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Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt

Friedrich Maximilian Klinger: Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt - Kapitel 50
Quellenangabe
typefiction
booktitleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
authorFriedrich Maximilian Klinger
year1986
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-003524-4
titleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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Fünftes Buch

1

Die scheußliche Anbetung des Papsts, sein schaudervolles Ende, der schreckliche Anblick des Teufels, den Faust bisher nur unter seiner erhabenen Gestalt gesehen hatte, machten einen so starken Eindruck auf ihn, daß er von der Villa nach Rom eilte, aufpacken ließ, und mit betäubtem Sinn und klopfendem Herzen davon ritt. Sein Gefühl war durch alles, was er gesehen und beobachtet hatte, so stumpf geworden, daß er, der so kühn war, dem Ewigen in seinem Innern zu trotzen, es kaum wagte, dem Teufel, den er noch sklavisch beherrschte, in die Augen zu sehen. Menschenhaß, Menschenverachtung, Zweifel, Gleichgültigkeit gegen alles, was um ihn geschah, Murren über die Unzulänglichkeit und Beschränktheit seiner physischen und moralischen Kräfte waren die Ernte seiner Erfahrung, der Gewinn seines Lebens; aber noch weidete er sich an dem Gedanken, daß ihn das, was er gesehen, zu diesen widrigen Empfindungen berechtigte, und daß entweder keine Verbindung auf Erden zwischen dem Menschen und seinem Schöpfer sei; oder doch der Faden, der ihn mit demselben verbände, so verworren und zweideutig durch dieses Labyrinth des Lebens liefe, daß ihn das Auge des Menschen nicht entdecken, vielweniger eine gute Absicht dabei wahrnehmen könnte. Noch schmeichelte er sich in seinem Wahne, seine Verirrungen seien in der ungeheuern Masse der Greuel der Erde wie ein Tropfen Wassers, der in den Ozean fällt. Der Teufel erlaubte ihm gerne, sich in diesem Traume zu wiegen, damit der Schlag, den er voraussah, ihn so treffen möchte, daß er der Verzweiflung nicht entfliehen könnte. So glich nun Faust dem welterfahrnen Manne, der seinen Leidenschaften den Zügel gelassen, so lange seine Kräfte dauerten, der das Gefühl der Natur in seinem Herzen aufgerieben, alles ohne Bedenken der Folgen für sich und andre genossen hat, und nun in Stumpfheit des Geistes und des Herzens bitter in die Welt zurückblickt, das ganze Menschengeschlecht nach der schwarzen Erfahrung beurteilt, die er gemacht hat, ohne nur einmal zu bedenken, daß diese Erfahrung ihren Anstrich von unserm Innern erhält, und sich hauptsächlich nach unserm eignen Werte bestimmt. Nur das feige, schlechte Herz wird schlechter durch Erfahrung; der Edle sieht die Laster und Verirrungen der Menschen bloß als Dissonanzen an, die die Harmonie seiner Brust in ein helleres Licht setzen, und ihm sein eignes Glück fühlbarer machen. Faust, der alle häusliche und innige Verbindung zerrissen hatte, in dem Lauf seines fernern Lebens keine mehr aufzufassen strebte, durch seine Zerrüttung und Denkart nun keiner mehr fähig war, blickte düster in die Welt und auf die Menschen, bis er, von allgemeinen Betrachtungen auf sich geleitet, mit Schrecken vor seinem eignen Bilde zurückfuhr. Er fing an zu überrechnen, was er durch sein gefährliches Wagstück gewonnen hätte, und da er dieses gegen seine ehemaligen Wünsche, Aussichten und Hoffnungen hielt, so sah er bald, daß die völlige Ausgleichung so ausfallen müßte, daß er sie nicht ertragen würde. Der Stolz, die Rolle, die er so kühn unternommen, seiner ehemaligen Kraft würdig auszuspielen, trat hervor, und der Gedanke, sich der Zahl derer entrissen zu haben, die eine unbesorgte Hand der Gewalt, der Geißel der Mächtigen, den Unterdrückern und Betrügern der Menschen unterworfen, alles genossen zu haben, noch genießen zu können, das Werk seiner eignen freien Wahl zu sein, das Leere der Wissenschaften eingesehen zu haben, schwellten auf einmal von neuem seine Segel. Er lachte der Erscheinung seiner kranken Phantasie, entwarf einen neuen Lebensplan, schmeichelte sich, durch Forschen und Nachdenken über Gott, die Welt und die Menschen die Rätsel endlich zu enthüllen, von welchen er glaubte, sie seien dem Menschen nur darum in den Weg geworfen, seinen moralischen Zustand so unglücklich zu machen, als seinen physischen. »Wer diesen Knoten gelöst, oder sich überzeugt hat, daß er nicht zu lösen sei«, sagte er in seinem Herzen, »der macht sich zum Meister seines Geschicks«, und so wäre er gewiß aus seinem scholastischen Jahrhundert in unser hellphilosophisches hinüber gesprungen, wenn der Teufel nicht an seiner Seite gewesen wäre; oder ihm Zeit dazu gelassen hätte. Wenigstens war er auf dem Wege, ein Philosoph wie VoltaireMan glaube ja nicht, daß ich mich hier, nach der Weise eines großen Teils unsrer teutschen Schriftsteller, an diesem großen und einzigen Genie der alten und neuen Zeit vergehen will. Ihnen muß man diese Freude freilich wohl so lange lassen, bis wir einst selbst einen Voltaire erhalten! Ich wollte hier nur so viel sagen, daß Rousseau einiges Recht hat, wenn er von Voltaire sagt: que Voltaire, en paroissant croire en Dieu, n'a réellement jamais cru, qu'au diable. Gleichwohl sagt es zu viel, wie gewöhnlich jeder witzige Einfall, und wenn man bedenkt, daß Voltaire Geschichtschreiber war, daß er nur mit Großen, und zwar mit Großen aus den Zeiten des Regenten Ludwigs des XV., und mit Schriftstellern gelebt hat, so wird seine Faustische Laune, die er hin und wieder äußert, wenigstens begreiflich. zu werden, der nur überall das Böse sah, es hämisch hervorzog, und alles Gute verzerrte, wo er es fand; oder mit einem edlern Philosophen zu reden: der überall den Teufel sah, ohne an ihn zu glauben.

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