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Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt

Friedrich Maximilian Klinger: Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt - Kapitel 55
Quellenangabe
typefiction
booktitleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
authorFriedrich Maximilian Klinger
year1986
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-003524-4
titleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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6

Die Nacht senkte sich schwarz auf die Erde. Faust stund vor dem grausenden Anblick seines unglücklichen Sohns. Wahnsinn glühte in seinem Gehirne, und er rief im wilden Tone der Verzweiflung:

»Teufel, laß mich diesen Unglücklichen begraben, entreiße mir dann das Leben, und ich will in die Hölle hinunterfahren, wo ich keinen Menschen im Fleische mehr sehen werde. Ich habe sie kennen gelernt, mir ekelt vor ihnen, vor ihrer Bestimmung, vor der Welt, und dem Leben. Die gute Tat zog unaussprechliches Weh auf mein Haupt, und ich hoffe, die bösen allein sind zum Glück ausgeschlagen. So muß es sein in dem tollen Sinn des Wirrwarrs auf Erden. Fördere mich hinunter, ich will ein Bewohner der Hölle werden, ich bin des Lichts müde, gegen welches ihre Dunkelheit vielleicht Tag ist. –

Teufel. Nicht zu rasch! – Faust, ich sagte dir einst, du solltest das Stundenglas deiner Zeit selbst zerschlagen, du hast es in diesem Augenblick getan, und die Stunde der Rache ist da, nach der ich so lange geseufzt habe. Hier entreiße ich dir deine mächtige Zauberrute, und feßle dich in den engen Bezirk, den ich nun um dich ziehe. Hier sollst du mich anhören, heulen und zittern: ich ziehe die Schrecken aus dem Dunkel hervor, enthülle die Folgen deiner Taten, und ermorde dich mit langsamer Verzweiflung. So jauchze ich, so siege ich über dich!

Tor, du sagst, du hättest den Menschen kennen gelernt? Wo? Wie und wenn? Hast du auch einmal seine Natur erwogen? durchforscht, und abgesondert, was er zu seinem Wesen Fremdes hinzugesetzt, daran verpfuscht und verstimmt hat? Hast du genau unterschieden, was aus seinem Herzen, und was aus seiner durch Kunst verdorbenen Einbildungskraft fließt? Hast du die Bedürfnisse und Laster, die aus seiner Natur entspringen, mit denen verglichen, die er der Kunst und seinem verdorbenen Willen allein verdankt? Hast du ihn in seinem natürlichen Zustand beobachtet, wo jede seiner unverstellten Äußerungen das Gepräge seiner innern Stimmung an sich trägt? Du hast die Maske der Gesellschaft für seine natürliche Bildung genommen, und nur den Menschen kennen gelernt, den seine Lage, sein Stand, Reichtum, seine Macht und seine Wissenschaften, der Verderbnis geweiht haben, der seine Natur an eurem Götzen, dem Wahn, zerschlagen hat. An die Höfe, in die Paläste hast du dich gedrängt, wo man der Menschen lacht, indem man sie mißbraucht, wo man sie mit Füßen tritt, während man das verpraßt, was man ihnen geraubt hat. Die Herrscher der Welt, die Tyrannen mit ihren Henkersknechten, wollüstige Weiber, Pfaffen, die eure Religion als Werkzeug der Unterdrückung nutzen, die hast du gesehen, und nicht den, der unter dem schweren Joche seufzt, des Lebens Last geduldig trägt, und sich mit Hoffnung der Zukunft tröstet. Stolz bist du die Hütte des Armen und Bescheidnen vorübergegangen, der die Namen eurer erkünstelten Laster nicht kennt, im Schweiß seines Angesichts sein Brot erwirbt, es mit Weib und Kindern treulich teilt, und sich in der letzten Stunde des Lebens freut, sein mühsames Tagwerk geendet zu haben. Hättest du da angeklopft, so würdest du freilich ein schales Ideal von heroischer, überfeiner Tugend, die eine Tochter eurer Laster und eures Stolzes ist, nicht gefunden haben; aber den Menschen in stiller Bescheidenheit, großmütiger Entsagung, der unbemerkt mehr Kraft der Seele und Tugend ausübt, als eure im blutigen Felde, und im trugvollen Kabinete, berühmte Helden. Ohne letztere, Faust, ohne eure Pfaffen und Philosophen, würden sich bald die Tore der Hölle zuschließen. Kannst du sagen, daß du den Menschen kennest, da du ihn nur auf dem Tummelplatz der Laster und deiner Lüste gesucht hast? Kennst du dich selbst? Laß mich tiefer reißen, ich will mit Sturm in die Glut blasen, die du in deinem Busen gesammelt hast. Wenn ich tausend menschliche Zungen hätte, und dich Jahre in diesem Kreise gefesselt hielte, so könnte ich dir doch nicht alle die Folgen deiner Taten und Verwegenheiten entwickeln. Durch Jahrhunderte läuft das Gewebe des Unglücks deiner Hand, und künftige Geschlechter verfluchen einst ihr Dasein, weil du in wahnsinnigen Stunden deinen Kitzel befriedigt; oder dich zum Richter und Rächer menschlicher Handlungen aufgeworfen hast. Sieh, Kühner, so bedeutend wird euer Würken, das euch Blinden so beschränkt scheint! Wer von euch kann sagen, die Zeit vertilgt die Spur meines Daseins? Weißt du, was Zeit und Dasein sind und sagen wollen? Schwellt der Tropfen, der in das Weltmeer fällt, nicht die Woge um einen Tropfen? Und du, der nicht weiß, was Anfang, Mittel und Ende sind, hast mit verwegner Hand die Kette des Geschicks gefaßt, und an den Gliedern derselben genagt, ob sie gleich die Ewigkeit geschmiedet hat! Nun ziehe ich den Vorhang hinweg, und schleudre das Gespenst Verzweiflung in dein Gehirn.

