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Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt

Friedrich Maximilian Klinger: Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
authorFriedrich Maximilian Klinger
year1986
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-003524-4
titleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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8

Faust stund in seinem Zauberkreise wild begeistert. Zum drittenmal rief er mit donnernder Stimme die furchtbare Formel. Die Türe fuhr plötzlich auf, ein dicker Dampf schwebte an dem Rande des Kreises, er schlug mit seinem Zauberstab hinein, und rief gebietend:

»Enthülle dich, dunkles Gebilde!«

Der Dampf floß hinweg, und Faust sah eine lange Gestalt vor sich, die sich unter einem roten Mantel verbarg.

Faust. Langweilige Mummerei für einen, der dich zu sehen wünscht! Entdecke dich dem, der dich nicht fürchtet, in welcher Gestalt du auch erscheinest!

Der Teufel schlug den Mantel zurück, und stund in erhabner, stattlicher, kühner und kraftvoller Gestalt vor dem Kreise. Feurige, gebietrische Augen leuchteten unter zwo schwarzen Braunen hervor, zwischen welchen Bitterkeit, Haß, Groll, Schmerz und Hohn dicke Falten zusammengerollt hatten. Diese Furchen verloren sich in einer glatten, hellen, hochgewölbten Stirne, die mit dem Merkzeichen der Hölle zwischen den Augen sehr abstach. Eine feingebildete Adlernase zog sich gegen einen Mund, der nur zu dem Genusse der Unsterblichen gebildet zu sein schien. Er hatte die Miene der gefallnen Engel, deren Angesichter einst von der Gottheit beleuchtet wurden, und die nun ein düstrer Schleier deckt.

Faust, erstaunt. Ist der Mensch denn überall zu Hause? – Wer bist du?

Teufel. Ich bin ein Fürst der Hölle, und komme, weil dein mächtiger Ruf mich zwingt.

Faust. Ein Fürst der Hölle unter dieser Maske? unter der Gestalt des Menschen? Ich wollte einen Teufel haben, und keinen meines Geschlechts.

Teufel. Faust, vielleicht sind wir es dann ganz, wenn wir euch gleichen; wenigstens kleidet uns keine Maske besser. Ist es nicht eure Weise, das zu verbergen, was ihr seid, und das vorzugaukeln, was ihr nicht seid?

Faust. Bitter genug, und wahrer noch als bitter, denn sähen wir von außen so aus, wie wir in unserm Innern sind, so glichen wir dem, was wir uns unter euch denken; doch dachte ich dich fürchterlich, und hoffte meinen Mut bei deiner Erscheinung zu prüfen.

Teufel. So denkt ihr euch alle Dinge anders, als sie sind. Vermutlich hast du den Teufel mit den Hörnern und den Bocksfüßen erwartet, wie ihn euer furchtsames Zeitalter schildert. Seitdem ihr aufgehört habt, die Kräfte der Natur anzubeten, haben sie euch verlassen, und ihr könnt nichts Großes mehr denken. Wenn ich dir erschiene, wie ich bin, die Augen drohende Kometen, einherschwebend wie eine dunkle Wolke, die Blitze aus ihrem Bauche schleudert – das Schwert in der Hand, das ich einst gegen den Rächer zog, den ungeheuren Schild an dem Arme, den sein Donner durchlöchert hat, du würdest in deinem Kreise zu Asche werden.

Faust. Nun so hätte ich doch einmal etwas Großes gesehen.

Teufel. Dein Mut würde mir gefallen; aber nie seid ihr lächerlicher, als wenn ihr erhaben zu fühlen glaubt, indem ihr das Kleine, das ihr umfassen könnt, mit dem Ungeheuren und Großen, das ihr nicht übersehen könnt, zusammenstellt. So mag der Wurm den vorübergehenden Elefanten dann auch ausmessen, und im Augenblicke seine Schwere berechnen, wenn er unter seinem gewaltigen Fuße hinstirbt.

Faust. Spötter! und was ist der Geist in mir, der, wenn er einmal den Fuß auf die Leiter gesetzt hat, von Sprosse zu Sprosse, bis ins Unendliche steigt? Wo ist seine Grenze?

