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Gutenberg > Jacob Christoph Heer >

Felix Notvest

Jacob Christoph Heer: Felix Notvest - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorJ. C. Heer
titleFelix Notvest
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
year1901
printrun7
firstpub1901
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20051018
projectid8632c953
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XIV.

»Der Kommandant geht einen bösen Weg!« So spricht wenigstens der Säckelmeister, sein alter Freund.

Wer steht aber auf der Landschaft höher da, als der Großrat von Reifenwerd. Der Mann, der das Amt nicht suchte, lebt ihm mit überraschender Hingabe. Er ist nicht bloß der Vertreter der Gemeinde Reifenwerd, er ist der machtvolle, mit durchschlagender Bauernberedsamkeit begabte Anwalt der gesamten Landwirtschaft im Großen Rat und trifft hie und da mit einem kurzen, derben Schlager den Nagel wunderbar auf den Kopf. Als die urwüchsigste Gestalt der Versammlung ist er selbst bei seinen Gegnern beliebt und genießt, weil er kein Blatt vor den Mund nimmt, landauf, landab den Ruf eines Ehrenmannes von unverfälschtem Schrot.

Nur eins, nur eins! – Seit der Kommandant Großrat ist, hat er keine Ruhe mehr auf seiner Scholle. Wenn er oben in den Reben steht, glaubt er, es wäre ihm unten in den Aeckern wohler, aber ganz gut fühlt er sich nirgends, er ist der gesetzte Mann nicht mehr wie früher, die angefangene Arbeit verleidet ihm bald. Er wendet sich an Judith:

»Zieh dich an, du kannst mit mir in die Stadt fahren!« Wahrend er im Rate sitzt, kutschiert die Tochter mit ihrem Bernerwägelchen von Laden zu Laden, von Schneiderin zu Schneiderin, sie hat die ehrbare Bauerntracht abgelegt, stolz geht sie im städtischen Kleid, sie trägt so viel Schmuck, als müßte sie die väterliche Wohlhabenheit ins Land rufen, und über den heidelbeerschwarzen Augen, die sie von der Mutter geerbt hat, sitzt auf den dunklen Ringellöckchchen ein duftiger Blumenhut, wie Sigunde Fürst nie einen niedlicheren besessen hat. Dazu führt Judith eine offene Börse. Sie reicht für ihre Rechnungen nicht immer aus. Da warten die beiden Frauen, bis der Kommandant mit einem Döselchen heimkommt, wie es bisweilen geschieht. Sie umschmeicheln ihn, und in seiner Weinlaune giebt er ihnen reichlich Geld.

Das ist sein Hausregiment! In der Stadt aber pfeifen es die Vögel vom Dache, daß der Weg zum Herzen und zum Geldbeutel des Großrates von Reifenwerd das Lob der schönen Tochter ist. Das weiß die Wirtin »Zur Müllern«, wo die Räte nach der Sitzung tafeln, da hört man nichts als »Fräulein Großrat, wie hübsch Sie heute wieder sind!« Und die Ratsherren sprechen: »Geben Sie uns doch einmal mit Ihrem liebenswürdigen Fräulein Tochter und Ihrer verehrten Frau die Ehre eines Besuches!« Dann drängen die Frauen und der Bauernhochmut fährt festtäglich zu den Bekannten auf Besuch.

Darum sagt der Säckelmeister, der Kommandant gehe einen bösen Weg. Sein Leben ist freilich ein anderes.

Nur selten kommt der Säckelmeister aus dem Dorfe heraus. Er ist mit den Seinen in Reben und Feld unermüdlich thätig. Ob die Schwere des Bodenwerks seinen Rücken gebeugt hat, ist er doch der Säemann geblieben, wie es keinen zweiten im Dorfe giebt, wie langsam seine Pratzen und Füße sind, so findet er doch die Zeit, neben den eigenen Aeckern noch die Felder der Witwen und Waisen, die ihn darum bitten, zu bestellen, und wenn er bei dem letzten Wurfe sein »Gesegn' es Gott!« spricht, so ist die Fruchtbarkeit über dem Acker. Das Gedeihen der Saat ist seine Herzensfreude!

Darum versteht er es nicht, wie ein Bauer der Politik mehr Ehre erweisen kann als seinem Haus und Landgehege.

