bekam die Blätter im Juli. Ein Vierteljahr lang habe ich es ausgehalten, sie ungelesen in einer Schublade zu verwahren; ich habe sie manchmal verbrennen wollen, aber nicht den Mut dazu aufgebracht, und habe sie endlich doch gelesen, täglich wieder gelesen, bis meine Kraft alle war, so dass ich notdürftig meine Angelegenheiten ordnete, und – und nun eben da bin.«

»Das haben meine wenigen Aufzeichnungen zuwege gebracht?« fragte ich verwundert.

»Ja, du weißt nicht, was das heißt, keine Heimat mehr zu haben. Die anderen Auswanderer finden ja doch mehr oder weniger alle eine neue Heimat, neue Freunde, neue Kreise, in denen sie sich wohlfühlen. Ich habe nichts von alledem gesucht und bin ganz losgelöst von aller Wurzelerde gewesen. Da ertrug ich dein Tagebuch nicht, nicht die Schilderungen von dem alten Nest Waltersburg, nicht die Berichte über die Mutter, selbst die Geschichten über das Spießertum in der Heimat haben eine – nun ja, ich gestehe es – eine rasende Sehnsucht nach Hause in mir angefacht. Und dann auch das – auch das – aber lassen wir das!«

Er hatte sagen wollen, das von dem Kinde, und brachte es nun nicht über die Lippen. Vielleicht war das Kind die Hauptsache gewesen. Aber ich sah, in wie schwerer Erregung der Mann schon war, und hütete mich, dieses ernsteste Thema nun zur Sprache zu bringen.

Joachim stand auf, ging ein paarmal schweigend durch die Stube, riss dann plötzlich den Mantel von den Schultern, warf ihn auf das Bett, dehnte sich mit hochemporgestreckten Armen und sagte tief aufatmend:

»Ach Gott, ich bin doch froh, dass ich hier bin.«

Wir reichten uns stumm die Hände.

Dann sagte ich:

»Nun, Joachim, wollen wir uns aber freuen und als Männer beraten, was zu tun ist.«

Er sah mich von der Seite an.

»Du weißt wohl natürlich auch nicht, dass mich Mister Stefenson als zweiten Arzt für dein Sanatorium berufen hat?«

»Hat er das?«

»Ja, allerdings nur unter der Bedingung, dass mir deine Idee von den Ferien vom Ich eingeht. Und sie geht mir ein, mein Junge; sie ist vernünftig und fruchtbar; ich gratuliere dir dazu!«

Eine rote Welle schlug mir ins Gesicht.

»Schönen Dank, Joachim. Du weißt, wie sehr ich dich immer mir für überlegen gehalten habe.«

Er winkte, schwermütig den Kopf schüttelnd, ab. Dann setzte er sich mir gegenüber und ergriff wieder meine Hand.

»Sieh mal, Junge, dass du mich nun fünf Jahre lang gesucht hast – das – nun ja, es gibt eben Schulden, die sich nicht bezahlen lassen. Was nun aus mir wird, weiß ich nicht. Ich will allen Starrsinn ablegen; ich will mich mal ganz wieder von den Wellen der Heimat treiben lassen, ich will auch gutem Rat zugänglich sein. Aber ich möchte nicht erkannt werden; ich möchte nicht, dass all der Schwatz und Klatsch – ach, lass uns die heilige Stunde nicht durch schmutzige Erinnerung verderben. Wenn es möglich wäre, dass ich als Doktor Harton aus Baltimore vor den Leuten gälte, sähe ich mir gern auf einige Zeit das Leben in der Heimat an. Da kam mir der Vorschlag dieses kuriosen Mister Stefenson, als Arzt in eure Anstalt einzutreten, ganz gelegen. Jeder legt dort seinen Namen ab, jeder lebt unerkannt seinen Tag, jeder ist fern von dem glücksfeindlichen Schwarm, der einem aus der Vergangenheit nachdringt, kurz, lieber Fritz, ich möchte der erste sein, der in deiner Zufluchtsstätte Ferien macht von seinem Ich.«

Beide Hände streckte ich dem Bruder entgegen. Wie ein offenbares Zeichen himmlischen Segens für meine Gründung stand der langvermisste Bruder vor mir als erster und willkommenster Gast meines Ferienheims. Wie konnte sich ein Glück herrlicher fügen! In dem überströmenden Gefühl des Augenblicks sagte ich:

»Joachim, du hast diese Stunde eine heilige genannt. Zürne mir nicht, wenn ich dich nun noch bitte: sprich auch ein einziges gutes Wort von der kleinen Luise.«

Da wurde sein Gesicht finster.

