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Gutenberg > Jacob Christoph Heer >

Felix Notvest

Jacob Christoph Heer: Felix Notvest - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorJ. C. Heer
titleFelix Notvest
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
year1901
printrun7
firstpub1901
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20051018
projectid8632c953
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XXX.

Auf der Rückkehr nach Reifenwerd klingt Felix Notvest der Schrei Sigundes in den Ohren: »Gott, er ist weiß geworden!« Hat sie doch die Spur eines Gewissens, einen Funken weiblichen Herzens?

In weher Träumerei schüttelt er das Haupt. Dieses glückliche Weib hat das Christli, die schlichte, zarte Maililie, zertreten! Die heißen Schmerzen wallen neu empor.

Warum muß ihn das gottverlassene Weib auch jetzt wieder stören? Das überdenkt Felix Notvest.

Allein hat nicht er selbst in jenen fernen Tagen, da sie durch die Wildnis des Rosengartens der alten Abtei streiften, in ihrem phantasiereichen Geiste die Freundschaft für die Kunst geweckt?

Seit er Sigunde gesehen, mag er nicht mehr zu Studien in das Museum Lombardi nach Rheinsee fahren. Nur dem unheilvollen Weibe nicht wieder begegnen!

Seltsame Vorgänge verlangen auch seine ganze Aufmerksamkeit für die Gemeinde Reifenwerd. Es ist gerade, als ob ein Fluch sein einst so herrliches Pfarrdorf verderben müsse.

Heueler, sein Erzfeind, steht noch nicht am Ende des politischen Liedes, er hat sich in der Gemeinde niedergelassen, eine Druckerei gegründet, er giebt ein Blatt »Der Tambour« heraus, das er in Reifenwerd und anderen Industriebezirken vertreibt. Was kann aber von Heueler, dem Geiste der Verneinung, Gutes kommen? Er sät eine wilde Drachensaat des Unfriedens und der Auflehnung in den Arbeiterstand, er treibt seinen Lesern mit glühenden Schilderungen der Feste, die Sigunde, die Schwester des Fabrikherrn, auf ihrem Landgut Venedig feiert, den Stachel des Neides in die Seele, greift die Behörden an und verhöhnt das Fabrikgesetz, in dem das Herzblut Felix Notvests lebendig ist. »Es ist Stückwerk. Man hat euch Steine gegeben statt Brot!«

Das ist ein langsam schleichendes Gift, das in der Arbeiterschaft des Obersten wühlt. Ein wie Taumellolch und Tollkirsche rasch wirkendes Gift aber wütet unter den Bauern.

Die neue Eisenbahn hat es nach Reifenwerd gebracht.

Diesen Sommer noch wogen zu beiden Seiten der Bahn die Ähren und dann niemals wieder!

Von der neuen Linie aus haben die Güterhandler und Bauspekulanten, die Freunde Franz Wohlguts, den Blick auf Reifenwerd geworfen. »Eine mächtige, stets wachsende Industrieanlage an wichtiger Verkehrsstraße, darum her eine nur mäßig große Ebene in einer von Höhen umgebenen Mulde. Da liegt Gold im Boden! Über kurz oder lang bedarf die Fabrik des Landes. Wenn dieses zuerst durch unsere Hände geht, bleibt etwas darin, was nicht von Pappe ist!«

So rechnen die Spekulanten, sie schleichen sich heimlich in die Gemeinde, sie stehlen sich unauffällig in die Wohnungen der Bauern, sie sprechen vom Wetter und vom Landbau und fragen dann: »Wollt ihr ein gutes Geschäft machen?« Da giebt es wohl einige Bürger, die dem Versucher kurzerhand die Thür weisen, andere horchen und sagen am Abend: »Alte, es ist ein schöner Preis; wenn ich am Morgen noch der gleichen Meinung bin wie jetzt, so verkaufen wir!« Die Frau weint; am Morgen aber kommt der Händler wieder und bringt ihr ein feines Seidentuch als Angebinde. Während sie sich an dem unerwarteten Geschenk freut, wird der Vertrag geschrieben, die Anzahlung rollt, und im Haus ist eitel Freude über das viele bare Geld.

