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Gutenberg > Jacob Christoph Heer >

Felix Notvest

Jacob Christoph Heer: Felix Notvest - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorJ. C. Heer
titleFelix Notvest
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
year1901
printrun7
firstpub1901
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20051018
projectid8632c953
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VI.

Der Leutnant sitzt auf seinem Comptoir im ersten Stock des väterlichen Hauses zur Mühle.

Sein Blick streift über eine eben fertig gewordene Berechnung. Befriedigt davon steht er auf und schaut, indem er das mittellang geschnittene Haar, das ihm in die Stirne gefallen ist, zurückstreift, flüchtig in den Spiegel. Beim Anblick seines Ebenbildes kommt ihm ein Einfall, der ihn selber belustigt.

»So sieht einer aus, der Millionär werden will, rasch und sicher Millionär!«

Leutnant Rudolf Fürst darf schon in den Spiegel sehen. Er ist ein junger Mann von großer Stattlichkeit, mit hochgewölbter Brust, kraftvollen Schultern, mit den Zügen eines kühlen Rechners, die oft etwas Undurchdringliches haben. Ueber die scharfen, grauen Augen schatten schwere Brauen, die beinahe zusammengewachsen sind, eine senkrechte Furche, welche sich von der Stirn zur Nasenwurzel zieht, giebt dem Gesicht den besonderen Ausdruck und leicht etwas Finsteres; aber wenn dieses ernste Gesicht lächelt, so ist es beinahe schön und bedeutend.

Sein gepflegtes Aeußere verleiht ihm das Ansehen eines Mannes von Welt oder eines Kaufmannes, der lange in fremden Städten gelebt hat.

In Manchester hat er das kühle, sichere Wesen eines Engländers erworben. Ein kleines Manchester soll, wenn es nach seinen Plänen geht, die Abtei werden, ein großer, intensiver Betrieb, in allem das Gegenstück der altväterischen Weise, in welcher der Vater sein kleines Geschäft geführt hat, das in der besten Zeit nur ein Viertelhundert Arbeiter, Schlosser, Schleifer und Hilfskräfte zählte. Rudolf Fürst findet es lächerlich, daß ein Fabrikant, wie das der Vater bis vor wenigen Jahren gethan hat, selber an den Schraubstock tritt, sich von den älteren Arbeitern, seinen einstigen Jugendkameraden, mit »du« anreden läßt und ihnen beim Arbeitsschluß eine Prise aus seiner Dose anbietet, daß er den Arbeitern beim ersten Kind Gevatter steht, die Lehrlinge, die ihn wie ein Schwert fürchten, in eigener Person über die Kniee spannt und mit dem Strick züchtigt, ihnen aber auch nach wohlvollendeter Lehrzeit ein Sparkassenbuch mit einem ersten Eintrag schenkt. Das alles wird fürder überwundene Patriarchie und vergessene Idylle sein, besonders aber die jeder richtigen Geschäftsführung feindliche Einrichtung, daß die Arbeiter wegen landwirtschaftlicher Arbeiten, die sie verrichten, mehr oder weniger zu den Stunden kommen und gehen können, die ihnen belieben, und in den Zeiten der Heueinfuhr, Ernte und Weinlese gar nicht in den Werkstätten erscheinen. Das ist Schlendrian, der Arbeiter braucht kein Bauer zu sein! Auf den bescheidenen Fundamenten, welche der Vater gelegt hat, wird er in großem Stile weiterbauen! Billige Räume, billige Arbeitskräfte, und wozu hat man einen reichen Militärkameraden und Freund? Alfred Hohspang, der Sohn des Regierungspräsidenten, giebt sein Geld, und er, Rudolf Fürst, giebt seinen Scharfsinn in das Unternehmen. Auf dem Wasser schwimmen schon Maschinen seiner zukünftigen Fabrik, und hinter ihnen her kommt seine Verlobte, Kitty Bell, eine der reichen Erbinnen der Maschinenfabrik Bell Brothers in Manchester. Da giebt es keinen Widerstand, und wenn die Reifenwerder ihre Rechte auf die Abtei nicht gutwillig abtreten, so geht es zwangsweise durch die Regierung. Er hat es nicht vergessen, daß er ein Sohn Reifenwerds ist, er hat der Gemeinde ein Angebot auf ihre Rechte gemacht, das sich sehen läßt, und wenn ihn die Mitbürger als Großrat berufen, so wird er dem Dorf angemessenen Dank wissen. Wollen die Reifenwerder nicht – so wird es ihr Schaden sein!

Er hält den Kopf stiernackig vorgebeugt und überlegt.