Faust drückte seine Hände vor seine Augen, der Wurm der Qual sog an seinem Herzen.

Teufel. Vernimm nun deines Lebens Gewinn, und ernte ein, was du gesäet hast, erinnre dich dabei, daß ich keinen deiner Frevel ausführte, ohne dich vor den Folgen zu warnen. Gezwungen von dir, unterbrach ich den Lauf der Dinge, und ich der Teufel stehe schuldlos vor dir, denn alles sind Taten deines eignen Herzens.

Denkst du noch der Nonne Klara, der wollüstigen Nacht, die du mit ihr zugebracht? Wie solltest du nicht, da sie dich so sehr ergötzte? Höre die Folgen derselben! Kurz nach unsrer Entfernung starb der Erzbischof, ihr Freund und Beschützer, und sie mußte nach ihrer Niederkunft mit ihrem Kinde als ein Gegenstand des Abscheus im peinlichen Kerker den verzweifelnden Hungertod sterben. In der Wut fiel sie über den Neugebornen her, sättigte sich an deinem und ihrem Blute, und verlängerte ihre scheußliche Marter, so lange der unnatürliche Fraß dauerte. Was hatte sie verbrochen, sie, die ihr Verbrechen nicht begriff, den Urheber ihrer Schande, und ihres schrecklichen Todes, weder kannte noch ahndete? Fühle nun die Folgen einer einzigen Sekunde der Wollust, und bebe! Hast du nicht den Wahnsinn bekräftigt, der sie verdammte? Mußte die Hölle nicht den Vorwurf deines Frevels tragen? Sie ermordeten deine Brut, als die Brut des Satans, und du hast durch diese Tat die Begriffe dieses Volks auf Jahrhunderte verwildert? Stöhne nur, ich ziehe der Schrecken mehr herauf.

Es ist wahr, mit dem Fürst-Bischof ist dir's besser gelungen. Er ließ den Hans Ruprecht begraben, und versetzte seine Familie in Wohlstand. Auch verlor er durch meine Vorspieglung sein Fett, und ward einer der gelindesten und gütigsten Fürsten; erschlaffte aber die Bande der bürgerlichen Ordnung so durch seine Nachsicht, daß seine Untertanen bald ein Haufen Halunken, Säufer, Faulenzer, Räuber und liederlichen Gesindels ward. Um sie wiederum zu Menschen zu machen, mußte nun der jetzige Bischof ihr Henker werden, hundert Familien zerstören und hinrichten, damit die andern, durch das Beispiel erschreckt, in die bürgerliche Ordnung einträten. Drei Schlemmer und Fresser hätten diesem Volke nicht so weh getan, als ihm diejenigen nun tun, denen dieser Fürst, gezwungen, das Schwert der Gerechtigkeit, und die Gewalt der Rache vertrauen muß.

