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Gutenberg > Jacob Christoph Heer >

Felix Notvest

Jacob Christoph Heer: Felix Notvest - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
authorJ. C. Heer
titleFelix Notvest
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
year1901
printrun7
firstpub1901
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20051018
projectid8632c953
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XXXI.

Das alte Reifenwerd sinkt und sinkt neben der wachsenden Fabrik des Obersten.

Sonst aber blüht das Land unter der neuen Verfassung. Zwar haben sich nicht alle überschwenglichen Hoffnungen erfüllt, die das Volk am Landsgemeindetag von Reifenwerd wie stürmende Blütenwinde erfaßten, aber einige der wichtigsten Erwartungen sind doch in Erfüllung gegangen, an der scharfen Probe des Alltags hat sich die Landesverfassung als ein dem heimischen Volksleben geschickt angepaßtes, tüchtiges Werk erwiesen. Die Lebenslänglichkeit der Beamten wünscht niemand mehr zurück, die Geistlichen, die vergeblich um eine Sonderstellung rangen, finden in den ehrenvollen Wiederwahlen, die ihnen die Gemeinden bereiten, eine schöne Genugthuung, und unter einer volkstümlichen Regierung, die weniger als das Regiment Hohspangs glänzt, aber die Wohlfahrt aller Stände gleichmäßig zu fördern sucht, gedeiht und wächst die Industrie, von glücklichen Zeitläufen begünstigt, ohne den Moloch der Kinderarbeit und die Fuchtel überlanger Geschäftszeiten. Genug Fabrikanten geben es freimütig zu, daß das Fabrikgesetz für sie selber eine Wohlthat sei.

Doch Felix Notvest, der treue große Führer, der es mit sicherer Hand an drohenden Abgründen vorübergeführt, hat sich jetzt ganz von der Politik zurückgezogen. Was thut's, wenn sein Ruhm verblaßt, wenn einige ihm grollen, weil er sich nicht mehr um die kleinen Tageshändel kümmern will.

Ein Plan indessen, der jetzt das Volk bewegt, hat seinen vollen Beifall.

In einer sein ganzes Leben umfassenden Ausstellung will das Land Rundschau über alle guten Kräfte halten, die sich zu Berg und Thal bis in die entlegensten Gaue regen, in einem stolzen Fest der Arbeit, das wohl einige Jahre der Vorbereitung erfordert und aller thätigen Hände bedarf, wollen sich die alte und die neue Partei die Hände zur aufrichtigen, herzlichen Versöhnung reichen. Das Volk will vor sich selbst und der Welt seine Einigkeit zeigen.

Sühnen und Söhnen! Ja, wenn Felix Notvest nur auch seiner Pfarrgemeinde den Frieden geben könnte! Wohin er aber schaut, ist Zwiespalt und Zerfall.

»Denkt Euch,« erzählt er Frau Wehrli, »in der ehemaligen gemütlichen Wohnung hinter den Spalieren, wo die sonnige Lony einst den Bauernsonntagstisch blitzblank deckte, hausen zwei kinderreiche Spinnerfamilien, die eine an der Wand links, die andere an der Wand rechts, durch die Mitte der Stube zieht sich ein Kreidestrich, damit jede sieht, wie weit sie ihre Kleinen kriechen lassen darf. Im oberen Stockwerk aber sitzt Frau Stockar und webt Seide.«

»Der Kommandant will also von Karl gar nichts annehmen?«

»Gar nichts!« bestätigt der Pfarrer sorgenvoll. »So weit sei er noch nicht gesunken, hat er erwidert, das Unglück könne einen Mann wie ihn wohl in die Fabrik treiben, aber solange er ein gerades Glied habe, nicht dazu zwingen, von einem verleugneten Schwiegersohn den Unterhalt anzunehmen. Der harte Kopf ist durch alle bösen Erfahrungen nicht weicher geworden.«

Da pocht es. »Herr Oberst!« grüßt der Pfarrer, und Frau Wehrli entfernt sich.

