Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Friedrich Maximilian Klinger >

Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt

Friedrich Maximilian Klinger: Faust's Leben, Taten und Höllenfahrt - Kapitel 47
Quellenangabe
typefiction
booktitleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
authorFriedrich Maximilian Klinger
year1986
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-003524-4
titleFaust's Leben, Taten und Höllenfahrt
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1791
Schließen

Navigation:

16

Cäsar Borgia vergaß des Worts nicht, das er seiner Schwester gegeben hatte. Alphonso von Aragonien ward an der Schwelle des Palasts des Gonfaloniere ermordet, als er sich eben zu ihm begeben wollte, einer Maskerade beizuwohnen, wozu alle Großen Roms eingeladen waren, die Vorstellung der Siege Cäsars anzusehen, die Borgia als Vorbedeutung der seinigen aufführen ließ. Bald darauf setzte er sich mit seinem Heere in Marsch, und nach einigen Monaten stahl der Teufel dem Papst folgenden Brief aus der Tasche, den er Fausten zu lesen übergab:

Heiliger Vater!

ich küsse Ew. Heiligkeit Füße. Sieg und Glück haben mich begleitet, und ich ziehe sie hinter mir her wie meine Sklaven. Ich hoffe, Cäsar ist nun seines Namens würdig, denn auch ich kann sagen: ich kam, sah, und siegte. Der Herzog von Urbino ist in die Schlinge gefallen, die ich ihm gelegt habe. Vermöge des Breves Ew. Heiligkeit bat ich ihn um seine Artillerie, unter dem Vorwand, Eure Feinde zu bekriegen. Von allen den Gunstbezeigungen, womit wir ihm geschmeichelt haben, verblendet, schickte er mir durch einen Edelmann seine Einwilligung schriftlich zu. Unter dieser Maske sandte ich einige Tausende nach Urbino, die sich auf meinen Befehl der Stadt und des ganzen Landes bemächtigten. Leider ist er auf das Gerücht hiervon selbst entflohen; aber die mächtige und gefährliche Familie Montefeltro hat bezahlen müssen, und ich habe die ganze Brut vernichten lassen. Hierauf stieß der betörte Vitellozzo, mit seinen Völkern, bei Camerino zu mir. Ich ließ den Cäsar von Varano im Wahn, ihn mit guten Bedingungen aus Camerino abziehen zu lassen, und überfiel die Stadt in dem Augenblick, da er beschäftigt war, die Artikel der Übergabe niederzuschreiben. Ich hoffte der ganzen Familie durch einen Streich ein Ende zu machen; aber leider ist mir der Vater entwischt. Seine beiden Söhne ließ ich erdrosseln, und schmeichle mir, der Gram soll ihnen den Alten nachsenden. Bald darauf zog ich von Camerino aus, und beorderte Paul Orsino, Vitellozzo und Oliverotto mit ihren Völkern nach Sinigaglia, das sie nach meiner Anweisung bestürmten, um ihr künftiges Grab mit eigner Hand zu bereiten. Nun sah ich alle unsre Feinde in dem fein gesponnenen Netze, schickte meinen treuen Michelotto mit seinen Gesellen voraus, mit dem Bedeuten, daß jeder auf meinen Wink einen von unsern Feinden ergreifen sollte. Ich setzte mich in Marsch; die Betörten kamen mir entgegen, mir ihre Achtung zu bezeigen, und ließen nach meinem Wunsche ihre Mannschaft zurück. Ich führte sie unter Liebkosungen in die Stadt, und in dem Augenblick, als meine Völker ihre verlaßnen Haufen überfielen, faßte Michelotto mit seinen Angehörigen jeder seinen Mann. So machte ich mich zum Herrn der Länder und Schlösser derer, die wir mit der Hoffnung von Eroberungen über ihre Feinde betört haben. Die folgende Nacht ließ ich sie im Kerker erwürgen. Michelotto, dem ich dieses Geschäft übertragen, hat mir mit vielem Lachen erzählt: Vitellozzo habe um weiter nichts gebeten, als daß man ihn doch nicht ermorden möchte, bis er die Absolution seiner Sünde von Ew. Heiligkeit erhalten könnte. Man sage mir nun noch einmal, es gehöre Kunst dazu, sich zum Herrn der Menschen zu machen! Sobald Ew. Heiligkeit die Orsinis und übrigen wird eingezogen haben, will ich ihnen den Pagola, den Herzog von Gravina, und die andern gleichfalls ohne Eure Absolution nachsenden. Ich hoffe, Ew. Heiligkeit wird sich aus meinem Berichte überzeugen, daß ich der Krone wert bin, die ich mit Mut und Verstand zu erwerben weiß. Vorher hatte ich Faenza mit seinem Herrn Astor, einem überaus schönen Knaben von zehen Jahren, genommen. Er soll leben, so lange er zu meinem Vergnügen dient; wahrlich, nie hat ein Sieger einen reizendem Ganymed zur Beute erhalten, und herrschte der lüsterne Jupiter noch, so würde ich den gefährlichen und mächtigen Nebenbuhler fürchten. Sollte Caraccioli, der General der Venezianer, dessen schöne Frau ich auf ihrer Reise aufheben ließ, und die mir nun mit Astor die Arbeit würzt, nach Rom kommen, so empfehlt ihn dem Bruder meines Michelottos. Ich höre, daß er viel Lärmens macht, und da er ein hitziger Kopf ist, so muß man seiner Rache zuvorkommen. Die Venezianer verstehen ihren Vorteil zu gut, als daß sie sich um seinetwillen mit uns überwerfen sollten. Das Geräusch der Waffen hat mich der Angelegenheiten meiner Schwester nicht vergessen machen. Der Abgesandte des ältesten Sohns des Herzogs von Este ist auf dem Wege, die Vermählung in seinem Namen mit ihr zu vollziehen, und ich hoffe ihr noch beizuwohnen. Wir sind nun der Colonne, der Orsinis, Salviatis, Vitellozzos und all unsrer gefährlichen Feinde los! Laßt uns noch das Haus Este und Medicis vertilgen, Ludwig den zwölften sich wie sein Vorgänger in Italien aufreiben, wer wird es dann noch wagen, gegen die Borgias aufzustehen? Ich küsse Ew. Heiligkeit die Füße etc.

