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Gutenberg > Jacob Christoph Heer >

Felix Notvest

Jacob Christoph Heer: Felix Notvest - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorJ. C. Heer
titleFelix Notvest
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
year1901
printrun7
firstpub1901
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20051018
projectid8632c953
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II.

Die Abtei Reifenwerd eine Fabrik!« Aus düsterem Brüten murmelt es der junge Pfarrer, der in seinem altertümlichen, holzgetäfelten Stübchen auf und nieder schreitet.

Einsam überlegt und kämpft der Mann, der fast noch ein Jüngling ist, während sich draußen vor seinem Fenster das Sonnengold des Abends auf breiten Linden wiegt und in ihrem Schatten die halbwüchsige Jugend des Dorfes sich im Armbrustschießen übt.

Nur dann und wann fällt der Blick des Rastlosen zerstreut auf das vergnügte junge Volk.

Er setzt sich an den schweren eichenen Studiertisch, fährt mit der Hand durch das dunkle Haar, schlägt das erste Blatt einer silberbeschlagenen Bibel auf, und seine Augen ruhen verträumt auf einem Eintrag von der zierlichen, doch festen Schrift seines Vaters, des Antistes.

»Felix Notvest heißest du, mein lieber Sohn, Felix, weil deine Eltern wünschen, daß du glücklich werdest, Notvest aber nach jenem Vorfahren, dem Gerbermeister Hans Denzeler, der in der bösen Schlacht am Jakobsthor das Banner der Stadt nicht hat fahren lassen, sondern das schon verlorene aus Feindeshand wieder errungen hat, wofür ihm und seinen Nachkommen Rat und Bürgerschaft unserer löblichen Stadt den Namen Notvest zu tragen gegeben haben, und das Geschlecht in das goldene Buch der Konstaffel [R1 Die Zunft der Notabeln.] gereiht worden ist. Fest sei in der Not, Felix, und wann alles um dich wankt und weicht, soll dir vor Menschenwitz nicht bangen, wenn du nur vor deinem Gott und dir selbst in Ehren bestehen magst!«

Indem Felix Notvest diese Eintragung überliest, hat er eine seltsame Empfindung; ihm ist es, als habe das Leben den weltabgewandten Patriziersohn im Rosengarten mit rauschendem Flügel berührt, und er müsse einen Fahnenkampf wagen, wie jener, der aus einem Denzeler ein Notvest geworden ist.

»Selbst ist der Mann« – die Belehrung des Kommandanten geht ihm auch durch den Kopf – in heißer Bewegung steht er auf.

»Ich halte dein Banner, heilige Kunst!« murmelt er in seine Einsamkeit.

Sein Blick haftet auf zwei Elfenbeinstatuetten, gotischen Schnitzereien von vollendeter plastischer Schönheit. Sie stellen einen heiligen Johannes und eine heilige Magdalena dar und fügen sich so stimmungsreich in die trauliche Pfarrstube, als ständen sie noch aus den Zeiten der letzten Aebtissin in dem mit farbigen, flachgeschnitzten Friesen, bunten Ranken und Spruchbändern geschmückten Gemach, in welchem mehr denn drei Jahrhunderte nichts verändert haben.

Die beiden Elfenbeingestalten von hohem künstlerischen Wert stammen aus der ehemaligen Abtei Reifenwerd. Man findet die Urkunde darüber, wenn man mit einem Kunstgriff die Schnitzerei der prächtig wallenden Haare der heiligen Magdalena von der übrigen Statue hebt, in einer Aushöhlung des Leibstückes. Auf einem vergilbten Pergament erzählt die ehemalige junge Nonne Ursula Demut, welche nach der Aufhebung des Klosters dem Sohn des Gerbermeisters, dem Pfarrer Christoph Notvest, die Hand gereicht hat, wie sie die beiden Bildschnitzereien im Klostersturm des Jahres 1525 nicht aus abergläubischer Verehrung, sondern aus Bewunderung für ihre Schönheit mit Gefahr ihres Lebens vor Vernichtung gerettet hat. Sie haben sich dann als in hohen Ehren gehaltene Familienstücke durch eine lange Geschlechtsfolge von Pfarrern vererbt, die bald in der Stadt, bald in friedlichen Dörfern wohnten, und können gleichsam als die Sinnbilder der in der Familie Notvest verbreiteten Liebe für Geschichtswissenschaft und Kunst gelten, die von jeher das bevorzugte Studium der Männer dieses Namens gewesen sind, so daß einige von ihnen sogar die Lehrstühle des Geschichts- und Kunstfaches an der alten städtischen Stiftsschule innegehabt haben. Nun hat ein Spiel, wie es das Schicksal zuweilen treibt, die Statuetten durch Felix Notvest in die Abtei zurückgeführt, deren Schmuck sie einst gewesen sind.

