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Feldblumen

Adalbert Stifter: Feldblumen - Kapitel 31
Quellenangabe
typenovelette
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleFeldblumen
senderwbergner@aol.com
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Nun etwas von dem Wiedersehen Angela's. – O Titus! komme nur, daß Du sie sehen kannst, Du siehst die reinste fleckenloseste Lilie!

Wir kamen Abends in Gmunden an! Athemlos ging ich mit Emil die Treppe hinan auf ihr Zimmer – nur der beigegebene Diener war da, und sagte, sie sei mit ihrem Mädchen längs des Sees gegen Altmünster gegangen. Wir gingen eilig nach – meine Augen fanden sie bald. Im gewohnten weißen Kleide wandelte sie langsam vor uns, das Antlitz auf den abendglühenden Traunstein gerichtet. Kaum zwei Schritte waren wir nur noch hinter ihr, als sie sich umsah – ach! ganz so schön, wie ich gedacht hatte, war ihr Benehmen – nur eine Secunde stockte sie, dann nur Freude, die schöne, die herrliche Freude, der Schmuck des Menschenangesichtes, glänzte aus ihren Augen, als sie uns die Hände reichte – nicht eine Ahnung eines Vorwurfes in den heitern Mienen.

»Ich habe Unrecht gethan, Angela!« sagte ich zitternd, indem ich ihre Hand hielt und in ihre Augen sah. Fast ihren Bruder vernachlässigend, wandte sie sich ganz zu mir; und meinem Blicke voll Sanftmuth begegnend, sagte sie: »Nicht Unrecht thaten Sie, nur übereilt geurtheilt haben Sie, und sich recht viel Weh bereitet – ich will es durch noch mehr Liebe gut zu machen suchen, daß ich die Ursache war.«

»Nein!« rief ich, »ich kann nur durch die grenzenloseste Liebe schwach vergelten, daß einmal bittere Tropfen durch mich in diese Augen stiegen – und Angela, ich will es auch vergelten, so lange in mir ein Hauch des Lebens ist.«

»Liebe verbricht nichts,« antwortete sie; »sondern nur der Haß – und Liebe vergilt nicht, sondern nur die Gerechtigkeit. – Liebe ist da, weil sie da ist, und beglückt so Geber, wie Empfänger – ich bin erst recht glücklich geworden, als ich Sie so lieb gewonnen. Lassen Sie mir auch die Tropfen; sie waren nicht bitter – und ich gäbe sie jetzt durchaus nicht mehr zurück. Eines aber haben Sie zu büßen, daß Sie mir die Freude, die ich mir selbstsüchtig zubereiten wollte, verdarben; nämlich Euch Beide einander im Triumphe zuzuführen, und zu sehen, wie Schritt um Schritt Einer den andern an sich reißen wird – und nun kommen sie Beide und haben am Almsee die schönste Nacht gefeiert, während die arme Schwester sich in Wien mit Ahnungen abquälen mußte: wo werden sie jetzt sein, was werden sie thun, wie viel werden sie schon gesprochen haben, wie gefallen sie sich?....«

»Aber nun sei herzlich und tausendmal gegrüßt!« fiel Emil ein; »hier hast Du Beide, und betrachte sie nur, wie sie sich schon gut sind, und es täglich noch mehr werden wollen, und nun gehen wir nicht mehr auseinander, Natalie und die Astons und wir, und, geliebt es Gott, noch Einer, nämlich Lothar – das soll ein schönes Leben geben, wie es in den Traunseehäusern gedichtet worden ist.«

Ich erröthete, weil mir einfiel, daß sie so eben mein Tagebuch gelesen habe. Sie fühlte es augenblicklich und sagte freundlich: »Wenn wir in den Gasthof kommen, werde ich Ihnen alle meine geheimsten Schriften einhändigen.«