Teufel. Vor deiner Nase, wenn du aufrichtiger sein willst, als ihr's gewohnt seid; doch wenn du mich um dieses Schnickschnacks aus der Hölle gerufen hast, so laß mich immer wieder abziehen. Ich kenne schon lange eure Kunst, über das zu schwatzen, was ihr nicht versteht.

Faust. Deine Bitterkeit gefällt mir, sie stimmt zu meiner Lage, und ich muß dich näher kennen lernen. Wie heißest du?

Teufel. Leviathan, das ist Alles, denn ich vermag alles.

Faust. O des Großsprechers! Prahlen die Teufel auch?

Teufel. Der Gestalt Ehre zu machen, in welcher du mich siehst. Setze mich auf die Probe. Was verlangst du?

Faust. Verlangen? o des lang gedehnten Worts für einen Teufel. Wenn du bist, was du scheinen willst, so führe meine Begierden in ihrem Keimen aus, und befriedige sie, bevor sie Willen geworden sind.

Teufel. Ich will deinem Sinne näher rücken. Das edle Roß beißt in die Stange, so der Mensch, der sich Flügel fühlt, im Licht zu schweben, und den eine tyrannische Hand in dunklen Abgrund drückt. Faust, viel ahndet dein feuriger Geist, aber das, was du umfassen möchtest, verschwindet, und das Erhaschte ist immer nur Schattenbild deiner eignen Gestalt.

Faust. Rascher!

Teufel. Noch schlage ich leise an deiner Seele an, wenn ich einst deine Sinne berühre, wirst du noch heißer auflodern. Ja, du bist einer der Geister, die die alltäglichen Verhältnisse des Menschen verbrennen, denen das nicht gnügt, was der Karge ihnen aufgetischt hat. Mächtig ist deine Kraft, ausgedehnt deine Seele, kühn dein Wille; aber der Fluch der Beschränktheit liegt auf dir, wie auf allen – Faust, du bist so groß, als der Mensch sein kann.

Faust. Maske des Menschen, fahr in die Hölle zurück, wenn du uns auch im Schmeicheln nachäffest!

Teufel. Faust, ich bin ein Geist aus flammendem Lichte geschaffen, sah die ungeheuern Welten aus Nichts hervortreten, du bist aus Kot geschaffen, und von gestern her – werd ich dir schmeicheln?

Faust. Und doch mußt du mir dienen, wenn mir's gefällt.

Teufel. Dafür erwarte ich Lohn und den Beifall der Hölle; der Mensch und der Teufel tun beide nichts umsonst.

Faust. Welchen Lohn erwartest du?

Teufel. Ein Ding aus dir gemacht zu haben, das mir gleicht, wenn du die Kraft dazu hast.

Faust. Da wär' ich etwas Rechts! doch du kennst den Menschen schlecht, für einen so gewandten Teufel, wenn du an der Kraft desjenigen zweifelst, der es einmal gewagt hat, aus den Banden zu springen, die die Natur so fest um unser Herz gelegt hat. Wie sanft schienen sie mir einst, da meine Jugend, die Welt und die Menschen in den schimmernden Glanz der Morgenröte kleidete. Es ist vorbei, schwarz ist nun mein Horizont, ich stehe im halben Lauf des Lebens an dem Rande der dunklen Ewigkeit, und habe die Regeln zerrissen, die das Menschengeschlecht in Harmonie zusammen hält.

Teufel. Was schwärmst du da, Faust? Harmonie! ist sie es, die den verworrnen Tanz des Lebens leitet?

Faust. Schweig! ich fühle es vielleicht zum letztenmal, blicke vielleicht zum letztenmal in die bunten, wonnevollen Gefilde der Jugend zurück. Daß der Mensch aus diesem seligen Traum erwachen muß! daß die Pflanze aufschießen muß, um als Baum zu verdorren; oder gefällt zu werden! Lächle, Teufel, ich war einst glücklich. Verschwinde, was nicht mehr zu erhaschen ist! Ja, nur dann haben wir Kraft, wenn wir dem Bösen nachjagen Und worin bin ich groß? Wär ich's, würd' ich deiner bedürfen? Geh, tückischer Schmeichler, du willst mir nur zu fühlen geben, wie klein ich bin.