Der Doktor Robertus, der berühmte Freiheitsrächer, der Mann nach deinem Sinne, war von frühster Jugend ein Feind des Ministers, den er wegen seiner Talente haßte. Neid und Eifersucht waren die Quellen seines unabhängigen Geistes, und hätte jener wie er gedacht, so würde er mit Freuden die Grundsätze des strengsten Despotismus angenommen haben, denn nur dazu war sein hartes und wildes Herz geschaffen. Der rechtschaffne Mann war der Minister, dieser ein Unhold, der die Welt in Brand gesteckt hätte, es teils getan hat, um seinen grenzenlosen Ehrgeiz zu befriedigen. Ich mußte ihn nach deinem Willen retten, ihn mit einer großen Summe Gelds versehen, vernimm nun, wozu er sie gebraucht hat, und freue dich der Folgen. Er nutzte seine Freiheit, das Gold und den Wahn, den sein Verschwinden durch mich im Volke veranlaßte, so gut, daß es ihm bald gelang, einen fürchterlichen Aufstand zu erregen. Er bewaffnete die Bauern, diese ermordeten die Edelleute, verwüsteten das ganze Land, der edle Minister fiel ein Opfer seiner Rache, und dein Freiheitsrächer Robertus ist der Stifter des unglücklichen Bauernkriegs, der sich nach und nach in ganz Teutschland ausbreiten und es verheeren wird. Mord, Totschlag, Plündrung, Kirchenraub wüten nun, und dein edler Held steht an der Spitze eines tollen Haufens, und droht aus Teutschland einen Kirchhof des Menschengeschlechts zu machen. Ernte den Jammer ein, den du veranlaßt hast, der Satan selbst hätte nicht besser für die Zerstörung der Menschen, die wir hassen, arbeiten können, als du, da du diesen Wahnsinnigen der Gerechtigkeit entrissen hast.

Kehre mit mir an den Hof jenes teutschen Fürsten zurück, wo du den Rächer der Tugend und Gerechtigkeit so rasch und kühn gespielt hast. Dieser Fürst und sein Günstling waren Heuchler eurer Tugenden; aber ihr Würken beförderte das Glück des Volks, weil sie beide Verstand genug hatten, zu fühlen, der Vorteil der Untertanen sei Gewinn für den Fürsten. Weiß der Durstige und kümmert's ihn, ob die Quelle, die ihn tränkt, aus dem Bauche eines Berges springt, der mit Gift angefüllt ist? Genug für ihn, wenn er nur ohne Schaden sein heißes Blut abkühlt. Dieser Heuchler mißfiel dir, weil er deiner hohen Meinung, die du mir gerne aus gewissen Ursachen aufdrängen wolltest, nicht entsprach, und ich mußte ihn auf deinen Befehl erwürgen. Sein unmündiger Sohn folgte ihm in der Regierung. Seine Vormünder drückten und preßten das unter dem Heuchler einst glückliche Volk, verdarben das Herz und den Geist des künftigen Regenten, entnervten früh seinen Körper durch Wollust, beherrschen ihn nun, da er mündig ist, und sind seine und des Volks Tyrannen. Hätt ich nicht auf deinen Befehl den Vater erwürgen müssen, so würde er seinen Sohn nach seinen Grundsätzen erzogen, seine Fähigkeiten entwickelt, und ihn zum Manne gebildet haben, der würdig sei, an der Spitze eines Volks zu stehen. Die Hunderttausende, die nun unter dem Druck des feigen, tückischen Wollüstlings seufzen, und deren Jammer sich auf deinem Haupte sammelt, würden die Glücklichsten in Teutschland sein. Wohl uns, du hast ein ganzes Volk elend gemacht, da du dich zum Rächer eines einzigen aufwarfst. Ernte ihre Tränen, ihre Verzweiflung, die blutigen Taten ihrer künftigen Empörung ein, und freue dich deines strengen Richteramts!

