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Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt

Friedrich Maximilian Klinger: Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt - Kapitel 57
Quellenangabe
typefiction
booktitleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
authorFriedrich Maximilian Klinger
year1986
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-003524-4
titleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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8

Die Teufel waren um den Satan versammelt, der mit den Fürsten zu Rate saß, um auszumachen, mit was für Strafen man den Papst Alexander den Sechsten peinigen müßte. Seine Verbrechen, und der letzte Augenblick seines Lebens, waren so einzig, daß auch die boshaftigsten Teufel in Verlegenheit waren, die Pein zu bestimmen, die er verdiente. Der Papst stund vor seinen Richtern, die ihn so spöttisch und übermütig behandelten, als nur immer ein fürstliches Gericht einen Angeklagten behandelt, der weiter nichts vor sich hat, als das Unglück, ein Mensch zu sein. Auf einmal fuhr Leviathan triumphierend in ihre Mitte, hielt die Seele Fausts am Schopfe, und schleuderte ihn hin:

»Da habt ihr den Faust!«

Die Hölle empfing ihn mit einem so lauten Freudengebrülle, daß die Verdammten in ihren Pfuhlen erbebten:

»Willkommen, Fürst Leviathan! da ist der Faust! da ist der Faust!«

Satan. Willkommen, Fürst der Hölle! Willkommen Faust, wir haben hier genug von dir gehört.

Leviathan. Da hast du ihn nun, Satan! Sieh selbst, was an ihm ist. Er hat mich nicht wenig geplagt; aber seine Torheit hat der Hölle gewuchert, und ich hoffe, du bist mit meinem Aufenthalt auf Erden zufrieden. Zum Lohn bitte ich dich, mich für Jahrhunderte mit solchen Aufträgen zu verschonen, ich bin des Menschengeschlechts übersatt, ob ich gleich gestehen muß, daß dieser hier den letzten Augenblick seines Lebens, so bitter er auch war, nicht übel bestanden hat; aber dies kommt daher, daß er sich in frühern Jahren mit jener Philosophie abgegeben, die du die Menschen gelehrt hast.

Satan. Ich danke dir, Fürst Leviathan, und verspreche dir, du sollst lange mit mir in dem Dampfe der Hölle verweilen, und die Schatten der größten Fürsten der Erde zum Zeitvertreib reiten und geißeln. – Hm! ein ganzer Kerl, und scheint mir den Menschen völlig ausgezogen zu haben. Verzweiflung, Vermessenheit, Haß, Groll, Schmerz und Wahnsinn haben tiefe Furchen in seine Seele gerissen. Er sieht selbst uns und die Hölle ohne Beben an. Faust, bist du auf einmal stumm?

Faust. Nicht aus Furcht, ich war gegen einen Mächtigern kühn, und darum bin ich hier.

Satan. He, führt doch den Trotzigen ein wenig nach dem Pfuhl der Verdammten. Nehmt eine Legion meiner mutwilligen Hofjungens mit, daß sie sie zusammengeißeln, damit dieser Biedermann mit der Wirtschaft der Hölle ein wenig bekannt werde.

Ein Teufel riß ihn nach dem Pfuhl der Verdammten. Die Legion schwärmte nach.

Leviathan, der den Papst wahrnimmt: Ha, willkommen in der Hölle, Papst Alexander. Ich hoffe, der Kitzel ist Euch nun vergangen, den Teufel zum Ganymed machen zu wollen.

Papst, seufzend. Leider!

Satan. Ha! ha! ha! das ist mir ein guter Schlag von Menschen, die jetzt auf der Erde wirtschaften! Laß nur erst den Geist der Reformation über sie kommen, und sie nach der neuen Welt hinziehen, einen neuen Tummelplatz ihrer Greuel und Laster zu entdecken, so wird es noch toller hergehen.

Papst. Schade, daß ich nicht dabei sein kann.

Satan. Ein sehr päpstlicher Wunsch, doch tröste dich nur, deine Landsleute werden schon die Millionen um ihr Gold erwürgen.

Papst. Was tut man nicht ums Gold! – Ma cospetto di Bacco! Wißt Ihr wohl, Herr Satan, daß ich diese neue Welt zwischen Spanien und Portugal geteilt habe. Nun käme mir wenigstens der dritte Teil des Golds zu! Oime!

Faust kam mit der teuflischen Begleitung zurück.

Satan. Nun, Faust, wie gefällt dir das Bad, und die, welche sie dort abreiben?

Faust. Unsinniger, rasender Gedanke, daß der edle Teil des Menschen für die Sünden des aus Kot geschaffnen leiden und büßen soll.