Teufel. Derjenige, der zu fühlen fähig ist, worin er schwach ist, und den Mut hat, das zu zertrümmern, wodurch er's ist, ist wenigstens darinnen groß. Mehr wollt ich nicht sagen, und weh dir, wenn ich dich durch Worte aufreizen soll.

Faust. Sieh mich an, und sage mir, was dich mein Geist fragt, das was ich nicht zu sagen wage!

Bei diesen Worten deutete Faust auf sich, dann gegen den Himmel, und machte eine Bewegung mit seiner Zauberrute gegen Auf- und Niedergang der Sonne. Er fuhr fort:

Du hörst den Sturm wüten – warst, da noch nichts war –

Hier deutete er auf seine Brust und Stirne:

Hier ist Nacht, laß mich Licht sehen!

Teufel. Verwegner, ich verstehe deinen Willen, und schaudere vor deiner Kühnheit, ich, ein Teufel.

Faust. Elender Geist, du windest dich mit dieser Ausflucht nicht los. In meinem glühenden Durste würd ich unternehmen, das ungeheure Meer auszutrinken, wenn ich in seinem Abgrunde das zu finden hoffte, was ich suche. Ich bin dein; oder dessen – noch steh ich da, wohin kein Teufel dringen kann, noch ist Faust sein Herr!

Teufel. Das warst du vor einem Augenblick noch. Dein Los ist geworfen, war geworfen, da du diesen Kreis betratst. Wer in mein Angesicht geblickt hat, kehrt umsonst zurück, und so verlaß ich dich.

Faust. Reden sollst du, und die dunkle Decke wegreißen, die mir die Geisterwelt verbirgt. Was seh ich in dir? ein Ding, wie ich es bin. Ich will des Menschen Bestimmung erfahren, die Ursach des moralischen Übels in der Welt. Ich will wissen, warum der Gerechte leidet, und der Lasterhafte glücklich ist. Ich will wissen, warum wir einen augenblicklichen Genuß durch Jahre voll Schmerzen und Leiden erkaufen müssen. Du sollst mir den Grund der Dinge, die geheimen Springfedern der Erscheinungen der physischen und moralischen Welt eröffnen. Faßlich sollst du mir den machen, der alles geordnet hat, und wenn der flammende Blitz, der diesen Augenblick durch jene schwarze Wolke reißt, mein Haupt sengte, und mich leblos in diesen Zirkel der Verdammnis hinstreckte. Glaubst du, ich habe dich um Gold und Wollust allein heraufgerufen? Jeder Elende mag seinen Bauch füllen, und die Wollust des Fleisches stillen. – Du bebst? Hab ich mehr Mut als du? Welche zitternde Teufel speit die Hölle aus? Und du nennst dich Leviathan, der alles kann? – Weg mit dir, du bist kein Teufel, du bist ein elendes Ding, wie ich es bin!

Teufel. Kühner! du hast die Rache des Rächers noch nicht gefühlt wie ich. Die Ahndung davon würde dich in Staub verwandeln, und wenn du die Kraft des Menschengeschlechts, von dem ersten bis zu dem letzten Sünder, in deiner Brust trügest. Dringe weiter nicht in mich.

Faust. Ich will und bin bestimmt.

Teufel. Du flößest mir Ehrfurcht und Mitleid ein.

Faust. Ich fordere nur Gehorsam.

Teufel. So hadere mit dem, der eine Fackel in dir angezündet hat, die dich aufbrennen muß, wenn sie die Furcht nicht auslöscht.

Faust. Ich habe es getan, und umsonst. Ich habe ihn um Licht angefleht, er schwieg; ich habe ihn in finstrer Verzweiflung aufgefordert, er schwieg. Gebet und Grimm vermögen nichts bei dem, der blinden Gehorsam, sklavische Unterwerfung, in Qual und Finsternis, zum ewigen Gesetz gemacht zu haben scheint. Er peiniget uns durch eben den Verstand, den er uns gegeben hat. Wozu eine Fackel, wenn ihre dampfende Glut, den Irrenden nur blendet? Sie leuchte mir einmal helle auf dem dunklen Wege, und verbrenne mich dann, wenn es so sein muß. Gehorche, und schnell!

