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Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt

Friedrich Maximilian Klinger: Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
authorFriedrich Maximilian Klinger
year1986
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-003524-4
titleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
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4

Satan, der Herrscher der Hölle, hatte durch schrecklichen Hörner-Schall, der an der glühenden Scheibe der Sonne widertönte, allen gefallnen Geistern, auf der Ober- und in der Unterwelt, kund tun lassen, daß er heute ein großes Freudenfest geben würde. Die höllischen Geister versammelten sich auf den mächtigen Ruf. Selbst seine Abgesandten beim päpstlichen Stuhl und den Herrschern Europas verließen ihre Posten, denn die Einladung ließ etwas Großes und Wichtiges vermuten. Schon ertönte das ungeheure Gewölbe der Hölle von dem wilden Geschrei des Pöbels der Geister. Myriaden lagerten sich auf den verbrannten, unfruchtbaren Boden. Nun traten die Fürsten hervor, und geboten Schweigen der Menge, damit Satan die Berichte seiner Abgesandten der Oberwelt vernehmen könnte. Die Teufel gehorchten, und eine schaudervolle Stille herrschte durch die dicke, düstre Finsternis, die nur das Gewinsel der Verdammten unterbrach. Die Sklaven der Teufel, Schatten, die weder der Seligkeit noch der Verdammnis wert sind, bereiteten die unzählichen Tische zum Schmause, und sie verdienen dies Los der schändlichsten Knechtschaft. Als sie noch in Fleisch und Bein die Früchte der Erde aßen, waren sie von jener zweideutigen Art, die aller Menschen Freund sind, ohne es von einem zu sein. Deren Zungen von den herrlichen Lehren der Tugend plappern, ohne daß ihr Herz sie fühlt. Die das Böse nur darum unterlassen, weil es Gefahr mit sich führt, und das Gute, weil es Mut und Verleugnung erfordert. Die mit der Religion wuchern, und sie wie der filzigte Jude sein Kapital auf Zinsen legen, in der Meinung, ihren elenden Seelen ein gutes Behältnis zu sichern. Die Gott aus Furcht anbeten, und vor ihm wie Sklaven zittern. Die Teufel, die wahrlich keine beßre Herren sind, als die polnischen, ungarischen und livländischen Edelleute, reiten sie dafür in der Hölle wacker herum. Indessen schwitzten ihre Brüder in den höllischen Küchen, das Mahl für ihre strengen Herren zuzurüsten; ein schreckliches Geschäft für eine Seele, die einst einen menschlichen Körper durch Fraß, Soff und Üppigkeit aufgerieben hat. Denn obgleich die Teufel weder essen noch trinken, so haben sie den Menschen doch den Gebrauch abgelernt, jede Feierlichkeit durch Fressen und Saufen merkwürdig zu machen, und bei solchen Gelegenheiten halten sie ein Seelenmahl. Der Anführer jeder Legion (denn die Hölle ist auf militärischen Fuß eingerichtet, und gleicht darin jedem despotischen Reiche; oder vielmehr jedes despotische Reich gleicht darin der Hölle) wählt eine gefällige Anzahl verdammter Seelen zum Schmause für seine Untergebenen. Diese übergeben sie den Sklaven, die sie sieden, braten und mit höllischer Brühe begießen. Oft trifft es sich, daß einer dieser Elenden seinen Vater, sein Weib, Sohn, Tochter oder Bruder an den Spieß stecken, und das peinliche Feuer unter ihm unterhalten muß – eine schreckliche, wahrhaft tragische Lage, noch tragischer, da ihre Aufseher, mutwillige Teufel, wie alle Diener großer Herren, mit der Geißel hinter ihnen stehen, das Werk zu befördern. Ich empfehle diese Situation den Tragikern Teutschlands. Heute wurden für den Gaumen des Großherrn, seiner Viziere und Günstlinge zwei Päpste, ein Eroberer, ein berühmter Philosoph, und ein neu geprägter Heiliger zugerichtet. Für den Pöbel der Hölle waren ganz frische Viktualien angekommen. Der Papst hatte vor kurzem zwei Heere Franzosen, Teutscher, Italiener und Spanier gegen einander getrieben, um einige Herrschaften in dem Tumult zu fischen, die Verlassenschaft des heiligen Peters zu ründen. Sie schlugen sich wie Helden, und fuhren zu Tausenden zur Hölle. Welch ein Glück wäre es für die zu der Tafel der Teufel bestimmten Seelen, wenn sie dadurch das Ende ihrer Qual fänden; da sie diese aber stückweise in die Sümpfe der Hölle ausschütten, so wachsen sie wieder zusammen, und stehen zu neuen Martern auf.

Während diese an den Bratspießen winselten, besetzten die Kellermeister und Schenken, alle Schatten gemeldeter Art, die Kredenztische. Die Flaschen waren gefüllt mit Tränen der Heuchler, falscher Witwen, der Scheinheiligen, der Empfindsamen, und der aus Schwäche Reuigen. Mit Tränen, die der Neid bei dem Glück eines andern auspreßt, mit Tränen der Egoisten, die sie bei dem Unglück eines andern aus Freude weinen, daß es sie nicht getroffen. Mit Tränen lustiger Erben, und mit Tränen der Söhne, die sie bei dem Sarge der geizigen, harten Väter weinen. Die Flaschen zu dem Nachtische waren gefüllt mit Tränen der Priester, die die Rolle des Komödianten auf den Kanzeln spielen, ihre Zuhörer zu rühren; und um das Getränk schärfer zu machen, mischte man Tränen der H--n darunter, die aus Hunger so lange weinen, bis ein Kunde kommt, die Sünde für Geld mit ihnen zu treiben. Zu diesen goß man noch Tränen der Kuppler, Kupplerinnen, der Ärzte und schelmischen Advokaten, die sie über schlechte Zeiten vergießen. Für den Satan und die Fürsten stunden, auf besondern Kredenztischen, Flaschen des edelsten Getränks. Es war berauschend, schäumend und sprudelnd; ein Gemisch von Tränen der Herrscher der Welt, die sie über das Unglück ihrer Untertanen weinen, während sie Befehle erteilen, die es auf Jahrhunderte befördern. Von Tränen der Jungfrauen, die den Verlust ihrer Keuschheit betrauern, und sich mit noch nassen Augen prostituieren. Zu diesen hatte man Tränen begünstigter Großen gegossen, die in Ungnade gefallen sind, und nun weinen, daß sie unter dem Schutz ihres Herrn nicht mehr rauben und unterdrücken können.

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