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Feldblumen

Adalbert Stifter: Feldblumen - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleFeldblumen
senderwbergner@aol.com
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»Ja wohl,« lachte Lothar, »wir wollen sogar zuversichtlich hoffen, daß gerade diese zwei Engel, welche am ersten Mai anno domini 1834 in Haimbach frühstückten, dereinst noch unsre Frauen werden, und wieder eines schönen Tages in unsrer Gesellschaft frühstücken werden. Was meinen Sie dazu, Herr College?«

»Topp,« rief ich; »aber mir muß die Unverschleierte bleiben.«

»Die andere ist noch schöner,« rief die Wirthin.

Ich meinte, das sei nicht möglich, und halte mich an das Gewisse.

»Gut,« sagte Lothar, »von heute binnen drei Jahren, Frau Wirthin, rüsten Sie ein wackeres Frühstück und Mittagsmahl; denn wir werden den ganzen Tag mit den zwei Engeln, unsern lieben rechtschaffenen Ehefrauen, in Haimbach zubringen. Ich nehme in Gottes Namen die Verschleierte, da ich keine von beiden von Angesicht kenne, und mich ganz auf den Geschmack unserer Frau Wirthin verlasse.«

»Und ich dagegen,« fiel ich ein, »will diese besagte Frau Wirthin zum Andenken an diesen Tag recht sauber auf schneeweißes Papier malen, und in einem schmucken Goldrahmen mitbringen.«

Ei, das wäre für sie alte Frau viel zu viel Ehre, vermeinte sie, und übrigens könnte ich so etwas leicht versprechen, ohne deswegen mein Farbenzeug aufmachen zu dürfen, da zwei solche lustige Herren gewiß ohnedieß schon jeder eine Fräulein Liebste in der Stadt haben würden, die schon unter den schönen Gesichtern des Buches sein werde.

Wir sahen uns beide an, und lachten: denn wahrhaftig, keiner hatte nicht im Geringsten ein derlei Wesen aufzuweisen. – Uebrigens fingen wir zwei dann selber an, die Sache weiter auszumalen und dichteten den zwei Huldinnen eine unaussprechliche Sehnsucht nach uns an, stießen die Gläser an, ließen sie hoch leben und entwarfen Plane, ihnen den Ehestand zu versüßen.

Nach Tische wurde gezeichnet.

Spät erst, als schon das Abendroth an allen Bergen hing, und im jungen Buchengrün von Laub zu Laub neben uns hüpfte, gingen wir selig durch die Loudonischen Anlagen nach Hadersdorf, wo wir übernachteten, weil wir am andern Tage Thiergartenpartieen malen wollten, wozu uns Lothar die Erlaubniß ausgewirkt hatte. Noch beim Einschlafen neckten wir uns mit den Vorzügen unserer neuen Liebchen ein gut Stück in die Nacht hinein, und spintisirten über den Engländer, der ein Anbeter zu sein drohe.

Wir schliefen fest, und zeichneten am zweiten Mai tüchtig darauf los, und rückten meilenweit in gegenseitige Bekanntschaft und Freundschaft hinein.

Ich hätte die Sache gar nicht erwähnt, und sie gewiß heute schon vergessen, wenn ich sie eben vergessen hätte. Aber in meiner närrischen Fantasie, nimmt die Holde ordentlich eine rührende Miene an, bloß weil wir so lange von ihr geredet haben, weil ich sie Dir gar beschrieben und weil sie lustiger Weise nicht ein Sterbenswörtchen davon weiß. Aber in der That, so ist unsere Einbildung, und meine erst vollends: wenn wir einen Menschen in nahen Verhältnissen mit uns dichten, so wird er uns fast lieb, besonders wenn er ein schönes Mädchen ist, und wir eben fünf und zwanzig Jahre alt werden. Ich gehöre da zu den Narren, die so sehr aus dem Häuschen sind, daß sie am Ende die Sache auch gar noch glauben. Neulich z. B. geschah es, daß ich einem armen Teufel durch mäßiges Lob zu einer Bedienstung helfen sollte – anfangs lobte ich auch gewissenhaft und empfahl ordentlich – aber endlich ging ich immer weiter, bis er ein gänzliches Genie war. Ich erstaunte in der That, wie ich so viel Talent und Kraft bisher so wenig beachtet haben konnte. Er bekam auch den Dienst und mich als Freund und Gönner dazu. Meiner einstigen Geliebten wird dieser Zug von mir zu Statten kommen, – aber da sehe ich schon, daß Du verstockt sein wirst, und kaum die Hälfte glaubst, wenn ich sie Dir vormale – – aber siehe, Titus, glaube was Du willst – – was kann denn am Ende der arme Mensch von einem andern Nebenmenschen abmalen, sich selbst vorstellen, – lieben oder hassen – als das Bild, das er sich von ihm zu machen versteht, da das Ich des Andern so wüstenweit von ihm getrennt ist, wie kaum Weltsysteme, die wir doch durch Gläser aus ihrem Himmel ziehen?