»Ich kann noch nicht – lass mir Zeit!«

Und ich schwieg. Es wurde still in der Stube. Der Abend dunkelte durch die Fenster. Allmählich aber kam die Unterhaltung wieder auf. Wir entwarfen Pläne für die nächste Zukunft.

*

Als wir nach mehreren Stunden nach dem Speisesaal des Hotels kamen, saß dort Mister Stefenson. Ich ging sofort auf ihn zu und sagte:

»Mister Stefenson, das ist sicher: Sie sind einer der größten Prachtkerle der Welt. Da ist er – mein Bruder Joachim – den Sie heimgezaubert haben.«

Stefenson antwortete mir nicht, schüttelte aber dem Bruder herzlich die Hand.

»Das ist schön, dass Sie gekommen sind. Hergezaubert habe ich Sie zwar nicht; denn ein Mann wie Sie lässt sich nicht herzaubern. Aber dass Sie gekommen sind und uns bei unserem Bau helfen wollen, ist ein Glück; denn Ihr Bruder hat zwar Phantasie und auch sonst brauchbare Eigenschaften, aber im ganzen ist er ein Schwärmer.«

»Danke, Mister Stefenson!«

»O bitte!«

Wir setzten uns zusammen. Stefenson kam sofort aufs Geschäftliche.

»Sehen Sie, Doktor Harton, den ganzen Bau, wo wir die elektrischen Bäder, überhaupt alle klinischen und medizinischen Einrichtungen unterbringen wollen, habe ich trotz des Widerspruchs meines geehrten Kompagnons bis jetzt nur in den Außenumrissen fertiggestellt; die endgültige innere Einrichtung sollte bleiben, bis Sie kämen; denn Sie haben in solchen Dingen große Erfahrung, da Sie sich schon zweimal organisatorisch sehr bewährt haben.«

»Woher wissen Sie das?«

»Na, ich habe mich doch selbstverständlich in mehreren guten Auskunftsbüros über Sie erkundigt. Wenn Sie nichts getaugt hätten, hätte ich mich doch auch nicht um Sie bemüht. Aber wir brauchen Sie! Deshalb schickte ich Ihnen das Tagebuch.«

Verärgert fuhr ich den Krämer an:

»Sie haben also wieder nur ans Geschäftliche gedacht?«

»Na selbstverständlich, Sie verwundertes Unschuldslamm! Woran soll man denken als ans Geschäftliche, wenn man ein nicht gar zu schlechter Kaufmann ist?«

Joachim lächelte; mir aber stürzte wieder einmal ein gläsernes Tempelchen ein, in das ich meinen Götzen Stefenson gesetzt hatte.

Stefenson nahm nun meinen Bruder ganz in Anspruch. Er fragte über tausend Dinge aus Amerika. Ich schwieg. Vielleicht war es ganz gut, dass der durch die Heimkehr äußerst aufgeregte Bruder zunächst durch die trostlos nüchternen Schwadronaden dieses Kaufmanns Stefenson abgelenkt wurde.