Wie die ersten Heimwesen verkauft sind, wird die Geschichte ruchbar, im Wettbewerb mit den Händlern rafft Oberst Fürst, der sich ihnen nicht ausliefern will, durch seine Hintermänner so viel Land als er nur kann zusammen. Eine wilde Preistreiberei ist die Folge. Mancher gute Bauer von Reifenwerd, der in seinem Leben nichts anderes dachte, als daß er und seine Kinder auf der ererbten Scholle bleiben werden, kratzt sich hinter den Ohren: Wer jetzt die Gelegenheit unbenutzt vorübergehen läßt, ist ein Narr! So teuer war, seit Reifenwerd steht, das Land nie und wird es, bis die Welt untergeht, nicht wieder werden!

Diese Ueberlegung leuchtet ein, sie verkaufen ihr Land, die einen an die Spekulanten, die anderen an Oberst Fürst.

Ein böser Anfang ist da und das Beispiel wirkt ansteckend.

»Schon wieder eine Kampfpredigt, das steht Ihnen im Gesicht!« spricht Frau Wehrli erschrocken. »Darf ich Ihnen als alte Frau etwas sagen, Herr Pfarrer? Nicht nur unter den Arbeitern, auch unter den Bauern giebt es viele, die Ihnen wegen Ihrer Kirchenreden und Zusprüche grollen, ich spüre es, wenn ich ins Dorf gehe, ganz wohl. Ich denke, welches Glück es sei, daß nicht eben jetzt die wiederkehrende Pfarrwahl stattfindet. Herr Pfarrer, Sie bekämen eine Menge ›Nein‹, und wenn das geschähe, so wäre es nicht für Sie, aber für die Gemeinde eine Schande.«

Der Pfarrer muß über die letzten Worte des alten Mütterchens lächeln, aber der Ernst kehrt gleich auf sein Gesicht zurück.

»Ich heiße Notvest,« erwidert er erregt, »solange ich auf der Kanzel stehe, will ich den Mut der Wahrheit üben. Wahr bleibt nicht nur, daß Heueler mit seinem Hetzblatt die Arbeiter ins Unglück treibt, sondern auch, daß es eine Herausforderung göttlichen Schicksals ist, wenn der Bauer um einen Judasschilling die ererbte Scholle verläßt, daß die Thränen der armen Frauen den Männern Zeichen Gottes sein sollten, die Heimwesen zu behalten. Das rollende Geld, das sie an die festen Äcker eintauschen, wird eines Tages dahin sein. Vom Reichtum bleibt ihnen nur die Armut! In der Geschichte des Untergangs von Alt-Reifenwerd soll es aber heißen: Mit dem Säckelmeister fest stand der Pfarrer. Diese Ehre gebe ich für ein paar ›Ja‹ mehr oder minder nicht dahin.«

Felix Notvest predigt umsonst vom Segen, der auf der rauhen Arbeit des Landmanns ruht, umsonst geht der dickköpfige Säckelmeister von Stube zu Stube, von Bauer zu Bauer, umsonst knurrt er ihnen zu: »Wollt ihr denn alle Konkursiten werden. Schämt euch vor den Eltern, die im Grabe ruhen!«

Die Verkaufslustigen verschanzen sich hinter allerlei Ausflüchte: »Wir sind ja in Reifenwerd schon lange keine rechte Bauerngemeinde mehr, daran ist die Fabrik schuld. Wir legen den Erlös für die Heimwesen auf die Bank, brauchen keinen Karst zu ergreifen, um kein Hagelwetter zu sorgen, und wenn wir am Ende des Jahres in der Stadt den Zins holen, macht er grad so viel wie früher der Ertrag der Felder. Wir aber haben keine Hand zu rühren gehabt.«

Die »Landschlacht« wütet, der Goldregen geht auf das glückliche Reifenwerd nieder und genug Dörfer in der weiten Umgebung neiden die Gemeinde wegen ihres Fabrikanten, dessen Strebsamkeit dem Land um seine Fabrik einen so außerordentlichen Wert gegeben hat.

Die Bauern von Reifenwerd sind über den unerwarteten Segen so erregt, daß sie kein Werkzeug mehr zur Hand nehmen, jeder Tag ist ein Sonntag im Dorf. Schon morgens um neun Uhr sitzen sie im »Hirschen«, trinken ein Schöppchen oder zwei und essen einen guten Bissen, besprechen die Landhändel, spielen mit Karten und schlagen dabei mit den Knöcheln aus die Tische. Und am Abend, wenn ihnen der Wein in den Kopf gestiegen ist, singt die Stube voll ausgelassener Menschen die Lieder der Heimat.

