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Feldblumen

Adalbert Stifter: Feldblumen - Kapitel 28
Quellenangabe
typenovelette
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleFeldblumen
senderwbergner@aol.com
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Als ich aufgestanden war, schrieb er Briefe, und ich das vorliegende Blatt an Dich, bis es sehr spät Abends war.

Eben kommt Alles von dem Grundelsee zurück. Es soll sehr schön gewesen sein. Man fuhr auf dem See, und tanzte sogar im Seehaus. Der Wiener Studiosus dichtete ein Lied, und trug es aus dem Stegreif vor, dann sangen sie ein Männerquartett auf dem See; der Doctor verschoß ein Pulverhorn voll Pulver – und ans Heimgehen dachten sie erst, als, wie Lothar sagte, See und Felsen im Abende loderten, und ringsum das klangreiche Lullen und Jauchzen der Sennerinnen hallte und auf dem Elm ein Freudenfeuer brannte.

16. Baldrian

Hallstadt, 17. August 1834.

Emil eröffnete mir auf dem Wege von Aussee nach Hallstadt freiwillig, daß, wenn ich meine Reise abkürzen wolle, Alles, was noch von Besorgniß in meinem Gemüthe sei, sich viel kürzer ins Klare bringen lasse. »Augenblicklich will ich umkehren,« sagte ich; »der Großglockner hat bei meiner innern Unruhe jeden Werth für mich ohnedieß schon längst verloren.«

Nur eine Woche, bat er, solle ich ihm in Hallstadt schenken; er habe diese Bitte einer eigensinnigen Person versprochen, die er mir bald vorführen werde, und die mich auch wolle kennen lernen.

Wir kamen früh genug in Hallstadt an, um die Einladung Emils annehmen zu können, mit ihm in der Gosaumühle zu essen. Er, Isidor, der Doctor, Lothar und ich fuhren in einem Kahne dahin. Auf der Gasse vor der Mühle stand ein schöner Reisewagen, und der Doctor behauptete sogleich, es sei derselbe, den er in Kirchdorf gesehen habe. – In demselben Augenblicke hüpfte eine grüngekleidete Dame aus dem Hause, und mit den Worten: »Gott grüße Dich, Emil!« nahm sie unsern Begleiter schlechtweg bei dem Kopfe und küßte ihn herzlich – und als sie auch uns grüßte, denke Dir meine Ueberraschung, war es dieselbe Dame, die ich einst mein Griechenbild von St. Anna nannte, dieselbe schöne blauäugige Dame, deren Angesicht ich oft in der Annenkirche studirte, und die ich nachträglich einmal in Haimbach mit Emil sah – also war die andere Verschleierte damals ohne Weiteres Niemand anders gewesen, als Angela, und die alte Frau die Tante.

Wie der Witz des Zufalls zuweilen spitzig sein kann!

Emil stellte uns die Dame als seine Schwester vor. Sie verbeugte sich schelmisch gegen den höchst verlegenen Doctor. Ein ältlicher Mann kam mit umgebundenem Speisetuche heraus, und rief unter uns: »Na, da sind sie, aber Du hast lange warten lassen; gestern den ganzen Tag saßen wir hier, und das sind vermaledeite Berge; Du mußt einen andern Wagen schaffen.«

»Oheim,« entgegnete Emil, »wir fahren ohnedieß für dießmal nicht tiefer in die Berge. Natalie will nur, daß wir ein bischen in Hallstadt verweilen.«

Natalie grüßte uns Alle noch einmal als Reisegefährten des Bruders, und dann ging es an das Mittagsessen und an das Plaudern, und jeder sagte nach Tische dem Andern, daß ihm die junge Dame ausnehmend gefalle.

Nachmittag fuhren wir in zwei Kähnen nach Hallstadt zurück, und richteten uns in unsern Zimmern ein, so gut es ging. Lothar wird Punkte des Sees malen.

19. August.

Verzeihe, daß ich zwei Tage an diesem Blatte nichts schrieb; es war keine Zeit. Manche Wienerin würde es übel nehmen, daß eine junge Dame mit den glänzendsten braunen Haaren, dem tiefsten, schwermüthig funkelnden Augenblau, und dem edelsten Gesichte, das noch dazu voll lauter Blüthe und Huld ist – daß diese Dame so allein (nur ein Mädchen hat sie zur Bedienung) mit jungen Männern im Gebirge herumgehen kann; aber Natalie thut das Alles so schön und einzig, daß man es ganz in der Ordnung findet; überhaupt ist sie, wenn es möglich wäre, die zweite Ausgabe von Angela, dieselbe schöne sittliche Grazie und ich glaube fast, dieselbe Bildung. Wir vergingen die ganzen zwei Tage buchstäblich im Freien in den Gebirgen.

23. August.

Es ist bereits der sechste Tag, daß wir in Hallstadt sind. Emil hat Instrumente in dem Wagen gehabt, und stellte manchmal physikalische Versuche an, während der Doctor und Isidor das Echo müde singen. Der Doctor bleibt immer noch hier, weil er in Natalie wirklich verliebt ist, und Isidor, weil ihm die ganze Sache Spaß macht.

Lothar ist nie bei uns. Er malt den ganzen Tag, und bringt von seinen einsamen Wanderungen jeden Abend himmlischere Bilder. Er ist ordentlich verwandelt in dieser schönen Bergwelt; sein Angesicht ist verklärt, sein ganzes Wesen klingt und schwebt, und er spricht nie anders, als in Bildern.

Gestern Abends vor Schlafengehen reichte mir Emil die Hand und sagte: »Wir sind im Klaren, Bruder; schenk' dem Eigensinne der Schwester noch ein paar Tage.« Er nennt mich öfter scherzweise Du, aber ich kann es nicht über das Herz bringen, ihn im Ernste darum zu bitten.

O Titus! mir ist seltsam im Umgange dieser zwei Menschen, die so einzig trefflich sind. Emil ist überall hoch und schön, wie eine große ruhevolle Alpe: sie säugt Kräuter und Blumen, trägt wehende Wälder am Busen, und das leuchtende Gletschersilber; – doch weiß sie's nicht, und über ihr Haupt ist das schöne zarte Duftblau der Anmuth ausgegossen. Natalie ist dasselbe, nur als sei es noch durchsichtiger, wie von einer Seeesfläche zurückgespiegelt. In Wien, umgeben von den hunderttausend Lastern und Thorheiten der Leute, war ich oft selbst nicht gut; in diesen Landschaften, unter diesen Menschen wird mein Wesen immer klarer und fester, und selbst der sanfte Schmerz, der noch immer in dem Herzen sitzt, steht verschönernd drinnen, wie jene Thräne, die man oft mitten in Kristallen findet.

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