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Felix Notvest

Jacob Christoph Heer: Felix Notvest - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorJ. C. Heer
titleFelix Notvest
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
year1901
printrun7
firstpub1901
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20051018
projectid8632c953
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XVIII.

Es wetterleuchtet! Die ›Skelette‹ Heuelers stiegen über das Land!

Hatte Felix Notvest, wenn ihm der Regierungspräsident entgegengekommen wäre, die Geister noch beschwören können, die er gerufen hat? – Vielleicht – vielleicht auch nicht!

Nie ist das Volk von einem Tag zum anderen, von einer Woche zur anderen in einen solchen Wirbel, in ein derartig wildes Unwetter der Empörung gerissen worden wie durch ›Skelette‹ Heuelers, von denen jeder Tag frische Stücke in Tausenden von Exemplaren bringt, die sich durch die neugierige Bevölkerung mit Windeseile bis in die fernsten Hütten des Unter- und Oberlandes verbreiten.

In Reifenwerd stehen die Leute auf der Landstraße und beratschlagen, was sie von den Blättern halten sollen. Die »Skelette« sind ein mit ausgesuchter Bosheit zusammengestelltes, halb satirisches, halb in volkstümlichem Pathos geschriebenes, mit politischen Forderungen durchsetztes Sündenregister der Männer des Ringes, ein Meisterstück giftiger Volksverhetzung. Die Geschichten, welche sie berichten, klammern sich an Geschehnisse, die das Volk kennt, und haben wenigstens den Schein der Wahrheit. Sie nennen keine Namen, aber jeder einzelne der Angegriffenen ist so deutlich umrissen, daß die Leute mit den Fingern auf ihn zeigen, und doch wieder so unbestimmt gezeichnet, daß eine gerichtliche Klage unmöglich, vor allem nicht klug wäre. So sitzen denn die Getroffenen wie die Käfer auf der Nadel, die ›Skelette‹ dringen in alle Lebensverhältnisse hinein, sie stellen den Vater vor den Söhnen und Töchtern, den Gatten vor der Gattin, den Vorgesetzten vor den Untergebenen ohne Schonung bloß.

Die Regierung, selbst Präsident Robert Höhspang, ist von der Heftigkeit und Niedertracht des Angriffs, von dem man eine Weile gar nicht weiß, woher er kommt, wie auf den Kopf geschlagen, und wie sich die Thatkraft zum Handeln wiederfindet, da ist es zu spät, und die Empörung im Volk gegen Robert Hohspang und den ›Ring‹ so weit und stark verbreitet, daß er nichts mehr wagen darf. Die Entrüstung schreit in der Stadt, sie schreit draußen in der Landschaft, doch in entgegengesetztem Sinne: dort in der festen Hochburg des Regimentes Hohspang richtet sich der Sturm des Zorns gegen Heueler und die gewaltthätige Partei der Neuerer, in deren Dienst er steht, in den Dörfern aber ruft man zum Kampf gegen den übergewaltigen Präsidenten und seinen Anhang von Fabrikanten, Handelsherren und ergebenen Beamten.

Am stillsten sind eine Weile die von den ›Skeletten ‹ Getroffenen, andere lähmt die Furcht, daß sie demnächst auch unter die Gezeichneten zählen könnten, und einige der am stärksten Angegriffenen verreisen, um der Schande und dem Spott aus dem Wege zu gehen und in der Hoffnung, daß während ihres Fernseins Gras über die bloßstellenden Geschichten wachsen werde, ins Ausland.

Unter den Flüchtlingen ist Alfred Hohspang, der Sohn des Regierungspräsidenten, der in den ›Skeletten‹ aufs engste mit häßlichen Theater- und Spielergeschichten in Verbindung gebracht ist. Von seinem lebenstrahlenden Weibe, von seinem Erstgeborenen hinweg hat ihn die Schande nach England getrieben.

In wenigen Wochen hat sich das Volk in zwei gewaltige Lager geschieden. Die einen halten, zum Teil gerade wegen der Gemeinheit des Angriffes, treu zu Robert Hohspang, der sich, wie sehr man ihn auch der Günstlingswirtschaft bezichtigen mag, durch die Hebung des Verkehrs, des Handels und der Industrie doch bleibende Verdienste um das Staatswesen erworben habe.

Die andere Partei, diejenige, die ihn stürzen, eine neue, volkstümlichere Verfassung und Regierung einführen will, ist die volkreichere, aber sie hat kein Haupt, keinen Führer.

Eines Tages erscheint Viktor Heueler bei Felix Notvest.

»Ich habe Ihnen das Feld geebnet – wenn Sie keine Memme sind, thun Sie jetzt Ihre Pflicht.«

Mit einem Zorn, einer Verachtung, wie er sie sonst nie gegen einen Menschen bewiesen hat, stößt Felix Notvest den Pamphletär zurück.

