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Feldblumen

Adalbert Stifter: Feldblumen - Kapitel 27
Quellenangabe
typenovelette
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleFeldblumen
senderwbergner@aol.com
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»Also sind nicht Alle nach Frankreich?« fragte ich.

»Nein,« antwortete er; »wir wollten es. Aber da ich immer gewohnt bin, über Keinen zu urtheilen, ehe ich ihn kenne; ferner da die Sache so viel auf das Spiel setzte, so beschloß ich – wenn man es auch aufdringlich nennt – Ihnen nachzureisen, um da zu sehen und zu schauen, wo die Andern absichtlich blind sind. Ich mußte Sie ja suchen, wie den Stein der Weisen,« fuhr er lächelnd fort; »vor meiner Abreise war ich mit Aston gewiß zehnmal bei Ihnen, ohne Sie je zu treffen.«

»Der Nabob?« fuhr ich heraus.

»So heißt mich Aston immer wegen meiner ostindischen Geburt,« erwiederte er.

»O Gott! o Gott! wie das Alles einfach gewesen wäre,« rief ich, »und wie es jetzt geworden ist!«

»Lassen Sie nur das,« sagte er, meine Hand nehmend, »ich liebe Sie schon lange, und recht von Herzen ...«

»Ich habe Sie verehrt,« unterbrach ich ihn.

»Daran thaten Sie zu viel,« sagte er, »und die Quelle, die unsere gegenseitigen Gefühle vermittelte, mag wohl beiderseits ein wenig partheiisch gewesen sein. Lassen Sie nur jeden Kummer, und geben Sie der jungen Freundschaft ein kleines Recht; die Verzeihung von einer andern Seite wird wahrscheinlich viel leichter zu erhalten sein, als von Aston und mir. Jetzt lassen Sie uns zusammen ein Stück reisen – und vertrauen Sie mir ein wenig.«

»Ganz und mit vollem Herzen!« rief ich aus.

»Amen,« sagte er, »und nun reisen wir zusammen, und lernen auch unsere Fehler ein wenig kennen. Vor Allem ist einer gut zu machen, nämlich Ihren Kahn aufzusuchen, den Sie beim Ueberspringen in mein Schiff weggestoßen haben.«

Sohin nahm er ein Ruder, und ich auch eines. Der Kahn war bald gefunden und an den andern angehängt, und dann unter verschiedenem Gespräche fuhren wir fast noch eine Stunde auf diesem Zauberspiegel herum, und gönnten unsern Seelen Frist, so nach und nach die ersten Fäden gegenseitiger Bekanntschaft anzuknüpfen.

O wie schön, und wie anders, als vor zwei Stunden, stand der Mond jetzt am Himmel, sich neigend gegen die Felsen, die im Abend standen – herabsehend auf ein erleichtert Herz, und ruhig silbern fortglänzend, weil sich alles und jedes auf der Erde friedlich lösen müsse – und sei es auch in dem Grabe!

Nach Mitternacht gingen wir schlafen, und auch hier im engen Zimmer floß das milde Licht, und zeichnete auf dem Fußboden das ruhige Fensterkreuz. Ich schaute es so lange an, bis die Mohnkörner des Schlummers auf mein Haupt fielen, – meine Mutter, meine ferne Schwester als Traumgestalten ein-, zweimal vor dem schon halb verhüllten Gehirne vorübergingen – und dann der feste ruhige Schlaf kam.

Um vier Uhr weckte uns der Führer, und siehe, noch einmal sah ich den heutigen Mond, der mir so lieb geworden war. Auf einem gezackten Blocke des Westen lag er vor dem Tage erlöschend, während im Morgen die Röthe flammte, und auf dem See die langen Elfenstreifen von weißen Nebeln woben. Bis wir frühstückten, uns ankleideten und rüsteten, hatte die Sonne schon Alles in's Klare gebracht, und der junge Tag blitzte freundlich auf allen Bergen. Ich wunderte mich, daß der See so klein sei; das zauberische Nachtlicht hatte mir Alles in seinen Schleiern auseinandergerückt und vergrößert. Ich schaute mit frischem Morgengefühl noch einmal den Schauplatz der vergangenen Nacht an, und prägte mir das Bild dieses liebgewordenen See's in mein Herz, um es lange nicht daraus zu lassen.