Teufel. Unzubefriedigender! Nun so wisse, daß auch die Teufel ihre Grenzen haben. Seitdem wir gefallen sind, haben wir die Vorbildung der erhabenen Geheimnisse, bis auf die Sprache, sie zu bezeichnen, verloren. Nur die unbefleckten Geister jener Welt vermögen sie zu denken und zu besingen.

Faust. Glaubst du mich durch eine listige Wendung in dem zu täuschen, wornach mein Gaumen so lüstern ist?

Teufel. Tor, um mich an dir zu rächen, wünscht ich dir, mit den glänzenden Farben des Himmels das zu schildern, was du verloren hast, und dich dann der Verzweiflung zu überlassen. Wüßt ich auch mehr, als ich weiß, kann die Zunge aus Fleisch gebildet dem Ohr aus Fleisch gebildet faßlich machen, was außer den Grenzen der Sinne liegt, und der körperlose Geist nur begreift?

Faust. So sei Geist und rede! Schüttle diese Gestalt ab!

Teufel. Wirst du mich dann vernehmen?

Faust. Schüttle diese Gestalt ab, ich will dich als Geist sehen.

Teufel. Du sprichst Unsinn – nun so sieh mich – ich werde sein, und dir nicht sein; ich werde reden, und du wirst mich nicht verstehen.

Nach diesen Worten zerfloß der Teufel Leviathan in helle Flamme, und verschwand.

Faust. Rede, und enthülle die Rätsel.

Wie der sanfte West über die beblümte Wiese hinstreicht, und die sanften Blüten leise küßt, so säuselte es an der Stirne und den Ohren Fausts. Dann verwandelte sich das Säuseln in ein steigendes, anhaltendes, rauschendes Rasseln, das dem rollenden Donner, dem Zerschlagen der Wogen an der Brandung, dem Geheule und Gesause in den Felsenklüften glich. Faust sank in seinem Zauberkreise zusammen, und erholte sich mühsam.

Faust. Ha, ist dies die Sprache der Geister, so verschwindet mein Traum, ich bin getäuscht, und muß in der Finsternis knirschen. So hätt ich nun meine Seele um die Sünde der H-----i verkauft, denn dies wäre alles, was mir dieser kupplerische Geist noch leisten könnte. Eben das, warum ich die Ewigkeit auf das Spiel setzte! Erleuchtet, wie nie einer es war, gedacht ich unter die Menschen zu treten, und sie mit meinem Glanze zu blenden, wie die jung aufgehende Sonne. Der stolze Gedanke, ewig als der Größte in den Herzen der Menschen zu leben, ist hin, und ich bin elender, als ich war. Ich soll mit den übrigen Söhnen des Staubs in der Finsternis knirschen, an der Kette der Notwendigkeit nagen, und weder mich noch sie von dem eisernen Joche befreien. Ha, wo bist du, Gaukler, daß ich meine Wut an dir auslasse?

Teufel (in seiner vorigen Gestalt).

Hier bin ich. Ich sprach, und du vernahmst den Sinn meiner Worte nicht. Fühle nun, was du bist, zur Dunkelheit geboren, ein Spiel der Zweifel. Dir kann nicht werden, was dir nicht werden soll. Ziehe deinen Geist von dem Unmöglichen ab, und halte dich an das Faßliche. Du wolltest die Sprache der Geister vernehmen, hast sie vernommen, und sankst betäubt hin unter ihrem Schall.

Faust. Reize nur meinen Zorn, und ich will dich mit meiner Zauberrute bis zu Tränen geißeln, dich an den Rand meines Kreises fesseln, und meinen Fuß auf deinen Nacken setzen; ich weiß, daß ich es kann.

Teufel. Tu es, und die Hölle wird deines Zorns lachen. Für jede Träne soll einst die Verzweiflung die Tropfen deines Bluts aus deiner verwegnen Stirne drücken, und die Rache soll die Waage halten, sie abzuwägen.

Faust. Pfui des Wahnsinns, daß ein edles Geschöpf sich mit einem von Ewigkeit Verworfnen abgibt, der nur Sinn zum Bösen hat, nur im Bösen beistehen kann!

Teufel. Pfui des Ekels, einen Menschen anhören zu müssen, der dem Teufel vorwirft, daß er Teufel ist, und nicht mit der Schattengestalt Tugend prahlt, wie einer von euch!

