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Feldblumen

Adalbert Stifter: Feldblumen - Kapitel 26
Quellenangabe
typenovelette
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleFeldblumen
senderwbergner@aol.com
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Ich schlafen gehen? Dazu war ich viel zu bewegt. Ich ging den See entlang, von dem jetzt Ruderschläge herkamen, und bald darauf das Schiff der Freunde. Isidor sprang heraus und jubelte und sagte, es sei eine Götternacht, und der Doctor bedauerte mich, daß ich nicht mit zu Schiffe gewesen; an diesem einen der zwei angekommenen Fremden habe er einen wahren Fund gethan; er singe einen unvergleichlichen Tenor; der sei noch immer abgegangen; Lothars Stimme sei doch nur ein Bariton; nur schade, daß die Zither, die der Fremde mitgebracht, in der Eile in dem Hause vergessen worden sei. Sie gingen Alle dem Hause zu – ich nicht; denn wo sie ihr Schiff anlegten, bemerkte ich ein zweites kleines; mit diesem wollte ich ganz allein auf den See hinausfahren. Ich band es leicht los und stieß ab.

Nun wurde es weit um mich – die Berge traten zurück und standen groß da in lichtnebligen Schleiern und sanft in träumerischer Magie, und ich schwamm auf dem schönen, glatten, flimmernden Elemente, und bei jedem Ruderschlage rann flüssiges Silber um mein Schiffchen. Aus dem Seehause schallten noch die Reden meiner Reisegefährten, die schlafen gingen, und als es immer mehr und endlich ganz still geworden, und der Mond schon fast im Scheitel seiner blauen Halle stand, da hörte ich wieder zu meinen Häupten das leise seltsame Läuten: aber es war, als fielen nur einzelne Töne unendlich fern aus der Luft – dann schien es von dem See zu kommen, dann von den Felsen – dann schwamm es wieder hoch am Himmel – ich ließ das Ruder sinken, und das Wasser an dem Schiffchen aussäuseln und horchte hin – keine Glocke, eine Zither war es; die Laute kamen von einem schwarzen Punkte aus dem Wasser; nur das Echo hatte mit den Klängen so wunderbar gespielt. Ich fuhr so leise als möglich näher; die Töne wiegten sich und schwollen, und wurden ein Gewimmel, und plötzlich sang eine Männerstimme darein. Ich erkannte die Melodie: es war die Schubertsche über das Seelied von Göthe – deutlich kamen die Worte her: »Wie ist Natur so hold und gut, die mich am Busen hält« .... Ich irre nicht: es war dieselbe Stimme, die das Alpenhorn von Justinus Kerner sang. Mein Kahn war noch im Zuge und glitt ohne Rudern näher; ich konnte jetzt dem Gesange Wort für Wort folgen und folgte mit steigendem Herzen:

Aug', mein Aug', was sinkst du nieder?
Goldne Träume, kommt ihr wieder?
Weg, du Traum, so Gold du bist;
Hier auch Lieb' und Leben ist.

Ich konnte nicht anders: ich ließ die Thränen in die Augen steigen, daß der Mond zitternd und zerblitzend drinnen schwankte – o, mein Traumgold war heute auch schon längstens wieder gekommen – ich vermochte es aber nicht wegzuweisen und zu sagen: »Hier auch Lieb' und Leben ist.« Das Lied ging fort und wurde groß und fromm, erschütternd einfach, wie im Kirchenstyle vorgetragen – ich regte mich nicht in dem Kahne; aber als es geendet und nur noch die Zithertöne, dieser wahre Kuhreigen der obderennsischen Alpen, fortdauerten und hüpften und zitterten, im Wechselgesange mit der Alpentochter Echo: fuhr ich rasch näher und erblickte einen Kahn, wie meiner war, und drinnen saß der Engländer oder vielmehr er lehnte vor einem Brete, worauf er die Zither hatte. Seine Ruder lagen bei ihm auf dem Schiffe, das bei der Stille des Wassers auf einem und demselben Punkte stehen blieb. Als er meiner ansichtig wurde, streute er gleichsam noch ein paar Hände voll Töne wie Goldkörner über den See und sah mich schweigend an, der ich seinem Gesichte fast auf Spannenweite nahe gekommen war. Ich war sehr verlegen, was ich sagen sollte, als ich das wirklich schöne Angesicht, vom Mondlichte beschienen, fragend auf mich geheftet sah. »Herr,« sagte ich endlich, »ich störe Sie wohl? Sie genießen schön diese ausnehmend schöne Nacht.«

»Sie stören mich nicht,« antwortete er; »ich dachte mir wohl halb und halb, daß Sie oder Disson auf den See herausfahren würden. Als ich nämlich meinen Kahn ablösete, sah ich, daß an der Stelle noch mehrere angebunden lagen, die vielleicht Andere benützen könnten. Die Zither, die ich hier habe, gehört gar einem ganz fremden Menschen, der sie im Seehause liegen gelassen hatte, als alle auf das Wasser hinausfuhren, um zu singen, ich nahm sie; denn in solch schöner Nacht, dachte ich, dürfe sie nicht zu Hause bleiben. Auf Sie war ich beinahe gewiß gefaßt, daß Sie kommen würden.«

»Auf mich waren Sie gefaßt?« fragte ich erstaunt.

»Ja, auf Sie,« sagte er, »und daß ich aufrichtig bin: ich erwartete Sie sogar hier. Ich kenne Ihre Gemüthslage, – ich will nicht zurückhaltend sein – da Sie nun wirklich da sind, so lassen Sie uns hier den ersten Handschlag geben, wo uns nicht die Augen all dieser Menschen umgeben.« – Bei diesen Worten reichte er die Hand über den Bord seines Schiffes herüber, und fuhr fort: »Wir kennen uns eigentlich schon lange; ich bin der Freund, ich könnte sagen Bruder eines Wesens, das Sie vor nicht langer Zeit sehr liebten.«

»Emil?« rief ich.

»Ja, Emil,« antwortete er.

»Und Sie suchten mich?« fragte ich in höchster Spannung.

»Ich suchte Sie,« erwiederte er.

Wie von einer freudenvollen, schmerzensvollen Ahnung durchflogen, sprang ich auf, und wäre im Schaukeln meines Schiffchens bald in das Wasser gestürzt.

Dann mit einem Sprunge war ich in seinem Kahne, und wir lagen uns in den Armen – ich fast in ein krampfhaftes Schluchzen ausbrechend – er mich fest und lange an seine Männerbrust drückend.

Endlich ließen wir los, und blickten uns in die Gesichter – zwei Menschen, die sich lange suchten, geistig längst berührten, ja sich liebten, und sogar körperlich schon kannten, und nun sich so seltsam fanden.

»Da ich Sie nun gefunden,« fing er wieder an, »so lassen Sie mich eine freundliche Bitte thun: Fassen Sie Vertrauen zu mir – und die ersten Tage keine Frage um Dinge in Wien.«

Schon sein Erscheinen und Aufsuchen war Seligkeit und Freude für mich, und ich schlug gerne ein. Und nun erzählte er mir, daß er gleich erkannt, eine unverstandne Wallung habe wahrscheinlich ein sonst rechtes Herz beirrt – er habe mich gesucht; er habe sogar in Linz eine Nacht im Zimmer neben mir geschlafen, ohne es zu wissen, und erst von Aston habe er brieflich erfahren, daß ich in Wien gewesen, was ihn außerordentlich erfreuet, und mich gerechtfertigt habe; – von Aston endlich habe er meinen Reiseplan erfahren, und in Folge dessen habe er mir in Scharnstein vorgewartet.

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