Cäsar Borgia. Gonfalonier.

Faust sah nach Lesung dieses Briefs finster gen Himmel, und rief: »Er ist dein Statthalter, nennt sich nach dir, dein Volk betet ihn an, und deine Gläubigen flehen ihn um Absolution ihrer Sünde in dem Augenblick, da er sie erwürgen läßt! Ein blutschändrischer Meuchelmörder vertritt deine Stelle auf Erden, Tyrannen geißeln und erwürgen deine Völker, du schläfst, und sie nennen dich ihren Vater! Ist alles Feuer in den Eingeweiden der Erde verloschen? hast du es ausgeblasen? vermag es nicht mehr durch die dicke Kruste der verfluchten Erde zu brechen, um die wahnsinnigen, die scheußlichen Verbrecher aufzuzehren? hast du alle Materie des Donners verbraucht? Sind alle die Funken verstoben, die du einst in glühendem Feuerregen, über ganze Städte gossest! hast du ganz deinen Blick von dem Menschengeschlecht abgewandt, und sind sie deiner Rache so wenig mehr wert wie deiner väterlichen Fürsorge?«

Der Teufel lachte über diese Standrede und führte den Entflammten in das Vatikan, wo sie den Papst in großer Freude über das Glück seiner Waffen antrafen. Er hatte schon die Befehle gegeben, die übrigen der Orsinis, den Alviano, Santa Croce, die sonstigen Kardinäle und Erzbischöfe in die Falle zu locken, und wartete mit Ungeduld auf den Ausgang. Ganz Rom eilte zum Glückwunsch herbei. Die bezeichneten wurden im Vatikan festgenommen, nach verschiednen Gefängnissen gebracht, und heimlich hingerichtet, während die Trabanten des Papsts ihre Paläste plünderten. Der Kardinal Orsini ward allein nach der Engelsburg gebracht, und ihm die ersten Tage erlaubt, sich aus der Küche seiner Mutter besorgen zu lassen; da aber der Papst hörte, daß er seit seiner Gefangenschaft einen Weinberg für zweitausend Scudis verkauft hätte, und eine wegen ihrer außerordentlichen Größe sehr kostbare Perle besäße, so entzog er ihm diese Gunst. Die Mutter der einst großen und blühenden Orsinis hüllte sich in Mannskleider, überbrachte dem Papst die zweitausend Scudis und die Perle, er nahm sie mit der Rechten, und gab mit der Linken das Zeichen zur Hinrichtung des Kardinals. Dieser Zug machte Fausten so wahnsinnig, daß der Teufel allen seinen Witz brauchte, um ihn zu Verstand zu bringen. Er forderte nicht weniger von ihm, als das ganze Vatikan mit allen Borgias zu zertrümmern, und die Menschheit an den Ungeheuern zu rächen.

Der Teufel antwortete: »Faust, ich wollte, aber es gelung mir nicht.«

Faust. Ha, wie?

Teufel. Erinnerst du dich der Gefahr Alexanders vor kurzem?