Wir hatten schon Abendbrot gegessen, als sich Stefenson verabschiedete. Er erzählte, er habe einen kleinen Neffen. Der Vater sei tot, die Mutter an einen gefühllosen Mann wieder verheiratet, der dem sechsjährigen Knaben ein Stiefvater sei. Der Junge sei jetzt bei entfernten Verwandten in Hamburg. Er wolle den Knaben, der Georg heiße, mal probeweise zu sich nehmen; vielleicht, dass etwas aus ihm würde. Die Gründung einer so neuen Gemeinde mit allem ihrem Drum und Dran müsse ja auf einen Jungen einen tiefen Eindruck machen und ihm fürs ganze Leben einige stählerne Gerüstschienen in die Seele spannen. Nun wolle er also mit dem Nachtzug reisen, und er hätte es gern, wenn ich ihn zum Bahnhof begleitete, da er wegen der Vertretung manches Geschäftliche mit mir noch zu erledigen habe, womit er den Bruder nicht langweilen wolle. Als wir auf der Straße waren, sagte Stefenson: »Nun will ich Ihnen was anvertrauen, damit Sie mir nicht hinterher wieder aus dem Häuschen fallen und alles verderben. Also, mein kleiner Neffe, der Georg, ist nämlich gar kein Junge, sondern ein Mädchen – er ist die kleine Luise.«

»Stefenson, Sie sind toll!«

»Nein. Ich bin vernünftig. Die kleine Luise muss Ferien von ihrem Ich machen. Als Mädel ist es ihr hundsmiserabel gegangen, ausgenommen die letzten dreiviertel Jahr, wo sie in dem Institut war, aber auch dort mehr Strenge als Liebe, mehr Dressur als Erziehung genossen hat. Heraus soll sie aus ihrer Haut, ein Junge werden, Courage kriegen, dieses Ducken abgewöhnen, wenn eine Hand nach ihr fasst; nein, sich selbst 'rumhauen mit Buben und Straßenbösewichten und immer bei mir sein und da eine gerechte Behandlung haben.«

Ich ging neben dem sonderbaren Manne her, der so Seltsames und Großes an meinem Leben getan hatte, und versuchte nur, ihn wenigstens zum Aufschieben seiner Idee zu bewegen. Er schlug es rund ab.

Keine Gewalt der Erde, sagte er, werde ihn hindern, das Kind, das es in dem Thüringer Institut viel zu schlecht habe, von dort zu entfernen und es in der Tracht eines Knaben erst mal zur Lebensfreude und zum Bewusstsein seiner Kraft und seines eigenen Wertes zu erziehen.

Ich wusste, dass Mister Stefenson in die kleine Luise vernarrter war, als je ein Vater oder Großvater in ein Kind war. Allmonatlich war er unter irgendeinem Vorwand einmal nach Thüringen verschwunden; das Mädchen hatte sich an den Mann, den sie als ihren liebevollsten Freund erkannte, jedenfalls dankbar angeschlossen, und dem alten Seehund, den wahrscheinlich nie eine zärtliche Hand gestreichelt hatte, tat diese Kindesliebe so wohl, dass er diesmal auf allen kaufmännischen Vorteil vergaß und wie ein verliebter Narr handelte.

Mochte er es tun!

Stefenson reiste ab.

Wie hatte er gesagt? Keine Gewalt der Erde wird mich hindern, das Kind zunächst mal in der Tracht eines Knaben zu erziehen.

Drei Tage nach Stefensons Abreise bekam ich einen Brief von ihm.

»Mein Lieber! Die Idee, Luise als Knaben zu kleiden, habe ich aufgegeben. Denn sie will nicht. Sie heult, dass sie ein Junge werden soll. Auch die Haare mag sie nicht abgeschnitten kriegen. Da ist nichts zu machen; Luise bleibt ein Mädel. Hier lasse ich sie aber nicht; sie hat es viel zu schlecht. Ich will mal sehen, dass ich das Kind zunächst in Neustadt unterbringen kann. Ich weiß da eine gute Familie, die mir den Gefallen gegen Entschädigung tun wird. Und ich kann dann die Erziehung täglich beaufsichtigen. Diskretion Ehrensache, namentlich gegen Ihren Bruder, der mir für die Erziehung des nur außerordentlich geschickt zu behandelnden Kindes nicht geeignet erscheint. Wir kommen Montag mit irgendeinem Zug. Am Bahnhof zu erwarten brauchen Sie uns nicht.

Stefenson.«

*

Am nächsten Tage sollte ich Joachim zum Heimweg abholen und hatte versprochen, vorher die Mutter zu unterrichten.