Singt nur! denkt der Kommandant, der vor sich hin brütet und Barry streichelt, ihr seid doch Thoren wie ich. Und du, Hirschenwirt, pfeifst doch auch aus dem letzten Loch und mußt aus dem Hause wandern. Singt, singt! In sich gekehrt, trinkt er mit der Schadenfreude des Unglücklichen Schoppen um Schoppen und geht spät abends etwas schwankend heim. In die »Hölle«, wie er sein Heim nennt, kommt er früh genug zurück! Die Hölle hat er sich selbst geschaffen! Warum kann er, der rechtlose Mann, vor seinem Schwiegersohn nicht schweigen! Die stolze übermütige Judith hat es, nachdem die Schimpfworte zwischen ihr und ihrem Mann lange genug hin und her geflogen sind, ja auch lernen müssen. Wie sind ihre Wangen eingefallen, wie sind die schwarzen Augen trüb vom Weinen, ihr Gang so schleppend! Sollte sie mit ihrem kleinen Kinde nicht ein stolzes, blühendes Weib sein wie ihre Mutter, Frau Susanne, in jungen Jahren?

Warum wohl noch Licht in der Stube ist? fragt sich der Kommandant und tritt ein. Da sitzt neben Judith, die ihr flennendes Kind auf dem Arme hält, die Kommandantin und stöhnt: »Wenn mich doch Gott erlösen wollte! Denke dir, Hans Ulrich, Franz hat hinter unserem Rücken das Haus, das Land und die Fahrhabe bis auf den letzten Stiel verkauft, an den Obersten Fürst verkauft. Der Oberst war schon da und hat das Haus angesehen. Was sagst du dazu, Hans Ulrich?«

Mit Entsetzen starrt Judith den Vater an. Ernüchtert und wie ein wunder Stier sich aufbäumend, schreit der Kommandant: »Dieser Handel gilt bei Gott im Himmel nicht!«

Er will den Stutzen von der Wand reißen.

Da tritt Franz Wohlgut aus dem Nebenzimmer und fährt den wütenden Greis mit funkelnden Augen und einer herrischen Bewegung an: »Auf der Stelle ruhig, Vater! Ihr selber mit Eurer Unverträglichkeit habt mich so weit gebracht! Ich verfluche die Stunde, wo ich in dieses Haus getreten bin!«

»Ich auch!« stöhnt der Kommandant in ohnmächtiger Wut. Judith aber, die der Mutter das Kind vom Arm genommen, schreit: »Franz, Franz, was redest du? Wir haben dir ja unser Alles gegeben.« Doch jetzt schäumt Franz Wohlgut gegen sein Eheweib auf: »Bei dir wäre eine Million nicht genug Mitgift. Weißt du warum? Weil neben einem schlechten Weibe auch der Mann schlecht wird!« Er wirft dem Kommandanten ein Stück Papier hin!

»Da habt Ihr den Beweis, daß die Judith schlecht ist. Es ist eine gerichtliche Klage für Schulden, die sie als lediges Mädchen, als Eure verwöhnte Tochter heimlich gemacht hat.« Der Mund des Kommandanten öffnet sich, der alte Mann hält sich am Stuhl, daß er nicht falle.

Franz Wohlgut lächelt kühl. Der Schlag trifft!

»Dann sag's dem Vater auch noch,« gellt die Stimme Judiths, »daß du das Haus verkauft hast, weil du ein ruinierter Börsenspieler bist, sag's ihm grad noch, daß du nach Amerika oder Australien durchbrennen und mich und das Kind sitzen lassen willst – du Schurke!«

Der Kommandant hört nichts, er starrt nur auf die Klageschrift, steht blaß und zitternd auf und will aus der Stube gehen.

