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Gutenberg > Jacob Christoph Heer >

Felix Notvest

Jacob Christoph Heer: Felix Notvest - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorJ. C. Heer
titleFelix Notvest
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
year1901
printrun7
firstpub1901
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20051018
projectid8632c953
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XXVII.

Das Werk der neuen Landesverfassung ist mit der Ordnung der kirchlichen Fragen ausgebaut und vollendet. Um den treuen Volksführer ist es still geworden.

Das ist gut so! Sein Feuergeist ist in den Verfassungswirren der wilde Reiter gewesen, der sein Pferd niedergehetzt hat. Seine Gesundheit hat gelitten, die leibliche Kraft ist geschwächt. Kein hörnerner Siegfried, der sich mit Unempfindlichkeit gewappnet, viel eher ein Kämpfer, der jeden Schwertschlag, den er gegen andere führt, am eigenen Leibe gespürt hat, ist der Sieger, bedeckt mit Wunden, aus der Schlacht gekommen. Davon erzählen die plötzlich weiß gewordenen Locken, die ein sonderbares Widerspiel zu seinem doch noch jugendlichen Gesichte bilden.

Er sitzt in den Tagen zwischen Weihnacht und Neujahr in seiner Studierstube, und draußen vor den Fenstern fallen die Flocken des Winters weiß und rein, groß und schwer, still und ruhig auf die Erde und lullen alles Leben in Schlaf. Wie das dem müden Kämpfer wohlthut, wohl wie die Nachricht, daß die Führer und das Volk seinen inständigen Bitten nachgeben und, weil er im Leid um seine Eltern ist, von der großen Landsgemeinde und Huldigungsfeier absehen, mit der sie mitten im Winter den Abschluß des großen Werkes aus dem Boden von Reifenwerd, wo es begonnen worden ist, begehen wollten.

Nur wie ein Traum zieht es durch seine Seele, daß heute die schwarzmarmornen Ehrentafeln im Vestibül des Rathauses um zwei goldene Namen dahingegangener verdienter Mitbürger vermehrt werden, um den des letzten Antistes und um den Robert Hohspangs, des Alt-Regierungspräsidenten und großen Staatsmannes, der an dem nämlichen Tage wie der Antistes gestorben ist. Was sind Ehren im Leben, was sind Ehren im Tod? Vor dem Weltgericht werden nur die Thaten der Selbstlosigkeit zählen!

Eine That der Selbstlosigkeit ist da, das Fabrikgesetz.

Aber wie viel Leid ist in den einen göttlichen Faden gezwirnt! Die herrlichen Eltern sind um des Sohnes willen in Jammer zur Grube gefahren, der Name des Mädchens, das er liebt, ist von einer Verleumderin entehrt, die keusche Maililie, die er sich hegen und pflegen wollte, welkt im fremden Land. Es ist furchtbar, und seine Seele schreit nach ihr!

Sie schreit Fluch über Sigunde, das schöne gottlose Weib, das seit dem Hinscheiden ihres Schwiegervaters, des Regierungspräsidenten, die reichste Witwe im Lande ist. Schön, geistreich, gewissenlos! So mag sie frei den Freudenkelch des Lebens trinken, heute im Süden, morgen im Norden und zwischenhinein auf dem entzückenden Landsitz am heimatlichen See. So mag sie ihre Herzlosigkeit mit dem Schein der Mutterliebe umhüllen, die sie ihrem blonden, engelschönen Knaben widmet!

Seit der Flucht Christlis kann Felix Notvest den Namen des verleumderischen Weibes nie hören oder lesen, ohne daß sein Herz in Schmerz und Zorn überwallt. Er preßt dann die Hand auf die Brust, als müsse er eine vergiftete Wunde decken, die nie vernarbt. Er sieht wieder die wie Riesenschneeflocken im Konzertsaal herniederfallenden Flugblätter, die blasse Künstlerin, wie sie mit einem Wehschrei von der Bühne taumelt, seine durch eine Schurkerei vernichtete Christli!

Ja, Sigunde Hohspang hat in ihrem Rachedurst gut zugeschlagen! Wie mit einem scharfen Schwert hat sie Christli von ihm getrennt. Er ist einsam, sie ist einsam, die Seelen weinen nacheinander, und sie können doch nicht zusammen kommen!