Faust. Ich tue es, denn ich wütete gegen den rettenden Zufall, der den rächenden Zufall fruchtlos machte.

Teufel. Zufall! rettender Zufall! rächender Zufall! Was denkst du unter diesem schallenden Geprassel von Worten? Und was für eine Art von Philosoph bist du, wenn du etwas darunter denken kannst? O der Menschen! o der Vernunft! Nein, Faust, ich war der rächende Zufall, um mich deiner hohen Gunst zu empfehlen, denn du wirst dich erinnern, daß du mir auftrugst, ihn zu verderben; aber der rettende Zufall kam von einer Hand, deren Macht ich in diesem Augenblick noch bebend fühle.

Faust. Höllischer Gaukler! warte, ich will dich Beseßnen exerzieren. Welche gefährliche Schlingen wirfst du nun wieder um mein törichtes Herz?

Teufel. Schlingen? Ich? Dir? Tor, spinnt sie nicht dein Herz aus seinen eignen Händen? Sei stolz darauf, daß deine Weisheit und Torheit dein eignes Werk seien, ich bin nicht so vermessen, mich meines Einflusses da zu rühmen, wo man seiner so wenig bedarf. – Erinnerst du dich des sausenden Sturms in Hagel und Donner, der über Rom hinfuhr?

Faust. Ich tue es.

Teufel. Ich hatte mich in den sausenden Sturm geschwungen, fuhr prasselnd in den Rauchfang des Vatikans, zersprengte ihn und das Dach, warf das Dach auf die goldne Decke des Zimmers, in welchem Alexander saß, auf neue Greuel sinnend, während er seine Horas betete. Über sein Haupt schossen die Balken – ich hoffte, sie sollten ihn zerschmettern. Plötzlich sah ich sie schweben über dem Haupte des Sünders, gefesselt von einer mächtigen Hand, gehalten von dünnen Fäden der Spinnen. Zur Warnung war er nur leicht verwundet – ich sah das ungeheure Gewicht schweben, an den dünnen Fäden, Faust, Schauder überfiel mich, und schon wollt ich das Licht fliehen.

Faust. O daß ich dich Elenden für deinen halben Dienst, für deinen giftigen Bericht züchtigen könnte, wie es mein nun empörtes Herz heischt.

Teufel. Versuch es! – Ich sage dir, es gehört zur Ordnung der Dinge, daß er noch mehr Verbrechen begehe. Die wachende Vorsicht beschützte ihn nur, daß er mutiger in Greueln werde; so befördert er vermutlich die verborgenen Absichten, die die Zukunft aufklärt.

Faust. Und die, die durch ihn leiden?

Teufel. Ja, da ist deine hohe Weisheit in der Klemme! Dies ist die Angel, womit eure Philosophie die kühnen Forscher fängt, und nach sich zieht, bis sie daran ersticken. Sei ruhig, Faust, dir soll bald Licht werden – und dieser Papst da, der soll mir nicht entgehen. Ich wittere den Augenblick seines Falls, wie das leise Aufwallen der ersten Begierde zur Sünde – du wirst dich dran ergötzen; aber ob es die trösten kann, die durch ihn gelitten haben – He!

Der Teufel goß Öl in die glühende Flamme, und leicht konnte er nun Fausten beweisen, daß es nicht seine, sondern die Sache des Himmels sei, dem Bösen zu wehren, und er führte dieses Thema so aus, daß Faust zwar von seinem Wahnsinn geheilt wurde, aber an einer noch gefährlichern Seuche erkrankte; er überzeugte sich nun völlig, der Mensch sei ein elender Sklave, und sein Herr und Schöpfer ein grausamer Despot, der an seinem Unsinn und seinem Frevel einen Gefallen hätte, um ihn desto schärfer bestrafen zu können; ja der ihm geflissentlich alle diese, seinem Glücke widersprechende Neigungen in das Herz gelegt hätte, um seiner Rache an ihm genug zu tun. Die Tugendhaften und Gerechten hielt er für Toren, die den Bösen zum Raub und Fraße hingeworfen wären; aber fürchterlich peinigte ihn Leviathans Vorspiegelung der wunderbaren Rettung des Papsts, die ganz Rom bezeugte und ganz Rom nicht begriff.

Als Borgia erfuhr, daß der Papst seinen Anschlag ausgeführt hätte, ließ er seine übrigen Gefangnen, nebst dem jungen Astor, erdrosseln, zog in Rom triumphierend ein, und teilte mit dem Papst und den übrigen Bastarden den Raub der Plünderung der Paläste.

 << Kapitel 46  Kapitel 48 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.