Faust. Prahlt? Taste nur noch den moralischen Wert des Menschen an, wodurch er sich den Unsterblichen nähert, und der Unsterblichkeit würdig macht!

Teufel. Ich will dir zeigen, was daran ist.

Faust. Ich denke wohl, daß du es kannst. Kann es doch jeder von uns, der seine Schlechtigkeit zum allgemeinen Maßstab der Menschen macht, und Tugenden verdächtig macht, die er nie in seiner Brust gefühlt hat. Wir haben Philosophen gehabt, die hierinnen längst dem Teufel vorgegriffen haben.

Teufel. Besser wäre es für dich gewesen, du hättest nie einen gelesen, dein Kopf würde gerader, und dein Herz gesünder sein.

Faust. Verdammt, daß der Teufel immer recht hat!

Teufel. Ich will dir anschaulich machen, wovon deine Philosophen schwatzen, und die Wolken vor deinen Augen wegblasen, die Stolz, Eitelkeit und Selbstliebe zusammengetrieben, und so schön gefärbt haben.

Faust. Wie das?

Teufel. Ich will dich auf die Bühne der Welt führen, und dir die Menschen nackend zeigen. Laß uns reisen, zu Wasser, zu Lande, zu Fuße, zu Pferde, auf dem schnellen Winde, und das Menschengeschlecht mustern. Vielleicht daß wir die Prinzessin entzaubern, um welche schon so viele tausend Abenteurer die Hälse gebrochen haben.

Faust. Topp! Ziehen wir durch die Welt; ich muß mich durch Genuß und Veränderung betäuben; längst hab ich mir einen weitern Kreis zum Bemerken gewünscht, als mein eignes tolles Herz. Laß uns herumziehen, und ich will dich Teufel zwingen, an die Tugend der Menschen zu glauben. Nur der Glaube an den moralischen Wert des Menschen war es, der mir die peinliche Finsternis zu Zeiten erleuchtete. Nur er war es, der meine quälende Zweifel, auf Augenblicke, besänftigte. Ja lächle nur, du sollst mir wahrlich gestehen, daß der Mensch der Augapfel dessen ist, den ich nun nicht mehr nennen darf.

Teufel. Dann will ich als Lügner zur Hölle fahren, und dir den Bundbrief zurückgeben, den du heute, mit deinem Blute, unterzeichnen wirst. Wenigstens wirst du auf der großen Schaubühne der Welt deutlicher einsehen, wieviel Anteil der an euch und euren Qualen nimmt, dessen Augapfel du so stolz den Menschen nennst. Bei dem schnellen Pfeil des Tods! eine edle Behandlung für den Günstling eines so mächtigen Herrn. Wenn eure Fürsten den Beweis ihrer Einsetzung von ihm dahineinsetzen, daß sie es euch zur Gnade anrechnen, euch in dem von ihnen zugerichteten Elend leben zu lassen, so haben sie so ganz unrecht eben nicht. Komm, und mache mich zum Lügner!

Faust. Daß ich dem Teufel doch traute, der mir sein höllisches Gepfusche für Machwerk der Menschen verkaufen möchte. Wie, lächelt der Spötter?

Teufel. Den Mönchsgedanken hätte ich hinter dem Manne nicht gesucht, der so lange mit der Philosophie gebuhlt hat; doch darinnen gleicht ihr euch alle, die Weisen und die Toren; was der Sinn nicht fassen kann, lösen Stolz und Eigenliebe zu ihrem eignen Vorteil auf. Sieh da zwei Worte, bös und gut, die ihr zu Begriffen stempeln möchtet; denn wenn ihr die Worte einmal habt, so glaubt ihr auch schon den leeren Schall zum Gedanken geprägt zu haben. Da ihr nun damit nicht fertig zu werden wißt, so haut ihr, um der Plackerei los zu werden, nach eurer Weise hindurch, und natürlich ist das Gute euer eignes Machwerk, und das Böse das Gepfusch des Teufels. So müssen wir arme Teufel nun Tag und Nacht herumreisen, um das Herz und die Einbildungskraft dieses oder jenes Schufts zu einem so genannten Schurkenstreich zu reizen, der ohne dies wohl ein ganzer Kerl geblieben wäre. Faust! Faust! tausend Dinge sucht der Mensch, in den Wolken und außer sich, die in seinem Busen und vor seiner Nase liegen. Nein, ich will auf unsern Zügen nichts hinzu tun, es sei denn, daß du es von mir forderst. Alles, was du sehen wirst, sei Menschenwerk. Du wirst bald einsehen, daß die des Teufels nicht brauchen, die so schnell eilen, ihre elende Schatten zu ihm zu fördern.