Wir saßen beim Frühstück zusammen; ich versuchte ein paar Anläufe, brachte aber die Botschaft nicht heraus. Die Mutter verwunderte sich sehr. Dann machte ich einen Spaziergang durch die Stadt. Als ich zurückkam, stand die Mutter am Fenster und schaute wie so oft dem Sprudeln des Johannisbrunnens zu. Die ersten Schneeflocken flogen durch die Luft und hüllten den Platz in traulichen weißen Schimmer; aber die Sehnsucht dieser Frau ging wieder in die Weite, und sie sah nichts von der silbernen Pracht um sich her.

Auch ich war jahrelang in der Fremde. Doch ich war überzeugt, die Mutter hatte kaum einmal an mich gedacht, wenn sie an Joachim siebenmal dachte. Ich ging an ihrer Tür vorbei nach meinem Zimmer. Da saß ich, bis es hohe Zeit war, nach Neustadt aufzubrechen, um zur verabredeten Stunde dort zu sein. Endlich sagte ich mir, dass ich ein Geselle von kindischer Eifersucht sei, und ging in das Zimmer der Mutter.

»Ich habe dir etwas mitzuteilen, Mutter; erschrick nicht!« sagte ich, und die nervöse Frau erschrak natürlich aufs schwerste.

»Es handelt sich um Joachim!«

»Um Gottes willen – ist ihm etwas passiert – ist er in Not – willst du zu ihm fahren?«

Ich musste lächeln. Zu ihm fahren! – Dass ich damit mein Lebenswerk aufgegeben hätte, daran dachte die Mutter nicht.

»Es ist nichts Schlimmes, Mutter; es ist etwas Gutes, was ich dir von Joachim zu sagen habe.«

»Sage es mir, Fritz, will er – will er nach Hause kommen?«

»Ja, er kommt schon heute.«

Da stieß sie einen Schrei aus, dann weinte sie laut, schlug in die Händchen, rannte durchs Zimmer und sprach laute Dankesworte zu Gott, der ihr das größte Glück beschieden habe, das es für sie gebe. Als sie etwas ruhiger wurde, fragte sie:

»Und er ist ganz von selbst gekommen, oder hast du ihm noch einmal geschrieben, dass er kommen soll?«

Ich schüttelte den Kopf.

»Ganz von selbst gekommen«, sagte sie selig; »der treue Sohn!«

In trockenem Tone entgegnete ich:

»Mutter, es wird lange dauern, ehe ich mit Joachim eintreffe, den ich in Neustadt abhole. Erst in der Dämmerung kommen wir. Inzwischen rege dich nicht allzusehr auf und vergiss nicht, deinen Baldriantee zu trinken.«

Das nahm sie ungnädig auf.

»Baldriantee – wie kannst du jetzt von so etwas reden. Ich werde natürlich mit nach Neustadt fahren.«

»Nein, Mutter; Joachim wird nur unter der Bedingung hier leben, dass er von den Leuten nicht erkannt wird. Deshalb wird er als Arzt in meine Kuranstalt eintreten.«

»Und nicht bei mir wohnen?«

»Nein, er wird im Ferienheim wohnen.«

»O – o du nimmst ihn mir?«

»Ich nehme ihn dir nicht –«, entgegnete ich unwillig; »mache mit Joachim selbst ab, wie ihr es halten wollt; ich werde mich da nicht einmischen.«

Ich ging verdrossen meines Weges. Aber draußen im Winterwalde wurde mein Herz wieder warm; ich war glücklich. Immer, wenn ich mich glücklich fühle, habe ich Lust, etwas Gutes zu tun. Heute fiel mir nichts anderes ein, als dass ich bald eine Anzahl von Futterplätzen und Nistkästen für die Vögel in meinem Ferienheim anbringen würde, auch auf die Gefahr hin, als Gäste lauter Sperlinge zu mir zu ziehen.

