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Ferien vom Ich

Paul Keller: Ferien vom Ich - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Keller
titleFerien vom Ich
publisherDeutsche Buchgemeinschaft
year1916
correctorreuters@abc.de
sendergebler.dresden@yahoo.de
created20140918
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Vorarbeiten

Es ist ein halbes Jahr her, seit ich die letzte Eintragung in mein Tagebuch machte. Im Mai war es, als Stefenson erschnoben hatte, dass ich ein Tagebuch führe und darin manches über den Ausbau unseres Ferienheims, aber auch über seine eigene Person niedergeschrieben habe. Seit der Zeit quälte er mich, ihm das Tagebuch einmal zur Lektüre zu überlassen. Er war neugierig wie ein Backfisch, und es nützten mich alle Versuche nichts, ihm klarzumachen, dass es – gelinde gesagt – sehr indiskret sei, Einblick in ein fremdes Tagebuch zu verlangen. Es dauerte so lange, bis er die Aufzeichnungen in Händen hatte. Dieser Mensch ist ein ganz wunderliches Gemisch von Kindlichkeit und halsstarriger Energie.

Nach drei Tagen gab mir Stefenson das Tagebuch zurück und sagte, indem er ein sauersüßes Lächeln zwischen seinen dünnen Lippen zerquetschte: »Sie haben mich sehr schlecht charakterisiert.«

»Dieses Urteil sah ich voraus, Mister Stefenson; die Fortsetzung des Tagebuches werden Sie auch nicht zu sehen bekommen.«

Er machte eine Handbewegung, die bedeuten sollte, daran liege ihm auch nichts, und ging wieder nach seinem »Büro«. Dieses besteht aus einer Holzbude, in der ein langer roher Tisch, einige Brettstühle, ein Kleiderhaken und der Telefonapparat die ganze Ausrüstung bilden. Der Tisch ist mit Papieren aller Art bedeckt. Hier liegen die kostbaren Pläne unserer Ferienhäuser, sind Aktenstöße, stehen Modelle. In einem Nebenraume klappern ein paar Schreibmaschinen. Stefenson sagte mir einmal, Schreibmaschinenklappern und Telefongeschelle sei ihm die schönste Musik.

In dem Büro sind unsere Beratungen. Dorthin müssen Architekten, Maurermeister, Lieferanten aller Art, Verwaltungsbeamte, Stellungsuchende zum Vortrag kommen. Anfangs hatte Stefenson die Absicht, mich von den Hauptkonferenzen mit den Bauleuten auszuschließen oder mir doch eine rein zuhörende Rolle zuzuweisen. Als ich ihm aber energisch sagte, er scheine vorzuhaben, ein schleudriges Klein-Chicago zu errichten, das sich ganz gut für Engros-Schweineschlächterei, aber nicht für mein romantisches Ferienheim eignen möge, wurde er immer stiller und ließ mich nach und nach mit den Architekten selbständig wirken. Nur das Tempo der Arbeit bestimmte er, und das stand immer auf Volldampf. Der Mann arbeitet selbst von morgens fünf Uhr bis nachts um elf, ohne irgendwelche Ermüdung zu zeigen. Stefenson leitet seine Verhandlungen meisterhaft; keine Kleinigkeit entgeht ihm. Sobald ein Thema angeschlagen ist, wird es Schritt für Schritt erledigt. Kein Abweichen vom Wege ist erlaubt. Das Dazwischenwerfen einer aufblitzenden, abseits liegenden Idee ist streng verpönt, kein unfruchtbares Durcheinandergerede gestattet, sondern planmäßige, geordnete Arbeit wird geleistet, Für und Wider werden kurz beleuchtet, Nebensächlichkeiten unter den Tisch fallen gelassen, der Beschluss knapp und fast immer schriftlich gefasst; dann wird aber auch im Verlauf der weiteren Verhandlungen auf den erledigten Punkt nie wieder zurückgegriffen. So wusste man am Schluss solcher Verhandlungen immer: das stand zur Beratung, das ist beschlossen, so und so, dann und dann muss es ausgeführt werden. Stefensons Gehirn hat eine wohlgeordnete Registratur, und etwas schwärmerisch angelegte Leute wie ich, denen leicht die Gedanken durcheinander purzeln, können viel von solchem Manne lernen. Nur darf Stefenson meine romantische und philanthropische Idee nicht aus dem Auge lassen, und das tut er auch nicht. Stefenson und ich sind in vielen Dingen die reinsten Antipoden; aber ich schätze es als Glück, mit einem so klaren Kopf zusammen zu arbeiten, wenn ich auch manchmal einen wilden Zorn über seine Kaltschnäuzigkeit habe. So ist der Mann. Wir vertragen uns und haben Händel miteinander – je nachdem. Ich glaube, ich werde gut fahren, wenn ich mit Stefenson gleichen Kurs halte. Es gibt kaum ein größeres Unglück auf der Welt, als sich mit dummen oder schwachen Menschen zu verbinden, und kaum einen größeren Vorteil, als einen klugen Freund.