Wahnsinniger, auf dein Geheiß mußt ich das Schloß des wilden Rauhgrafs mit allen Bewohnern, seinem Weibe und dem Säugling verbrennen. Was haben diese Unschuldigen verbrochen? Es war ein Augenblick der Wonne für mich! – dein Werk ist es, daß der Säugling auf dem Busen der Mutter zu Asche brannte; dein Werk, daß der Rauhgraf einen benachbarten Edelmann als den Urheber des Brandes überfiel, des Unschuldigen Schloß der Flamme übergab, ihn erschlug, und die Fehde, die meine Tat veranlaßte, noch in diesem Teile Teutschlands wütet. Tausende sind schon unter dem Schwerte der wechselseitigen Rache hingesunken, und es wird nicht eher ruhen, bis sich die streitenden Familien gänzlich erschöpft und vertilgt haben. So warst du, Wurm, der sich in der Wollust herumwälzte, in die Hölle drangst, um deine Lüsternheit zu sättigen, der Rächer des Unrechts. Heule und stöhne, ich ziehe der Schrecken mehr aus dem Dunkel.

Die Tochter des Geizigen in Frankreich, die du zur H--e gemacht, und in ihrem Busen die Lust nach der Sünde erweckt hast, ergab sich bald hierauf dem jungen König als Maitresse. Sie beherrschte ihn, reizte ihn, daß er sie mit einem neuen Buhler nicht stören möchte, zu dem unsinnigen Zuge nach Italien, und zog ein Elend über Frankreich, das viele künftige Regierungen nicht heilen werden. Die Blüte der französischen Jugend, die Helden des Reichs faulen in Italien, und der König kehrte beschämt und ohne Vorteil heim. So hast du, wohin du dich wandtest, den Samen des Unglücks ausgestreut, und er fruchtet zum Unheil die Ewigkeit durch.

Ich hoffe, nun begreifst du den Fingerzeig, den ich dir damals gab, als ich das Haus über die Naturkündiger zusammenstürzte. Ich sagte dir, so wie diese in das Fleisch der Lebenden schneiden, um unergründliche Geheimnisse zu erforschen, so wütest du in der moralischen Welt, durch meine zerstörende Hand. Du hast dieses Winks nicht geachtet. Fühle ihn nun tiefer. Sie verdienten, unter den Ruinen ihrer Schlachtbank begraben zu werden; aber was hatten die Unschuldigen im Unterstock verbrochen, die nicht wußten, welche Greuel über ihrem Haupte vorgingen? Warum mußten auch sie mit begraben werden? Warum mußte, deine schnelle Rache zu befriedigen, eine schuldlose, glückliche Familie mit aufgeopfert werden? Richter und Rächer, dieses hast du nicht bedacht. Fasse nun die Folgen deines Wahnsinns zusammen, durchlaufe sie, und sinke vor der scheußlichen Vorstellung hin. Sagt ich dir nicht, der Mensch ist rascher in seinem Urteil und in seiner Rache, als der Teufel in der Vollziehung des Bösen?

Auf deinen Befehl mußt ich den Zunder der Wollust an das Herz der himmlischen Angelika legen, die die Zierde ihres Geschlechts und der Welt war. Du hast sie im wilden Rausche deiner Sinne genossen, und die Unglückliche wußte nicht, was ihr geschah. Schaudre vor den Folgen – diese Angelika – ich, der Gefallen an der Sünde und der Zerstörung hat, könnte mitleidig auf ihr Ende blicken! Sie floh auf das Land, und das Gefühl der Scham zwang sie, den Zustand zu verbergen, in den du sie gesetzt hattest. Sie gebar unter Todesangst, in der Einsamkeit, ohne Hülfe, das Kind entfiel dem Schoß der Unvermögenden, und starb in dem Augenblick, da es das Licht der Welt erblickte. Sie, das unglückliche Opfer deiner augenblicklichen Lust, ward eingezogen, und öffentlich als Kindermörderin hingerichtet. Du hättest sie sehen sollen im letzten Augenblick ihres Lebens – sehen sollen, wie ihr reines Blut den weißen Talar befleckte –

Faust öffnete seine starre Augen und sah gen Himmel.

