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Feldblumen

Adalbert Stifter: Feldblumen - Kapitel 23
Quellenangabe
typenovelette
booktitleStudien
authorAdalbert Stifter
year1847
publisherVerlag von Gustav Heckenast
addressPesth
titleFeldblumen
senderwbergner@aol.com
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Ich blieb sitzen an der Pyramide und brütete, wie der Vormittag, der sein Gewitter braute. Nicht ein Hälmchen rührte sich und der ganze Garten wartete gedrückt; über ihm stand schwer niederhängend die Wucht stummer, warmer, dicker Wolken, die sich rüsteten und mit leisen Regungen durcheinanderschoben. Mein Auge starrte entzündet hinauf, und dem Herzen thaten ordentlich die armen kleinen, glänzenden Flöckchen weh, die aus dem dunkeln Knäuel vorhingen – gleichsam gerettete, schöne Kindheitsgedanken in einem dumpfen Herzen – und immer dicker und schwerer wurden Luft und Wolken; im fernen Osten ging in schiefen Streifen schon der röthlich graue Schleier des Regens nieder – da kam der Wind geflogen und der Donner, rollend über alle Wipfel des Gartens; große Tropfen fielen und somit lös'te sich die Stille am Himmel und auch in mir. Ein frisches Rauschen wühlte in den Bäumen und mischte Grün und Silber durcheinander, und in mir raffte sich ein fester, körniger Entschluß empor und gab mir meine Schnellkraft wieder, nämlich der Entschluß, sogleich abzureisen. – Fahre wohl, Armida, dachte ich – fahre wohl! Ich ging nach Hause; ein prachtvoller Regen rauschte nieder, und ich freute mich, je toller er um meine Schläfe rasselte, und je nasser ich wurde.

Den Rest des Tages, als ich mich umgekleidet hatte, verbrachte ich mit Packen, war abgesperrt und ließ Niemanden zu mir. Den Lothar hatte ich beredet, daß wir am andern Tage, das ist: heute abreisen. Von der Familie Aston nahm ich schriftlich Abschied, weil ich Angela dort zu treffen fürchtete. Ich sagte in dem Briefe, daß mich am letzten Juli um fünf Uhr früh am Obelisk zu Schönbrunn etwas betroffen habe, was es mir unmöglich mache, ihn persönlich zu sehen. Bei meiner Zurückkunft werde ich vielleicht Manches aufklären; an die liebe Lucie und Emma gab ich viele Grüße auf.

Noch Eins muß ich Dir melden. Anselm Ruffo, ein Bekannter von mir, ein kalter philosophischer Geselle, begegnete mir zufällig auf der Straße und hing sich an mich und sagte mir nebst vielem andern, ich möchte mich in Acht nehmen mit meinem weiblichen Umgange; denn das Mädchen, dem ich sehr viele Aufmerksamkeiten erweise, sei stadtbekannt als die Geliebte des Engländers Grafen Lorrel. Ich dankte ihm kühl für die Nachricht – sie war mir nun fast gleichgiltig.

Und nun, Titus! Wenn Du Deine Herreise beschleunigen kannst, so thue es, ich bitte Dich, thue es; ohnedieß bangt mir oft sehr für Dich, wenn ich von den Abscheulichkeiten lese, die der spanische Bürgerkrieg erzeugt. Lebe wohl für heute! In München triffst Du Briefe, die Dir sagen, wo Du mich findest. – – – – – – – – – – – – – – –

Abends um 8 Uhr.

Es wird doch heute ewig nicht zehn Uhr, welcher Glockenschlag mich endlich aus dieser Stadt bringt. Alles ist geordnet; Lothar geht herum Abschied nehmen, und ich gehe schon tausendmal in meinem Zimmer auf und ab. Nun, es wird ja doch auch verhallen und verklingen, wie so Vieles verhallte und verklang. Nur daß das kindische Herz sich so mag aufregen und sich von seinen Wallungen Ewigkeit vorspiegeln, und weiß es doch, wie noch jede Bewegung desselben ausschwang und verging. Oder hat eine Entzückung über eine Seele vor der über die A-Symphonie etwas voraus? Sind nicht beide bloße Werke der Schönheit? Ach Gott, die A-Symphonie blieb schön!! Siehst Du, das ist's, daß es Ideen geben darf, glänzend und höchsten Adels, und daß sie so höhnisch dürfen mißhandelt werden. Getäuschte Liebe, geäffte Anbetung ist ein altes Märchen, – doch darüber sich zu härmen ist kläglich und schwach – aber es gibt einen größern Schmerz, den Schmerz verlorner Seelen, und der meine wäre derselbe, wenn ich sie auch nur bloß gekannt hätte, etwa als Mutter, Gattin – und dann den widrigen Flecken an dem Wunderwerke gesehen hätte. Wenn blaue Lüfte, duftige Berge, schöne Wolken in meinem Auge schweben – wenn der Donner und die Flötenstimme an mein Ohr dringt – und dieß Alles Wahrheit außer mir haben darf: warum lügt das Herz in uns? – Wenn das wahr ist, was meinem Thiere zusagt, kann das höhnen, was mich vergöttert? Sie selbst, trotz der schnöden Mißstimmung hat es mir wieder gezeigt, was uns das eigne Herz als künftigen unbekannten Himmelslohn verspricht, das muß wahr sein – es muß wahr sein – nur das Suchen kann in der raschen Trunkenheit verfehlt werden.