Am meisten spricht er darüber mit seinem Sohn Hilfgott. Der wackere junge Mann, der jüngst als Feldweibel aus dem Militär zurückgekehrt ist, hat sich halb in das frische Gesichtchen Judiths, in ihre heidelbeerschwarzen Augen und in ihre kecken, dunkeln Ringellöckchen verschaut und Judith erwidert die Neigung des jungen, starken, blonden Bauernsohnes, der mit dem gleichen ruhigen Gehaben, mit dem nämlichen wuchtigen Schritt und sicheren Wurf wie der Vater durch die Furchen schreitet. »Sieh, Hilfgott,« mahnt aber der Säckelmeister, »der Kommandant ist ein gescheiter Mann für andere und ein Thor für sich. Die Politik muß ihm nur dienen, das Heimweh nach seiner Lony zu betäuben, und wenn in der Haushaltung der Name Lony nicht mehr ausgesprochen werden darf, so schreit er desto lauter in seiner Brust. Darum die Rastlosigkeit, darum das ewige Ein- und Ausschirren der Pferde. Laß es dir gesagt sein! Ein Bauer, der jede Woche einmal aus dem Werktag einen Sonntag macht, der mit seiner Frau und Tochter ins Theater fährt, geht zu Grunde, selbst wenn er so reich ist wie der Kommandant. Darum, Hilfgott, Herz und Gedanken weg von Judith. Sie ist kein Weib für dich!«

So vernarrt in die hochmütige Jungfrau ist der junge Mann noch nicht, er folgt dem Rat des Vaters.

»Warum sieht man denn Euern Hilfgott nicht mehr?« fragt eines Tages der Kommandant den Säckelmeister wie im Scherz.

Der kratzt sich etwas verlegen im Haar und wird rot.

»Wir, Hilfgott und ich, meinen nur, wo Herrenmusik ertönt, komme der Dreschflegel bald zur Ruhe!« knurrt er.

»Darum kommt er nicht mehr?«

»Darum!« antwortet der Säckelmeister.

Mißvergnügt tritt der Kommandant nach der flüchtigen Auseinandersetzung in sein schönes Heim.

»Da hast du's, Judith, mit deinem verdammten Klavier!« versetzt er ärgervoll. »Wie hast du gebettelt und getrotzt, bis es ins Haus kam. Jetzt treibt es die Freier daraus.«

Judith schlägt auf dem Instrument ein paar lustige Töne an.

»Ist das die Antwort?« knirscht er.

»Hans Ulrich, Hans Ulrich,« wirft Frau Susanne dazwischen, »die einzige Tochter eines Großrats darf doch eine kleine Freude mehr als andere Bauernmädchen haben!«

In diesem Augenblicke pocht es!

»Herr Pfarrer!« grüßt die Familie überrascht.

Unter der Thüre steht Felix Notvest.

»Herr Kommandant,« spricht er, »ich möchte Ihnen und der Frau Kommandant anzeigen, daß ich am nächsten Sonntag von der Kanzel die Geburt eines Kindes der Eltern Karl und Lony Wehrli, Namens Hans Ulrich, zu verkünden habe.«

»Wir haben auf den Sonntag schon eine Ausfahrt festgesetzt!« meint Judith, die den Männern eine Flasche Wein auftischt, schnippisch.

Die Frau Kommandant lächelt verlegen und kalt: »Wir danken Ihnen, Herr Pfarrer, daß Sie es uns im voraus wissen lassen, es wird niemand von uns zur Kirche kommen.«

Der Kommandant aber stammelt: »Hans Ulrich – Hans Ulrich! – Ja, seht, das ist halt die Lony, sie kann den Vater nicht vergessen!« Eine große Freude zittert über das eherne Bauerngesicht, und als suche er Ausdruck, liebkost er Barry, den treuen Hund, den er verkauft hat, der ihm aber weite Wegstunden her wieder zugelaufen ist.

»Nein,« erwidert der Pfarrer, »Lony kann ihren Vater nicht vergessen, darf ich Sie bitten, daß Sie diesen an Frau Wehrli gerichteten Brief lesen? Er ist unmittelbar vor der Geburt des Kindes geschrieben.«

Stillwütend sehen es die Frauen, wie der Kommandant den Brief nimmt, wie die Neugier den Trotz besiegt. Er liest, aber in dem steinernen Gesicht ändert sich kein Zug, am ehesten ist noch ein Mißtrauen darein geprägt. Einmal unterbricht er sein aufmerksames Lesen.

»Zum Wohl, Herr Pfarrer!« brummt er, »wenn die Lony lügen könnte, würde ich sagen: >Das ist erlogen!< Der junge Schnaufer Wehrli fährt von Reifenwerd nach Lyon, erfindet für die gescheiten Franzosen, grad als wenn sie auf ihn gewartet hätten, eine neue Webmaschine, und sie bezahlen ihm für jeden Stuhl so viel wie der Metzger dem Bauer für das schönste Kalb, und eine große Fabrik arbeitet wegen der vielen Bestellungen mit Ueberzeit. Das ist ein Kalenderstückchen ohnegleichen. Lony lügt aber nicht, etwas muß daran Wahres sein!«

Die Frauen sind über die Rede ganz verwirrt.