Der Pfarrer wühlt in den Briefen Karl Wehrlis, sein Auge ruht auf den abgerissenen Zeilen, den Stammelworten innerster Not, mit denen Christli manchmal die Mitteilungen des Bruders begleitet, aber seine Züge werden nur hoffnungsloser. Wohl lebt ja in Christli eine zehrende Liebe zu ihm, und die göttliche Flamme, die einen Augenblick im Weh der jungen Brust erloschen schien, flackert aus der Asche, aber es war eine freundliche Täuschung, als es im Anfang ihres Aufenthaltes in Lyon schien, daß sich ihr erregtes Gemüt unter dem Zuspruch ihres Bruders beruhigen werde. Wie ringt es, nach Karls Briefen zu urteilen, mächtig und wild in der heißen, verschwiegenen Seele, wenn Lony ihr Leiblied singt: »Wem Gott ein treues Lieb beschert, Der soll von ihm nit lassen,« wenn sie Christlis Hand ergreift und in ihrer schlichten, warmen Art sagt: »Nimm dir das Lied zu Herzen! Sigunde Fürst ist es nicht wert, daß du ihretwegen einen einzigen Tag fern von Felix Notvest bist!« Da schreit und bäumt es sich in Christli, da verlebt sie entsetzlich schlimme Tage: »Wenn Felix stürbe und ich könnte nicht an seinem Lager stehen und ihm hilfreich fein in der höchsten Not – ich stürbe selber!« stößt sie dann hervor.

Ueber einen Punkt aber kommt die arme, eigensinnige Christli nicht hinweg: sie kommt mit ihrem durch das schmähende Flugblatt tödlich verletzten und überreizten Ehrgefühl in keinen Frieden!

Das alles sieht Felix Notvest trauervoll aus Karl Wehrlis Briefen, und der Bruder hat wohl mit dem Rate recht, selbst die Mutter möge sich nicht in Christlis inneren Kampf mengen, sondern sie gewähren lassen, bis ihr die Liebe von selbst den Heimweg weise.

Felix Notvest dürstet nach ihr wie der Ritter auf dem Rad nach einem Trunk, und stets treibt es ihn vor ihr liebes Bild, das in der Wohnstube hängt. Dunkle Augen unter seidenen Wimpern, ein fein gebogenes Naschen, ein herbes Mündchen, ein schmales Gesicht und darüber ein Hauch wie unberührter Frühling! Selbst eine hohe, trostreiche Fügung vermag er in der schmerzensreichen Reise Christlis zu erkennen. Die plötzliche Erscheinung des lieben Mädchens war für die arme, sich in Heimweh verzehrende Lony wie Regen des Himmels auf ein versengtes Feld, leidtilgender Heimatgruß, vielleicht eine heilige Erquickung auf den dunklen Pfad, den wir einst alle wandern müssen.

Obwohl es schien, als habe der vor Liebe überfließende Brief des Kommandanten die Krankheit und Schwäche Lonys hinweggetrieben wie Lenzregen den Winterschnee, obwohl sie nur in dem einen Gedanken lebt, daß sie im Frühling mit Karl zu längerem Besuch in die Heimat komme, ist ihr Gatte in beklemmender Sorge um sie.

»Die Rosen auf ihren Wangen gefallen mir nicht,« schreibt Karl, »es ist mir stets, sie könnte erlöschen wie ein Licht.«

Ein Pochen an der Thür schreckt Felix Notvest aus seinen Betrachtungen.

»Herr Heueler!« Der Journalist und Pamphletär, der ein paar Schneeflocken vom Hute streift, sieht recht abgerissen aus. Kein Wunder! Sein Blatt, das am Anfang der politischen Bewegung wuchs wie ein Schwamm im Regenwetter, ist dem Volke zuletzt wegen seiner Giftigkeit verleidet, mit dem Rückgang der Bewegung hat es seine vielen Tausende von Lesern verloren und ist am Zusammenbruch.

»Herr Pfarrer,« fragt Heueler finster, »was bekomme ich zum Dank für meine große thätige Mithilfe an Ihrem Ruhm?«

»Den Fußtritt, den Sie verdient haben!« antwortet Felix Notvest voll Abscheu.

Die Augen, die Heueler sonst halb verschleiert hält, leuchten verächtlich und vielsagend auf, es liegt eine wilde Feindseligkeit darin.

»Leben Sie wohl, Herr Pfarrer,« erwidert er spöttisch demütig, »wir stehn noch nicht am Ende des politischen Liedes.«


Ein anderer aber steht am Ende des politischen Liedes. Der Kommandant! Er hat es verwunden, daß er im Kampf gegen die Eisenbahn unterlegen ist und daß Rudolf Fürst mit seiner Fabrik in Reifenwerd stets mächtiger wird, er sieht nur noch das Elend im eigenen Hause.