Somit – fahre wohl!! In zwei Stunden geht es auf den Postwagen und dann in Gottes urewige, schuldlose Berge.

13. Purpurrothes Fingerhütlein

Linz, 3. August 1834.

O Titus! was sind denn eigentlich drei Tage? – und welche Macht haben sie auf den Menschen! – Zürne nur nicht; ich weiß Alles, was Du sagst, und habe Deinen Rath befolgt, ehe du ihn gabst. Wenn ich Dich in der Stadt Linz getroffen hätte und Du hättest alle meine frühern Tagebuchsblätter gelesen gehabt, so wäre Dein Rath, nicht wahrscheinlich, sondern gewiß dieser gewesen: »Albrecht, gehe auf die Post und gib den letzten Pfennig dafür her, daß man Dich eiligst nach Wien befördere; – dann tritt vor sie und sage: Ich bin ein gehetzter Thor gewesen und drei Tage lang ein schlechter Mensch.«

So geschieht es auch: ich bin in kindischer Raserei nach Linz gefahren, und nun ist der Postwagen wieder bestellt; morgen um fünf Uhr gehe ich mit ihm nach Wien. Lothar ist einverstanden, und wird acht Tage in Linz warten, bis ich selber wieder komme oder ein Brief. Er weiß Alles und erschrak fast über die Rücksichtslosigkeit meines Verfahrens. Erst einen Tag vorher sagte sie die Worte: »Da es nun gesagt ist, so dürfen Sie für alle Zukunft darauf bauen,« und ich glaube schon am andern Morgen darauf den Rathschlägen der bösesten, blindesten Leidenschaft mehr, als der ganzen klaren Sittlichkeit ihres Wesens, die mir so lange vorlag – einer Leidenschaft, die berühmt ist wegen ihrer Rohheit und ihrer Trugschlüsse. Sie, an Allem, was gut ist, so weit über mir, gab sich mir als Braut, und vertraute mir, mir unbedeutendem Menschen, der ich noch vor wenig Tagen jeden Mann für sie zu schlecht hielt – und in der ersten Probe sinke ich schon so schmachvoll tief. Ich schäme mich, so knabenhaft gehandelt zu haben. Eifersüchtig zu werden, alle Welt vor den Kopf zu stoßen und auf und davon zu fahren! Setzen wir den Fall umgekehrt: was würde sie gethan haben? Entweder sie hätte gar nichts gesagt, oder etwa, warum ich so geizig bin und eine Freundin, die ich so lieb habe, ihr vorenthalte; es wäre ja schöner, wenn ein Mensch mehr im Bunde sei, der sich unsers Lebens und Strebens freue. Ich will des Todes sterben, wenn sie nicht so gehandelt hätte. Ich kann es nicht tragen, ach ich kann es nun nicht tragen, bis der Fehler gut gemacht ist – es war ja nicht Mißtrauen, Mißtrauen war es nicht, nur ganz blinde, sprudelnde Eifersucht, und es soll das erste und letzte Mal sein, daß ein solch böses Ding in mein Herz kam – es überraschte mich, und in der gänzlichen Neuheit der Sache wußte ich mich nicht zu nehmen. O Titus, die Reue ist noch nagender, als die Eifersucht selbst; hilf mir nur die Stunden ertragen, die noch bis zur Abfahrt sind – ach, und erst die zwanzig langen Stunden der Fahrt!! Indeß will ich die ganze Nacht an diesem Tische verschreiben, um mich anzuklagen. Auch verstandeslos war ich ganz und gar – ist es denn nicht sonnenklar, daß es ihr hochverehrter Lehrer war, mit dem sie die Morgenstunde wählte, um ihm Alles zu sagen, – ihr Freund, von dem sie es gar nicht erwarten konnte, mich ihm zu zeigen – wie sie jubelte, wie wir uns verstehen und lieben werden? – Und nun! und nun!! daß er sie umarmte? Thun Bruder und Schwester das nie? Führen es nicht auch andere Verhältnisse herbei? Als ich einmal der Braut eines meiner Studienfreunde auseinandersetzte, warum er sie verlassen mußte, und als sie über die bösen Verläumdungen, die sein Herz von ihrem trennten, im ausgelassensten Schmerze verging: nahm ich sie da nicht, selbst gerührt, in die Arme, drückte sie an mein Herz, faßte ihre Hände, tröstete sie und versprach, Alles in's Gleichgewicht zu bringen? Wie thöricht nun, wenn er auf diese Umarmung wäre eifersüchtig geworden!

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