Der erste Augenblick war nun überstanden – wir gingen weiter den See entlang, und immer leichter und immer traulicher lösete sich das Band der Rede, bis Alles war, wie einst, wenn ich mit ihr manche Stunde so recht in den dichterisch'sten Schwärmereien herumwandelte. Emil war mir keine fremde Störung, ihr ohnehin nicht, ja es war, als gehörte er eben so, wie er ist, dazu. Die Reden wurden immer wärmer und begeisterter, und die Herzen gaben sich immer reiner und unverhüllter. Drei glücklichere Menschen mochten an diesem Abende gewiß nicht in den Mauern der reizenden Uferstadt gewesen sein. Wir gingen erst in unser Gasthaus, als schon zwei Sternenhimmel leuchteten, einer über, einer unter dem See. Als Emil und ich in unserem Zimmer waren, trat ich an das Fenster, das auf den See sah, und bat Gott sonst um gar nichts, als: er möge mir die Gnade verleihen, diesem weiblichen Wesen ganz so vergelten zu können, wie sie es verdient. Ehe wir schlafen gingen, that ich etwas, was seit Jahren das Albernste war, was ich erdenken konnte. Ich trat nämlich beklommen zu Emil und sagte, daß ich es für meine Pflicht halte ihm zu eröffnen, daß meine Vermögensumstände geringe seien, und ich seiner Ziehschwester daher nur ein sehr bescheidenes Loos anbieten könne – und es drücke mich dieser Gedanke schon lange her – – –

Er sah mich befremdet an, dann sagte er lächelnd: »Da hast Du Dir einen netten Zopf in dem alten Europa geflochten, und hängst ihn Dir heute Abends vor mir ehrbar an – und stehst da, daß ich Dich auslachen soll! Nicht wahr, wenn Du in den See fällst und ertrinken willst, und ich ziehe Dich mit äußerster Gefahr meines Lebens heraus, so dankest Du mir, und es freut Dich, und Du erscheinst Dir nicht gedemüthigt – aber wenn ich sage: das Glück und der Fleiß meines Vaters hat mir so viel zugeführt, daß ich und Andere ein schönes Vernunftleben führen können, wie es Gott nach unserer Lage fordern kann, und wenn ich sage, da liegt so viel übrig, daß wir es gar nicht verbrauchen können, bleibe da, gönne uns einen Antheil und Genuß an Deinem Geistesleben, und verwende von dem, was sonst unnütz da läge, so viel Du willst, zu immer weiterer Ausbildung dieses Deines Geisteslebens – nimm Antheil an dem, was wir gesellig beginnen wollen, und an den Thaten, wodurch wir das Reich des Guten zu erweitern streben wollen; wenn ich dieses Alles sage, so sitzest Du da und fühlst Dich gedrückt – warum? weil sie Alle ihr Leben lieber für den Andern wagen, als ihr Geld; weil Alles mittheilbar ist, nur kein Vermögen – außer in Almosen – und weil sie dieses mit Stolz und so geben, daß der Empfänger gedemüthigt wird. Wenn ein Freund ein übermäßiges Vermögen mit dem andern dürftigeren Freunde theilt, so schreien sie, das sei eine ungeheure schöne That – damit aber bekennen sie nur die ganze eingewurzelte Schlechtigkeit ihrer Selbstsucht. Haben Dich die dreißig Dukaten Deines Titus beleidigt? oder ihn und Dich das, daß Ihr Euer Erworbenes in Hälften aneinander mittheiltet? Es hat Euch nicht beleidigt, weil Ihr Euch zurückerstattet – also, wenn ich Dich aus dem See gezogen hätte, dann müßte ich aus Zartheit hineinfallen, daß Du mich wieder heraus zögest? Wir sind Eine Familie; dadurch, daß Dich Angela liebgewonnen hat, trittst Du in diese Familie ein, und diese Familie hat so und so viel Güter, und so und so viel fällt auf Euch Beide gerade in der Art, wie wenn Du etwa eine Million von einem wildfremden Oheim geerbt hättest – oder fühlst Du Dich auch gegen den verblichenen Oheim unterthänig? Nicht – weil Erben herkömmlich ist, Anderes nicht. – – Daß Angela Dir ihr Herz gab, das ist eine Gabe, das ist ein reines Geschenk, das Du in Demuth annehmen magst, und wo Du auf Vergeltung sinnen kannst, wenn es anders möglich ist, etwas so Hohes zu vergelten.

Ich verachte selbst den Mann, der, wenn er ein reiches Weib heirathet, sofort jedes Geschäft fahren und sich von ihr ernähren läßt – – aber wird Dein Streben in all unsrer schönen Zukunft nicht weit mehr werth sein, als das, was Dir hier zufällig entgegenkommt? Doch genug, es ließ Dir naiv; aber ich habe es von Dir nicht erwartet, daß Du mit dieser Last angefahren kommen wirst. Wir wollen es den Mädchen verheimlichen: sie müßten Dich auslachen.«

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