»Mutter, man darf also den Namen wieder aussprechen,« höhnt Judith spitzig.

»Sie haben das Geld gesehen, das Wehrli geschickt hat?« fragt der Kommandant, den Pfarrer mit den Augen durchdringend.

»Ich werde es selbst nach Rheinsee tragen, um eine alte Schuld der Familie zu begleichen, und ein hübscher Rest kommt als Aussteuergeld für Christli auf die Bank. Doch bitte, lesen Sie weiter, Herr Kommandant!« erwidert Felix Notvest ruhig.

Und der Kommandant liest: »Wenn das Kind ein Büblein sein wird, soll es wie mein lieber Vater getauft werden: Hans Ulrich! Aber es ist unendlich traurig, ich werde ihm kein Lied singen können. Sobald ich eines anstimme, das ich in Reifenwerd gesungen habe, erwürgt mir das Heimweh den Ton. Die gräßliche Totenstille, mit der sich die Meinen umgeben! In der Nähe der Stadtgrenze, wo wir wohnen, hat ein alter Franzose sein Gütchen, und weil er meinem lieben Vater gleicht und er meine Besuche wohl leiden mag, trete ich manchmal in seinen Garten. Aber wie weh hat mir gestern der gütige Mann gethan! Er sagte: >Nein, Ihr Vater kann mir nicht gleichen, denn wenn ich eine Tochter hätte wie Sie und ich dürfte ein Enkelkind erwarten, was auch geschehen wäre, ich ginge sie suchen bis ans Ende der Welt.< Mein Vater ist härter als der fremde Franzose. O, wenn er nur ein wenig barmherzig wäre, an Gott und sein letztes Stündlein dächte, so schriebe er auf einen Zettel: >Lony, es ist dir verziehen!< Und wenn es nicht meinetwegen wäre, so doch wegen des Kindes, daß ich ihm mit Frieden im Herzen ins Ohr flüstern könnte: >Du hast einen lieben, lieben Großvater in Reifenwerd!<«

Der Kommandant legt den Brief, der am Schluß nur noch die Geburtsanzeige, ein Wort der Vaterfreude von Karl Wehrli enthält, schweigend in die Hände des Ueberbringers zurück.

Erst beim Abschied sagt er: »Lony soll ein gutes Wort von mir haben!« Mit fester Ehrlichkeit verspricht er es Felix Notvest.

»Welch hohen Beruf hat der Pfarrer, wenn er in die Tiefen des Lebens greift!« denkt heimkehrend der Geistliche.

Gehobenen Herzens, in der Freude eines schönen, erreichten Zieles tritt der Friedenstifter in sein Pfarrhaus zurück. Er kennt seine Haushälterin, Frau Wehrli, nicht mehr. Das vergrämte Gesicht ist lauter Sonnenleuchten, die kleine, gebeugte Frau blickt wie verzückt, wie wenn alles Zauber und Märchen wäre, auf die Goldstücke, die Karl geschickt hat. »Sie haben einen Buben, einen herzigen Buben – und das viele, viele Geld! Mein Karl! Ich wußte ja stets, daß er es weit bringen würde im Leben, doch so geschwind!« Die Thränen laufen der alten Frau über die abgehärmten Wangen. Das ist wunderbares Glück!

Felix Notvest aber will jetzt den Schild über der armen, gequälten Fabrikjugend erheben.

Christlis Schicksal hat seine Augen geschärft, er sieht das Los dieses Kindes in einer Menge hohlwangiger, müder Mädchen und Buben verhundertfacht, eine verkümmerte Jugend, die von der Arbeit am Spinnstuhl verkrümmte Beine und jenen sonderbaren Gang hat, als schleppten sie am einen Fuß ein schweres Gewicht mit sich.

Es giebt kein Gesetz, das sie schützt. Die wenigen Paragraphen, mit denen der Staat das Gewerbewesen ordnet, stammen aus einer Zeit, wo man nur die gemütlich geführte Kleinindustrie kannte, noch nichts von den ausnützenden Betrieben wußte, wie sie Rudolf Fürst und andere Fabrikanten des Landes eingeführt haben. In der Verfassung aber steht der schöne Satz: »Das Ziel der Volksschule ist, ein leiblich und geistig gesundes, sittlich starkes Geschlecht von Staatsbürgern heranzubilden!«

Dieser Satz soll durch die Industrie kein Scheinwort werden. Im Namen der Volksschule beginnt Felix Notvest den Kampf für die unverletzbaren Rechte der Jugend!

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