Von dem sogenannten lustigen Oertl sahen wir den See noch einmal, dann rückwärts alle Berge bis Spital. Die Andern warfen Grüße und Küsse zurück; – ich sah auf das Auge des nächtlichen Sängers, – es lag in mildem Ernste über der Aussicht, und war freundlich. Lothar malte, die Andern sangen. Es ist eine mächtige todte Wildniß, durch die wir gingen, ein Steinmeer, und am ganzen Himmel kein Wölkchen; kein Hauch regte sich und der Mittag sank blendend und stumm und strahlenreich in die brennenden Steine. Die zwei Fremden, die vom Almsee bis Aussee mit uns gehen wollten, sind Studirende und der Eine hat in leichtsinniger Lustigkeit an himmelblauem Bande seine Zither umhängen, und geht singend und pfeifend durch das Geklippe. Wir wissen bereits, daß er in Wien ein Liebchen hat, das ihm das blaue Band gegeben.

Um acht Uhr waren wir in Aussee.

Obwohl körperlich beschwerdevoll, war es doch geistig ein schöner Wandertag gewesen, der hinter mir lag. Viele tausend Berührpunkte fand ich an Emil, und konnte freudig anknüpfen. Alle jene Einfachheit, aller Ernst und alle Glut, die ich an ihr so liebte, ist auch in ihm, aber noch, schien es mir, natürlicher und freier herausgebildet – selbst Lothar erschien etwas weiblich gegen ihn, und die Studenten scheuten ihn, wie einen Professor.

Vor großer Ermüdung gingen wir sehr früh schlafen, und beschlossen, den andern Tag, eben den heutigen, hier zuzubringen. Nach dem Frühstücke sahen wir bei den Fenstern auf eine Art Platz hinaus; es war wieder schön, ja der Himmel hatte ein noch blaueres Sonntagsgewand angethan, und die Sonne strahlte festlich geschmückt. Der Platz vor dem Hause war sauber gekehrt, auf der Bank unten saß ein uraltes Mütterchen, schön angezogen, wie ein Kind, das man Sonntags putzt; ein nettes Mädchen ging vorüber, den Braten zum Bäcker tragend, und gegenüber vor einem Hause standen die Leiterwagen in einen Winkel geschoben, und der Hahn stand darauf und krähte seinen Morgenruf hinaus. Landleute in ihrem Feiertagsanzuge kamen, und aus den Thälern erschienen geputzte Aelpler. Um neun Uhr gingen wir alle in die Kirche, und wohnten dem Gottesdienste bei. Nach demselben, als die Landleute vor der Kirche standen, und die Frauen nach Hause trachteten, und geschmückte Mädchen herumsahen, und der Pfarrer vorüberging, und alles die Hüte abthat: da mahnte es mich heimwehmüthig, weil mir einst in meiner Eltern Thale das Alles so tief feierlich erschienen war. Als wir noch aus den Fenstern sahen, so erblickten wir durch die ruhigen Gefilde überall die heimkehrenden Kirchgänger, und sonntäglichen Gruppen, die an den Bergen klommen. Meine Reisefreunde gingen nach dem Essen alle zu dem Grundelsee – ich nicht, weil mir unwohl wurde, und ich mich ein wenig auf das Bett legte. Es wurde bald besser, und ich schlief ein. Als ich erwachte, saß Emil an meinem Bette. Ich war befremdet, daß er sich meinetwegen das Vergnügen versagte, da selbst meine Freunde meinen Zustand unbedenklich fanden. Er heftete die schönen Augen auf mich, indem er sagte: »Wir sind uns ja nicht fremd; aber ich hätte es auch gegen einen Fremden gethan – ja, in einem Walde Amerika's pflegte ich einmal einen fremden Hund, bis er genas – und dann freilich nicht mehr von mir ging. Uebrigens sind die, die mit Ihnen sind, Ihre Freunde nicht, sondern nur Bekannte, außer Lothar, dessen schöne Blumenseele Sie sich bewahren müssen.«

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