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Gutenberg > Jacob Christoph Heer >

Felix Notvest

Jacob Christoph Heer: Felix Notvest - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorJ. C. Heer
titleFelix Notvest
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
year1901
printrun7
firstpub1901
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20051018
projectid8632c953
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XXI.

Von der Stadt streicht der Frühlingswest über die Anhöhe der Steige hinüber ins Thal der Reif.

Am sonnigen Weinberg stehen die Bauern und stoßen mit schweren Fußeisen die Stäbe zu den Reben, an denen die Frauen die Schosse schneiden. Der Kommandant arbeitet mit den Seinen, zwanzig Schritte vorwärts die Frauen, weiter zurück er allein.

Franz Wohlgut ist mit den Knechten irgend anderswo beschäftigt.

Jetzt hat er sich mit Frau und Tochter zum vormittäglichen Zwischenbrot gesetzt und sein Blick geht auf das freundliche Dorf, auf das anmutige Thal, in dem die Saaten ergrünen. Hoch am Himmel schmettert die Lerche freudvoll, über die mürbe Erde dahin eilen die rotgetüpfelten Marienkäfer und der Vrodem steigt wonnig aus der Scholle. Das Gesicht des Kommandanten aber ist griesgrämig.

Ärgert ihn das herrschaftliche Gefährt, das auf der Landstraße rollt und jetzt vor dem Thor des Schlößchens Reifenloh hält?

Vielleicht auch ein wenig. Er brummt: »Was Sigunde Hohspang wohl für einen Narren durch die Welt führt?«

Vor allem kränkt ihn das sonderbare Bild auf dem Felde.

Von einem Ende der schönen Thalmulde zum anderen zieht sich eine Reihe von Stangen, an denen rote Fähnchen flattern, und verliert sich in der Richtung der Stadt in einem Nebenthälchen der Reif.

Die Ingenieure, die Steckenmännchen, wie er sie verächtlich nennt, laufen quer durch die Äcker.

»Vater, habe ich es nicht gesagt, daß die Eisenbahn doch kommt?« spöttelt Judith.

O, der Kommandant weiß es wohl, daß er sich mit seinem Kampf gegen die Eisenbahn verrannt hat, daß sein Ansehen darunter gelitten hat und man im Land über den viereckigen Bauernkopf lacht, der sich der Lokomotive entgegenstemmen wollte. Wie ihn das ärgert!

»Ich sage nichts mehr,« erwidert er gedrückt, »mir scheint, Gott will unsere schöne Bauerngemeinde verderben. Ich aber weiß, was ich thue. Von der Politik habe ich genug. Wenn die Frühlingsarbeiten beendet sind, reise ich nach Lyon, ich sage: ›Grüß Gott, meine Lony!‹ Ich bleibe eine Weile dort, und der alte Franzose, dem ich ›Bonjour‹ sagen werde, soll nicht mehr spotten, ich gleiche ihm nicht.«

Herbinniges Leuchten geht über das Gesicht des Kommandanten.

»Wo hast du auch den Charakter, Hans Ulrich?« fragt die Kommandantin mit heimlicher Schärfe der Stimme und brennenden Augen, »glaubst du, es thäte nicht auch uns um die Lony weh? Aber sie soll zuerst den Kopf brechen, sie soll uns entgegenkommen. Ja, dir käme sie schon! Die Mutter aber ist auch da! Hat sie in jenem Brief, den du gesehen hast, ein einziges liebes Wörtchen von mir geschrieben?«

»Du bist jetzt gar ein leidenschaftlicher Teufel, Susanne!« versetzt der Kommandant grimmig. »Es war doch ein anderes Schaffen, meine ich, als die Lony noch dazu half und sang. Judith steht ja wie ein Seufzer in den Reben.«

Knirschend geht er an die Arbeit zurück.

»Siehst du, wie der Vater spinnt!« flüstert Judith der Mutter zu.

»Ach,« lächelt diese, »ein Bauer von Reifenwerd kommt nicht so leicht nach Lyon.« – –

Jedenfalls ist er unverträglich gegen die Seinen.