Indem er die Schnitzwerke betrachtet, deren Augen, aus irgend einem fremden dunklen Edelstein geschnitten, in geheimnisvollem Glanze erstrahlen, ist es ihm, als sollten sie ihm ein Zeichen geben, daß er einen guten Weg gehe. Doch ist es nur sein eigenes jugendfeuriges Herz, das da spricht: Nein, du wirst nicht hinter deiner Vorfahrin Ursula Demut zurückstehen!

Das jugendlich ungestüme Wallen weicht der Ruhe eines großen Entschlusses. Und wenn die Zeit auch furchtbar nüchtern ist, so werden ihn doch die Besten des Volkes verstehen und der guten Sache zum Siege helfen! Das ist seine Hoffnung.

Er tritt ans offene Fenster und schaut verträumt dem Spiel der Armbrustschützen zu, die bei den Linden Uebung halten. Auf einbeinigen Melkschemeln sitzend, spannen die Schützen die Sehne in das beinerne Schloß der Armbrust, legen den gefiederten Bolz in die Rinne des Schaftes, heben das Schießzeug an die braune Wange und zielen, das linke Auge schließend, mit dem rechten auf den Tätsch, eine rechteckige, fast mannshohe Lehmscheibe, die, von einem Holzrahmen zusammengehalten, in der Entfernung von dreißig Schritten am Stamme einer alten Linde lehnt.

»Ab!« tönt das Kommando des Tätschmeisters, die Drücker knacken, die Sehnen schwirren, die Eibenbogen schnellen, die Bolzen fliegen und klatschen ins Lehmfeld, die meisten in die runde, fußbreite Papierscheibe um den Holzstift in der Mitte des Geviertes. Ueber die Felder her klingen die Volkslieder einer Schar Mädchen, die, in ländlicher Tracht, Arm in Arm verschlungen, langsam gegen den Spielplatz gewandelt kommen. Sie singen:

»Wem Gott ein braves Lieb beschert,
Der soll von ihm nit scheiden,
Er soll es halten treu und fest,
Denn wenn er's wieder scheiden läßt,
Dann gehet auch sein Herze mit,
Und Frieden find't er nimmer nit;
Wem Gott ein treues Lieb beschert,
Der soll von ihm nit scheiden!«

Eine glockenklare, prächtige Altstimme klingt deutlich aus dem Chor. Es ist diejenige Lonys, der älteren Tochter des Kommandanten, deren schöner großer Wuchs dem Pfarrer schon am Morgen bei dem flüchtigen und ergebnislosen Besuch im Hause des stolzen Bauers aufgefallen ist.

Die Mädchen mit den braunen Gesichtern und den braunen Armen, die aus den kurzen, blühendweißen Hemdärmeln schauen, kommen in ihren roten Miedern und grüßen die Schar der Schützen. Lony giebt die Hand dem Tätschmeister Karl Wehrli, der eben mit einem eisernen Maßstab den Abstand der Pfeile vom Stifte der Mitte mißt und die Ergebnisse vom Tätschschreiber Hilfgott Stamm, dem Sohn des Säckelmeisters, in das Tätschbuch eintragen läßt.

Felix Notvest kennt Karl Wehrli wohl. Er ist der Sohn einer armen Schullehrerswitwe im Dorf, der Bruder seiner Lieblingsschülerin, des Christli, kein Bauer, sondern, wie schon sein Gehaben verrät, ein Arbeiter aus den Werkstätten David Fürsts. Etwas Frisches, Freies, Mutiges blitzt aus dem gescheiten Gesicht des jungen Mannes, das ein hübscher, brauner Schnurrbart schmückt, und wie Lony, das stattliche Bauernmädchen, und der kernig frische Bursche sich grüßen, überrascht sich Felix Notvest in einem Gedanken, über den er selber lächeln muß. Karl Wehrli und Lony Stockar sind zwei junge Prachtmenschen, denkt er, wie von Gott dazu bestimmt, daß sie ein Paar werden. Es wäre hübsch, wenn er als Pfarrer die beiden trauen könnte!

Allein während er Lony und Karl Wehrli wohlgefällig betrachtet, wird er selber gegrüßt. Mit lieblich jauchzendem Gesichtchen schaut das fünfzehnjährige Christli, die Schwester des Tätschmeisters, zum Pfarrhaus empor, und glückselig lächeln und leuchten die dunklen Augen seiner Lieblingskonfirmandin.