Teufel. Er ist taub gegen dich! Sei stolz auf den Gedanken, einen Augenblick gelebt zu haben, der das Vergehen der Teufel leicht machen könnte, wenn das Gericht über sie nicht geschlossen wäre! Noch rauscht er in den düstern Gefilden der Ewigkeit. Ich rede von jenem, da du mich zwingen wolltest, den Schleier zu heben, der euch den Ewigen verbirgt. Der Engel, der euer Schuldbuch führt, erbebte auf seinem glänzenden Sitze, und strich deinen Namen mit weggewandtem Angesicht aus dem Buche des Lebens.

Faust, sprang auf: Verflucht seist du! Verflucht ich! die Stunde meiner Geburt! der, der mich gezeugt, die Brust, die ich gesogen!

Teufel. Ha des herrlichen Augenblicks! des köstlichen Lohns meiner Mühe! Die Hölle freut sich deiner Flüche, und erwartet einen noch schrecklichern von dir. Tor, warst du nicht frei geschaffen? Trugst, empfandest du nicht, wie alle, die im Fleische leben, den Trieb zum Guten, wie zum Bösen, in deiner Brust? Warum tratst du verwegen aus dem Gleise, das dir so bestimmt vorgezeichnet war? Warum wagtest du deine Kräfte an dem und gegen den zu versuchen, der nicht zu erreichen ist? Warum wolltest du mit dem richten und rechten, den du nicht fassen und denken kannst? Warum trieb Stolz die Pflanze aufwärts, die nur an der Erde hinkriechen soll? Hat er dich nicht so geschaffen, daß du über den Teufel wie über die Tiere der Erde erhaben stundest? Dir verlieh er den unterscheidenden Sinn des Guten und Bösen: frei war dein Wille, frei deine Wahl. Wir sind Sklaven des Bösen und der eisernen Notwendigkeit ohne Wahl und Willen; gezwungen, von Ewigkeit dazu verdammt, wollen wir nur das Böse, und sind Werkzeuge der Rache und der Strafe an euch. Ihr seid Könige der Schöpfung, freie Geschöpfe, Meister eures Schicksals, das ihr selbst bestimmt, Herren der Zukunft, die von eurem Tun abhängt, um diese Vorzüge hassen wir euch, und frohlocken, wenn ihr durch Torheit und Laster die Herrschaft verwürkt.Der Teufel, der, um Fausten zu plagen, seine Zweifel immer nur schärfen will, deutet hier auf folgende Theorie, die er vielleicht darum nicht bestimmt ausdrückt, weil er glaubt, sie möchte dem Stolze des Menschen zu viel schmeicheln, und ihm durch eine Reihe von wahren oder falschen Schlüssen einen erhabenen Begriff von der Gottheit beibringen. Sie lautet so: Wohl uns, daß ihr diese Vorzüge selbst vernichtet, daß ihr alles mißbraucht, alle die Fähigkeiten zum Guten, die euch der Ewige verliehen hat. Tritt auch ein Weiserer unter euch auf, und schreibt euch Regeln zu eurem Besten vor, so zernichtet ihr sein Werk in dem Augenblick der Entstehung. Mißbrauch eurer moralischen und physischen Kräfte läuft durch die Kette, die das Menschengeschlecht verbinden soll; und nie gefallt ihr euch besser, als wenn ihr zerstört, was andre, zu eurem Glück und Heil, aufgebauet haben. So arten unter euren Händen, in eurem Geiste Religion, Wissenschaften und Regierung zu Unsinn, Verzerrung und Tyrannei aus, und du hast das deinige redlich dazu beigetragen. Faust, nur in der Beschränktheit liegt euer Glück, wärst du geblieben, was du warst, hätten dich Dünkel, Stolz, Wahn und Wollust nicht aus der glücklichen, beschränkten Sphäre gerissen, wozu du geboren warst, so hättest du still dein Gewerbe getrieben, dein Weib und deine Kinder ernährt, und deine Familie, die nun in den Kot der Menschheit gesunken ist, würde blühen. Von ihr beweint, würdest du ruhig auf deinem Bette gestorben sein, und dein Beispiel würde deine Hinterlassenen auf dem dornigten Pfad des Lebens leiten.