»Ho!« knurrt er, wie er in den nächsten Tagen einmal aus dem ›Hirschen‹ heimkommt, »du kannst dich, mein' ich, an Franz gewöhnen, Judith, dazu habe ich ihn eigentlich nicht angestellt, daß du mit ihm Klavier spielst und er mit dir singt.«

»Nur keine Sorge, Vater!« versetzt Judith lustig, »er ist ja doch nur ein besserer Knecht!«

»Ja, mir kann der Oekonom viel zu viel,« knurrt er, »und dir ist die Arbeit ein Ueberdruß!«

Wie Judith allein ist, weint sie still und heiß. Auch ihr kann der Oekonom nur viel zu viel. O, wenn sie es dem Vater bekennen dürfte, warum sie wie ein Seufzer in den Reben steht. Allein sie darf es nicht einmal der Mutter verraten.

Franz hat sie im Winter aus einer großen Verlegenheit erlöst und jetzt in eine noch größere geführt. Eine Schneiderin in der Stadt drängte auf die Bezahlung einer ansehnlichen Rechnung, von der der Vater glaubte, sie sei längst beglichen, wahrend sie das dafür bestimmte Geld zu anderem Putz gebraucht hat. Sie durfte es nicht darauf ankommen lassen, daß der Vater, der Kommandant, eine amtliche Mahnung erhielte. Die Schande, das Donnerwetter!

Da wandte sie sich an Franz, den vielseitigen, höflichen und zuvorkommenden Stellvertreter des Vaters, und bat ihn um Rat.

Franz Wohlgut reinigte seine Brille und blinzelte sie verständnisvoll an; dann sagt er: »Das ist schwierig, Fräulein Judith, aber in der Stadt giebt es Leute, die einer reichen Bauerntochter gegen Unterschrift und Zins Geld borgen. Ich will die Angelegenheit an die Hand nehmen.«

Stets sieht sie jetzt das verschlagen lächelnde Gesicht, das er damals gegen sie wandte, sie aber war die grenzenlose Thörin und nahm das Angebot dankend an.

Eines Tages, als sie allein im Hause war, führte Franz ein verkniffenes, glatzköpfiges Männchen her, das mit einer widerlich hohen Stimme sagte: »In dieses schöne Haus zu kreditieren, ist eine große Ehre für mich. Sie brauchen nur zu unterschreiben, Fräulein.« Sie gab die Unterschrift, sie bekam das Geld, sie ließ durch Franz die Schneiderin bezahlen und schenkte ihm einen ansehnlichen Betrag für den Liebesdienst.

Seither ist sie die Gefangene des Ökonomen. Wenn sie nur das Geld zurückbezahlen, die Geschichte aus der Welt schaffen könnte! O, dann wollte sie gern arbeiten wie eine Magd.

Es kommen Stunden, in denen die schöne Judith nicht mehr lacht, in denen sie, am Klavier sitzend, mit leichtsinniger Tanzmusik das Grauen, das sie überlaufen will, betäubt.

Das Grauen überläuft Judith dann, wenn der Ökonom sie manchmal so vielsagend anlächelt und nach ihr blinzelt. Wie stolz sie auch sein mag, versteht sie dieses Lächeln und Blinzeln, sie muß es verstehen und dulden, daß er, wenn sie einmal allein sind, zutraulich mit ihr spricht, und mit welcher Schlauheit sie ihm auch ausweicht, er ist der zehnmal Schlauere und legt sie stets neu in seine Schlingen. Sie ringen miteinander, heimlich und stumm, und wenn das Spiel nicht ihren Stolz empfindlich verletzte, würde sie es kurzweilig finden.

»Ihr seid aber frech!« versetzt sie schnippisch und wütend.

»Fräulein Judith,« scherzt er, »es ist ein Gefallen den anderen wert!«

Im Heimlichen nimmt Judith seine Dienste wieder in Anspruch. Es ist so verführerisch leicht. Er trägt ihre Unterschrift in die Stadt, und das Geld ist da, man kann sich mit den Ausgaben dehnen und strecken und ist nicht mehr ganz auf die Launen eines Vaters angewiesen, der manchmal ebenso knausern kann, wie er sonst freigebig ist. Franz erhält für seine Dienste manches schöne Trinkgeld, und es giebt Zeiten, wo sie ihm die Hand, die er tätscheln will, nicht entzieht.

Wenn die Mutter es entdeckt, so bricht sie wohl mit einem scharfen Tadel los, Judith aber entschuldigt sich: »Das ist ja nur Scherz!«

In den Augen Franz Wohlguts aber ist es bitterer Ernst.