Da öffnet sich die Thüre, mit einem schalkhaften Lächeln tritt Sigunde, sein Quälgeist, herein.

»Sage doch, Ruedi, ist Kitty Bell hübsch? Hat sie die weiblichen Tugenden, ist sie sanftmütig, demütig und geduldig?«

Voll Uebermut schiebt sie die Rollen von Zeichnungen von dem ledernen Ruhebett, das im Gemache steht, hinweg, streckt sich darauf hinaus, und blinzelt strahlenden Gesichts nach ihrem Bruder. Er aber antwortet ihr halb erzürnt über die bäurische Form, die sie seinem Namen giebt, mit einer ungeduldigen Gegenfrage:

»Was ist denn aus deinen romantischen Frühmorgenstelldichein geworden, die du mit Alfred Hohspang verabredet hast? Die Stute hat ja seit mehreren Tagen gute Ruhe!«

»Ach, Alfred Hohspang,« scherzt sie, »der kleine Sohn eines großen Vaters! Du wirst doch nicht glauben, daß ich ihn dir zuliebe gar heirate – er wird ein paarmal umsonst zum Brunnen an die Steige geritten sein!«

»Das tönt anders als vor einem Monat!« Die Stirnfalte Rudolf Fürsts vertieft sich, und er spielt nervös mit den Fingern. »Kannst du denn wirklich gar nicht vernünftig sein? Ein gutes Wort, und du hast seinen Ring am Finger und bist die beneidete Herrin der Villa Venedig.«

»Und du,« lacht sie, »bist dann ein allernächster Verwandter Robert Hohspangs, des mächtigen Handelsherrn und Staatsmannes, welcher dir die Stellung bei Bell Brothers verschafft hat und dessen wohltönenden Namen du bei der Werbung um Kitty etwas voreilig als den des zukünftigen Schwiegervaters deiner Schwester mißbraucht hast. Ist's nicht so, Ruedi?«

Der Leutnant wird kreideweiß. »Du bist ein Chamäleon, du spielst in allen Farben!«

»Ich möchte nur keine geschwisterliche Tyrannei,« antwortet sie gleichmütig. »Alfred Hohspang! Was ist an ihm? Ein wenig reiten, ein wenig Militär spielen, horchen, was da und dort für Witze fallen, sie aufschreiben, heimkehren und sie als eigene erzählen – dazu die aufgelesenen Urteile über Politik und Theater! Er ist ein Buch, das man in ein paar Stunden auswendig kennt, aber mich fesselt ein neues – rate!«

Die Augen Sigundens haften, während sie sich behaglich reckt, lustig fragend auf dem Bruder.

»Ich habe keine Zeit, Rätsel zu lösen,« erwidert er unwirsch, »es interessiert mich auch nicht!«

»Ich habe eben in der Wohnstube die Eingabe des Pfarrers Felix Notvest an die Regierung gelesen, das heißt: angefangen zu lesen.«

Sigunde blickt, seit sie in der Stube des Bruders weilt, zum erstenmal ernsthaft, was ihrem feinen und geistvollen Gesichte sehr gut steht. Das findet auch der Leutnant.

»Ah – ah!« lacht er etwas gezwungen, »aber dein Interesse für den Pfarrer ist ein schlechtes Zeugnis für deinen Geschmack. Seine Arbeit ist ein Gallimathias!«

Sigunde zuckt die Schultern.

»Alle Achtung vor ihm!« sagt sie nach einer Weile des Nachdenkens träumerisch. »Die Schrift kommt aus Eigenem, er hat Illusionen, er glaubt doch an irgend etwas! Ihr aber, du und Alfred Hohspang, glaubt nur, daß zwei mal zwei vier ist – darum seid ihr so langweilig!«

»Und was glaubst du denn eigentlich?« fragt der Bruder höhnisch.

»Ich habe einen lustigen Kopf und ein trauriges Herz,« erwidert sie halb melancholisch, halb scherzhaft, »ich suche das Glück, aber mit diesen beiden kann ich es wohl nicht finden!«

»Das heißt, du bist ein überspanntes Frauenzimmer,« höhnt er. »Und ich habe keine Zeit, mich mit deinen Schrullen abzugeben.«

»Das ist häßlich von dir!« Beleidigt geht Sigunde, und Rudolf Fürst läßt den Werkführer rufen.

