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Gutenberg > Jacob Christoph Heer >

Felix Notvest

Jacob Christoph Heer: Felix Notvest - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorJ. C. Heer
titleFelix Notvest
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
year1901
printrun7
firstpub1901
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20051018
projectid8632c953
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XXXVI.

In die ausklingenden Accorde des vaterländischen Ehrensommers bricht eine furchtbare Kunde.

Karl Wehrli bringt sie zu Tode erschrocken den Seinen.

»Oberst Fürst,« berichtet er hastig und erregt, »ist nicht mehr unter den Lebenden. Um vier Uhr saß ich mit ihm noch auf dem Zunfthaus. Ich bat ihn, heute abend nicht mehr durch die Werkstätten zu gehen, ich ersuchte ihn, die alten Reifenwerder nicht zu reizen. Er aber ritt seinen Schicksalsweg. Am Fabrikthor geriet der alte, steife Hund Stockars, der dort auf das Feierabendläuten und seinen Herrn wartete, unter die Hufe seines Pferdes. Der Oberst tritt einen Augenblick vor dem Fabrikschluß in die Werkstätten und kommt an dem alten Stockar vorüber. ›Eh', Kommandant‹ ruft er und wirft ihm aus der Westentasche ein Zehnfrankenstück hin. ›Das wird genug sein für Euern schäbigen Hund! Mein Roß hat ihn zertreten!‹ Der Alte glotzt ihn wie geistesabwesend an, dann ergreift er, ehe es jemand hindern kann, in rasender Wut einen ihm naheliegenden großen Hammer und schleudert ihn dem Obersten gegen die Brust. Der Blutende wird in das Schlößchen getragen und verscheidet dort nach einer Viertelstunde. Stockar ist verhaftet.«

»Der arme, arme, alte Mann!« jammert Christli.

»An der Schwelle des Grabes noch ins Gefängnis!« klagt der Pfarrer.

»Ja, wie seltsam,« spricht Karl Wehrli, »überall mehr Mitleid mit dem Alten als mit seinem Opfer! Überall das Gefühl höhern Waltens, daß das dem Tod geweihte Bauerntum sterbend die Faust erhob und sich an seinem Verderber rächte. Wie wenig aber hätte gefehlt, und der Oberst wäre ein wahrhaft Großer geworden. Nur eine gemütreiche Frau aus der Heimat, die ihn mit seinem Volk verbunden hätte, vielleicht auch ein Amt in Gemeinde und Land. Es war ein Unglück, daß der junge, ehrgeizige Mann damals nicht Großrat von Reifenwerd geworden ist. Da wurde die Fabrik seine Welt, und wer an nichts als an das harte Eisen denkt, wird zuletzt selber hartes Eisen. Wir Leute der Industrie brauchen noch etwas dazu, was uns das Herz wärmt, und wenn es zuletzt nur ein kleiner Schulpflegerposten auf dem Dorfe ist.«

Die Zeitungen strengen sich zwar an, dem Obersten Fürst, dem »Maschinenkönig« des Landes, Lorbeeren auf den Sarg zu legen. Sie rühmen seine rastlose Arbeitskraft, seine technischen Talente, die das große Etablissement schufen und stetig erweiterten. Aber der Oberst hat seinen Namen nie mit dem Ruhm der kleinsten guten That bedeckt, die er einem seiner Arbeiter erwiesen hätte, er hat nur eigensüchtig ein Vermögen gehäuft, das er nicht mit ins Grab nehmen kann, und dem Gesetze knapp gegeben, was des Gesetzes war.

Ja, eines der geachtetsten Blätter des Landes schreibt es frei: »Die Gemeinde Reifenwerd, die unter dem Druck des verstorbenen Fabrikanten gelitten hat, bedarf der Gesundung. Möge der rechte Mann an die rechte Stelle gelangen!«

Auf diesem Satz ruhen die Augen Karl Wehrlis, die Wangen unter dem dunklen Vollbart röten sich und Christli, die ihn still beobachtet hat, fragt schelmisch: »Wie steht es denn mit der Wasserkraft an den Bergen hinten?«

»Die Unterhandlungen schleppen sich dahin!« erwidert er kurz.

»Kaufe die Werkstätten des Obersten!« scherzt sie. »Du bist der rechte Mann!«

»Sei still, Närrchen, sei still!« Verräterische Glut fliegt über sein Gesicht, und er legt ihr die Hand auf den frischen Mund.

Seit diesem Tag ist er wie verändert, er schweigt, doch sein Schweigen redet.

»Ich aber will dem alten Stockar noch eine Freude bereiten,« spricht Frau Wehrli, »er muß noch die Tochter seiner Lony sehen!« Felix Notvest erwirkt die Erlaubnis, daß der in Haft sitzende Kommandant seine Enkelin im Freien treffen darf.