»Bedenken Sie, Judith,« flüstert er lächelnd siegesbewußt, »daß die Scheine doch einmal geordnet werden müssen. Wie unauffällig könnten wir es thun, wenn Sie mir die Hand reichen wollten. Wer schaut uns nach der Hochzeit in die Rechnung!«

»Woher nehmt Ihr die Frechheit, so mit mir zu sprechen?« fragt sie verächtlich. Sie stampft vor Wut. Aber Franz weiß, wie man Vögel zähmt. »Es ist da ein Brief aus der Stadt an mich gekommen!« Er entfaltet ihn und legt ihn auf den Tisch vor sie hin. »Der Vater kann ja jeden Augenblick in die Stube treten!« flüstert sie entsetzt. »Franz, lieber Franz, mache mich nicht unglücklich!« Sie umhalst ihn wie ein Kind, das eine Züchtigung von sich abwenden will. »Lieber Franz, ich will mir alles überlegen.«

In den heidelbeerschwarzen Augen steht die Furcht der Hilflosigkeit.

Mächtig klopft das Gewissen an die Brust Judiths. »Das hast du an Lony verdient!« schreit es, »an der alten Frau Wehrli!« Sie spielt wieder auf dem Klavier. Das erleichtert das Gemüt.

Bei ihrem ersten Ton geht ein Fluch über die Lippen des Kommandanten.

Er rechnet mit zähem Eifer in den Ein- und Ausgangsbüchern der Wirtschaft, die Franz führt. So that er schon gestern und vorgestern, vor den Einträgen und Zahlen, die blitzsauber die Seiten füllen, verbeißt er sich in eine stille Wut. Er kann das nicht finden, was er sucht.

»Leidest du an der Zahlenkrankheit?« lächelt Frau Susanne kühl, »ich meine, wir wollen jetzt doch lieber Imbiß halten!«

Der Kommandant knurrt: »Nein, ich rechne aus Mißtrauen gegen Franz! Der Ökonom giebt es mir zu vornehm, und obgleich ich ihm jeden Monat einen ansehnlichen Posten bezahle, langt das, was ich ihm gebe, nicht für seine Anschaffungen, und manchmal läßt er ja noch Geld bei mir stehen. Im Winter ein neues Gewand, eine Pelzmütze und Rohrstiefel, dann einen Mantel, jetzt wieder ein neues Gewand und eine schwersilberne Uhr. Man kann's ja nachrechnen, was das kostet!«

»Er hat vielleicht von früher her etwas Geld,« versetzt Frau Susanne.

»Der ist von früher her arm wie eine Kirchenmaus,« antwortet der Kommandant. Es ist gut, daß er das blasse, gequälte Gesicht seiner schönen Tochter nicht sieht. »Ich komme ihm schon noch auf die Fersen!« brummt er.

Er stellt aber die Fallen seiner Bauernschlauheit umsonst, und eines Tages wendet sich Franz Wohlgut vor Frau Susanne und Judith mit einem Gesicht voll ehrlicher Entrüstung und verhaltenen Spottes an den Kommandanten: »Ich habe dieses Mißtrauen satt. Entweder glaubt Ihr an meine Redlichkeit, oder ich gehe!«

Der Kommandant muß sich ins Unrecht setzen.

»Ich bin selber ganz verwundert, wie geschickt und gewandt Ihr im Wirtschaftswesen seid. Es wäre mir nicht recht, wenn Ihr ginget. Also bleibet herzhaft da!« spricht er begütigend.

Judith krampft sich bei diesen Worten die Brust. Sie starrt durch das Fenster in den blühenden Mai.

Ein sonderbarer Rettungsgedanke zuckt ihr durch die Stirne unter den dunklen Ringeln. Sie will sich in einem heimlichen lieben Brief an Lony wenden und der Schwester das Unglück entdecken, in das sie durch ihren Leichtsinn geraten ist. Wenn es einen Gott im Himmel giebt, wird ihr Lony aus diesem Elend helfen.

Zu solchen Plänen demütigt sich die stolze Judith.

Während sie durchs Fenster blickt, geht draußen müden Schrittes der Pfarrer vorbei. »Meine Güte,« spricht sie, ihre Sinne mit Gewalt von sich selber auf andere Dinge ableitend, »unser Pfarrer braucht auch nur die Augen zu schließen, dann kann man ihn in den Sarg legen!«

»Ja, die Politik!« knurrt der Kommandant gedankenschwer.

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