Die Mutter! – Nun würde sie wohl das Haus von unterst zuoberst kehren und alle Leckerbissen bereiten, die sie auftreiben konnte. Wahrscheinlich würde sie meine beiden geräumigen Zimmer für Joachim einrichten und mich nach der Giebelstube umquartieren. Ich war schon wieder eifersüchtig und voll hässlichen Misstrauens, und es fiel mir ein, dass es besser wäre, sich auf Mutter und Bruder zu besinnen, wenn man was Gutes tun will, als auf die Spatzen ...

Es lag dichter Nebel auf der Chaussee, als ich mit Joachim heimging. Nicht einmal die Kuppe des Weihnachtsberges war zu erkennen. Die Heimat hatte ihr Haupt verhüllt wie eine schmollende Frau. Und Joachim ging stumm und betreten neben mir her, fast wie ein Sünder. Er war auch ein solcher; denn er hatte sein Herz verhärtet, und alle Herzensverhärtung ist Sünde.

»Ein Wanderbursch mit dem Stab in der Hand
Kommt wieder heim aus fremdem Land.
Sein Haar ist bestaubt, sein Antlitz verbrannt,
Von wem wird der Bursch wohl zuerst erkannt?«

Es war ganz, wie es Vogl in seinem alten, hübschen Gedichte schildert: die Leute kannten Joachim nicht mehr. Er war schon in seinen letzten Studentenjahren selten zu Hause gewesen, als verheirateter Mann fast gar nicht, und dann kamen die Auslandsjahre, da sein Kopfhaar dünn und sein Bart dicht wurde und die Zeit die große Retouche an seinem Gesicht vollzog – er war ein anderer geworden.

In sieben Jahren soll sich der Körper des Menschen ganz erneuern. So wanderte jetzt kein Atom dessen mehr nach der Heimat zurück, was vor sieben Jahren auszog. Hätte Joachim keine Seele gehabt, so wäre wirklich ein ganz fremder, ein ganz anderer Mensch nach Hause gekommen. Dem Bäcker Schiebulke begegneten wir. Er war Joachims Angelkamerad gewesen. Jetzt fühlte er sich geehrt, dass ich ihn auf der Straße anhielt, und eilte gewiss alsbald ins nächste Gasthaus mit der Kunde, dass ein Dr. Harton aus Neuyork angekommen sei als zweiter Arzt für das Ferienheim, und es müssten doch schon massenhaft Kurgäste angemeldet sein, wenn man schon einen zweiten Arzt brauche.

Auch der alte Sanitätsrat lief uns in den Weg. Er war zwar nicht gut auf mich zu sprechen, aber er ging doch nicht an uns vorbei und begrüßte den »Herrn Kollegen von drüben«, den ich ihm vorstellte.

Auch die Frau Provisor, von der erzählt wurde, sie hätte, als sich Joachim verlobte, mit negativem Erfolg zwei Schachteln schwedische Streichhölzer abgelutscht, um ihr gebrochenes Herz zum Schweigen zu bringen, sah den ehemals Heißbegehrten jetzt nur neugierig an und ging vorüber.

So näherten wir uns dem Johannisplatz. Joachims Schritte wurden kleiner und langsamer, sein Stock stampfte hart auf das Pflaster. Irgendwo stand wohl jetzt der Mond; denn der Nebel über dem Johannisplatz war durchsichtig und silberhell.

»Der alte Brunnen!« sagte Joachim leise; »es ist merkwürdig, dass meine Gedanken meist um den alten Brunnen gingen, wenn ich an die Heimat dachte.«

Nun näherten wir uns dem Vaterhause und standen am Brunnenrand; da blickte wirklich wie in alten Kindertagen die Mutter auf uns herab.

Joachim stützte sich auf das Gemäuer, und weiße Tropfen aus der Schale Baptistas besprengten seine Hand wie mit einem Weihwasser, ehe er in das Heiligtum seines Vaterhauses eintrat.

Ich stieg mit ihm die Treppe hinauf und öffnete nach leisem Klopfen die Tür zur Mutter.

Ich sah noch, wie beide mit leisem Aufschluchzen die Arme ausbreiteten, schloss die Tür und blieb draußen.

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