Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Maximilian Klinger >

Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt

Friedrich Maximilian Klinger: Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
booktitleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
authorFriedrich Maximilian Klinger
year1986
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-003524-4
titleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
Schließen

Navigation:

2

Faust lag in einem süßen Morgenschlummer auf der Grenze Italiens, als sich ein sehr bedeutender Traum vor seinem Geiste mit lebhaften Farben malte. Ihn beschloß eine schaudervolle Erscheinung. Er sah den Genius der Menschheit, der ihm einst erschienen, auf einer großen, blühenden Insel, die ein stürmisches Meer umfloß, unruhig auf und nieder wandern, und sehr ängstlich nach den brausenden empörten Fluten blicken. Das tobende Meer war mit unzähligen Kähnen bedeckt, in welchen Greise, Männer, Jünglinge, Knaben, Kinder, Weiber und Jungfrauen von allen Völkern der Erde saßen, die mit allen Kräften gegen den Sturm arbeiteten, um die Insel zu erreichen. Sowie die Glücklichen nach und nach landeten, luden sie verschiedne Baumaterialien aus, die sie in verworrnen Haufen hinwarfen. Nachdem eine unzählbare Menge das Land betreten hatte, entwarf der Genius auf der erhabensten Stelle der Insel den Grundriß zu einem großen Baue, und jeder der Menge, alt und jung, schwach und stark, nahm von den verworrnen Haufen ein schickliches Stück, und trug es nach der Anweisung derer, die der Genius erlesen hatte, an den gehörigen Ort. Alles arbeitete mit Freuden, Mut und Unverdrossenheit, und schon erhub sich das Gebäude hoch über der Erde, als sie auf einmal von großen Scharen überfallen wurden, die aus einem dunklen Hinterhalt in drei Haufen auf sie drangen. An der Spitze eines jeden stund ein besondrer Heerführer. Der erste trug eine schimmernde Krone auf seinem Haupte, auf seinem ehernen Schilde glänzte das Wort Gewalt, in seiner Rechten hielt er einen Szepter, der wie der Stab Merkurs mit einer Schlange und einer Geißel umwunden war. Vor ihm her ging eine Hyäne, die ein Buch im blutigen Rachen trug, auf dessen Rücken geschrieben stund: mein Wille! Sein Heer war mit Schwertern, Speeren und andern zerstörenden Werkzeugen des Krieges bewaffnet. Der zweite Heerführer war eine erhabene Matrone, deren sanfte Züge und edle Gestalt unter einem Priestergewand versteckt waren. Auf ihrer Rechten ging ein hagres Gespenst, mit blitzenden Augen, der Aberglauben, mit einem Bogen, der aus Knochen der Toten gebildet und zusammengesetzt war, und mit einem Köcher voll giftiger Pfeile bewaffnet. Auf ihrer Linken schwebte eine wilde, phantastisch gekleidete Gestalt, die Schwärmerei, die eine brennende Fackel führte; beide drohten unter scheußlichen Verzerrungen des Gesichts, und führten als gefangne Sklavin die edle Matrone an Ketten. Vor ihnen her ging die Herrschsucht, auf ihrem Haupte eine dreifache Krone, in der Hand einen Bischofsstab, und auf ihrer Brust schimmerten die Worte: Religion! Der Aberglauben und die Schwärmerei erwarteten mit Ungeduld das Zeichen von dieser, dem Drang ihrer Wut, die sie kaum halten konnten, folgen zu dürfen. Ihr Heer war ein verworrner, tobender, bunt gekleideter Haufen, und jeder desselben führte einen Dolch und eine brennende Fackel. Der dritte Heerführer ging mit stolzen und kühnen Schritten einher; er war in das bescheidne Gewand des Weisen gekleidet, und hielt, wie ein jeder seines Haufens, einen Becher in der Hand, der mit einem schwindelnden und berauschenden Getränke gefüllt war. Diese zwei letzten Haufen tobten und schrien so entsetzlich, daß das Tosen und Gebrause der Wellen, das Geheul des Sturms nicht mehr zu hören war.