Die Teufel lachten, daß es durch die unendliche Hölle ertönte.

Satan. Bravo, Faust, das, was du sagst, und wie du dich benimmst, zeigt mir, daß du für einen Menschen zu gut bist. Auch bin ich dir einen besondern Lohn für die schöne, der Hölle so nützliche Erfindung der Buchdruckerei schuldig.

Papst. Was? ein Buchdrucker, und hat sich an meinem Hofe für einen Edelmann ausgegeben, und bei meiner Tochter Lucrezia geschlafen?

Faust. Schweig, stolzer Spanier, ich habe sie reichlich dafür bezahlt, und du hättest dich mir für eine gleiche Summe prostituiert, wenn ich eine Bestie gewesen wäre wie du. Wisse, meine große Erfindung wird mehr Gutes stiften, und dem Menschengeschlecht mehr nützen, als alle Päpste, vom heiligen Peter, bis auf dich Scheusal!

Satan. Faust, darin irrst du dich. Erstens, werden dir die Menschen den Ruhm der Erfindung dieser Kunst rauben –

Faust. Dieses ist noch mehr als Verdammnis!

Satan. Merkt mir doch auf den Menschen, er steht vor mir, dem Satan, hat den Pfuhl der Verdammten gesehen, und hält die Qual der Hölle für nichts gegen seine Hirngespinste, Ruhm und Wahn. Seht mir doch, was aus diesen Ebenbildern des Höchsten geworden ist, seitdem sie sich in Gesellschaften gesammelt, Könige über ihren Leib und ihre Seele gewählt haben, Bücher lesen, und ein erkünsteltes Ding ihres eignen, eitlen, stolzen, unruhigen und wahnsinnigen Geistes geworden sind. –

Zweitens, Faust, werden die Schatten zu hunderttausenden herunterfahren, über dich herfallen, dich mit ihren Flüchen ängstigen, daß du die kleine Quelle des Gifts des menschlichen Verstandes in einen ungeheuren Strom verwandelt hast. Fühlst du denn nicht aus eigner Erfahrung, was euch die Wissenschaften sind, und was sie aus euch machen; doch hiervon soll dich dein ehemaliger Begleiter Leviathan unterhalten, und dir eröffnen, daß das Unheil, das du über die Menschen gebracht hast, deine sonstige Frevel noch weit übertrifft. Ich, der Herrscher der Hölle, der dadurch gewinnt, bin dir Lohn dafür schuldig, und wenn du dem Ewigen fluchen willst, der dich entweder nicht besser machen konnte, oder wollte; so sollst du der Pein der Hölle entfliehen, und einer unsersgleichen werden.

Papst. Satan, laßt mich der erste sein, als Papst muß ich wenigstens den Rang über ihn haben.

Satan. Merkt mir doch diese Menschen, ihr Teufel, und seht, wie sie euch beschämen! Papst, du hast es getan, da du meinem Leviathan zu Füßen fielst. Faust, wähle –

Faust trat hervor – die rasende Verzweiflung rollte sich in scheußlichen Zügen auf seiner Schattengestalt – er – wer kann den Frevel ausdrücken?

Alle Teufel bebten bei seinen Worten, und erstaunten über seine Vermessenheit. Seit der Entstehung der Hölle herrschte keine solche Stille in dem dunklen furchtbaren Reiche, der Wohnung ewigen Jammers, ewigen Geheuls. Faust unterbrach sie, und forderte den Satan zur Erfüllung seines Versprechens auf.