»Wehrli,« beginnt er, »es handelt sich darum, daß wir eine Anzahl geschickter junger Mädchen gewinnen, die andere in der künftigen Spinnerei anleiten können! Sagt Eurer Schwester, dem Christli, daß sie sich für die nächste Zeit bereit halten soll. Ich sende sie etwa sechs Wochen in eine Fabrik an der oberen Reif, damit sie das Ansetzen der Fäden erlernen kann, gegen den Herbst hin spinnen wir vielleicht schon probeweise, dann mag sie andere Kinder darin unterrichten.«

Karl Wehrli wird blaß und steht verlegen. »Das Christli,« stammelt er, »ist erst fünfzehnjährig und so zart gebaut – wir wünschen es nicht in die Fabrik zu schicken!«

Die Stirne Rudolf Fürsts runzelt sich. »Bah, bah,« versetzt er barsch, »so könnte mir jeder kommen! Ich kann keine alten Weiber mit steifen Fingern brauchen. Nein, wenn einmal alles eingerichtet ist, bedarf es wohl fünfzig bis hundert solcher Mädchen und Buben, und noch jüngerer. Also abgemacht, das Christli hält sich bereit!«

Der Werkführer will noch etwas erwidern, aber Rudolf Fürst winkt ungeduldig, daß für ihn die Angelegenheit erledigt sei.

Erregt eilt Karl Wehrli die ausgelaufene Treppe des Steinhauses hinunter. Der Gedanke, daß das zierliche Schwesterchen ein Spinnmädchen werden soll, brennt ihn wie Feuer.

Auf der Treppe begegnet ihm der kleine, bewegliche Hausierer Joseph Lombardi, und ein grausamer Haß blitzt aus den Augen des Italieners, der demütig die Stiege emporschleicht. Bei der Erscheinung des drängenden Gläubigers spürt Karl Wehrli erst echt die Zangen der Not. Ob ihm das Herz auch über dem Gedanken blutet: das arme Christli muß sich darein fügen, in die Fabrik zu gehen, eine Weile wenigstens!

Wie er aber das Kind schonend auf das Unabänderliche vorbereiten will, da rüttelt ein tiefes Entsetzen den zarten Leib und die schmalen Glieder des Mädchens. Ein schreckhafter Jammer bricht unter den langen seidenen Wimpern hervor, mit verzerrtem Gesichtchen schreit es: »Ich springe eher in die Reif, als daß ich in die Fabrik gehe!«

»Christli, du weißt ja gar noch nicht, was eine Spinnerei ist!« mahnt Karl.

»Ich weiß es nicht,« stöhnt das Mädchen, »ich denke aber, daß es etwas so Häßliches ist wie ein Gefängnis!«

Gegen die sanften Vorhalte der Mutter und des Bruders wappnet sich das heiße, heftige Kind, die Finger ineinander verkrampft, mit schweigendem Trotz und finsterer Feindseligkeit.

Eine Weile geht es wie ein Schatten durchs Haus, zuletzt aber lächelt es mitten in brütenden Schmerzen wieder hoffnungsreich. Es denkt an den gütigen jungen Herrn Pfarrer, und seine Wangen werden rot. »Maililie hat er mich genannt,« flüstert es. In seltsamen, dunklen Wallungen der bedrängten, gehetzten Kinderseele, in innerster Hinneigung und in unendlichem Vertrauen erscheint dem Christli Felix Notvest, sein Freund, sein Lehrer, als mächtiger Retter und Helfer fast in einer Verklärung wie jener, der gesprochen hat: »Lasset die Kinder zu mir kommen!«

Wenn ihm der Bruder und die Mutter mit all ihrer Liebe nicht helfen können, so will es mit dem Herrn Pfarrer sprechen. Er weiß gewiß einen Weg, daß es kein Spinnmädchen werden muß.

Mit dem Herrn Pfarrer sprechen! – Das Christli starrt. – Nein, das kann es nicht, weil es etwas sehr Thörichtes begangen hat. Aus lauter Freude und Jubel darüber, daß er es »Maililie« genannt hat, ist sie nach dem Tätschschießen mit ihrer Geige im Einbruch der Nacht unter die Linden zurückgelaufen und hat, von ihnen verborgen, unter seinen Fenstern ein Lied gespielt. Sie weiß es selber nicht mehr, wie sie auf den unglücklichen Einfall gekommen ist, nur eins: Sie ist bei dem Spiel von Sigunde Fürst überrascht worden und das vornehme Fräulein hat sie ausgelacht. O diese Schande! Und wenn nun Sigunde Fürst dem Herrn Pfarrer das Geschehnis verraten würde.

Dem armen Christli ist, es müßte sterben vor Scham!

»Ich muß ihn doch um Rat bitten!« Ein Vertrauen wie auf Gott steht in den Augen des Kindes.

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