Faust. Und dies wäre nun alles, was du mir leisten könntest?

Teufel. Ich will dich von Stufe zu Stufe führen; haben wir diese Bahn durchlaufen, so wird sich schon eine andre Szene öffnen. Lerne erst kennen, was so nah mit dir verwandt ist, dann steige aufwärts. – Die Schätze der Erde sind dein – du gebietest meiner Macht – du träumst – du wünschest –

Faust. Das ist etwas.

Teufel. Nur etwas, Unersättlicher? du sollst mich, den Teufel, zu Beförderung der Absichten zwingen können, die ihr gut und edel nennt, die Folgen davon sollen deine Ernte, und der Lohn deines Herzens Gewinn sein.

Faust. Dies wäre mehr, wenn es nur kein Teufel sagte.

Teufel. Wer kann sich rühmen, den Teufel zu guten Werken gezwungen zu haben. Laß diesen Gedanken nur immer dein Herz aufschwellen. – Faust, tritt aus deinem Kreise!

Faust. Noch ist es nicht Zeit.

Teufel. Fürchtest du mich? Ich sage dir, du sollst das Stundenglas deiner Zeit nach Gefallen zerschlagen! Faust, ich fülle den Becher des Genusses für dich, voll und rauschend – so ward er noch keinem Sterblichen gefüllt. Deine Nerven sollen ablaufen, bevor du den Rand beleckt hast. Zähle den Sand am Meere, dann magst du die Zahl der Freuden zählen, die ich hier auf den Boden vor dich ausschütte.

Hierauf stellte er einen Kasten voll Gold vor den Kreis. Alsdann gingen die Gestalt der Bürgermeisterin und ein Zug blühender Schönen vorüber.

Faust. Teufel, wer hat dir den Weg zu meinem Herzen gezeigt?

Teufel. Ich heiße Leviathan, habe dich und deine Kraft gewogen. Achtest du dieses?

Er schüttete aus einem Sacke Ordensbänder, Bischofsmützen, Fürstenhüte und Adelsdiplome auf den Boden.

Kenn ich doch Fausten besser! Genuß und Wissen sind seine Götter, werdet, was ihr seid!

Sie wurden Staub und Kot.

Ist dies nicht der Weg, zu dem Herzen aller Menschen? Nur um der Dinge willen, die ich dir hier zeigte, um des Bauches, der Lust und des Emporsteigens, arbeitet ihr, mit den Händen und dem Verstande. Laß die Toren im Schweiß ihres Angesichts, unter der Erschöpfung ihrer Geisteskräfte, darum arbeiten, und genieße ohne Mühe und Sorge, was ich dir auftische. Morgen führe ich dir die Bürgermeisterin zu, wenn dir es so gefällt.

Faust. Wie wirst du es machen?

Teufel. Mein Probstück. Nimm hin, und ich will dir mehr sagen. Tritt aus dem Kreise! Bist du doch wie betrunken!

Faust. Ich möchte mich vernichten um eines Gedanken willen.

Teufel. Der heißt?

Faust. Daß ich mich nur darum mit dir verbinden soll.

Teufel. Daß doch der Mensch immer springen will! Lerne mich erst kennen, und wenn ich dich nicht sättigen kann, so kehre zur Armut, zur Verachtung, und deiner nüchternen Philosophie zurück. Tritt aus dem Kreise!

Faust. Die Wut des Löwen brüllt aus mir, und wenn sich unter meinem Fuße die Hölle öffnete – ich springe über die Grenzen der Menschheit. Er sprang aus dem Kreise. Ich bin dein Herr.

Teufel. So lange deine Zeit rollt. Ich fasse einen großen Mann an der Hand, und bin stolz darauf, sein Diener zu sein.

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