Faust. Ha, wohl mag dies die größte Qual der Verdammten sein, wenn der Teufel ihnen Buße predigt!

Teufel. Es ist lustig genug, daß ihr es dazu kommen laßt. Elender, und wenn die Stimme der Wahrheit und Buße laut vom Himmel selbst erschallte, ihr würdet ihr euer Ohr verschließen.

Faust. Erwürge mich, und töte mich nicht mit deinem Geschwätze, das mein Herz zerreißt, ohne meinen Geist zu überzeugen. Willst du, daß ich dein Gift Tropfen für Tropfen einschlürfen soll, gieße ein! deine Vorstellungen laufen im Ungeheuren zusammen, und verlieren ihre Kraft an mir. Sieh, meine Augen sind starr und trocken, nenne meine Stumpfheit Verzweiflung – noch kann ich ihrer spotten, und mein Geist kämpft mit der peinlichen Wallung meines Herzens. Nur dieser da, und die ich eben gesehen, liegen wie eine ungeheure Last auf mir, und zerknirschen meine sich noch empörende Kraft. Um der guten Tat willen muß er hier henken! Um der guten Tat willen müssen sie im Elend verschmachten, und eine Reihe niederträchtiger Sünder fortpflanzen! Sah ich was anders als Morden, Vergiften und Greuel in der Welt? Sah ich nicht überall den Gerechten zertreten, und den Lasterhaften glücklich und belohnt?

Teufel. Das kann nun wohl sein, und beweist nur, was für Kerle ihr seid; aber was prahlst du mir immer von deiner guten Tat vor? Wodurch verdient sie diesen Namen? Etwa dadurch, daß du mir den Wink dazu gegeben, der dich wahrlich nicht viel gekostet haben kann? Um es zu einer edlen Handlung zu machen, hättest du dich in das Wasser werfen, und den jungen Mann auf Gefahr deines Lebens retten müssen. Darauf deutete ich, als ich dir sagte: vermutlich kannst du nicht schwimmen. Ich warf ihn an das Ufer, und verschwand. Dich selbst würde er erkannt haben, und von Dankbarkeit gerührt, hätte der Zerstörer deiner Familie ihr Beschützer und Verteidiger werden können.