»Ich bringe Ihnen den Bericht in der Vorüberfahrt selbst,« spricht Rudolf Fürst. »Stockar kann also in seinem Oberstübchen bleiben.«

Oberst Fürst meldet es geschäftsmäßig, er läßt sich aber vom Pfarrer einladen, sich zu setzen.

»Ich hätte,« sagt er in verändertem Ton, »schon lange gern eine Frage an Sie gestellt, Herr Pfarrer. Was halten Sie von meiner Fabrik?«

Er beobachtet Felix Notvest mit durchdringendem Blick und streicht sich nervös den Bart.

»Ihr Geschäft geht einer Katastrophe entgegen!« antwortet der Pfarrer nachdrucksvoll.

Rudolf Fürst fährt nicht vom Stuhl auf, wie Felix Notvest erwartet hat, sondern versetzt kalt, sogar etwas spöttisch: »Das glaube ich nämlich auch, Herr Pfarrer.« Seine Augen blitzen. »In letzter Linie sind Sie schuld, daß es zu einer allgemeinen Abrechnung zwischen mir und meinen Arbeitern kommt. Ich behaupte nicht, daß Sie Heueler Vorschub leisten. Im Gegenteil! Man spürt es aus Ihren Predigten, daß Sie gerne sprechen würden: ›Besen, Besen, bist's gewesen!‹ Aber Sie bringen die Geister, die Sie gerufen haben, nicht mehr in die Ecke. Von Ihrem Fabrikgesetz her leitet sich die Begehrlichkeit der unzufriedenen Rotten. Durchgehen Sie meine Lohnlisten, meine Ansätze sind so hoch wie überall in ähnlichen Betrieben, meine besseren Arbeiter sind gut bezahlt, Leute, die wenig verdienen, giebt es in jeder Fabrik.«

»Auch ein offenes Wort!« erwidert der Pfarrer warm. »Die Arbeiter klagen nicht über die Löhne, sondern über die Behandlung. Ihrer Fabrik fehlt der Tropfen Öl, der die Maschine nicht warm laufen läßt, ein wenig Menschenfreundlichkeit Ihrerseits, ein Band des Wohlwollens zwischen Ihnen und Ihren Arbeitern. Ihre eiserne Faust hält sie wohl im Gehorsam zusammen, aber mit Ihrer Schroffheit bleiben doch Sie selbst der beste Mitarbeiter Heuelers, Herr Oberst!«

»Sehr gut!« spottet Rudolf Fürst, erhebt sich, militärisch aufgerichtet, dann spricht er scharf und hart: »Daß Sie mir bei der Abrechnung nicht wieder als barmherziger Volksführer in den Arm fallen. Ihr Ehrenwort, Herr Pfarrer!«

»Niemals – ich werde thun, was dann meine Pflicht ist!«

Grollend geht Rudolf Fürst.

»Mein armes Reifenwerk!« spricht Felix Notveft gedankenvoll. »Trostlose Bilder überall, bei den Arbeitern wie bei den Bauern!«