Da wendet sich auch Franz nach der Thür. »Adieu!«

»Vater! Vater! Er ist gegangen und kommt nicht wieder!« kreischt Judith, die sich händeringend wie eine Tolle gebärdet. »Hilf mir, Vater!«

»Ich würde dir gern helfen, meine arme Judith,« preßt der gebrochene alte Mann mühsam hervor, »aber für ein Kind wie du, das seinen Vater verraten und an den Bettelstab gebracht hat, giebt es wohl keine Hilfe mehr!«

»Du hast recht, Vater!« Bitterlich weinend sinkt Judith an seine Brust, umarmt dann die Mutter, küßt ihr Kind und taumelt der Thür zu. »Lebt wohl! Lebt wohl!«

»Judith! – Hans Ulrich!« kreischt die Kommandantin und will ihr nachstürzen. »Sie geht und nimmt sich das Leben!«

Aber ein starrer Blick des Kommandanten hält Frau Susanna zurück.

»Laß sie!« Mit gefalteten Händen ist der gebrochene Mann auf einen Stuhl gesunken, und in unheimlicher Ruhe sagt er leise: »Das Sterben thut ihr nicht so weh, wie mir aus Kindesniedertracht in alten Tagen ein bankerotter Lump zu werden – und das thut nicht so weh wie unsere Missethat an Lony! Frau, bete für Judith, für dich und mich – wir alle drei haben es nötig!«

Seine Stimme erstirbt wie Kindesflüstern.

Frau Susanne wankt davon und sucht Judith im Wald. Vergeblich.

Am anderen Tag hat man sie aus der Reif gezogen und die Leiche ins elterliche Haus gebracht.

Der Kommandant streichelt das aufgelöste, fließende Haar seiner unglückseligen Tochter. Seine Stimme schluchzt: »Tochter um Tochter, Judith um Lony – es ist ein Wunder, daß ich nicht wahnsinnig werde, wie der alte König!«

Da fällt sein verschwommener Blick auf die kleine Enkelin, die neben der toten Mutter unschuldig am Boden spielt.

Er hat es nie geliebt, das Kind Franz Wohlguts, aber jetzt rührt ihn die Kleine.

»Zuerst wird Judith begraben,« flüstert er langsam. »Dann kommt die Vergeltung – dann wirst du, Susanne, Seide weben, wie einst als schöne Jungfer, und ich will Arbeit suchen. – Es wird uns wieder wohler sein, Frau, wenn auch wir für unsere Missethat an Lony büßen!«


Die Landschlacht ist vorüber, der Winter wieder da!

Eines Tages fährt der Hirschenwirt aus dem Dorf. Als ein hutzelnder Greis verläßt der Konkursit den alten stattlichen Gasthof. Sein Sohn Jakob, der neben seiner herzigen Frau etwas ungehobelt im Verkehr mit den Fremden war, hat das Hotel nicht halten können. Immer Hoffnung – und der Alte ging hohe Bürgschaften ein. Da riß ein vorzeitiger Schneefall, der die Gäste vertrieb, das Berghaus mit dem Hirschen zusammen.

Der Kommandant arbeitet als Taglöhner da und dort – dann und wann aber kann er wegen schlechten Wetters keine Anstellung finden. Die Enkelin schreit nach Brot!

Eines Novembermorgens steht der alte Mann, weil er sonst keine Arbeit finden kann, am Fabrikthor. Wie Oberst Fürst hastig von der Brücke gegen die Werkstätten kommt, als sei er, wie seine Arbeiter, der Minute pflichtig, zieht der Greis, der einen abgeschabten ehemaligen Sonntagsrock trägt, den grünlich angelaufenen Hut, der einmal glänzend schwarz gewesen sein mag, bis an die Kniee: »Herr Oberst, ich bitte um Arbeit!« Rudolf Fürst, der scharfe, trockene Herr, mißt den Gesuchsteller ohne Rührung, doch auch ohne Spott, mit einem durchdringenden Blick vom Scheitel bis zur Sohle. Einen Augenblick ist es ihm, als sollte er den Greis nicht in sein Geschäft aufnehmen, dann sagt er trocken: »Gut, Stockar, rüstig genug seid Ihr ja noch! Also am Montag morgen um sechs Uhr tretet Ihr an und nehmt die Gußtanse auf den Rücken. Pförtner, gebt dem Manne eine Kontrollnummer!«

»Sie kommen, die Herren von Reifenwerd!«

Der Gedanke erfüllt Rudolf Fürst mit einer stillen Genugthuung.

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