Allein gerade diejenigen Männer der Fortschrittspartei, welche die höchste Achtung verdienen, rufen ihm zu: »Sie haben die erste Anregung zu der Bewegung gegeben, führen Sie uns jetzt, es muß ein makelloser Ehrenmann an der Spitze stehen, ein Mann, den die Gegner anerkennen. Sollen wir die Beute einer Handvoll ehrgeiziger Advokaten und Amtsstreber werden? Sie haben das Vertrauen des Volkes, kein anderer!« Selbst das kleine Häuflein der Ruhigen, die zwischen den Parteien stehen, mahnt eindringlich: »Thun Sie Ihre Pflicht, Herr Pfarrer, Sie dürfen das Land nicht endlosen Wirrungen preisgeben, es nicht an den Rand des Verderbens bringen!«

Er aber antwortet auf alle Vorstellungen und Bitten nur dumpf: »Ich kann nicht mit einer Partei gehen, in deren Schoß ein Heueler sitzt, ich kann sein Werk nicht zu dem meinen machen!«

Umsonst erwidern seine Freunde: »Heueler gehört nicht zu uns, er ist ein einsamer Ehrloser; was können wir dafür, daß er unsere Bewegung mit seinen ›Skeletten‹ befleckt hat?« Der Pfarrer bleibt fest.

Da geht ein Stichwort durchs Land: »Auf, am ersten Sonntag im November zur Landsgemeinde in Reifenwerd! Wenn wir zu Tausenden als ernste Männer vor seinem Hause stehen, so kann er nicht mehr anders, er muß sprechen.« Gewaltig sind die Vorbereitungen getroffen. Wenigstens zehntausend ehr- und wehrhafte Bürger werden in Reifenwerd zusammenströmen.

Ergriffen von dem erhabenen Vertrauen des Volkes, kann Felix Notvest nicht mehr anders als sein Führer sein! Er ringt und ringt bis am Vorabend des großen Tages. »Soll ich? – Soll ich nicht?«

Da tritt mit verstörtem Gesicht Hauptmann Rudolf Fürst in seine Studierstube. Mit finsterem Haß mißt ihn der Fabrikant und schnaubt: »Die Regierung wagt es nicht, Truppen zum Schutz meiner Fabrik aufzubieten, aber, Pfarrer, wenn sie durch Ihre Partei angegriffen und zerstört würde« – mit der geballten Faust droht der Fabrikherr – »dann – dann erreicht meine Kugel Sie sicher.«

»Ich stehe mit meiner Ehre und meinem Leben dafür ein, daß kein Ziegel Ihrer Fabrik verletzt wird,« antwortet der Pfarrer ruhig. »Haben Sie eine so geringe Meinung von unserem Volke, Herr Fürst?«

Das kleine Ereignis entscheidet den inneren Kampf Felix Notvests.

»Meine ärmsten, teuersten Eltern! Gott helfe mir und verzeihe mir. Ich muß euch Schmerzen bereiten. Ich stelle mich auf den Boden der vaterländischen Pflicht!«

Spät am Abend schickt er einen Boten in das alte Haus seiner Jugend am Strom.

Der große Tag dämmert, schwer und trüb zieht er herauf, es regnet und schneit, aber auf den Straßen, die nach Reifenwerd führen, wallt es vom ersten Tagesschein bis gegen elf Uhr dicht und endlos heran, und das Dorf wimmelt von Menschen.

Um elf Uhr drängt die Menge über die Brücke und sammelt sich in der Nähe der ehemaligen Abtei, wo auf weißüberschneiter Wiese die Rednerbühne errichtet ist. Manches merkwürdige Bild hat das schicksalsreiche alte Kloster im Laufe der Jahrhunderte gesehen, aber gewiß kein solches. Nicht zehn-, nein dreißigtausend Bürger, vom flaumbärtigen Jüngling bis zum altersgebeugten, kahlköpfigen Greis, Bauern-, Handwerker- und Industrievolk aus allen Teilen des Landes, stehen an dem düsteren Vorwintertag Mann an Mann wie Mauern in Regen und Schnee, und eine unabsehbare Wagenburg von Zuschauern umgiebt den weiten Menschenkreis.

Da steigt Felix Notvest auf die grünumwundene Rednertribüne, freudiges Murmeln wie Wogenbranden erhebt sich, die Menge entblößt die Häupter und das rauscht wie Flug einer ziehenden Vogelschar. Dann wird der Kreis still wie ein Wald, in dem sich kein Lüftchen regt.