Satan. Tor, wie kannst du von mir erwarten, daß ich, der Herrscher der Hölle, dir mein Wort halten sollte, da man kein Beispiel hat, daß ein Fürst der Erde je sein Wort gehalten hätte, wenn er nichts dabei gewann. Wenn du vergessen kannst, daß du ein Mensch bist, so vergiß nicht, daß du vor dem Teufel stehst. Meine Teufel erblaßten bei deiner Verwegenheit, mein fester, unerschütterlicher Thron erbebte bei deinen vermeßnen Worten, und ich glaubte einen Seigerschlag, ich hätte zu viel gewagt. Fort, deine Gegenwart macht mich unruhig, und du beweisest, daß der Mensch mehr tun kann, als der Teufel ertragen kann. Zerrt ihn in den schrecklichsten Winkel der Hölle, dort schmachte er in düstrer Einsamkeit, und starre hin vor der Betrachtung seiner Taten und dieses Augenblicks, der nie zu versöhnen ist. Daß ihm kein Schatten nahe! Geh und schwebe allein und verloren, eingeschlossen zwischen ausgebrannten Klippen in dem Lande, wo keine Hoffnung, kein Trost und kein Schlaf wohnen. Nur im Vergangenen, im Bewußtsein deines Wahnsinns, und deines Frevels sollst du leben. Die Zukunft, die eure Eitelkeit und euer Stolz so gern ausschmücken, sei für dich nichts, als der schreckenvolle Gedanke: dein Dasein sei eine ewig fortlaufende Reihe einer unveränderlichen Qual, eines unveränderlichen, peinlichen Gefühl deines Selbsts. Nur ein einziges peinvolles Gefühl sollst du fühlen, nur einen einzigen peinvollen Gedanken denken. Es soll dir Genuß zu sein scheinen, diesen endlosen Schmerz nur mit einem andern wechseln zu können. An deiner Seele sollen ewig die Zweifel nagen, die dich in deinem Leben gequält haben, und nie soll sich dir eins der Rätsel enthüllen, um deren Auflösung du hier bist. Dies ist die peinlichste Strafe für einen Philosophen deiner Art, und ich habe sie vorzüglich meinen Schülern vorbehalten. Die Hölle ist voll von ihnen, und du hast den Samen zu größrer Bevölkerung meines Reichs ausgestreut. Reißt ihn weg, martert ihn! Faßt diesen Papst, und werft ihn in einen andern Winkel, in der Hölle ist ihresgleichen nicht.

Nach den Worten Satans ward Fausts Gestalt immer schwärzer und schwärzer. Die Züge der Menschheit verloschen. Ein düstres, gestaltloses, scheußliches, schwimmendes Gewebe umschlung seine Seele. Noch wütete er; die Wut schoß glühende Funken aus dem gestaltlosen Gewebe, und erleuchtete es. Zum letztenmal wütete er.

Leviathan brüllte: »Ich will ihn ergreifen, und mich nochmal an dem rächen, der mich gezwungen hat, die mir verhaßte Erde, das mir noch verhaßtere Teutschland zu betreten.« Und er ergriff mit eiserner Faust das düstre verzerrte Gewebe, samt der Seele Fausts. Da goß sich die gedrohte Qual über ihn aus, und ein Stöhnen erscholl aus dem Gewebe, daß, hätte es Menschen mit Ohren, aus Fleische gebildet, vernommen, ihr Herz wäre bei dem Stöhnen erstarrt, und die Quelle ihres Lebens versunken.

Noch stöhnte Faust aus dem düstren Gewebe unter Leviathans eiserner Faust. Als er mit ihm bei den heulenden Verdammten vorüberfuhr, fühlten sie bei dem schrecklichen Stöhnen zum erstenmal Mitleid mit einem ihresgleichen, und vergaßen das Geheul über ihren eignen Jammer. Noch schwebte das Gewebe, und verlor sich nun tiefer und tiefer in der unendlichen Ferne. Dann schleifte es Leviathan über die verbrannten Felsen hin, daß die noch glühende Asche unter ihm aufloderte – schwung sich mit ihm empor, bis zu der ehernen Wölbung der Hölle, schleuderte ihn herunter, und er sank in den einsamen Abgrund. So erhebt sich die kühne Seele des Forschers, verwegen bis zu dem Begriff des Unfaßlichen, Unbegreiflichen, in die Höhe, bis das Gefühl des menschlichen Unvermögens ihre Flügel lähmt, und sie wirbelnd, schwindelnd, in ihr Dunkel zurück sinkt, um in Verzweiflung zu erwachen.

Belial, der Aufseher und Beherrscher der verdammten Päpste, Erzbischöfe, Bischöfe und gefürsteter Äbte, ergriff die Seele Alexanders; eine Mischung von scheußlichen, widersinnigen Gestalten hatte sie umhüllt, und ein so furchtbares Ungeheuer gebildet, daß die Verdammten, gewöhnt an scheußliche Gestalten, gleichwohl vor Entsetzen ihre Häupter in den glühenden stinkenden Pfuhl tauchten, da Belial mit dem Papst bei ihnen vorüber fuhr.

Nach ihrem Verschwinden sagte Satan lächelnd: »Das sind mir Menschen, und wenn sie etwas Scheußliches vorstellen wollen, malen sie den Teufel; so laßt uns denn, wenn wir etwas Schändliches vorstellen wollen, den Menschen zur Wiedervergeltung malen, und dazu sollen mir Philosophen, Päpste, Pfaffen, Fürsten, Erobrer, Höflinge, Minister und Autoren sitzen!«

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