Judith geht wie ein Marterbild, wie ein Gespenst einher, ihre Augen sind hohl, die Wangen mißfarbig, grau und grünlich, der Blick stechend und flackrig.

»Hans Ulrich,« beginnt Frau Susanne, die auch um Jahre gealtert hat, hager und knochig geworden ist, »schau das Kind an, es grämt sich zu Tode! Es hat ja schon einen Fuß im Grab. Sollten wir nicht Franz Wohlgut kommen lassen, damit wir uns mit ihm ins reine setzen können?«

Der Kommandant brennt zähneknirschend auf: »Niemals!«

Die letzten Tage des Jahres sind da, wo jede Bäuerin Kuchen backt und die Straße entlang die Dorfjugend: »Sylvester, Sylvester,« ruft!

Da tritt der Kommandant im höchsten Sonntagsstaat vor Frau Susanne und Judith: »Haltet Neujahr wie ihr wollt; ob das Heimwesen verkauft ist oder nicht, ich reise jetzt nach Lyon. Ich will nur noch die alte Frau Wehrli fragen, was sie an ihren Sohn auszurichten hat.«

Wie aber der Kommandant ins Pfarrhaus tritt, da wischt sich Frau Wehrli die Augen, und wie der Pfarrer seine Stimme hört, bittet er: »Herr Kommandant, treten Sie bei mir ein!« Sein Wort tönt ernst und traurig.

Der Kommandant will es nicht spüren und spürt es doch.

»Meiner Lony geht es gut!« beginnt er unsicher und in wachsender Herzensangst, »ich fahre jetzt nach Lyon!«

Der Pfarrer starrt ihn an: »Ich rüstete mich eben auf den Weg zu Ihnen! Ihrer Lony geht es gut, sie ist jenseits alles Leides und alles Schmerzes.«

Der Kommandant fährt auf und schwankt, er hält sich an der Lehne des Stuhles und stemmt sich an die Wand, die Lider unter den dreizackigen Brauen zucken, er gebärdet sich, wie wenn er fröre und die Schauer des Sterbens auch über ihn liefen. Ohnmächtig läßt er den Mund hängen, bis er, wie aus einem entsetzlichen Traum erwachend seufzt: »Tot? Ist meine Lony gestorben – tot?!«

»Sie sagen es selbst!« erwidert der Pfarrer.

Er müht sich um den alten, zerschlagenen Mann.

»Sie stand doch so schön am Rebberg oben im Morgenrot!« flüstert der Kommandant. Mitten im Wort bricht seine Stimme, er schluchzt, und zwei dünne, klare Thränen rinnen die ehernen, mageren Wangen hinab – er sinkt tappend auf den Sessel zurück und fragt: »Wie ist Lony gestorben?«

Gebeugt und mit gefalteten Händen sitzt er da.

Felix Notveft liest ihm den Brief Karl Wehrlis vor, der das schmerzliche Ereignis mitteilt: »Sie erzählte unserem kleinen Hans vom Großvater in Reifenwerd, der zu Besuch kommen würde. Sie sprach mit Christli über Reifenwerd, über die Jugendzeit, wie alles schön gewesen sei, die alten Linden, das Tätschschießen. 'Lony, begieb dich zur Ruhe!' mahnten wir, aber sie sagte: 'Laßt mich! Es wird jetzt alles von selbst wieder gut.' Sie wollte noch singen: 'Wem Gott ein treues Lieb beschert', aber es ging nicht, sie erzählte dafür, wie die Jungmannschaft in der Nacht die Reben des Schleifers Keller bearbeitet hat. 'Und an der Tanne stand im Tagschein der Vater und lachte vor Freude!' Nun war es auf einmal, als ob die Lony träumte. Dann sank sie Christli in den Arm. 'Karl!' hauchte sie noch – der Rest war Sterben!«

Der Kommandant bebt und zittert an allen Gliedern. »So, sie hat noch an den Morgen gedacht? Ich aber sehe meine Lony nie wieder – niemals – niemals! – Doch, doch; meine Lony kann ja nicht tot sein!« Er fährt auf: »Lebt wohl, Herr Pfarrer, und erzählt anderen Leuten solche Märchen!« Wie einer, der im Dunkeln tappt und es doch eilig hat, verläßt er das Pfarrhaus.

Einen Augenblick zu spät fällt es Felix Notvest ein, daß er dem Kommandanten hätte folgen sollen.