Die Landleute haben sich nach der Heimwesenschlacht einer schmachvollen Faulenzerei ergeben. Einige fahren, von Langeweile geplagt, fast Tag um Tag mit der Eisenbahn in die Stadt, um dort irgend ein kleines unnötiges Geschäft zu erledigen. Den Rest der Zeit bringen sie in der Spelunke des Alt-Hirschenwirtes zu, der in einer halbdunklen Gasse eine Winkelwirtschaft eröffnet hat. Ein verlumpter Mann ist ein ehrloser Mann und der Hirschenwirt nimmt es wohl mit dem Treiben seiner Gäste nicht genau. Man munkelt, daß in seiner Kneipe die Karten fleißig umgelegt werden und die Einsätze des Spieles nicht klein seien. Nur wenige der durch den Erlös der Heimwesen zu barem Vermögen gekommenen Bauern haben die Kraft, es auf die Bank zu legen und in einer stillen Ecke zu warten, bis es den Jahreszins getragen hat, viele werden Spekulanten und Händler. Andere erkennen es beizeiten, daß sie im Nichtsthun verderben würden, und kaufen sich in benachbarten Dörfern neue Güter. Noch andere ergreift vor Langeweile das Amerikafieber, sie ziehen jenen Burschen nach, die bereits früher über das große Wasser gewandert sind und von ihren Farmen günstige Berichte in die alte Heimat senden. Die Auswanderer sehen es jetzt ein, daß es ihnen auf ihren Heimwesen im schönen Reifenwerd wohl genug hätte sein können. Was hilft die Reue? Sie schnitzen sich ein Stück vom sonnversengten Balken des Vaterhauses, steigen noch einmal hinauf in den Rebberg und zeigen den Kindern den fernen Silberkranz der Alpen, der ihnen bisher so schön zum Tagewerk geleuchtet hat. Dann nehmen die starken, braunen Bauern, die Männer wie Eichen, herzbrechenden Abschied vom Land der Väter.

Felix Notvest entbietet den Unglücklichen, die nicht die Armut, sondern der durchs Dach hereingeschneite Reichtum aus der Heimat peitscht, den letzten Gruß der Gemeinde.

In dieser traurigen Zeit ist ein Wort von Christli das einzige Tröstliche, was der Pfarrer erlebt. Es ist an Frau Wehrli gerichtet. »Mutter, jetzt hallen zu Reifenwerd die Neujahrsglocken! Ich bete für ein Haupt, das mir heilig ist! Gott gebe es, daß ich die unheimliche Kraft, die gegen mich streitet, besiege, daß ich in diesem Jahr den Heimweg zu Felix finde!«

Am ersten Frühlingstag predigt er dem ehrenfestesten aller Reifenwerder ins Grab, dem dickköpfigen Säckelmeister, dem Säemann mit den langhangenden Armen, dem Freunde der Witwen und Waisen, der in der »Landschlacht« noch einmal gekeucht und gesprochen hat wie donnernde Wetter.

Hat er wohl das Geheimnis des gesegneten Säens mit sich ins Grab genommen? Jedenfalls das Bauernglück von Reifenwerd. Die ihm die letzte Ehre geben, spüren es und weinen.

Wie brennend hager ist die Gestalt des Kommandanten geworden. Seine Lippen zucken unter dem grauen Schnurrbart und zwei dünne Thränen beben die schmalen, doch immer noch rötlichen Wangen hinab. Er würde wohl gern mit dem toten Säckelmeister tauschen. Aber für die Sünde an Lony muß er Tag um Tag den Guß des Obersten tragen, bis ihn am Abend der schäbig gewordene Barry, sein letzter Freund, am Fabrikthor erwartet.

Wie der Pfarrer von der Grabpredigt in sein Haus tritt, öffnet Frau Wehrli, die vor ihm her gegangen ist, das Fenster den frischen Frühlingswinden.

»Wenn die Lüfte jetzt nur etwas Fröhliches nach Reifenwerd brächten,« wendet sie sich mütterlich an den Eintretenden, »wir haben so viel Schweres erlebt.«

»Christli!« lächelt der Pfarrer wehmütig.

Ihm ist, seine Maililie entschwebe wie ein sehnsüchtig winkendes, duftiges Traumbild.

Die Frühlingswinde bringen allerdings Christli, zuerst aber eine Katastrophe in der Villa Venedig und den großen Streik in der Spinnerei und Maschinenfabrik des Obersten Fürst. Trotzige Scharen ziehen durch die Blütenbäume von Reifenwerd dahin, sie folgen einer roten Fahne mit der Inschrift:

»Wenn unser starker Arm es will. So stehen alle Räder still!«

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