*

Als unsere Idee bekannt wurde, war die Physiognomie der Waltersburger ungefähr die eines Kalbes, das zum ersten Male donnern hört. Die Leute wunderten sich rasend. Sie steckten die Köpfe zusammen, redeten viel auf den Bierbänken und kamen doch, da sie immer nur Gerüchtsbrocken sammeln konnten, zu keinem klaren Bilde.

Den Ausschlag soll der Amtsrichter gegeben haben, der sich dahin geäußert hat: es scheine sich um eine Art Verrücktenanstalt im großen zu handeln; den nötigen Spleen scheine ich von der Weltreise mit heimgebracht zu haben, und was etwa fehle, habe Mister Stefenson aus seinem reichen Vorrat an Tollheit ergänzt.

Günstig war uns von Anfang an die Stimmung der Waltersburger gar nicht. Zu dem neidischen und verärgerten Gefühl, das einem unerwarteten Werk vom lieben Publikum immer gespendet wird, gesellte sich ein ganz besonderer Verdruss. Stefenson hatte erklärt, dass er eine ganz neue Gemeinde begründen werde mit einem eigenen Bürgermeister und einer Verwaltung, die alles im Umkreise Bekannte in den tiefsten Schatten stellen werde.

Darüber waren die Waltersburger wütend. Nachdem ihnen schon die Neustädter untreu geworden und der Mutterstadt gewaltig über den Kopf gewachsen waren, sollte sich hier auf ehemaligem Waltersburger Grund und Boden abermals ein neues Gemeinwesen auftun, das den Bestand Waltersburgs verkürzte und die eigene Stadt in immer kümmerlichere Unberühmtheit drängte. Waltersburg war wie eine Mutter von mittelmäßigen Anlagen, die sich ärgert, wenn ihre Töchter in der Gesellschaft Glück haben.

Eitel waren die Waltersburger immer. In der Pfarrkirche ist ein Altarbild, das angeblich von Tintoretto stammt. Ein begüterter Graf, der ehemals hier residierte, soll es von einer Pilgerfahrt mitgebracht haben. Die Echtheit des Bildes ist zweifelhaft, nur nicht für die Waltersburger, die das Gemälde zu den Meisterwerken Tintorettos rechnen. (Tintoretto, »das Färberchen«, hat bekanntlich neben ausgezeichneten Stücken viel Mittelmäßiges, ja Schleudriges geleistet.) Als ein großes neues Reisehandbuch erschien, waren die Waltersburger neugierig, ob ihr Tintoretto zwei Sterne oder nur einen haben werde. Die Enttäuschung war groß; denn ganz Waltersburg mitsamt seinem Tintoretto wurde in dem Handbuche überhaupt nicht erwähnt. Der Schrei der Empörung, den damals der gebildete Teil der Stadt ausstieß, hat noch heute ein Echo in vielen Herzen.