Draußen vor der Stadt fallt das Laub im letzten Herbstsonnenglanz.

Da wandelt Frau Wehrli mit dem lieblichen Großkind daher. »Ihr, Frau Wehrli!« grüßt der zerrüttete Greis. »Kommt Ihr zu mir?« Bewegt dankt er der schlichten Alten.

»Ich bringe Euch jemand mit!« lächelt sie. Da erst beachtet der Unglückliche die jugendliche Begleiterin, die ihn erstaunt anblickt.

»Großvater!« Das Mädchen hat die Scheu vor dem Stoppelbart überwunden, sie umarmt ihn. »Lieber, guter, Großvater!«

Bei dem Klang ihrer Stimme erzittert Stockar, er steht wie im Banne eines Wunders, als kämen die Laute aus entlegener Ferne.

»Bist du es denn, Lony.– Du meine Lony.«

»Lonys Kind, Eure Enkelin!« flüstert Frau Wehrli.

Er weicht verwirrt etwas zurück: »Gott, ja!– es ist doch Lony– blühender Flachs und reifes Korn. So stand sie im Rebberg oben!«

Seine Stimme bricht, seine Hände tasten nach dem Haupte des Kindes. »Gott, ich danke dir!« Andächtig schaut er zum blauen Himmel empor. Er möchte weinen, aber im vertrockneten Auge hat er keine Thränen mehr.

Wortlos bebt die Freude durch seine gebrochene Gestalt. Endlich findet er die Sprache wieder. »Frau Wehrli, ich lasse es Euerm Sohne danken, daß er Lony hat zu mir kommen lassen. Verdient habe ich es nicht.« Und wieder ruhen seine Augen auf dem Mädchen. »Sag es noch einmal, das schöne Wort!«

»Großvater!« antwortet das Mädchen mit weichem Klang.

»Lony, meine liebe Lony im Himmel oben, du hast Erbarmen gehabt mit deinem Vater, du hast mir durch dein Kind einen Gruß geschickt!«

Vor Rührung über die ergreifende Freude des alten, unglücklichen Mannes muß sich Frau Wehrli abwenden.

Am andern Tage fragt die junge Lony: »Gehen wir heute wieder zu meinem lieben, armen Großvater?«

»Dein lieber Großvater ist nicht mehr arm,« erwidert Frau Wehrli, »er ist durch Gottes Güte über Nacht reich geworden! Er mag nun mit deiner seligen Mutter wandeln.«

Das Mädchen staunt, dann füllen sich seine großen blauen Augen mit Thränen.

Dem Volke aber ist es Erlösung, wie es hört, daß der ehemalige Kommandant und Großrat, ehe es zu einem Urteil über den Totschlag kam, gestorben ist. Ein Schlaganfall in der Nacht! Am Morgen fand ihn der Wärter mit friedlichen, fast verklärten Zügen tot auf seinem Lager, und nun ist mehr herzliche Teilnahme um den König Lear der Bauern, als um den Maschinenkömg des Landes. Frau Wehrli ist glückselig in dem Gedanken, daß sie ihm eine letzte Freude bereitet hat.

Wie Karl von der Beerdigung des Kommandanten kommt, setzt er sich der Mutter gegenüber, er schaut ihr mit seinen mutigen, freien Augen ernst in das vom Alter gefurchte, treue Gesicht.

»Mutter,« beginnt er, »ich weiß jetzt, was meine Lebensaufgabe ist. Die glückliche Bauerngemeinde Reifenwerd ist untergegangen. Ich kaufe mit meinem Vermögen und unterstützt von dem Vertrauen meiner Freunde die Werkstätten des Obersten Fürst, und meine Heimat, mein liebes Reifenwerd, soll ein glücklicher Industrieort werden!«

»Das walte Gott!« erwidert Frau Wehrli.

»Und daß du es noch erlebest, langentbehrtes Mütterchen!«

Er nimmt ihre runzelige Hand in die seine.

Der Engel der Stille geht durch die Stube. Eine Mutter betet für ihren Sohn!

Felix Notvest aber bebt in Fiebern um die werdende Schöpfung des Nationalmuseums.

Zu seinen Füßen kniet Christli. Sie flüstert: »Gott wird es geben!«

»Ja, liebes Christli,« spricht Felix Notvest, »wenn es sein könnte, so wäre es für einen müden Mann Wegzehrung in die Ewigkeit und löschte alle Kränkungen des Lebens aus. Ein Traum der Jugend wahr. Ein höheres Glück kann der Mensch nicht erleben.«

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