Der unglückliche Mann geht vor sein Haus, aber er tritt nicht ein. »Das ist brav, Barry, daß du bei mir bist!« Er wendet sich, er steigt den hoch mit Schnee bedeckten Rebberg empor, aus dem einige nackte, braune Schosse ragen. Am Waldrand stellt er sich hinter die Tanne, hinter der er einst gestanden hat, und er thut so, als ob er jemand belauere. »Sie hat halt doch eine große Freude gehabt an meinem Brief,« spricht er für sich. »So schau doch her, Lony, ich lache vor Freude!« Und er grinst. »Barry, suche die Lony!« schmeichelt er dem Hunde. »Ja, wenn du sie halt nicht findest, ist sie tot – tot.« Er hört die Stimmen von Leuten, die in der Nähe Holz hacken. »Komm, Barry!« Wie wenn er von den Leuten etwas zu fürchten hätte, schleicht er weiter durch den mit Rauhreif behangenen Wald und gerät in eine wilde, ächzende Eile. Er weiß es selber nicht, wie viele Stunden er schon mit Barry im Schnee wandert. Nach Lyon will er plötzlich nicht mehr, der alte Bauersmann. Was würde er dort finden! Nichts als ein frisches Grab! Aber weit weg will er von seinem verunehrten Heim. »Warum die Lony, warum nicht die Judith?« fragt er im Selbstgespräch. Vor Fußspuren im Schnee hält er an: »Wenn es die Tritte Lonys wären!« Vogelschwingen haben sich im Vorüberflug in den reinen Schnee gezeichnet. »Ehe die Seele Lonys in den Himmel gestiegen, hat sie wohl in heiliger Liebe den Boden der Heimat, gestreift.«

Überall entdeckt er Lonys Spur, jeder Hauch des verschneiten Waldes, die klirrenden Eisnadeln sprechen von Lony, seinem Prachtmädchen! Der Sylvesterabend dämmert, und wo der Wald hoch und still ist, ruht der Kommandant, den Kopf Barrys auf seinen Knieen. Und wahrhaftig, er sieht Lony. Jung und stark schreitet sie, ein Büschel Weizen im Arm und die Sichel in der Hand, mit lachenden Augen auf ihn zu. Und er redet sie an: »Lony, soll ich das Heimwesen Franz Wohlgut geben?« »Sei nicht so unvorsichtig, Vater!« und ihre großen Augen, die so innig sind wie blühender Flachs, strahlen ihn an. Ja, er und seine Lony verstehen sich. »Du hast recht, Lony, ich bin kein Thor wie König Lear!« Er erwacht über seinem eigenen Wort.

Da, horch! – Rings im Lande klingen die Neujahrsglocken, die Töne schweben und beben über die gefrorene Erde und steigen hinauf zu den ewigen Sternen. Wie schicksalsmächtig das singt und klingt! Der alte Mann im Walde ringt sich empor. Wenn man doch die Jahre zurücknehmen könnte, die selbstverschuldeten Jahre ohne Liebe und Glück! Er schwankt zu der Lichtung; das Gesicht von den Thränen der Reue bedeckt, schreit er in den schwarzen, starren Winterhimmel hinauf: »Liebe Lony, ich wünsche dir von Herzen ein gutes, gesegnetes, glückhaftes und freudenreiches neues Jahr!«

Mehrere Tage irrt der Kommandant einsam durch die Wälder. In einer fernen Gegend hören die Leute nächtlicherweile einen Hund heulen. Sie gehen den langgezogenen, kläglichen Tönen nach. Im Dickicht einer Waldschlucht finden sie einen Greis, der kraftlos und ohne Besinnung daliegt und wohl erfroren und gestorben wäre, wenn ihn das treue Tier nicht mit seinem Leib gedeckt hätte. Als man den Unbekannten, der einen guten Sonntagsstaat trug und eine bedeutende Summe Geldes bei sich hatte, ins Dorf brachte und er wieder etwas zu Kräften gekommen war, wollte er seinen Namen geheim behalten. Der Gemeindepräsident aber erkannte ihn. »Gott, seid Ihr es, Großrat?« – »Ja, so weit kommt man,« stöhnt der Kommandant, »wenn man die bessere Tochter mißhandelt und die schlechtere verzieht!«

Er wird unausfällig nach Reifenwerd und in sein Haus zurückgebracht, aber unter den Dörflern, die zuerst glaubten, er sei zur Beerdigung Lonys nach Lyon gereist, ist des Munkelns und Redens kein Ende, die Reifenwerder schämen sich ihres Großrates und merken es wohl, daß dieser Beste vom Bauernstamme vor dem Zusammenbruche steht. Niemand mag in das Unglückshaus treten, und seine Bewohner kommen vor Schande nicht auf die Straße.