Für uns kam bald ein Umschwung. Stefenson berief eine Versammlung nach dem Saale des größten Waltersburger Hotels, den »Drei Raben«. Er lud zu dieser »freien Zusammenkunft, in der er Aufschlüsse über seine Neugründung geben werde«, nicht nur den Magistrat und alle Honoratioren mit ihren Damen, sondern auch je einen Schuster, Schneider, Bäcker, wie alle anderen Handwerkszweige mit ihren Frauen. »Es muss wie bei der Arche Noahs sein«, sagte er gut gelaunt, »von jeder Art ein Pärchen.« Der Erfolg war schwach. Einzelne zwar priesen Herrn Stefenson wegen seiner gerechten unparteiischen Art, aber andere rümpften außerordentlich stark die Nasen, und als die Versammlung begann, zeigte es sich, dass fast gar keine Frauen da waren. Die Frau Provisor und die Frau Kanzleirat hatten entrüstet erklärt, man könne sich doch nicht mit Krethi und Plethi zusammensetzen, und fast alle anderen »Damen der Gesellschaft« hatten sich dieser Auffassung angeschlossen. Die Weiber der Handwerksleute aber hatten sich »geniert«, zu kommen. Aber auch die Männer waren nur in schwacher Anzahl erschienen. Der Magistrat ließ sich durch einen Beisitzer vertreten. Am meisten freute es mich, dass der Lehrer Herder da war. Er wurde auch zum Leiter der Versammlung gewählt. Stefenson hielt eine Rede. Er spricht die deutsche Sprache ohne jeden fremden Akzent. Denn nicht nur seine Mutter ist eine Deutsche gewesen; ich habe unterdes herausgekriegt, dass Stefensons Vater zwar ein Stockamerikaner von reinster Monroedoktrin war, dass aber sein Großvater bis zu seinem dreißigsten Lebensjahre in Hamburg gelebt hat und bis dahin Georg Stefan hieß. Stefenson hat rein deutsches Blut in sich.