Felix Notvest, der jugendliche Redner mit dem geistvollen Gesicht, schickt die bebende, doch metallreiche Stimme über das schweigende Menschenmeer:

»In Gottes Namen! Ich möchte die Landsgemeinde mit einem Gelöbnis eröffnen, das wir alle einer dem anderen geben. Wir wollen Mißstände abstellen, die unsere Volkswohlfahrt zernagen, wollen beraten, was der Gegenwart und Zukunft des Volkes frommt, wir wollen nur bestehende Dinge – Dinge wiederhole ich – angreifen, aber keine Personen. Wir wollen in unseren Gegnern Männer achten, die es mit dem Lande ebenso ehrlich meinen wie wir. Wir wollen uns bewußt sein, daß einem Volke nur dann das Selbstbestimmungsrecht gebührt, wenn es seine Leidenschaften zu zügeln vermag. Nach den festen Formen und Gebräuchen einer Ratsversammlung wollen wir tagen, und jeder von uns gelobt es Gott und allen anderen, daß er seine eigene Würde und die des gesamten Volkes heilig halten will!«

Eine tiefe Stille – dann ertönt von allen Seiten das Wort: »Wir geloben es,« und wie die Tausende es rufen, da ist's, als ob Stimmen in der Tiefe der Erde und in der Höhe des Himmels das Gelöbnis der ernsten Menge begleiten.

»So laßt uns zu den Wahlen und Beratungen schreiten!« spricht Felix Notvest.

Fünf Stunden dauert die Landsgemeinde.

Am Abend lodern Freudenfeuer auf den Höhen, weiter und weiter von Reifenwerd bis auf die letzten Hügel des Unter- und die Vorberge des Oberlandes erflammen die Feuer, die Böller krachen in die Novembernacht und reitende Boten verkünden den achtungerzwingenden siegreichen Verlauf der Landsgemeinde.

Worüber das Volk sich freut?

Darüber, daß es von einem Manne, der sich auf die edelsten Eigenschaften der Bürger berief, mit sicherer Hand an den Gefahren des Aufruhrs vorbeigeführt worden ist, über seine eigene würdige Haltung.

Kein Ziegel der Fabrik Rudolf Fürsts ist verletzt worden, und selbst in der Stadt, im Kreise Robert Hohspangs atmet man auf. Am Morgen noch hatte man dort geglaubt, bei dem schlechten Wetter würden der Tagenden nur ein kleines Häuflein sein. Als man dann von den vielen Tausenden hörte, entstand eine mächtige Furcht, sie würden heranziehen und im Kampf mit den wenigen Truppen, welche in der Stadt lagern, das Regierungsgebäude stürmen. Nun hatte das Volk sich unter der Führung Felix Notvests selber übertroffen. Kein Mißklang trübte den Tag.

Im Regierungsgebäude sitzt Präsident Hohspang mit seinen Räten. Unter dem überwältigenden Eindruck der einmütigen Landsgemeinde legt der greise Staatsmann, bis zu Thränen erschüttert, sein Amt nieder. Mit ihm die Räte.

»Selten kommt ein Unglück allein!« Der alte Volksglaube bestätigt sich am Hause Hohspang. Die Bewohner der sonst so glückgesegneten Villa Venedig stehen noch ganz unter dem niederschmetternden Eindruck, den der Sturz des Regierungspräsidenten im engsten Kreise hervorgerufen hat. Da trifft eine lähmende Schreckensnachricht aus England ein: »Alfred Hohspang ist auf der Jagd vom Pferde gestürzt, eine Strecke weit geschleift worden und bald darauf seinen Verletzungen erlegen.«

Wenn auch Alfred Hohspang an Lebenstalenten tief unter seinem Vater geblieben ist und in seinem Charakter Schwächen gehabt haben mag, der jähe, elende Tod des jungen Mannes erweckt die warme Teilnahme für die Hinterlassenen. Das Unglück ist eine heilige Sache. Es sänftigt die Leidenschaften.

Waffenruhe waltet zwischen der siegreichen und unterlegenen Partei, eine neue stellvertretende Regierung ist in Kraft getreten. Wie aber die Vertrauensmänner des dankbaren Volkes seinem Führer Felix Notvest das Amt eines Vorstehers der Erziehung und des Unterrichts anbieten, da lehnt er ebenso fest wie bescheiden ab: »Ich bleibe Pfarrer in Reifenwerd!«

Nur in jenem Rat, der die mannigfaltigen Wünsche, welche auf der Landsgemeinde ausgesprochen sind, prüfen und die neue volkstümliche Verfassung schaffen soll, nimmt er eine Stelle an. Für ein Kinderschutz- und Fabrikgesetz will er seine volle Kraft einsetzen! Das ist auch neben der Abschaffung der lebenslänglichen Beamtenstellen die dringendste der Volksforderungen. Ist dieser Edelstein in die Herrscherkrone des Volkes gesetzt, dann wird er dem lauten Treiben des politischen Marktes mit der gleichen Freude entsagen wie den Huldigungen der Menge, die ihm grüßend zujubelt, wo er sich auf Weg und Straßen zeigt.

Er träumt von einem zukünftigen, weltfernen Glück mit Christli im stillen Pfarrhaus von Reifenwerd. Mit leiser, erbarmender Trauer denkt er auch an das Weib, das er einst so heiß geliebt hat. Sie ist seine Todfeindin, aber auch die Mutter eines Kindes, das seinen Vater nie kennen lernen wird.

Dazwischen mahnt eine Stimme: »Hüte dich vor Sigunde! Sie ist Agnes von Ungarn!«

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