Als sie den Arbeitern nah waren, mischten sich die drei Haufen auf Befehl ihrer Führer untereinander, und fielen diese mit ihren zerstörenden Waffen in grimmiger Wut an. Die mutigsten der Arbeiter warfen ihre Werkzeuge weg, und griffen zu den Schwertern, mit denen sie begürtet waren, um die Feinde zurückzuschlagen. Die andern verdoppelten indessen ihren Eifer, das angefangne Werk zu vollenden. Der Genius deckte seine mutige Streiter und fleißige Arbeiter mit einem großen glänzenden Schilde, den ihm eine Hand aus den Wolken reichte; er konnte aber die unzählbare Menge nicht bergen. Mit tiefem Schmerze sah er viele Tausende der Seinigen unter den vergifteten Pfeilen und den mörderischen Waffen hinsinken. Viele ließen sich von den Vorspieglungen und Lockungen derer betören, die ihnen die bezauberten Becher als Erquickung darreichten, taumelten dann in wildem Rausche herum, und zerstörten die mühsame Arbeit ihrer Hände. Die mit den Fackeln bewaffneten machten sich mit ihren Dolchen einen Weg, warfen ihre Fackeln in das angefangne Gebäude, schon loderte die Flamme, und drohte das herrliche Werk in die Asche zu legen. Der Genius sah mit schmerzvollem Blick auf die Gefallnen und Verirrten, sprach den übrigen Mut zu, flößte ihnen durch seine Standhaftigkeit und Erhabenheit Kraft, Geduld und Ausharren ein. Sie löschten die Flammen, stellten das Zerrüttete her, und arbeiteten unter Verfolgung und Tod mit solchem Eifer, daß trotz der Wut und dem Haß ihrer Feinde ein großer, herrlicher, edler Tempel emporstieg. Der Sturm legte sich, und helle sanfte Heiterkeit ergoß sich über die ganze Insel. Hierauf heilte der Genius die Verwundeten, tröstete die Müden, pries die tapfern Streiter, und führte sie unter Siegesgesängen in den Tempel ein. Ihre Feinde stunden betäubt vor dem Riesenwerk, und zogen sich, nachdem sie vergebens versucht hatten, dessen Feste zu erschüttern, ergrimmt zurück. Faust befand sich nun selbst auf der Insel. Das Feld um den erhabenen Tempel war mit Leichen der Erschlagenen von allen Altern beider Geschlechter bedeckt, und diejenigen, die aus den Zauberbechern getrunken hatten, gingen kalt unter den Toten herum, vernünftelten, spotteten und kritisierten über die Bauart des Tempels, maßen seine Höhe und Breite, um seine Verhältnisse zu berechnen, und bestimmten sie um so zuverlässiger, je weiter sie von der Wahrheit entfernt waren. Faust ging an ihnen vorüber, und als er dem Tempel nahte, las er über seinem Eingang folgende Worte: Sterblicher! wenn du tapfer gestritten, treu ausgehalten hast, so tritt herein, und lerne deine edle Bestimmung kennen!

Sein Herz glühte bei diesen Worten, und er hoffte auf einmal, das ihn quälende Dunkel zu durchbrechen. Kühn drang er nach dem Tempel, stieg die hohen Stufen hinauf, sah, wie eine schimmernde, rosenfarbene Dämmerung ihn füllte, hörte die sanfte Stimme des Genius, er wollte hineintreten, die eherne Pforte fuhr mit einem dumpfen Schall vor ihm zu, und er bebte zurück. Nun dünkte ihn, daß der Tempel, der vorher auf ebenem Boden gestanden, auf drei großen Felsen ruhte, woran er die Symbole der Geduld, Hoffnung und des Glaubens erkannte. Seine Begierde, in die Geheimnisse des Tempels zu dringen, nahm durch die Unmöglichkeit noch mehr zu; auf einmal fühlte er sich Flügel, erhub sich, und fuhr mit solchem Ungestüme gegen die eherne Pforte, daß er zurückgeschleudert in den tiefsten Abgrund sank, und in dem Augenblick zitternd aus dem Schlaf auffuhr, als er den Boden zu berühren glaubte. Er schlug betäubt die Augen auf, eine blasse, in ein weißes Totentuch gehüllte Gestalt, in der er seinen Vater erkannte, riß die Bettvorhänge auseinander, und sprach mit klagender Stimme:

»Faust! Faust! Nie hat ein Vater einen unglücklichern Sohn gezeugt, in diesem Gefühl bin ich nun eben gestorben. Ewig, ach ewig liegt die Kluft der Verdammnis zwischen mir und dir!«

 << Kapitel 50  Kapitel 52 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.