Der »Mister« sprach. Er sagte, über die Idee seiner geplanten Kuranstalt wolle er nicht reden; diese sei ein so unerhörtes, geniales Problem (dabei trat er mich grob auf den Fuß!), dass er es im Rahmen einer so kurzen Aussprache nicht erläutern könne. Waltersburg habe zwar keine hervorragend günstige Lage und werde von vielen anderen Orten auch durch den Reiz der Umgebung wesentlich übertroffen (Gebrumm in der Versammlung), aber sein Freund und ärztlicher Beirat sei ja, wie alle wüssten, ein Waltersburger Kind, und so habe er dem Freund zuliebe dieses Gelände für die Ausführung seiner Idee gewählt. Er gehöre zu den Leuten, die sich eher das eigene Hemd ausziehen, als dass sie zugeben, dass der Freund friere. (Frau Postschaffner Hempel verließ entrüstet das Lokal.) »Kommen Sie gut nach Hause, Frauchen!« ruft ihr Stefenson nach. (Abermaliges Gebrumm. Postschaffner Hempel erhebt sich, sagt in halblauter Entrüstung: »Das ist ja kolossal!« und stampft seiner Ehehälfte nach.) »Also«, fährt Stefenson ruhig fort, »was mir eine Hauptsache zu sein scheint: ich beabsichtige nicht, eine neue politische Gemeinde zu gründen; ich werde meine Siedelung unter den amtlichen Schutz des Magistrats von Waltersburg stellen.« (Freudige Verblüffung. Der Beisitzer horcht auf und trommelt erregt mit den Fingern auf den Tisch.) »Ja«, geht Stefensons Rede weiter, »wir werden unserem Sanatorium, das seinesgleichen in der Welt nicht hat, den Namen ›Kuranstalt Waltersburg: Ferien vom Ich‹ geben, und der Schnickschnack vom sogenannten modernen Badeort, wie es Neustadt ist, wird in Dunst zerstieben vor der glorreichen Waltersburger Neugründung. (Der Beisitzer springt auf, beurlaubt sich bei dem Vorsitzenden auf wenige Minuten und stürmt aus dem Saal.) Mitbürger von Waltersburg! Damen und Herren! (Von den Damen ist nur noch die phlegmatische Gärtnersfrau Bächel anwesend.) Es macht mich glücklich, dass Sie in solcher Anzahl erschienen sind. Etwas Erfreuliches kann ich Ihnen mitteilen. Ich erwarte, dass binnen zwei Jahren unsere Kuranstalt etwa zwei Dritteile Ihrer gesamten Gemeindesteuern tragen wird, so dass Ihre bisherigen hundertzwanzig Prozent auf vierzig Prozent herabsinken werden. (Erschrecktes Aufatmen, dann lautes Bravo. Bäckermeister Schiebulke und Klempner Geldermann stürzen im Geschwindschritt von Siegesboten auf die Straße.) Ja, aber, meine sehr teuren Mitbürger, auch Opfer werde ich von Ihnen verlangen müssen. (Kunstpause des Redners. Bedrücktes Schweigen der Zuhörer.) Wir haben nicht Zeit, der Verwirklichung unserer Idee sehr viel Zeit zu widmen; wir müssen die Aufgabe im Sturm nehmen. Binnen Jahresfrist muss alles fix und fertig sein. Sie werden begreifen, dass dafür ein Heer von Architekten, Bauleitern, Maurern, Zimmerleuten, Tapezierern, Töpfern, Tischlern, Glasern, Klempnern, Schmieden, Schlossern, Stubenmalern, Gärtnern und Hilfsarbeitern aller Art nötig sein wird, nicht zu rechnen die Legion derer, die diese Schar versorgt mit Nahrungsmitteln, mit Kleidern, Schuhen, Mützen und Wäsche. Ja, liebe Waltersburger Mitbürger, Ihre ganze prächtige Kaufmannschaft, alle Ihre Handwerkerkreise muss ich mobil machen, um meiner Aufgabe gerecht zu werden, alle werden ihren Betrieb verzehnfachen müssen ...«

Der Redner hielt inne; denn die Zuhörerschaft keuchte zu laut. Die Erregung stieg aufs höchste. Da kam die von Stefenson ganz leichthin gesagte, aber bis ins Mark treffende Schlussbemerkung: »Ich möchte mit Waltersburger Bürgern Abkommen treffen. Was das Finanzielle anbelangt, so wird nichts auf Ziel entnommen, sondern alles immer sofort bar bezahlt werden.«

Da war es aus. Alles erhob sich; selbst die dicke Gärtnersfrau wappelte sich empor und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

Ein Handwerker stieg auf einen Stuhl.

»Das ist gut!« rief er; »das ist famos! Herr Stefenson lebe hoch!«

»Hoch!« schrien die paar Männlein, die noch da waren. Im selben Augenblick stürzte der Beisitzer in den Saal.

»Der Herr Bürgermeister«, keuchte er, »der Herr Bürgermeister, der bis jetzt leider verhindert war, kommt selbst.«

Stefenson nickte ihm lächelnd zu. Da wurde es lebhaft auf der Treppe, Männer und Frauen aller Gesellschaftsschichten füllten den Saal. Eine halbe Stunde lang stand Stefenson steif und still, und als alle da waren, auch der Bürgermeister, sagte er:

»Ich habe dem, was ich vor Ihnen, sehr geehrte Herrschaften, über meine Neugründung heute ausgeführt habe, nun nichts mehr hinzuzufügen.«

Worauf sich der Leiter der Versammlung, Lehrer Herder, erhob und in einer glänzenden Erfassung der Situation sagte:

»Ich schließe die Sitzung!«

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