Es drängt den Pfarrer, ein wenig unter die Leute, in das stillfröhliche Leben feiner Gemeinde zu treten, und wie er ins Freie gelangt, ist heller Jubel unter der Jugend. Der Kommandant, der mit anderen Männern auf dem Schießplatz angekommen ist, hat die Armbrust eines der Jünglinge genommen – er zielt, der Bolz fliegt und sitzt dicht neben dem Stift. Das ist immer etwas vom Fröhlichsten, wenn die Alten zu schießen anfangen. Der gestrenge Mann zerdrückt ein gemütliches Lächeln unter dem großen Schnurrbart. »So, meint ihr, ein ehemaliger Soldat treffe die Scheibe nicht mehr?« wendet er sich an die lustig verwunderte Jugend.

Eine Weile plaudert auch der junge Pfarrer mit den Dörflern, doch oft etwas verlegen. Seine Welt und die ihrige sind so verschieden, und er findet, wie er wohl spürt, nicht immer das Wort, das sie von ihm erwarten. Dann wendet er sich an Christli, die in heimlicher Unruhe eine Gelegenheit erspäht hat, ihm ihre schmale Kinderhand zu reichen.

»Guten Abend, Maililie!« scherzt der Pfarrer, mit einem warmen Blick auf die zierliche Gestalt.

Christli erglüht und senkt die langen Wimpern schämig vor Stolz über die Anrede des Pfarrers.

»Was hast du denn heute so Jauchzendes und Strahlendes im Gesichtchen, Kind?« fragt er.

Aber das heiße, heimliche Christli will nicht von dem kleinen Glück sprechen, das ihm fast das Herz abdrückt.

Endlich flüstert es: »Denken Sie, Herr Pfarrer, Herr Rudolf Fürst hat meinen Bruder Karl zum Werkführer gemacht!« Es senkt das heiße Köpfchen wieder.

»Ich freue mich mit dir!« erwidert Felix Notvest, der das Vertrauen des Kindes mit einer Art Wonne empfindet; »was möchtest denn du einmal werden? – Doch auch etwas Rechtes? – gelt, Christli!«

Wie das warm und treuherzig klingt! Das Kind sieht ihn mit dunklen Augen unter langen Wimpern hervor unendlich verlegen, unendlich glücklich an, wie wenn es etwas sagen wollte, was es doch nicht sagen kann, es brennt wie ein Purpurröschen und bringt es nicht über die Lippen, und verabschiedet sich schamvoll.

Während der Pfarrer sich noch über das sonderbare Betragen des scheuen Mädchens wundert, ist das Spiel unter den Linden zu Ende gekommen, Schützen und Zuschauer wandern gemächlich der Brücke und dem Dorfe zu, und über der Abtei steht das Abendrot.

Felix Notvest sitzt wieder in seiner Studierstube, seine Gedanken hangen an den Mitteilungen Sigunde Fürsts, an dem weittragenden Entschlusse, welchen er über der väterlichen Bibel errungen hat. Dazwischen sieht er die feine, zierliche Gestalt Christlis, ihr bitterlich verlegenes Gesichtchen. So träumt er wohl schon ein Stündchen.

Da dringt in die tiefe Stille liebliche Musik; unter den Linden vor seinem Fenster hervor quillt ein zartes, innig warmes Geigenspiel, die schlichte Melodie eines Volksliedes, und verklingt unter den aufziehenden Sternen.

Ueberrascht von den weichen, goldenen Tönen, lehnt der junge Pfarrer ans Fenster, er lauscht, von ihrem Wohllaut gefangen, aufmerksam dem wieder anhebenden Spiel. »Bringt mir denn jemand ein Ständchen?« fragt er sich neugierig, er schüttelt aber das dunkellockige Haupt. »Es kann ja nicht sein!« und beruhigt sich mit den Gedanken, der Geiger sei wohl ein fahrender Spielmann, der im Schutz der Linden ein luftiges Nachtquartier suche und ehe er unter Gottes Sternenhimmel einschlafe, sich selbst ein Schlummerliedchen spiele.

Mitten in diese Gedanken aber erschallt helles, übermütiges Lachen – die reinen, getragenen Töne brechen ab – irgend eine weibliche Gestalt, die er nicht zu erkennen vermag, huscht durch das Zwielicht davon.

»Sigunde Fürst!« murmelt der Pfarrer geärgert, »das schöne Fräulein versucht nun ihre Streiche an dir!«

Nein, jetzt ist keine Zeit, sich auf die Schelmereien eines übermütigen Menschenkindes einzulassen; etwas verwirrt flüstert Felix Notvest: »Ich bin ja dein Bannerträger, heilige Kunst!« und in der schweigenden, blühenden Maiennacht wogt ihm die Brust in großen Gedanken.

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