Faust. Quälen kannst du mich, Teufel, aber die Zweifel des Menschen kannst du aus Stumpfheit nicht lösen, oder willst es aus Bosheit nicht tun. Nie drangen sie giftiger in mein Herz, als in dieser Stunde, da ich den Jammer meines Lebens, meiner Zukunft überblicke. Ist das menschliche Leben etwas anders, als ein Gewebe von Pein, Laster, Qual, Heuchelei, Widersprüchen und schielender Tugend? Was ist Freiheit, Wahl, Wille, der gerühmte Sinn, Böses und Gutes zu unterscheiden, wenn die Leidenschaften die schwache Vernunft überbrüllen, wie das tosende Meer die Stimme des Steuermanns, dessen Schiff gegen die Klippen treibt? Wozu das Böse? Warum das Böse? Er wollte es so; kann der Mensch den Samen des Bösen aus der ungeheuren Masse herausreißen, den er mit Willen hineingelegt hat? Noch wütender hasse ich nun die Welt, den Menschen und mich. Warum gab man mir, der zum Leiden geboren ist, den Drang nach Glück? Warum dem zur Finsternis gebornen den Wunsch nach Licht? Warum dem Sklaven den Durst nach Freiheit? Warum dem Wurme das Verlangen zu fliegen? Wozu eine unbeschränkte Einbildungskraft, die immer gebärende Mutter kühner Begierden, verwegner Wünsche und Gedanken? Freiheit dem Menschen! in dieser verzweifelnden Stunde kann ich noch bei diesem sinnlosen Worte hämisch lachen. Ja, den Durst nach ihr, den kenne ich, und darum stehe ich nun in diesem verdammten Kreise. Frei der, auf dessen Nacken das eiserne Joch der Notwendigkeit, von der Wiege bis zu dem Grabe, drückt? Wahrlich, wenn er es umwunden hat, wie man das Joch des Pflug-Ochsens umwendet, so geschah es nicht darum, daß er unsers Nackens schonte, sondern darum, daß wir die mühsame Furche des Lebens ganz durchackern sollten, und entkräftet an dem Ziele hinsänken. Nun labe ihn mein Stöhnen, ich habe es erreicht. Zerschlage das Fleisch, das meine dunkle zweifelvolle Seele umhüllt, nimm ihr das Erinnern, daß sie einen menschlichen Leib zum Sünder gemacht hat, dann will ich einer der eurigen werden, und nur im Wunsche des Bösen leben. O der herrlichen Welt, worin der blinde unterjochte Mensch weise Zwecke aus den Martern, die ihn zerreißen, dem ihn umheulenden Jammergeschrei der Elenden, dem Siegesgesang der Unterdrücker, der ihn umgebenden Verwüstung und Zerstörung zusammenlesen soll; worin er nichts fühlt und sieht, als eine unwiderstehliche Tyrannei, die ihn hier und dort vor Gericht fodert, wenn er laut zu murren wagt. Ha, Teufel, reiße meine Brust auf, und schreibe mit dem kochenden Blut meines Herzens deine schöne Theodizee, die du mir eben vorgesagt, in jene dunkle Wolke. Mag sie ein Philosoph kopieren, und die Menschen damit narren. Verherrlicht sich nicht der Ewige in Zerstörung, und im Schaffen zur Zerstörung? So rauche dann mein Blut an dem Altar des Furchtbaren, wie das Blut des Opfertiers, das der Unsinn dem Götzen schlachtet! Daß ich's mit beiden Händen fassen, gegen den dunkeln Himmel schleudern könnte, damit es dort glühe, wie es nun in meinen Adern glüht, und zu seinem Thron aufschreie!

Ha, Teufel, dieses gefällt deinen Ohren nicht wie der zischende, heulende Gesang der Verzweiflung, den du erwartet hast – noch kennst du den Menschen nicht ganz. Was ist die Leitung des Himmels, wenn ein Wurm wie ich, durch das Mittel eines Verworfnen wie du bist, durch seinen eignen Willen sein Werk verpfuschen kann? Ist hier Gerechtigkeit? Mußte Faust so geboren werden, sich so entwickeln, so denken und empfinden, daß Tausende elend durch ihn würden? Warum mußten meine Fähigkeiten und Leidenschaften mehr zum Mißbrauch als zu edlen Zwecken gestimmt sein? Wollte es meine Natur so, so wollte es auch der, der sie mir gegeben hat. Er muß Gefallen an diesen Verwirrungen haben, sonst hätte er mich der moralischen Notwendigkeit ebenso gewaltsam unterworfen, als der physischen. Löse nur immer deinen Zauber, der mich in diesem Kreise fesselt, ich werde dir nicht entfliehen, und könnte ich's, ich wollte nicht, denn die Pein der Hölle kann nicht größer sein, als das, was ich fühle.

Teufel. Faust, mich freut deines Muts, und ich höre das, was du sagst, noch lieber, als die wilden Töne der Verzweiflung. Sei stolz darauf, deine genialische Kraft bis zum Unsinn und zur Lästerung getrieben zu haben, die Qual der Hölle erwartet dich dafür. Ich bin deines Geschwätzes und der Erde müde, es ist Zeit zum Abfahren, deine Rolle ist hier gespielt, du beginnest eine, die nie enden wird. Tritt aus deinem Kreise, und begrabe den Unglücklichen; dann will ich dich fassen, deinen bebenden, mürben Leib von deiner Seele streifen, wie man dem Aale die Haut abstreift, ihn zerstückt auf das umherliegende Feld streuen, den Vorübergehenden zum Ekel und Abscheu.

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