Lasse mich dem Gedanken nachhängen.

Seit der ersten Kindheit, wie viel tausend verschwimmende Gestalten von kleinen Gedanken, Ahnungen, – dann halbgeborne Dichtungen, Träume, Ideen, Kleinode von Empfindungen, mögen das lange Leben eines Menschen durchwandeln, ohne daß Kunde davon wird! – Man denke nur an das innere, namenlose Gewimmel des erwachenden Jünglings – an die langen träumenden, erinnernden, wortkargen Tage des einschlummernden Greises – an die Liebestage der schamvollen Jungfrau, an die innere, unausgesprochne Traumwelt fantasiereicher Weiber überhaupt, die durchgängig mehr mit Empfindungen handeln, ohne immer das Glöckchen derselben zur Hand zu haben, was wir hingegen häufiger können und thun. In dem reichsten, wie ärmsten Menschen geht eine Bibliothek von Dichtungen zu Grabe, die nie erschienen sind – nur aus den drei Stanzen, die er herausgab, machen wir ein Urtheil zusammen, und sagen, seht, das ist der Dichter. Und glückselig der, der ein Ohr hat, auch nur die drei Stanzen recht zu hören, und sich ein schönes Bild zu machen – so hat er dann eine schöne Welt; es gibt aber Leute, die aus den wenigen Farbenkörnern, die dem Andern entspringen, nur Fratzen bilden – und diese bedaure ich – sie sagen freilich, sie kennen die Welt, aber es ist nicht wahr, sie bekennen nur wider Willen ihr kleines Innere, und haben noch dazu eine Zerrwelt. – – Vor dem Hohlspiegel unsrer Sinne hängt nur das Luftbild einer Welt, die wahre hat Gott allein.

Titus! Dieser Gedanke hat mich ernst gemacht!! Als wir auf dem Rigi, umgeben von dem Abendglühen der Alpen, standen, und Abschied nahmen, als mein Mund an Deinem brannte, als wir uns an die Brust drückten, daß wir meinten, sie müsse knirschen – was hatten wir von einander, und wie nahe waren wir uns? –

Ein Sirius sandte zwei einsame Strahlen, und diese wurden auf einem andern Sirius gesehen – aber es waren zwei Weltkörper, und eine Wucht von Leben trugen sie ungekannt durch ihren öden Weltraum.

Oft und oft, wenn ich die ewigen Sterne sah, diese glänzenden Tropfen, von dem äußeren, großen Weltenoceane auf das innere blaue Glöcklein hereingespritzt, das man über uns Infusionsthierchen gedeckt hat – wenn ich sie sah und mir auf ihnen dachte dieses Unmaß von Kräften und Wirkungen, die zu sehen und zu lieben ich hienieden ewig ausgeschlossen bin; so fühlte ich mich fürchterlich einsam auf der Insel »Erde« – – und sind denn nicht die Herzen eben so einsam in der Insel »Körper?« Können sie einander mehr zusenden, als manchen Strahl, der noch dazu nicht immer so freundlich funkelt, als der von den schönen Sternen? Wie jene Herzen des Himmels durch ein einziges, ungeheures Band verbunden sind, durch die Schwerkraft, sollten auch die Herzen der Erde verbunden sein durch ein einziges, ungeheures Band – die Liebe – – aber sind sie es immer??

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