Dem Kommandanten ist weh und weinerlich, er wiederholt nur immer: »Es ist mir nicht gut, Susanne, hole mir ein Glas roten Weins!« Er sitzt am Tisch und trinkt, wortlos sitzt er da, liebkost dann und wann Barry, und wenn er etwas spricht, ist es von Lony.

»Lony ist jetzt im Himmel!« versetzt Frau Susanne sanftmütig. »Soll aber deine Judith auch wie Lony sterben? Mich drückt der Kümmer um das Kind in die Erde. Wir wollen mit Franz reden!«

»Ich trete das Heimwesen nicht ab!« knirscht er.

»Du bist jetzt in den Sechzigen, Hans Ulrich,« überredet Frau Susanne, »lade ein wenig von deinen Schultern ab. Was willst du noch regieren! Lasse einmal die Jungen schalten und walten. Mit Franz wird schon auszukommen sein!«

Der Tod Lonys, das Unglück im Haus, die Gewissensbisse, der Wein und das Zureden seiner Frau übermannen nach und nach den Kommandanten. »Gebt mir Frieden!« stöhnt er. »Ich bin ja schon ein halber Narr, was thut's, wenn ich ein ganzer werde? Ich will nichts als ein Plätzchen, wo ich an Lony denken kann.«

»Soll Judith an Franz schreiben, daß er vorbeikomme?« fragt Frau Susanne, »du wollest dich mit ihm besprechen!«

»Gut, sie mag ihm schreiben!« murmelt der gebrochene Kommandant, »schlagt mir auch den Nagel in den Sarg, ich habe nichts dagegen!«

Ein dunkler Tag kommt. In der Wohnung sitzt, die Feder hinter dem Ohr, die Kanzleibogen vor sich, der Notar. Franz hat zwei Zeugen mitgebracht, keine Bauern aus dem Dorf, das wollte der Großrat selbst nicht, sondern zwei seiner Freunde. »Was seid Ihr von Beruf?« wendet sich der Kommandant an den einen. »Güterhändler!« »Und Ihr?« fragt er den anderen. »Börsenmakler!« Der Kommandant knurrt unwillig.

»So, ich lade alle Beteiligten und Zeugen ein, die Urkunde zu unterschreiben,« versetzt der Notar nach einer Stunde kalt und geschäftsmäßig, doch auch so, als habe er selbst kein Zutrauen zu dem geschlossenen Ehe- und Übergabevertrag. Er reicht die Feder zuerst dem Kommandanten. Wie der Großrat unterzeichnet, daß er Haus- und Heimwesen, mitsamt der Fahrhabe, doch mit Vorbehalt eines Leibgedings, eines Oberstübchens, das ihm und seinem Eheweib als unzerstörbares Eigentum angehört, an seinen Schwiegersohn abtritt, da zittert ihm die Hand so sehr, daß er die Linke auf den rechten Oberarm legen muß, um den Namen hinmalen zu können.

Dann bringt Judith, die wieder fröhlicher geworden ist und besser aussteht, Rotwein auf den Tisch, und ein ländliches Mahl bildet das Ende der Vertragsverhandlungen. Es kommt dem Kommandanten vor wie eine Henkersmahlzeit, aber Franz Wohlgut stößt sein Glas an das des Kommandanten. »Vater, kein so trübseliges Gesicht! Ich weiß gewiß, was gegen Eltern schicklich ist, von mir und meinen Freunden aus erfährt auch niemand etwas von der Abtretung.«

»Ich danke dir, Vater! Du sollst es schön und gut bei uns haben!« lacht Judith, und die heidelbeerschwarzen Augen glänzen wieder.

Vierzehn Tage später aber kommt der dickköpfige Säckelmeister zum Kommandanten. Er windet und wendet sich und will nicht mit der Sprache heraus. Um so gröber sagt er zuletzt, was ihn drückt: »Es ist also die Meinung im Dorf, daß Ihr das Amt niederlegen sollt, ehe es alle Spatzen von Reifenwerd pfeifen:?Wir haben einen durch seinen Schwiegersohn und seine Tochter bevormundeten Großrat!?«

Der Kommandant blickt ihn wortlos und traurig an. »Ihr habt recht, Säckelmeister!« Er legt seine Würde nieder. Der Mann, der in kurzer Zeit ein Schatten seiner einstigen Stärke geworden ist, schleicht zerstört einher. »König Lear!« Er schüttelt den Kopf. »Weniger als König Lear!«

Er glaubt, daß er nicht mehr elender werden könne, der arme, alte Narr, der mit Barry in der Lenzsonne am Rebberg sitzt und von Lony träumt!

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